mini|Mouhanad Khorchide (2014) mini|Khorchide (2. v. l.) beim Podium Theologisches Forum Christentum Islam, 2010. Rechts: Ulrike Bechmann Mouhanad Khorchide (, * 6. September 1971 in Beirut) ist ein österreichischer Soziologe und Religionspädagoge. Er ist Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster.
Leben Khorchides Großeltern waren aus Palästina in den Libanon geflohen. Seine Eltern zogen von dort weiter nach Riad in Saudi-Arabien, wo Mouhanad Khorchide mit zwei Geschwistern aufwuchs.Ein Mann in heikler Mission faz.net, 31. August 2010. Er durfte als Ausländer dort nicht studieren und lernte Deutsch, um später in Deutschland studieren zu können. Weil er als Staatenloser dort kein Visum erhielt, entschied er sich schließlich für Österreich.
Khorchide kam 1989 als 18-Jähriger nach Wien und wurde nach vier Jahren österreichischer Staatsbürger. Nach einem abgebrochenen BWL-Fernstudium an der Studiengemeinschaft Darmstadt (1994 bis 1997) und Humanmedizinstudium in Wien (1990 bis 1993) führte er eine Import-Export-Firma, um sich ein Islam-Fernstudium finanzieren zu können. Dieses absolvierte er von Oktober 1999 bis Dezember 2004 an der Universität Imam al-Auzāʿī in Beirut, an der er einen Hochschulabschluss in islamischer Theologie erwarb. Von Oktober 2000 bis Februar 2007 studierte er Soziologie an der Universität Wien mit einem Abschluss als Magister der Soziologie.Prof. Dr. Mouhanad Khorchide uni-muenster.de
Von Dezember 2006 bis September 2008 war er Universitätsassistent an der Forschungseinheit Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. Seit 2007 war er Lehrbeauftragter für den privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen. Zugleich war er im In- und Ausland wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Projekten, mit Schwerpunkt auf Islam in Europa, islamischer Religionsunterricht in Europa, Muslime der zweiten Einwanderergeneration, koranische Hermeneutik sowie Islam und Aufklärung. Außerdem lehrte Khorchide in Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Khorchide war Imam einer kleinen Moschee in Wien-Ottakring und hat selbst als Religionslehrer gearbeitet.
In Wien verbrachte Khorchide viel Zeit in der Schura-Moschee im Bezirk Leopoldstadt, die unter der Leitung des international bekannten Predigers Adnan Ibrahim stand. Vom ebenso palästinensisch-stämmigen Ibrahim zeigte sich Khorchide tief beeindruckt und dankte ihm später in seiner Dissertation (2009) ausdrücklich für dessen Motivation. In seinem Buch Gott glaubt an den Menschen (2015) würdigte er Ibrahim zudem als „zeitgenössischen Reformer“.
Für seine Dissertation Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft: Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen SchulenDer islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft: Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen in der Datenbank der Österreichischen Nationalbibliothek. von 2008 befragte Khorchide rund die Hälfte der 400 islamischen Religionslehrer in Österreich. Eine bedeutende Minderheit der Befragten lehnte demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien ab.Die Islamlehrer falter.at, 27. Januar 2009. Darauf forderten Vertreter aller politischen Parteien strengere Regeln. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich wehrte sich und sprach von „Diffamierungen“.Regierung lässt die Vorwürfe gegen Islam-Lehrer nochmals prüfen nachrichten.at, 31. Januar 2009.
Khorchide hat seit dem 20. Juli 2010 als Nachfolger von Sven Kalisch die Professur für Islamische Religionspädagogik inne, mit der die Universität Münster seit Herbst 2010 islamische Religionslehrer ausbildet.Khorchide bildet in Münster künftig Religionslehrer aus welt.de, 20. Juli 2010.
Er ist Herausgeber eines seit Herbst 2018 im Herder-Verlag erscheinenden, auf insgesamt 17 Bände angelegten historisch-kritischen Koran-Kommentars., deutschlandfunkkultur.de, 12. Oktober 2018.
