Als Camorra, auch bekannt als Bella Società Riformata, Società dell’Umirtà, Onorata SocietàBehan: The Camorra. S. 12.Sales, La camorra, le camorre. S. 72–73. oder Il Sistema, werden organisierte kriminelle italienische Familienclans in Neapel und der Region Kampanien bezeichnet. Die Camorra ist eine der ältesten und größten kriminellen Organisationen in Italien und besteht seit dem 16. Jahrhundert. Im Gegensatz zur sizilianischen Cosa Nostra und der kalabrischen ’Ndrangheta mit ihrem überwiegend ländlichen Operationsfeld agiert die Camorra vorwiegend von Neapel und dem Umland aus. Die Camorra besteht aus autonomen Clans und ist daher auch nicht wie die Cosa Nostra vertikal, sondern horizontal organisiert.Der Tod gehört zum Beruf. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. 10. August 2007, Interview mit Roberto Saviano:Petra Reski: Neapel – die Stadt der Camorra. In: GEO Magazin. 2008, Nr. 6: Zulauf erhält die Camorra vor allem aufgrund der – besonders unter Jugendlichen – hohen Arbeitslosigkeit. Sie bietet ihnen (statistisch nicht erfasste) Arbeit an; überhaupt ist die Schattenwirtschaft eine bedeutende ökonomische Kraft der Stadt.
Organisation Ursprünge mini|Ein Guappo in typischer Erscheinung, Ende des 19. Jahrhunderts
Die Ursprünge der Camorra sind bis heute nicht ganz klar. Man nahm bisher an, dass sie seit dem 16. Jahrhundert als direkter Nachkomme einer spanischen Geheimgesellschaft namens „Garduña“ zurückreichen, welche im Jahr 1417 gegründet wurde. Jüngste historische Forschungen in Spanien legen jedoch nahe, dass die Garduña nie wirklich existierte und nur auf einem fiktiven Buch aus dem 19. Jahrhundert basieren würde., Minuto digital, December 11, 2006.
Die Herkunft des Wortes „Camorra“ ist unklar,Dieser Abschnitt folgt: Gianfranca Ranisio: Camorra. Anfänge und Etablierung zwischen 19. und 20. Jahrhundert. In: Salvatore Pisani, Katharina Siebenmorgen (Hrsg.): Neapel. Sechs Jahrhunderte Kulturgeschichte. Reimer, Berlin 2009, S. 495–500, hier S. 495. es gibt jedoch zahlreiche Theorien. Die erste offizielle Verwendung des Wortes soll aus dem Jahre 1735 stammen, als eine königliche Verfügung die Einrichtung von acht Spielhöllen in Neapel zuließ. In dem besagten offiziellen Dokument ist die Rede von Camorra avanti palazzo, damit meinte man eine Spielhölle in der Nähe eines Palasts. Daher ist das Wort nahezu zweifellos eine Mischung aus „Capo“ (Chef) und einem neapolitanischen Straßenspiel namens „Morra“.Behan: The Camorra. S. 9–10., Biblioteca digitale sulla Camorra (abgerufen am 25. Mai 2011). Sprich: capo-morra, abgekürzt ca‘ morra.
Möglicherweise leitet es sich auch von einem nach Neapel geflohenen und dort inhaftierten spanischen Verbrecher namens Gamur her. Die gamurri waren kastilische Banditen. Das spanische Wort kamora bedeutet Protest und Schlägerei. Im Altneapolitanischen bezeichnete der Begriff camurra (auch: gamurra oder gammurra) ein mittelalterliches Frauengewand (ähnlich der gamurra im Toskanischen Dialekt). Camorristi wären dann Blusenträger (ein anderer Begriff für das Proletariat). Die spätere chamarra (auch gomurra) war ein weites, langes Gewand der Spanier.
Synonyme für Camorra waren La Società dell’Umirtà, Onorata Società und Bella Società Riformata. Nach dem Schriftsteller und Camorra-Experten Roberto Saviano spricht man in Neapel heute nicht mehr von der Camorra, sondern von il sistema (das System).
Beschäftigungsfelder Die Camorra operiert in der gesamten Europäischen Union mit Drogenhandel, Waffenhandel, Produktpiraterie von Luxusgütern, illegaler Müllentsorgung und Schutzgelderpressung.Die Camorra ist der größte Arbeitgeber. In: stern.de, Nr. 46/2006, 26. November 2006, abgerufen am 15. Dezember 2025. Mit Hilfe von Korruption und Erpressung erlangte sie Großaufträge im Baugewerbe. Weiterhin investiert die Camorra in hohem Maße in die Herstellung von DesignermodeUnterwegs nach Secondigliano. In: Berliner Zeitung. 26. Juni 2006 In: The Times. 20. Februar 2008. und Zement. netzeitung, 20. April 2009. Schutzgelder werden in camorrakontrollierten Betrieben gewaschen und legal in den europäischen Großstädten reinvestiert.
