Die Politikdidaktik ist eine wissenschaftliche Disziplin, die als Fachdidaktik die Lehr- und Lernprozesse für die schulische und außerschulische Politische Bildung zum Gegenstand hat. Sie ist weder Unterdisziplin der Pädagogik noch der Politikwissenschaft, sondern eine eigenständige Disziplin. Es hat sich zusätzlich zu den Zieldiskussionen eine politikdidaktische Theorie herausgebildet. Fachlich weist sie Bezüge zu verschiedenen Fachwissenschaften auf. Zentral ist die Politikwissenschaft. Es gibt Anknüpfungspunkte zur Geschichtsdidaktik und Wirtschaftspädagogik.
Aufgabe und Zielsetzung Die zentrale Aufgabe der Politikdidaktik ist die Förderung der Politikkompetenz, die Auswahl und Transformation von Lerninhalten des politischen Unterrichts. Für die Bestimmung des schulbezogenen Grundwissens und der Ziele des Politikunterrichts reicht es angesichts der pädagogischen Herausforderungen und der Ergebnisse der Lernpsychologie nicht aus, politische Lehr- und Lernprozesse ausschließlich unterrichtsmethodisch zu fundieren. Sie sind theoretisch zu begründen und empirisch zu erforschen.
Zentrales Bildungsziel der politikdidaktischen Arbeit ist die politische Mündigkeit der Lerner, die ihr Leben selbst bestimmen sollen, wozu Kompetenzen erforderlich sind. Im Zuge der Kompetenzorientierung im deutschen Bildungssystem hat die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) im Jahr 2004 ein Modell mit folgenden Kompetenzen in einer Abstimmung mehrheitlich beschlossen: politische Urteilsfähigkeit politische Handlungsfähigkeit methodische Fähigkeit
Inzwischen sind weitere, wissenschaftlich begründete Kompetenzmodelle entwickelt worden. Sie beschreiben das Fachwissen, die Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie die Einstellungen und Motivationen (Joachim Detjen et al., 2012). Für die politische Handlungsfähigkeit sind verschiedene Indikatoren wie das Argumentieren, Urteilen, Bewerten, Vergleichen oder Problemlösen erforderlich, die sowohl fachlich als auch überfachlich verortet sind. Für die politische Urteilsfähigkeit ist Fachwissen erforderlich. Das fachliche Abwägen von Fakten und Positionen steht im Vordergrund der politischen Urteilsfähigkeit. Hier sind die Bewertungsaspekte an das Fachwissen gebunden (Sabine Manzel, Georg Weißeno, 2017). Die empirische politikdidaktische Kompetenzforschung dient der Bestätigung/Widerlegung der Annahmen. Das Modell wird in der evidenzbasierten politikdidaktischen Forschung genutzt. Auf dieser Basis ist das Modell der Politikkompetenz für die Planung des Politikuterrichts praxisorientiert ausformuliert (Georg Weißeno 2024).
Die kategoriale Politikdidaktik transformiert die politischen Gegenstände in Lerninhalte. Zentrale Kategorien (im Sinne Wolfgang Klafkis kategorialer Bildung) dieser politikdidaktischen Prinzipien sind: Schülerorientierung Konfliktorientierung (Lehrreich sind politische Konflikte.) Problemorientierung Handlungsorientierung Fallorientierung (Konkrete Einzelfälle dienen als Material.)
Entwicklung der Disziplin
Nachkriegszeit In den 1950er Jahren wurde die politische Bildung in der Bundesrepublik zunächst zum Gegenstand der Pädagogik, nachdem vor allem die Besatzungsmacht USA eine Demokratisierung im Schulleben gefordert hatte. Eine „Erziehung zum Staat“ wie im Nationalsozialismus war unmöglich geworden. Der Pädagoge Theodor Wilhelm bot das Modell der „Partnerschaftserziehung“. Durch menschlichen Umgang im Alltag solle gelernt werden, wie man politische Probleme löst, etwa durch Fairness, die im Sport geübt werden kann. Kritiker wie Theodor Litt betonten dagegen, dass es in der Politik um Macht und Kampf gehe.
