mini|Helene von Bothmer 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz und der Verdienstmedaille von Baden-Württemberg Marta Helene Freifrau von Bothmer, geborene Marta Helene Davis (* 8. Dezember 1908 in Bolivar, Missouri, USA; † 22. Februar 1996 in Wilsonville, Oregon, USA) war ein amerikanisch-deutsches Model und Museumskuratorin. Sie wurde durch Heirat Eigentümerin des Fürstenhäusles und Museumskuratorin und stiftete 1956 den Meersburger Droste-Preis.

Jugend, Modelkarriere und Verheiratung in den USA mini|Das Haupthaus von Bergdorf Goodman (2007) Marta Helene Davis wurde als siebentes Kind von William Davis und Mona Frady in einem kleinen Ort in Missouri im Mittleren Westen geboren. Ihr Vater, ein Notar, stammte aus einer alten Familie von Irisch-Amerikanern, die – wie auch die Familie der Mutter – Plantagen in Carolina besessen hatte; er war ein Großneffe des Präsidenten der Südstaaten, Jefferson Davis, dessen jüngste Tochter Varina Anne Davis in Karlsruhe erzogen worden war. Auch eine Indianerin gehörte zu Helenes Vorfahren. Als Kind war Helene schüchtern, unsicher und unglücklich. Mit vierzehn Jahren folgte sie ihrer Mutter, die sich vom Vater trennte, und zog zunächst nach Tennessee, wo ihre Mutter als Abfindung ein Kohlebergwerk erhalten hatte. Nach dessen Verkauf lebten sie in Chicago, wo Helene die High-School mit 18 Jahren abschloss. Einer ihrer Lehrer empfahl ihr wegen ihres Aussehens und Bewegungstalents eine Arbeit als Model. Gegen den Widerstand ihrer Mutter heiratete sie, was erst durch ihre Autobiographie bekannt wurde, sehr jung einen Barpianisten, der sie verließ.Monika Taubitz: Asche und Rubin. Helene von Bothmer. Eine Biographie, S. 25. Sie arbeitete zunächst, auf Anhieb erfolgreich, für Werbeagenturen, schließlich im eleganten Chicagoer Blackstone Fashion Shop. Sie wurde bald bekannt, weil 1933 der Maler Ernest Brierly mit einem Porträt von ihr den ersten Preis bei der Weltausstellung A Century of Progress gewann. Ihre Karriere setzte sie ab 1932 in New York City für das Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman fort, das u. a. auf Pariser Mode spezialisiert war und zu dessen Starmodel sie avancierte. Zusätzlich ließ sie sich zur Modezeichnerin ausbilden und bildete sich u. a. durch den Besuch kultureller Veranstaltungen fort. In New York heiratete sie – gegen die Warnungen ihrer Verwandten vor Hitler-Deutschland – presseöffentlich am 29. August 1936 den vielsprachigen Heinrich von Bothmer-Schwegerhoff (geb. am 1. Januar 1897 in Charlottenburg), der damals in New York für die Carl-Schurz-Gesellschaft im deutsch-amerikanischen Kulturaustausch arbeitete, nachdem er auf Wunsch seines Vaters eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatte.Monika Taubitz: Asche und Rubin. Helene von Bothmer. Eine Biographie, I.–III. Kapitel

Übersiedelung nach Berlin im Zweiten Weltkrieg Heinrich von Bothmer stellte Helene seinen Eltern, den Besitzern von Gut Schwegerhoff in Ostercappeln bei Osnabrück, erstmals bei einem Besuch 1938 vor. Dies war ihre erste Begegnung mit der deutschen Sprache und Kultur, die ihr bis dahin unbekannt gewesen waren. Am 20. Februar 1940 starb Heinrichs Mutter, Carola von Bothmer, geb. Freiin Droste zu Hülshoff, eine Tochter des Heinrich von Droste zu Hülshoff, des Besitzers von Burg Hülshoff und Neffen der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Heinrich von Bothmers Vater Walter, der schon 75 Jahre alt war, bat ihn als seinen einzigen Sohn um Unterstützung. Weil der Atlantik 1940 wegen des U-Boot-Krieges unsicher war, reiste das Paar über San Francisco mit dem Schiff nach Japan und von Wladiwostok unter abenteuerlichen Umständen mit der Transsibirischen Eisenbahn über Polen nach Berlin. Entgegen der Planung wurde Heinrich als Kenner der USA zur Unterstützung der Protokollabteilung des Auswärtigen Amts verpflichtet. Wegen seiner Kritik am deutschen Angriffskrieg durch die Nationalsozialisten unter Druck, stellte sich Heinrich als Kriegsberichterstatter an der Ostfront zur Verfügung. Helene entging der Verpflichtung zum Arbeitsdienst zunächst in Wien als Modezeichnerin für ein Filmprojekt und – nachdem ihre US-Herkunft entdeckt worden war – wieder in Berlin in der Pflege Kriegsverletzter beim Deutschen Roten Kreuz.