Wie die Cosa Nostra, ’Ndrangheta und andere Gruppierungen der Organisierten Kriminalität hat auch die Camorra längst ihre regionale Herrschaftszone verlassen und ihre Verbrechen auf andere Länder der EU und darüber hinaus ausgeweitet. Roberto Saviano hält kriminelle Organisationen sogar für den Inbegriff von Internationalismus, da diese Syndikate mit modernsten Mitteln operieren und sich überdies untereinander verheiraten wie einst der europäische Hochadel. Als Beispiele führt er an: „Im schottischen Aberdeen investiert der Clan La Torre in den Tourismus.“ „Francesco Schiavone, genannt ‚Cicciariello‘, wurde in Polen verhaftet und investierte auch in Rumänien.“ „Vincenzo Mazzarella wurde in Paris verhaftet, wo er mit den afrikanischen Kartellen mit Diamanten handelte.“ „In Nizza gibt es Investitionen in Immobilien.“ Die kampanische Kleinstadt Castel Volturno in der Provinz Caserta bei Neapel soll ausländischen Clans „komplett […] überlassen“ worden sein, nämlich „Clans aus Lagos und Benin City“, zum Zwecke des Kokainhandels und für den Transit von Prostituierten nach ganz Europa.Roberto Saviano: cafebabel.com, 16. Oktober 2007. Die deutsche Hafenstadt Rostock spiele 2008 eine Schlüsselrolle im internationalen Kokainhandel. Die Camorra baue für den Kokainschmuggel speziell konstruierte Schiffe mit doppelten Wänden. Das Kokain sei nur über eine komplette Schiffsdemontage zugänglich, doch die enorme Gewinnspanne beim Kokainhandel erlaube den Verlust eines ganzen Handelsschiffes.Stephan Maus: „Für die Camorra bin ich nur Abschaum.“ In: stern.de, 18. September 2008, Interview mit Roberto Saviano, abgerufen am 15. Dezember 2025. In vielen deutschen Großstädten (Stuttgart, Leipzig, München, Frankfurt am Main) hätten alle Clans der Camorra ihre Vertretungen; vor allem in der ehemaligen DDR seien bestimmte Wirtschaftsbereiche wie Tourismus, Bauindustrie, Transportwesen und Textilindustrie unterwandert., ZDF, 18. August 2007, Interview, zitiert in: Gomorrha (PDF; 39 kB), 16. September 2008. Saviano sieht die Unternehmen an der Costa del Sol mittlerweile weitgehend unter der Kontrolle der Camorristi des Casalesi Clans. Dort werde neben dem Rauschgifthandel (Kokain) vor allem Geldwäsche über das Baugewerbe betrieben., cafebabel.com, 16. Oktober 2007.„España está invadida por el dinero de la Camorra“, El País, 12. November 2006, („Spanien wird mit dem Geld der Camorra überfallen“), Interview mit Saviano„El clan de los Casalesi, en concreto, invirtió mucho en la Costa del Sol y en Andalucía, donde varios hoteles y complejos turísticos se construyeron con dinero y cemento de la Camorra.“(Übersetzung: Im Konkreten, der Clan der Casalesi hat viel an der Costa del Sol und in Andalusien investiert, wo verschiedene Hotels und Ferienorte mit dem Geld und Zement der Camorra erbaut worden sind.) Die Camorristi nennen die Costa del Sol bereits „costa nostra“ (= unsere Küste)., El Mundo, 9. Mai 2007 (spanisch) Saviano führt die Ignoranz spanischer Politiker gegenüber der Camorra zurück auf „eine stillschweigende Übereinkunft, nach der die Kriminellen aus Neapel ihre Geschäfte machen dürfen, solange sie keine militärischen Aktionen provozieren.“ Siehe auch: Costa del Sol–Kriminalität
Saviano folgert aus dieser bislang ungestörten Expansion: „Für die Camorra ist die Welt eine Art Brettspiel, wo einzelne Familien bestimmte Gebiete einfach in Besitz nehmen.“ Nur eine Kooperation auf europäischer Ebene könnte der organisierten Wirtschaftskriminalität noch Einhalt gebieten.Roberto Saviano: cafebabel.com, 16. Oktober 2007. Ein erster notwendiger Schritt dazu sei die Einführung der „Mafia als Straftatbestand“ in der EU, der 2007 ausschließlich in Italien Geltung hatte.
