Die Balneologie (über lateinisch balneum, „Bad“, von griechisch βαλανεῖον (balaneion) „Bad, Badeanstalt“,GEMOLL: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch. und -logie) oder Bäderheilkunde ist die Lehre von der therapeutischen Anwendung natürlicher Heilquellen, Heilgase und Peloide in Form von Bädern, Trinkkuren und Inhalationen. Zur Balneologie gehören die Balneotherapie (Bädertherapie, Badekuren), die Balneotechnik, die Balneochemie (Hydrochemie) und die Balneophysik. Die Lehre von den Heilquellen wurde PegologieBernhard Maximilian Lersch: Geschichte der Balneologie, Hydroposie und Pegologie, oder Der Gebrauch des Wassers zu religiösen, diätetischen und medicinischen Zwecken. Ein Beitrag zur Geschichte des Cultus und der Medicin. Würzburg 1863. genannt.

Geschichte In der Antike erschienen Beschreibungen der Bädertherapie und Heilquellen immer wieder besonders am Rande medizinischer und naturphilosophischer Literatur, wie bei Plinius dem Älteren im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Bereits der griechische, in Rom wirkende Arzt Asklepiades von Prusa trat im 1. Jahrhundert v. Chr. für Wasseranwendungen mit kaltem bzw. warmem Wasser zur vorbeugenden und therapeutischen Behandlung verschiedener Erkrankungen ein.Irmtraud Sahmland: Balneologie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 135. Ihnen folgten einige Beschreibungen bei klassisch-islamischen Ärzten, besonders Avicenna im 11. Jahrhundert.

Nach dem ersten balneologischen Spezialtraktat der Weltliteratur Buch von alten SchädenHans-Joachim Peters (Hrsg.): Das „Buch von alten Schäden“. Teil I: Text. Medizinische Dissertation, Bonn 1973 (in Kommission bei Königshausen & Neumann, Würzburg); und Ingrid Rohland: Das „Buch von alten Schäden“. Teil II: Kommentar und Wörterverzeichnis. (Medizinische Dissertation Würzburg) Pattensen bei Hannover (jetzt: Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg) 1982 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 23).Gundolf Keil: Balneotherapie im ‘Buch von alten Schäden’, der ältesten balneologischen Spezialschrift des Abendlands. In: Eduard Hlawitschka: Forschungsbeiträge der Geisteswissenschaftlichen Klasse (= Schriften der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste. Band 32). München 2012, S. 97–101. aus der Mitte des 15. Jahrhunderts erschienen systematisierte balneologische Heilquellen- und Therapiebeschreibungen zum Bäderwesen ab dem 16. Jahrhundert in Europa.Frank Fürbeth: Bibliographie der deutschen oder im deutschen Raum erschienenen Bäderschriften des 15. und 16. Jahrhunderts. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 217–252. Diese Spezialliteratur begann mit der Einzelbeschreibung einer Heilquelle Von des Bades Pfäfers Tugenden von Paracelsus aus dem Jahr 1535. Die erste systematisierte Kurzbeschreibung von Wassertypen und Heilquellen der ungarisch-(heute slowakisch-)polnischen Region Zips verfasste 1547 der Humanist und Statthalter Georg Wernher, gefolgt von einer ausführlicheren Beschreibung 1549 für das gesamte Königreich Ungarn. Ihr folgte eine weitere posthum von Paracelsus veröffentlichte systematisierte Schrift (Baderbuechlin. Sechs koestliche Tractat […] Peter Schmid, Mülhausen 1562). Der nächste mitteleuropäische Autor war der Landessyndikus (d. h. etwa oberster Amtsarzt) der Markgrafschaft Mähren, Thomas Jordan von Klausenburg mit einer Beschreibung mährischer Heilquellen 1575 (De aquis medicatis Moraviae Commentariolus. Johann Wechel, Frankfurt am Main 1575). Besonders prägte der rheinische Arzt und Botaniker Tabernaemontanus die Balneologie mit seinem umfangreichen Werk Neuw Wasserschatz (Frankfurt am Main 1581). In Italien begann die balneologischen Literatur mit einer enzyklopädischen Zusammenstellung balneologischer Randangaben griechischer, römischer, arabischer und humanistischer Mediziner durch den venezianischen Drucker Tomasso Giunta (T. Giunta: De Balneis. Venetia 1553). Ihr folgte der venezianische Arzt und Philosoph Andrea Bacci (1524–1600, A. Baccius: De Thermis. Venetia 1571), gefolgt von dem Veroneser Arzt Ventura Minardo (1594).Alena Masarovičová, Ján Lidaj, Ondrej Žilínek: História balneoterapie – stredovek. (slowakisch: Geschichte der Balneotherapie - Mittelalter.) In: Dermatológia pre prax. (Dermatologisches Fachjournal des Slowakischen Medizinischen Akademischen Fachverlages Solen.Medical Education.) 14, 8(4), S. 150–152, hier S. 151–152. Als Begründer der Balneologie in Schlesien gilt der auch als Botaniker bedeutende Caspar Schwenckfeld (1563–1609).Norbert Conrads: Anna Würster, die erste privilegierte Medizinerin Schlesiens (1657). In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 1–15, hier: S. 1.

