Medea ist ein Film des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini mit Maria Callas in der Hauptrolle. Er entstand 1969 und ist eine freie Bearbeitung eines altgriechischen Mythos. Die Handlung beruht auf der literarischen Vorlage des Euripides aus dem Jahre 431 v. Chr.

In Medea inszeniert Pasolini unter Verwendung von Motiven des Medea-Mythos und der Argonautensage in beeindruckenden Bildern das Aufeinandertreffen zweier Kulturen. Die Unvereinbarkeit dieser Kulturen lässt die Beziehung der beiden Hauptfiguren, des pragmatisch rationalistischen Griechen Jason und der archaisch animistischen Priesterin Medea, in einer blutigen Tragödie enden.

Angelegt als Kritik an den westlichen Konsumgesellschaften mit ihrer Massenkultur, versucht sich der Film durch eine fragmentierte Erzählstruktur und seine eigenwillige Filmsprache der leichten Konsumierbarkeit zu entziehen. Von der Filmkritik, wenn auch mit Vorbehalten, überwiegend positiv aufgenommen, hatte er an den Kinokassen jedoch nur wenig Erfolg.

Inhalt Der Film beginnt mit einem Prolog: Der Königssohn Jason wird vom Zentauren Cheiron aufgezogen, der ihm in einem knapp zehnminütigen Monolog ein mythologisches Weltbild vermittelt, in dem alle Dinge beseelt und von Bedeutung durchdrungen sind. Ist Jason zu Beginn dieses Monologes noch ein kleines Kind, so erscheint er an dessen Ende bereits als junger Mann. Auch Cheiron hat sich gewandelt, er ist kein Zentaur mehr, und er berichtet nun von dieser Welt als einer vergangenen Welt, die ihr mythisches Wesen längst verloren hat. Der Zentaur eröffnet Jason schließlich, dass er aufgrund seiner Herkunft ein Anrecht auf den Thron des Pelias in Iolkos hat, dass dieser dafür aber im Gegenzug das Goldene Vlies der Kolcher verlangen wird.

Der folgende Teil des Filmes zeigt in 15 Minuten wie in einer ethnographischen Reportage fast ohne jeden Dialog die mythisch-religiös geprägte Welt der Kolcher, in der Medea, die Tochter des Königs Aietes von Kolchis, als Hohepriesterin lebt. Die Sequenz gipfelt in einem detailliert geschilderten Fruchtbarkeitsritual, bei dem ein junger Mann getötet, zerstückelt und sein Körper von den anderen Stammesmitgliedern auf die Felder ausgebracht wird, um die Ernte zu sichern.

In diese archaische barbarische Welt brechen nun die Griechen ein, um das von den Kolchern kultisch verehrte Vlies zu stehlen. Als Jason und Medea sich begegnen, verfällt sie ihm und hilft ihm, das heilige Widderfell zu rauben. Auf der Flucht vor den Verfolgern tötet und zerhackt sie ihren Bruder und wirft ihn in Teilen aus dem Wagen. Das Einsammeln der Leichenteile durch die Kolcher verschafft den Griechen den Vorsprung, durch den sie zu ihren Schiffen entkommen können. Medea fährt mit ihnen, doch schnell bemerkt sie, dass sie für ihre Liebe zu Jason nicht nur die Heimat, sondern auch ihren Glauben geopfert hat. In der Welt der Griechen sind all ihre Kenntnisse als Priesterin ohne Bedeutung, die beseelte Welt der Kolcher entzieht sich ihr. Jason bringt Pelias das Goldene Vlies, doch dieser verweigert ihm den Thron. Jason zeigt jedoch kein Interesse mehr an Iolkos und verzichtet. Er entlässt die Gefährten und geht mit Medea nach Korinth.

Es sind Jahre vergangen, als Jason in Korinth den Zentauren wiedertrifft, der ihm jedoch in zweifacher Gestalt begegnet, als Mann und als Zentaur: , erklärt der menschliche Zentaur,

Doch Jason hat Medea bereits verlassen und sich entschieden, Kreusa, die Tochter des Königs Kreon von Korinth, zu heiraten. Medea lebt mit den gemeinsamen Kindern vor den Toren der Stadt, denn die Korinther sehen in ihr noch immer eine gefährliche Zauberin. Als ihr klar wird, dass sie trotz aller Anpassung als Fremde wohl niemals akzeptiert werden wird, wendet sie sich wieder ihrem Glauben zu und findet erneut Zugang zu ihrer alten, mythischen Welt. In einer Vision nimmt sie Rache an Kreusa und tötet sie mit einem brennenden Gewand, das sie ihr zur Hochzeit schenken will.Der Arbeitstitel des Films war Visioni di Medea, zu einigen in der Endfassung Medeas geschnittenen Visionen vgl.: Roberto Chiesi: Das träumende Ich. Das Motiv der Vision im Werk Pasolinis. In: Bernhart Schwenk, Michael Semff (Hrsg.): Pasolini und der Tod. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2005, S. 83–106, zu Medea vgl. S. 101–103 (Publikation zur Ausstellung in der Pinakothek der Moderne, 17. November 2005–5. Februar 2006). Auch Pasolini selbst spricht im Interview davon, er (Der Traum des Zentaur. 2002, S. 132). Doch noch vor der geplanten Hochzeit verbannt Kreon Medea und ihre Kinder, denn ihre Anwesenheit belastet Kreusa schwer und gefährdet die Verbindung mit Jason. Jetzt sieht Medea keinen Ausweg mehr: Sie schickt Kreusa nun wirklich das Hochzeitskleid. Kreusa erträgt angesichts des Geschenkes ihre Zweifel nicht mehr und stürzt sich in den Tod. Daraufhin begeht auch der König Selbstmord. Medea hingegen ruft ihre Kinder zu sich und tötet sie in einem fast zärtlich zu nennenden Akt. Anschließend setzt sie ihr Haus in Flammen. Vom Dach des brennenden Hauses schleudert sie Jason ihre Verzweiflung entgegen. Mit ihrem Schrei endet der Film.