Im Juli 2020 stellte Khorchide gemeinsam mit Lorenzo Vidino und der zuständigen Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) die Dokumentationsstelle Politischer Islam vor. Seitdem leitet Khorchide den wissenschaftlichen Beirat dieser Stelle.
Im August 2022 trat Khorchide in einem Verleumdungsprozess gegen Amir Zaidan als dessen Entlastungszeuge auf, wobei der Richter Khorchide nicht glaubte.
Khorchide ist wissenschaftlicher Leiter der seit April 2024 am Zentrum für Islamische Theologie in Münster ansässigen Forschungsstelle „Islam und Politik“. Die Forschungsstelle untersucht das Verhältnis von Islam und Muslimen zur Politik innerhalb und außerhalb Europas und nutzt dafür theologische, historische, sozialwissenschaftlich theoretische und sozialwissenschaftlich empirische Zugänge.
Er ist zudem Mitglied der neunköpfigen „Task Force Islamismusprävention“, die am 1. Oktober 2024 im Bundesministerium des Innern und für Heimat unter Leitung von Nancy Faeser ihre Arbeit aufgenommen hat.
Werke Khorchide stellte in seinem 2012 erschienenen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ seine Vision von einem modernen, aufgeklärten Islam vor: eine humanistische Religion, die vor allem von Gottes Barmherzigkeit, Gottesliebe und Freiheit geprägt sei. Khorchide liest den Koran als ein Buch aus dem siebten Jahrhundert, dessen einzelne Gebote nicht mehr wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können. Er tritt für eine historisch-kritische Koranexegese ein. Trotzdem blieben bei solch einer Auslegung die Kernbotschaften des Propheten Mohammed erhalten.Johanna Grillmayer: Das sanfte Gesicht des Islam ORF, abgerufen am 4. September 2021.
In seinem 2020 erschienenen Buch Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam plädiert Khorchide für eine Wiederentdeckung des Freiheitspotenzials des Islam. In einem historischen Rückblick beschreibt er zunächst, wie der Islam bereits wenige Jahrzehnte nach seiner Entstehung instrumentalisiert worden sei, um gewaltsame Unterdrückung und autoritäre Herrschaftsstrukturen zu legitimieren. Das befreiungstheologische Anliegen der Anfangszeit sei dadurch verdrängt worden. Ursprünglich gehe es dem Koran und der Verkündigung Mohammads um die Befreiung des Menschen aus gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Zwängen. Theologische Grundlage dafür ist die Erkenntnis, dass Gott sich den Menschen in Liebe und Barmherzigkeit zuwende, damit es ihnen in umfassender Weise gut gehe und sie selbstbestimmt leben könnten. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch versteht Khorchide als eine liebevolle Freiheitsbeziehung, die sich konsequent in einem freien Miteinander der Menschen verwirklicht. Die historische Entwicklung des Islam habe dazu geführt, dass diese Kernbotschaft verfälscht worden sei und sich verzerrte Gottes- und Menschenbilder etablieren konnten. Auch sei der kommunikative Charakter des Offenbarungsgeschehens ausgeblendet und der Koran als Quelle direkter Handlungsanweisungen umgedeutet worden. Die Folgen solcher Fehlentwicklungen sind für Khorchide bis heute im sogenannten Politischen Islam erkennbar. Im zweiten Teil des Buches macht Khorchide konkrete Reformvorschläge, wie der Islam zu seinem ursprünglichen Anliegen zurückfinden kann. Dazu fordert er eine konsequente Selbstkritik und eine ehrliche Analyse der gegenwärtigen Situation.
2023 veröffentlichte Khorchide seinen ersten Roman mit dem Titel „Sieben verlorene Perlen“. Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Mannes Rayyan, der sich nach einem Traumerlebnis auf die Suche nach verloren gegangenen Schätzen des Islam begibt. Auf seiner Reise macht die Hauptfigur zahlreiche Entdeckungen, die das Gottes- und Menschenbild, Jenseitsvorstellungen und Fragen der Ethik betreffen. Khorchide verwendet in seinem Werk eine poetische und magisch-realistische Erzählweise, um praktische Reformvorschläge für eine Theologie der Liebe und Barmherzigkeit ins Gespräch zu bringen. Auf diese Weise macht er die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit einer breiten Leserschaft allgemeinverständlich zugänglich.