Nach einer Untersuchung von Confesercenti, dem zweitgrößten italienischen Handels- und Unternehmerverband, vom 22. Oktober 2007 im Corriere della Sera, werden in Neapel die Fischerei, die Milchproduktion, der Kaffeehandel und 2500 Bäckereien nahezu vollständig von der Camorra kontrolliert.Die Mafia ist Italiens führendes Unternehmen. In: Welt Online. 23. Oktober 2007.
Laut einer Studie von Eurispes sei der Umsatz der Camorra halbjährlich in etwa wie folgt: illegale Aktivitäten WertDrogenhandel 7.230 Mio. €Vergabe öffentlicher Aufträge 2.582 Mio. €Waffenhandel 2.066 Mio. €Prostitution 258 Mio. €Erpressungen und Wucher 362 Mio. € Der Gesamtumsatz der neapolitanischen Familien wird somit halbjährlich auf rund zwölf Milliarden Euro geschätzt.
Struktur und Regeln Bei jedem bisherigen Versuch, die Camorra mit einer vertikalen hierarchischen Struktur zu reorganisieren, wurde als Modell die Struktur der Cosa Nostra genommen. Solche Versuche sind jedoch immer aufgrund der Haltung der Köpfe verschiedener Familien fehlgeschlagen. Aus diesem Grund ist es auch unangemessen, von der Camorra als einheitliches und organisches kriminelles Phänomen zu sprechen. Ausnahmen sind einige bestimmte Anzeichen von Allianzen wie die des Casalesi Clan mit einer Top-Down-Struktur von einem Dutzend Banden dreier Familien (Schiavone, Bidognetti, Zagaria-Iovine), auch als Alleanza di Secondigliano (Allianz von Secondigliano) bekannt.
Seit 1820 hat sich die Camorra wiederholt eigene Statuten gegeben, die sogenannten frieni. Einige Beispiele: Artikel 1: Die Ehrbare Gesellschaft des Schweigens, mit anderem Namen „Schöne Reformierte Gesellschaft der Camorra“, schließt alle beherzten Männer zusammen, auf dass sie sich unter besonderen Umständen in moralischer und materieller Hinsicht helfen können. Artikel 10: Ihre Mitglieder erkennen außer Gott, den Heiligen und den Oberhäuptern der Gesellschaft keine weltliche oder geistliche Autorität an. Artikel 24: Die eingetriebenen Gelder sind an die Oberhäupter der Gesellschaft abzuführen. Ein Viertel davon steht dem Großmeister zu, der Rest geht in die gemeinsame Kasse der Gesellschaft und wird auf das gewissenhafteste unter den aktiven, den arbeitsunfähigen und denjenigen Mitgliedern verteilt, welche die Laune der Regierung ins Gefängnis gebracht hat.
Camorra-Clans Italien Die ganze Region in und um Neapel wurde von der Camorra schon Mitte des 19. Jahrhunderts in zwölf Zonen eingeteilt, welche meist von mehreren Clans beherrscht werden: auf mafia-crime.de, November 2006. Zu den dominierenden Clans gehört die sogenannte Alleanza di Secondigliano, die vor allem von den Clans Licciardi, Di Lauro und Contini-Bosti repräsentiert wird.
Trotz ihrer Herkunft hat die Camorra auch Dependancen in anderen italienischen Regionen wie der Lombardei,Camorra: 60 arresti tra Campania e Lombardia, anche 16 Giudici Tributari, Notizie Radiocor, March 19, 2012.Camorra: sequestrato a Milano il Gran Caffe' Sforza, Ansa, July 4, 2012.Camorra, sequestrati beni per 20 milioni; Anche un bar in centro a Milano, Il Fatto Quotidiano, July 4, 2012. Piemont und der Emilia-Romagna.L’ombra della Camorra in Emilia Truffa e riciclaggio: 11 indagati, Il Resto del Carlino, March 8, 2012.
Vereinigte Staaten Die Camorra existierte in den USA schon zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wetteiferte in einem Krieg gegen die sizilianisch-stämmige Mafia bzw. der späteren amerikanischen Cosa Nostra, welchen sie jedoch verlor und so schließlich unter der neuen Führung des Sizilianers Salvatore D’Aquila mit der frühen amerikanischen Cosa Nostra verschmolz, was heute als Vorläufer des später als „Gambino-Familie“ klassifizierten Clans gilt. Siehe auch Mafia-Camorra-Krieg