Von 1960ern bis zum Beutelsbacher Konsens Seit den 1960er Jahren griff auch die Politikwissenschaft das Thema auf, seither entwickelte sich die Politikdidaktik in verschiedene ideologische Richtungen. Die „Gründungsväter“ der Disziplin wie Wolfgang Hilligen, Kurt Gerhard Fischer und Hermann Giesecke orientierten sich in Bezug auf ihre didaktischen Konzeptionen vor allem an der politischen Realität, das Marburger SDS-Mitglied Rolf Schmiederer wollte die Lernenden gesellschaftlich aufklären, ihre „objektiven Interessen“ erkennen lassen und zur Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse befähigen. Der Mainzer Fachleiter Bernhard Sutor richtete dagegen den Fokus auf konkrete Lerninhalte und deren Benennung. Die didaktischen Konzeptionen der Zeit waren stark normativ geprägt. Im Zuge einer durch die 68er-Bewegung angestoßenen politischen Polarisierung verschärften sich die Auseinandersetzungen (Hessische Rahmenrichtlinien für Gesellschaftskunde) auch in der Disziplin, zu deren Abbau allerdings der Beutelsbacher Konsens 1976 beitrug.
Ab 1980 Mit der hohen Lehrerarbeitslosigkeit und dem damit einhergehenden Rückgang der Studierendenzahlen an den Hochschulen geriet auch die Politikdidaktik als Disziplin in eine Krise. Auch die Politikwissenschaft entkoppelte sich zunehmend von der politischen Bildung. Die Phase von 1980 bis 2000 wurde aber auch als „Phase der Pluralisierung“ bezeichnet, da sich eine Vielzahl von neuen Unterrichtsmethoden und -ansätzen entwickelte; zeitgleich setzte sich auch in der Politikdidaktik eine „empirische Wende“ durch. Auch die deutsche Wiedervereinigung stellte einen wichtigen Impuls für die Politikdidaktik dar und trug zu deren institutioneller Stabilisierung bei. Mit der PISA-Debatte, die den politischen Unterricht überhaupt nicht im Fokus hatte, kam ein neuer Impuls. Durch die Klieme-Expertise angestoßen, begann ab 2003 im Fach zudem die Debatte um Kompetenzen.
Die Politikdidaktik ist heute an deutschen Hochschulen durch ca. 40 Lehrstühle in der Lehrerbildung für die politische Bildung an den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen vertreten. Es gibt mehrere Verbände: die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE), die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung (DVPB).Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung Außerdem hat die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) eine Sektion Politikwissenschaft und Politische Bildung.
In Österreich, wo es politische Bildung nur an Berufsschulen als eigenes Fach gibt, ansonsten häufig als Fächerkombination mit Geschichte und als allgemeines Unterrichtsprinzip, ist die Disziplin akademisch kaum vertreten. Im Jahr 2017 wurde jedoch an der Universität Salzburg eine Universitätsprofessur für Geschichts- und Politikdidaktik eingerichtet, Lehrstuhlinhaber ist Christoph Kühberger, und an der Universität Wien der Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung eingerichtet, Lehrstuhlinhaber ist Dirk Lange. Die Österreichische Gesellschaft für Politikwissenschaft hat eine eigene Sektion Politikdidaktik. Daneben kümmert sich auch die politikdidaktisch ausgerichtete Interessengemeinschaft für Politische Bildung (IGPB) in Österreich, um eine Weiterentwicklung der Disziplin.
Die Schweizerische Vereinigung für politische Wissenschaft hat keine politikdidaktische Sektion.
Aktuelle Strömungen Grundsätzlich stehen sich die Vertreter einer stärker an der Lernpsychologie orientierten Kompetenzorientierung (Peter Massing u. a.) und die Vertreter einer stärker pädagogisch an politischen Einstellungen orientierten politischen BildungAutorengruppe Fachdidaktik (Hrsg.): Konzepte der politischen Bildung: Eine Streitschrift. Wochenschau, Schwalbach 2011, ISBN 978-3-89974-722-5. (Gerhard Himmelmann, Anne Sliwka) gegenüber. (PDF; 71 kB) Umstritten ist besonders die Stellung politischen Wissens. Beide Richtungen haben je eigene Kompetenzmodelle und Basiskonzepte formuliert: Das Modell des Fachwissens erschien 2010. Weitergeführt wurde es durch das Modell Politikkompetenz von Joachim Detjen u. a. (2012), das die vier Kompetenzdimensionen Fachwissen, Politische Urteilsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit, Politische Einstellung und Motivation ausdifferenziert. Teil des Modells ist das Wissensmodell „Konzepte der Politik“ (Georg Weißeno u. a. 2010). Die 30 Fachkonzepte werden mit einem Grundwortschatz von 268 Begriffen weiter präzisiert, der das schulisch Relevante strukturieren und fokussieren will.