Kriegs- und Nachkriegszeit in Ostercappeln mini|Im zerbombten Münster (hier Zustand 1945) zahlte Helene von Bothmer 1945 einen Kredit ab Wegen der zunehmenden Luftangriffe der Alliierten auf Berlin – einmal wurde sie mit ihrem Mann in einer Unterführung verschüttet – floh Helene zu ihrem Schwiegervater nach Ostercappeln. Dort half sie ihm, den Familienbesitz zu retten. Dieser sollte nach der Gesetzgebung des Dritten Reiches enteignet werden, weil er verschuldet war und nicht selbst von einem Landwirt geführt wurde. Allerdings gelang es Helene trotz Praktika mit körperlicher Schwerarbeit in zwei Lehrhöfen nicht, eine landwirtschaftliche Ausbildung abzuschließen: Sie scheiterte beim Versuch, Kühe zu melken, doch versank Deutschland bald danach im Chaos. Nach einem kurzen Wiedersehen mit ihrem Mann Heinrich, dessen Briefe sie während seiner Jahre an der Ostfront nicht erreicht hatten, 1945 an seinem Stationierungsort am Rhein, geriet Helene in die deutsch-amerikanischen Kämpfe um die Ludendorff-Brücke in Remagen. Sie schlug sich zu Fuß, mit dem Fahrrad und als Anhalterin unter Lebensgefahr nach Ostercappeln durch. Im Bombenangriff auf Altenkirchen (Westerwald) wäre sie fast umgekommen. Auf einen grausigen Fund in den Trümmern des Hotels, in dem sie eigentlich Schutz suchen wollte, spielt der Titel Asche und Rubin ihrer Biographie an.Monika Taubitz: Asche und Rubin. Helene von Bothmer. Eine Biographie. Dresden 2016, S. 130. Zurückgekehrt nach Ostercappeln gelang es ihr, die Schulden des Gutes zu begleichen: Sie brachte mit dem Fahrrad einen Koffer Bargeld, das aus einem Gemäldeverkauf ihres Schwiegervaters stammte, zu seiner Bank im 77 km entfernten Münster, obwohl die Stadt und auch die Bank vollständig in Trümmern lagen. Sie war dabei dem Beschuss durch Tiefflieger ausgesetzt und fand Unterschlupf bei den Verwandten in Burg Hülshoff. Der Bankdirektor annullierte den Schuldschein und sie durfte den Geldkoffer wieder mitnehmen. Auch half sie beim Verstecken und der Rettung von Wertgegenständen der Familie. Zu ihren schrecklichsten Erlebnissen zählte sie auch die Bergung der Opfer eines Flugzeugabschusses in unmittelbarer Nähe des Gutshauses. Nach der Kapitulation gelang es ihr mit Hilfe des britischen Militärgouverneurs von Osnabrück, ihren Mann, der unter schweren Kriegstraumata und den Folgen eines Schlaganfalles litt, aus französischer Kriegsgefangenschaft zu befreien, in der er nur knapp einem Massaker entkommen war.Monika Taubitz: Asche und Rubin. Helene von Bothmer. Eine Biografie, S. 173ff.

