mini|Pressekonferenz zur Gründung mit Ingo Zechner, Avshalom Hodik, Anton Pelinka, Brigitte Bailer-Galanda und Bertrand Perz (von links nach rechts) im Juni 2006

Das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (Vienna Wiesenthal Institute, VWI) ist ein von Simon Wiesenthal und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland konzipiertes Forschungszentrum in Wien, das sich der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung aller Fragen widmet, die Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus, Ethnisierung sowie den Holocaust, einschließlich dessen Vorgeschichte und Folgen, betreffen. Es befindet sich seit Oktober 2012 im Vollbetrieb und wird zu gleichen Teilen von der Stadt Wien und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung gefördert.

Entstehungsgeschichte Die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) ergriff im Jahr 2002 gemeinsam mit zahlreichen namhaften Institutionen die Initiative, ein internationales Shoah-Forschungszentrum in Wien zu errichten. An der Konzeption war der im September 2005 verstorbene Simon Wiesenthal noch persönlich beteiligt.

Im Dezember 2002 erfolgte eine Zusage der Stadt Wien, sich im selben Ausmaß an der Finanzierung des Vorhabens zu beteiligen wie die Republik Österreich. Im März 2008 wurde in einem Ministerratsvortrag schließlich auch die Unterstützung des VWI durch die Republik Österreich zugesagt. In der Folge konnte im Frühjahr 2009 der Bürobetrieb aufgenommen werden.Marianne Enigl: Zum 100. Geburtstag von Simon Wiesenthal: Einblick in drei seiner berühmtesten Fälle. In: profil.at. 3. Jänner 2009, abgerufen am 27. Februar 2020.

In der Vorlaufphase 2010 und 2011 wurde der Grundstein für eine wissenschaftliche Fachbibliothek und ein eigenes Archiv auf Basis der holocaustrelevanten Dokumente des Archivs der IKG gelegt.Neustart für Wiesenthal-Institut. In: derstandard.at. 16. Oktober 2011, abgerufen am 27. Februar 2020. Zudem wurden diverse Veranstaltungsformate – Vorträge, Buchpräsentationen, Konferenzen und Workshops sowie mediale Interventionen im öffentlichen Raum in Erinnerung an die Shoah – sowie ein langfristiger Entwicklungsplan und ein wissenschaftliches Forschungsprogramm ausgearbeitet.Nach Vorjahresturbulenzen Ruhe eingekehrt. In: derstandard.at. 13. Jänner 2010, abgerufen am 27. Februar 2020.

Organisation Träger mini|VWI-Workshop Alma Mater Antisemitica, 2012 Trägerorganisation des VWI ist ein Verein, zu dem sich noch in der Gründungsphase die Israelitische Kultusgemeinde Wien, das Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes (Simon Wiesenthal Archiv), das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes DÖW, das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, das Institut für Konfliktforschung, das Jüdische Museum Wien und das IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften zusammengeschlossen hatten. Nach Auseinandersetzungen um die Nutzung des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verließen das Institut für Konfliktforschung und das IFK im November 2009 den Trägerverein, die Vertreter dieser Einrichtungen im Vorstand auch das Leitungsgremium des Instituts.

mini|Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI); Wien, Rabensteig 3 Nach Beilegung der Auseinandersetzungen sowie der Unterzeichnung des Leihvertrages über die Nutzung der holocaustrelevanten Teile des IKG-Archivs durch den neuen Vorstand wurde der Trägerverein Anfang 2010 um die Internationale Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) bzw. das Zentrum für jüdische Kulturgeschichte an der Universität Salzburg erweitert. Der Aufbau des Instituts und die Vorbereitungen zur Aufnahme des Vollbetriebs erfolgten auf Basis des noch in der Gründungsphase entwickelten Stufenplans. Mit dem Start des Fellowship-Programms, dem Eintreffen der ersten internationalen Stipendiaten im Herbst 2012, konnte dieser Vollbetrieb aufgenommen werden.