Eine andere Gruppe um Wolfgang Sander hat ein Modell mit dem Titel „Konzepte der politischen Bildung“ mit dem Anspruch vorgelegt, sich nicht nur auf die Politikwissenschaft zu richten, sondern einen „multiperspektivischen sozialwissenschaftlichen Zugriff auf das Phänomen des Politischen“ zu repräsentieren (Autorengruppe Fachdidaktik 2011, S. 163). Den drei Basiskonzepten „Ordnung“, „Entscheidung“ und „Gemeinwohl“ aus dem Modell „Konzepte der Politik“ stellen sie sechs Basiskonzepte gegenüber: „System“, „Wandel“, „Macht“, „Grundorientierungen“, „Akteure“ und „Bedürfnisse“. Umstritten war zum „konzeptuellen Deutungslernen“ die Frage nach dem Erlernen von Begriffen.
Monika Oberle will Schüler im Unterricht ermöglichen, „die wissenschaftlichen Konzepte kennenzulernen und sie in die Alltagsvorstellungen zu integrieren, um so die Welt besser zu verstehen und sich auch mit anderen entsprechend differenziert austauschen zu können“. Dagegen sieht Tilman Grammes die primäre Aufgabe des Unterrichts darin, „auf der Ebene von Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen überhaupt erst mal eine Erweiterung von Umgangserfahrungen zu machen“ und Jugendlichen dafür den Kontakt mit Politikern zu ermöglichen.
Internationale Entsprechungen Der Begriff der schulischen politischen Bildung ist kaum einheitlich in die europäischen Fremdsprachen zu übersetzen: Es gibt englisch political oder civic education (civics), französisch die éducation civique, italienisch die educazione civica, spanisch die formación cívica, niederländisch burgerschapsonderwijs (Bürgerschaftsunterweisung). Nur in Deutschland ist sie ein obligatorisches eigenes Unterrichtsfach. Daher gibt es international kaum eine institutionalisierte Politikdidaktik wie im deutschen Raum. (Sander 2014)
Literatur Georg Weißeno, Béatrice Ziegler (Hrsg.): Handbuch Geschichts- und Politikdidaktik. Springer, Wiesbaden 2022. doi:10.1007/978-3-658-29668-1 Dirk Lange, Volker Reinhardt (Hrsg.): Basiswissen Politische Bildung. Handbuch für den sozialwissenschaftlichen Unterricht, 2 Bände, Schneider Verlag Hohengehren, 2. Aufl., Baltmannsweiler 2021 Joachim Detjen, Peter Massing, Dagmar Richter, Georg Weißeno: Politikkompetenz – ein Modell, Wiesbaden, 2012, (). Georg Weißeno, Joachim Detjen, Ingo Juchler, Peter Massing, Dagmar Richter: Konzepte der Politik – ein Kompetenzmodell. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010. doi:10.25656/01:12009 (fachportal-paedagogik.de, Volltext in der FIS Bildung Literaturdatenbank) Wolfgang Sander (Hrsg.): Handbuch Politische Bildung. 4. Auflage. Wochenschau, Schwalbach/Ts. 2014, ISBN 978-3-89974-852-9 (zugleich Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung. Band 1420). Georg Weißeno: Konstruktion einer politikdidaktischen Theorie. In: G. Weißeno, C. Schelle (Hrsg.): Empirische Forschung in gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktiken. Springer, Wiesbaden 2015, S. 3–20 (). Sabine Manzel, Georg Weißeno: Politikunterricht kompetenzorientiert planen. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer 2024, ().
Weblinks DVPW Politische Wissenschaft und Politische Bildung Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung Deutsche Vereinigung für Politische Bildung IGPB Interessengemeinschaft für Politische Bildung (Österreich)
Einzelnachweise
Kategorie:Didaktisches Fachgebiet Kategorie:Politikwissenschaft