Als Begründer der modernen wissenschaftlichen Balneologie gilt Emil Osann. In Österreich war Johann von Oppolzer einer der ersten führenden Vertreter dieser Lehre. nach Institut für Balneologie und Medizinische Klimatologie, Christoph Gutenbrunner.

Balneotherapie Die Balneotherapie (Anwendung von Badekuren) beschäftigt sich mit der therapeutischen Behandlungsform von Wasser aus Heilquellen insbesondere mit höherem Gehalt von gelösten Stoffen, z. B. an Mineralstoffen wie Kohlendioxid, Kohlensäure, Schwefelwasserstoff und radioaktiven Stoffen. Der Unterschied zu Anwendungen mit Leitungswasser wie z. B. bei Kneippkuren und generell der Hydrotherapie liegt im höheren Gehalt der im juvenilen Wasser gelösten Stoffe. Neben medizinischen Bädern gehören zur Balneotherapie auch innere Anwendungen wie Trinkkuren und Inhalationen. Heilwässer müssen gelöste Stoffe (anorganische Stoffe und deren Ionen) in einer Konzentration von mindestens 1 g/kg enthalten.Gert Michel: Naturwissenschaftliche Begriffsbestimmungen natürlicher ortgebundener Heilmittel. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 41–44.

Eine spezielle Form der Balneotherapie ist die Thalasso-Therapie.Angela Schuh: Thalassotherapie. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 111–113.

Bei den Bädern unterscheidet man das WasserbadGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 483 (wasserpad: Bad, bei dem der Körper vor allem mit dem Wasser, weniger mit dem Dampf in Berührung kommt; etwa als Kräuterbad). (Voll-, Sitz- und Teilbäder) sowie das Inhalationsbad (Dampfbad). Es gibt fünf Temperaturstufen: kalte, halbkalte, lauwarme, warme und heiße Bäder. Die Maximaltemperatur beträgt 40 Grad Celsius. Das Heilwasser wirkt bei warmen und heißen Bädern durch Wärme, durch physikalische und chemische Einflüsse der Zusätze aus dem Heilmittelbereich.

Ein Nutzen der Bäder: Der Auftrieb durch das Wasser soll Muskeln und Gelenke erheblich entlasten, so dass Bewegungen wieder durchgeführt werden können, die dem Patienten auf dem Trockenen auf Grund von Körpergewicht und Schmerzen nahezu unmöglich sind. Außerdem wirkt warmes Wasser generell positiv auf das vegetative Nervensystem und dadurch auch schmerzlindernd bei verschiedenen Symptomen. Thermische Reize werden auch eingesetzt, um Stoffwechsel und Immunsystem anzuregen.Bernd Hartmann, Margarete Hartmann: Das Thermalbad: Faktoren, Wirkungen, Wirksamkeit. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 84–91.

Eine Alternative zu Bädern sind Schlammpackungen (etwa Fango und Parafango in der Peloidtherapie).