Gremien Der Vorstand des VWI wird von den Trägerorganisationen beschickt, der Vorstand hat die höchste Entscheidungsbefugnis in allen organisatorischen Belangen des VWI. Zum Vorstandsvorsitzenden wurde Anton Pelinka gewählt, seine Stellvertreter waren Bertrand Perz und Avshalom Hodik. Am 1. Januar 2009 wurde Ingo Zechner zum Geschäftsführer des VWI bestellt.

mini|hochkant|Einladung zur Simon Wiesenthal Conference 2012

Im November 2009 traten nach erfolglosen Verhandlungen mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) über die Nutzung der von der Kultusgemeinde verwalteten Archive, welche eine wichtige Grundlage für die vorgesehene Forschungsarbeit des VWI waren, mehrere Vorstandsmitglieder (darunter der Vorsitzende Anton Pelinka), der Geschäftsführer Ingo Zechner sowie 12 der 15 Mitglieder des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats aus Protest gegen die Vorgangsweise der IKG zurück.

Nach der Darstellung des neuen, in der VWI-Vereinsgeneralversammlung vom 5. November 2009 gewählten Vorstandsvorsitzenden Georg Graf in der VWI-Pressekonferenz vom 12. Jänner 2010 entspricht der von ihm unterzeichnete Leihvertrag zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und dem VWI wortwörtlich der von seinen Vorgängern ausgearbeiteten Version: Die Auseinandersetzungen und der Rücktritt von Anton Pelinka seien – so Graf auf eine Anfrage – vielmehr auf persönliche Konflikte zwischen Pelinka und dem Präsidenten der IKG, Ariel Muzicant zurückzuführen gewesen. Zu Stellvertretern des Vorstandsvorsitzenden wurde im November 2009 Brigitte Bailer-Galanda und Ariel Muzicant gewählt. 2018 schieden sowohl Georg Graf als auch Ariel Muzicant aus dem Vorstand aus. Gerhard Baumgartner übernahm interimistisch den Vorsitz und wurde 2019 von Terezija Stoisits abgelöst. Claudia Prutscher und Gerhard Baumgartner wurden zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.

Mit 1. Jänner 2010 übernahm der Wiener Zeithistoriker Béla RáskyVWI: Nach dem Streit beginnt nun die Arbeit. In: orf.at. 12. Jänner 2012, abgerufen am 24. Februar 2020. die wissenschaftliche und administrative Leitung des Instituts. Seit Oktober 2012 ist ihm die Budapester Soziologin Éva Kovács für die Forschungsaufgaben des Instituts beigestellt. Als wissenschaftliche Programmleiterin ist sie auch für die wissenschaftliche Betreuung der am Institut forschenden Fellows zuständig. Das VWI-Team umfasst neben der Büroleitung noch weitere Mitarbeiter.

Nach der Enthebung von Béla Rásky als Leiter des VWI seitens des Vorstandes im Oktober 2020 wurde das Institut umstrukturiert. Éva Kovács wurde zur stellvertretenden Direktorin für wissenschaftliche Angelegenheiten ernannt, der Posten eines stellvertretenden Direktors für finanzielle und administrative Angelegenheiten neu besetzt. Die IKG legte im Weiteren bezüglich der Modalitäten der Ausschreibung für eine neue Gesamtleitung des Instituts im Frühling 2021 Protest ein,Protest gegen die Vorgangsweise des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien VWI, Presseaussendung der IKG über OTS.at, 13. Mai 2021 sowie IKG Wien kritisiert Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien scharf, In: Der Standard, 13. Mai 2021. doch konnte der Konflikt nach einer Stellungnahme des VWI-VorstandsStellungnahme des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI) zur Aussendung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) vom 13. Mai 2021, 15. Mai 2021. In: Homepage des VWI. schließlich beigelegt werden. Vom 1. Oktober 2022 bis zum September 2025 leitete der Historiker Jochen Böhler das Institut.Jochen Böhler, abgerufen am 22. November 2025.

In wissenschaftlichen Fragen kommt dem Internationalen Wissenschaftlichen Beirat eine Schlüsselrolle zu. Dieser umfasst mindestens neun international anerkannte Experten, von denen maximal drei in Österreich tätig sein dürfen. Besonderer Wert wird nach eigenen Angaben auf die interdisziplinäre Ausrichtung gelegt. Wie der Vorstand wird der Beirat auf drei Jahre von der Generalversammlung des VWI gewählt. Dem Beirat, der sich einmal im Jahr, immer zu Beginn des akademischen Jahres, in Wien zu Beratungen trifft, die wissenschaftliche Tätigkeit des Instituts aber laufend begleitet, gehören im Juli 2025 folgende Mitglieder an (in alphabetischer Reihenfolge):