Wiedereinrichtung des Droste-Museums Fürstenhäusle in Meersburg mini|Fürstenhäusle in Meersburg, 1950–1960 im Besitz von Helene von Bothmer, bis 1977 ihr WohnsitzDas Gutshaus Schwegerhoff war 1947 noch durch Flüchtlinge überfüllt, so dass der Aufenthalt dort zur Genesung von Helenes Mann nicht geeignet war. Heinrich, der über seine Mutter ein Urgroßneffe der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff war und deren früheres Eigentum, das idyllisch gelegene Fürstenhäusle in Meersburg, geerbt hatte, zog mit ihr dorthin. Nach dem Tod der letzten Erbin der Dichterin, Hildegard von Laßberg, hatte es ihr Vetter Carl Caspar von Droste zu Hülshoff gekauft, er hatte es nach einer Vergrößerung als seinen Alterssitz bis 1922 bewohnt. Dessen Witwe Marie, geb. von Bothmer-Schwegerhoff, hatte dort 1923 einen ersten Museumsbetrieb eingerichtet und es dann ihren Verwandten in Schwegerhoff verkauft. Als Helene und Heinrich von Bothmer dort eintrafen, war das Fürstenhäusle demoliert, leergeräumt und durch Flüchtlinge okkupiert. Um es wieder bewohnbar zu machen, aber auch mit dem Wunsch, dort den 100. Todestag der Dichterin feiern zu können, war der schwerkranke Heinrich auf seine Frau angewiesen. Es gelang ihr, alle Widerstände, die ihr als Amerikanerin anfänglich bereitet wurden, mithilfe des aus dem ElsassMonika Taubitz: Asche und Rubin. Helene von Bothmer. Eine Biographie, S. 187. stammenden Kreisgouverneurs der französischen Besatzungstruppen, Colonel Lindemann, zu überwinden, der ein Verehrer der Dichterin war. Auch gelang ihr, aus der Verwandtschaft weitere Leihgaben für das Museum zu erhalten. Durch die harte, auch handwerkliche, Arbeit von Helene konnte das Fürstenhäusle im Rahmen der 100-Jahr-Feier am 24. Mai 1948 und auch danach durch Dichterlesungen und Konzerte in die Öffentlichkeit treten.

Wirken als Museumseigentümerin und dritte Ehe mini|Annette Freiin Droste zu Hülshoff Auf Heinrichs Wunsch wurde Helene noch kurz vor seinem Tod am 18. Oktober 1950 – in Heiligenberg (Bodenseekreis) – mit ihm katholisch getraut. Er wurde in der Grabstätte der Freiherren von Laßberg und Droste zu Hülshoff auf dem Friedhof in Meersburg beigesetzt. Helene, Erbin des Fürstenhäusle, hatte ihm versprochen, das Museum weiter zu führen. Dies gelang ihr, auch geschäftlich erfolgreich, mithilfe des Verkaufs der Werke der Dichterin. Helene arbeitete sich, obwohl sie zeitlebens einen leichten amerikanischen Akzent behielt, so gut in die deutsche Sprache und in das Werk der Dichterin ein, dass sie persönlich die Museumsbesucher führen und die Besucherzahlen erheblich steigern konnte. Sie stellte dabei Einsamkeit und zweites Gesicht der Dichterin in den Vordergrund und erregte damit menschliche Anteilnahme. Unzutreffend dagegen waren von der Presse aufgestellte Behauptungen, die Dichterin habe selbst das Fürstenhäusle bewohnt und sie, Helene, sei selbst eine Ur-Großnichte der Dichterin, Freifrau oder „baroness“ (der Familienzweig ihres Mannes führte diesen Titel nicht). Helene identifizierte sich so mit ihrer Aufgabe, dass sie die Besucher beeindruckte, wie zahlreiche begeisterte Dankesbriefe und Gästebucheintragungen belegen. In ihrer Korrespondenz beantwortete sie Fragen zu Person und Werk der Dichterin, vermittelte Kontakte und förderte die Bildung v. a. junger Menschen. Die Arbeit des jetzt wesentlich reichhaltiger eingerichteten Museums wurde besonders durch den Kulturpolitiker Arno Hennig unterstützt. Am 12. November 1951 heiratete Helene den Droste-Verehrer Otto Vollnhals, Miteigentümer der Motorenfabrik München-Sendling, mit dem sie u. a. eine Italienreise unternahm, der jedoch schon am 24. April 1952 starb.

Stiftung des Meersburger Droste-Preises und vierte Ehe

mini|Helene von Bothmer und Karl Graf von Bothmer (Hochzeit) mini|Grabstelle auf dem Friedhof Meersburg