Positionen Khorchide vertritt die Auffassung, dass der Islam die Säkularität benötigt, um vor politischem Missbrauch geschützt zu werden. Als grundlegend für einen modernen, säkular zu verstehenden Islam betrachtet er hierbei einen im Sahīh Muslim überlieferten Hadith, demzufolge der Prophet Mohammed seinen Anhängern im Zusammenhang mit dem Anbau von Dattelpalmen erklärt haben soll, dass sie seine Anweisungen nur dann zu befolgen hätten, wenn sie die Religion beträfen, ansonsten aber nicht. Diese Trennung zwischen dem Wirken von Mohammed als Propheten und seinem Wirken als politischem Oberhaupt der Gemeinde bietet seiner Meinung nach eine wichtige Grundlage für die Akzeptanz der Säkularität im Islam.Hamed Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide: Ist der Islam noch zu retten? Eine Streitschrift in 95 Thesen. Droemer Verlag, München 2017. S. 210–212.
2012 antwortete Khorchide auf die Frage, wieso er in seinem Buch Islam ist Barmherzigkeit (2012) auch sogenannte liberale Muslime kritisiere: „Sie reduzieren den Islam. Ähnlich wie die Fundamentalisten. Die Fundamentalisten höhlen ihn aus, indem sie sich auf die Fassade, die Äußerlichkeiten fokussieren. Die Liberalen geben eine radikale Antwort, indem sie auf fast alle Äußerlichkeiten und Rituale verzichten, sie beschränken sich auf die Schahada, das Glaubensbekenntnis. Das ist zu wenig. Die Schahada muss ihren Ausdruck im Leben finden.“
Weil Khorchide Morddrohungen erhält, steht er unter Polizeischutz. Im Januar 2015 sagte er dazu: „Die Morddrohungen haben zwar abgenommen, aber ich stehe weiterhin unter strengem Polizeischutz.“Mouhanad Khorchide im Gespräch: „Mit Mahnwachen bekämpft man den Islamismus nicht“ faz.net, 15. Januar 2015. Im März 2017 wurde nach wie vor berichtet: „Seit Jahren erhält er von Islamisten immer wieder Morddrohungen, deswegen steht er unter Polizeischutz.“„Die Reform muss aus Europa kommen“ falter.at, 15. März 2017. Im September 2021 gab Khorchide an, er erhalte zum Beispiel Hassnachrichten von Anhängern der Muslimbruderschaft, und wegen Morddrohungen „aus dem salafistischen Lager“ trete er öffentlich unter Polizeischutz auf. Khorchide erklärte, bei diesen Angriffen gehe es um Macht. Die Urheber hätten „Angst, ihre Deutungshoheit über den Islam zu verlieren“.»Für die Taliban ist die Scharia die einzige legitime Gesellschaftsordnung« Interview mit Mouhanad Khorchide, spiegel.de, 4. September 2021.
Im Wahlkampf zu den Nationalratswahlen 2017 unterstützte Mouhanad Khorchide den damaligen ÖVP-Chef Sebastian Kurz. In einem Kommentar in der Tageszeitung Der Standard mit der Überschrift „Warum Sebastian Kurz kein Islamhasser ist“ schrieb Khorchide, dass Kurz die Gefahren des Politischen Islam längst erkannt habe und der Politische Islam die Gesellschaft spalte.
Khorchide ist Unterstützer der 2017 gegründeten Europäischen Bürgerinitiative Stop Extremism, die Menschen in Europa vor den Konsequenzen von Extremismus schützen will. 2023 deckte die Zeitschrift Profil auf, dass es sich bei Stop Extremism um eine aus den Emiraten gesteuerte Kampagne gegen die Muslimbruderschaft handelte.