Nanci Adler (NIOD Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies, Amsterdam) Natalia Aleksiun (University of Florida, Gainesville) Tim C. Cole (University of Bristol) Elisabeth Gallas (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, Leipzig) Jürgen Matthäus (United States Holocaust Memorial Museum, Washington) Nadège Ragaru (Sciences Po, Paris) Dirk Rupnow (Universität Innsbruck) David Silberklang (Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte, Jerusalem)

Ehemalige Mitglieder des Beirats sind: Jolanta Ambrosewicz-Jacobs (Uniwersytet Jagielloński, Kraków: 2013–2020) David Bankier (Yad Vashem, Jerusalem: 2006–2009) Omer Bartov (Brown University, Providence: 2006–2009) Peter Black (United States Holocaust Memorial Museum) Włodzimierz Borodziej (Uniwersytet Warszawski: 2006–2009) Gustavo Corni (Università degli Studi di Trento, Trento: 2010–2017) Dan Diner (The Hebrew University, Jerusalem/Simon-Dubnow-Institut, Universität Leipzig: 2006–2009) Atina Grossmann (The Cooper Union, New York: 2006–2009) Susanne Heim (Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin) Raul Hilberg (2006–2007) Gertrud Koch (Freie Universität Berlin: 2006–2009) Robert Graham Knight (Loughborough University, Leicestershire) András Kovács (Central European University, Wien/Budapest: 2006–2009) Andrei Markovits (University of Michigan: 2006–2009) Dan Michman (International Institute for Holocaust Research, Yad Vashem, Jerusalem; Bar-Ilan University, Ramat Gan) A. Dirk Moses (University of North Carolina at Chapel Hill, Chapel Hill) (2010–2024) Robert Jan van Pelt (University of Waterloo, Ontario: 2010–2017) Dieter Pohl (Universität Klagenfurt: 2010–2016) Peter Pulzer (All Souls College, Oxford: 2006–2009) Gabriele Rosenthal (Georg-August-Universität Göttingen: 2006–2009) Irina Scherbakowa (Memorial, Moskau) Tom Segev (Jerusalem: 2006–2009) Sybille Steinbacher (Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main) Dominique Trimbur (Fondation pour la Mémoire de la Shoah) Yfaat Weiss (Simon-Dubnow-Institut, Leipzig)

Tätigkeitsschwerpunkte mini|Spurensuche an einem vergessenen Ort: ehemalige Synagoge Wien 20, Kaschlgasse – 9. November

Die Tätigkeit des VWI baut der Homepage zufolge auf den drei Grundpfeilern Forschung, Dokumentation und Vermittlung auf. In diesen Bereichen widmet sich das Institut allen Fragen, die Antisemitismus, Rassismus und Holocaust betreffen, einschließlich dessen Vorgeschichte und Folgen. Die Forschung ist im VWI international und interdisziplinär ausgerichtet und findet in zweierlei Form statt: im Rahmen des Fellowship-Programms sowie in Form von Forschungsprojekten flexibler Dauer. Diese Forschungsprojekte werden von einer variablen Anzahl wechselnder Mitarbeiter durchgeführt, die am Institut angestellt werden oder mit Werkverträgen arbeiten. Seit der Gründung des Instituts wurden mehrere Projekte bereits abgeschlossen, mehrere Projekte sind zurzeit am Institut über Drittmittelfinanzierungen verankert. Die laufenden wie abgeschlossenen Projekte sind auf der Homepage des InstitutsAktuelle und abgeschlossene Projekte des VWI im Detail aufgezählt und beschrieben.

Seit November 2010 ist das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Forschung (VWI) zusammen mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen aus fast allen europäischen Ländern auch im Konsortium des EU-Projektes European Holocaust Research InfrastructureEuropean Holocaust Research Infrastructure vertreten. Zurzeit laufen Vorbereitungen zur Einrichtung eines europäischen Forschungskonsortiums zur Erforschung der Geschichte des Holocaust im Rahmen des Europäischen Strategieforums für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI).Neuer Fahrplan für Europäische Forschungs-Infrastrukturen vorgestellt in: Der Standard, 12. September 2018 abgerufen am 27. Februar 2020

mini|VWI Newsletter Cover 2014/01