Bei den zu den Brunnenkuren gezählten Badekuren können angewendet werden:Karl Schantz (Hrsg.): Praktischer Lehrkurs der Gesundheitspflege. Ein Wegweiser in gesunden und kranken Tagen. 2 Bände. Brauer & Mönnich, Bremen ohne Jahr. Band 1, S. 45–46. Wildbäder oder Thermen Kochsalzwasser Schwefelwasser Seebäder Moorbäder und Schlammbäder.

Medizinische Bäder werden vor allem in Kureinrichtungen der Kurorte angeboten. Sie gehören jedoch auch zu den Behandlungen der Physiotherapie.Albrecht Falkenbach: Physikalische Therapie am Kurort. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 30–33. In der Regel werden diese Bäder ärztlich verordnet und sind Teil eines umfassenden Behandlungsplanes, zum Beispiel während einer Kur. Besonders häufig werden sie bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt.

Zu den Methoden der medizinischen Bäder gehören das Kräuterbad, das künstliche Moorbad, die Anwendung von Badezusätzen (unter anderem Abkochungen von Fichten- oder Kiefernnadeln, gerbstoffhaltige Bäder, Kleienbäder und Kohlensäurebad), Mutterlaugen- und Solbäder sowie Salzbäder.Karl Schantz (Hrsg.): Praktischer Lehrkurs der Gesundheitspflege. Ein Wegweiser in gesunden und kranken Tagen. 2 Bände. Brauer & Mönnich, Bremen ohne Jahr. Band 1, S. 49–51.

Die heute wichtigsten medizinischen BäderBernd Hartmann, Margarete Hartmann: Pharmakologische Wirkungen des Badens in Heilwässern. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 92–95. sind: Bewegungsbad: Beim Bewegungsbad wird der Auftrieb des Wassers genutzt, um die Muskeln zu trainieren und den Kreislauf anzuregen. Indikationen sind u. a. Arthritis, Osteoporose und Haltungsanomalien. Das Wasser ist dabei lauwarm bis warm. Moorbad: Moorbäder sind Voll- oder Teilbäder mit Badetorf. Da Torf die Wärme nur sehr langsam abgibt – im Gegensatz zu Wasser –, sind hiermit so genannte Überwärmungsbäder möglich.Gerd Lüttig: Was sind Peloide? In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 160–173. Kohlensäurebad: Kohlensäurehaltige Bäder enthalten gelöstes Kohlendioxid(CO₂). Dieses führt über die Haut zu einer leichten Erweiterung der Blutgefäße, was die Hautdurchblutung verbessern und den Blutdruck senken kann. Kohlensäurebäder werden insbesondere in der Kreislauf- und Gefäßtherapie eingesetzt. Sauerstoffbad: Sauerstoffbäder sind Sprudelbäder, bei denen dem Wasser während des Bades Sauerstoff zugeführt wird. Der Sauerstoff selbst wird nur in geringem Maße über die Haut aufgenommen; der wahrgenommene Effekt beruht vorwiegend auf der thermischen und mechanischen Reizwirkung des Sprudelbades. Eine spezifische therapeutische Wirkung des zugeführten Sauerstoffs ist wissenschaftlich nicht belegt. Solebad: Solebäder enthalten bis zu sechs Prozent gelöste Salze (meist Natriumchlorid). Salzwasser wird in der Rheumatherapie eingesetzt, aber auch bei verschiedenen Hauterkrankungen, Stoffwechselstörungen und gynäkologischen Krankheiten. Schwefelbad: Bad in einem Schwefelwasserstoff-haltigen Wasser, es soll die Durchblutung fördern und antibakteriell wirken. Indikationen sind zum Beispiel Psoriasis, Neurodermitis und chronische Ekzeme.Gert Michel: Balneogeologie. In: Werner Käß, Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-510-65241-9, S. 21–22. Jodbad: Jodbäder enthalten jodidhaltiges Wasser. Traditionell wurden sie bei Hauterkrankungen und Durchblutungsstörungen verwendet. Eine signifikante Aufnahme von Jodid über die Haut und eine daraus resultierende therapeutische Wirkung sind wissenschaftlich bislang nicht nachgewiesen. Kleie- und Malzbad: Das Kleie- und Malzbad kann zur Reizstillung bei juckenden Hautkrankheiten beitragen.