Produktion und Veröffentlichung mini|Die Zitadelle von Aleppo ist Pasolinis Korinth Medea wurde zwischen Mai und August 1969 in den Cinecittà-Studios (Rom) und in der Türkei (Kappadokien), Syrien (Aleppo und Umgebung) und Italien (Laguna di Grado; Lido Marechiaro, Anzio; Piazza dei Miracoli, Pisa; Chia bei Viterbo) gedreht. Pier Paolo Pasolini führte Regie und schrieb auch das Drehbuch, für die Kameraführung war Ennio Guarnieri verantwortlich, für den Schnitt Nino Baragli, die Musikauswahl besorgten Pasolini und Elsa Morante. Produziert wurde der Film von Franco Rossellini und Marina Cicogna für die Unternehmen San Marco (Rom), Les Films Number One (Paris) und Janus Film und Fernsehen (Frankfurt am Main).zu den Produktionsdetails vgl.: Deutsche Kinemathek: Pier Paolo Pasolini. Dokumente. 1994, S. 135 (erstellt nach: 1991, Hrsg. Laura Betti und Michele Gulinucci für den Fondo Pier Paolo Pasolini, der seit 1983 das Pasolini-Archiv betreute, 2003 ging das Archiv an die Cineteca di Bologna.) Die Informationen finden sich (neben zwei längeren Kritikauszügen) zu weiten Teilen auch in: Filmmuseum Berlin – Deutsche Kinemathek (Hrsg.): FilmHeft 9: Schauplätze, Drehorte, Spielräume. Production Design + Film. Berlin 2005, S. 41–42.

Am 27. Dezember 1969 fand die Weltpremiere des Films in Mailand statt. Einen Monat später wurde er mit einer Galapremiere in der Pariser Grand Opéra der internationalen Öffentlichkeit vorgestellt.Medea bei filmportal.de. Die Gala war ein gesellschaftliches Ereignis und fand in Anwesenheit der Präsidentengattin Madame Pompidou, etlicher Botschafter und zahlreicher Prominenter aus Kultur und Gesellschaft statt. Die Reaktionen auf den Film waren jedoch verhalten: .Arianna Stassinopoulos: Die Callas. Hoffmann und Campe, Hamburg 1980, S. 334; vgl. auch Barth David Schwartz: Pasolini Requiem. Pantheon Books, New York 1992, S. 563. Weitere Premieren folgten in Japan (1970), den USA (1971) und Finnland (1972). In der Bundesrepublik wurde der Film erstmals am 17. April 1972 im Fernsehen (ARD, 22:50)Münchner Merkur: Mit Maria Callas in einer barbarischen Welt. (17. April 1971). gezeigt; erst im Oktober 1979, mit fast zehnjähriger Verspätung, gelangte er in die Kinos. Am 2. Januar 1988 war die Premiere im Fernsehen der DDR (DFF 2) und am 14. November 2000 erschien der Film auf Video.

Medea war Pasolinis Film mit dem größten Budget,Spila: Pasolini. 2002, S. 90. hatte aber in seiner kompromisslosen Konzeption nur sehr bescheidenen wirtschaftlichen Erfolg. In den ersten fünf Jahren spielte der Film in Italien mit knapp 30 Millionen Lire nur einen Bruchteil der über 915 Millionen Lire ein, die Pasolinis bis dahin in dieser Hinsicht erfolgreichster Film Teorema (1968) im gleichen Zeitraum an den Kinokassen erzielte. Selbst sein Debütfilm Accattone (1961) hatte mit etwa 390 Millionen Lire ein Vielfaches erbracht.Deutsche Kinemathek: Pier Paolo Pasolini. Dokumente. 1994, S. 135, 111, 28.

Filmanalyse Literarischer Hintergrund Medea und die Argonautensage Der Film ist eine freie Bearbeitung der Tragödie Medea des Euripides, die sich aber darauf beschränkt, der Vorlage .Pasolini: Der Traum des Zentaur. 2002, S. 130. Zudem verwendet der Film in der ersten Hälfte, vergleichbar fragmentarisch, Motive der Argonautensage, die die Vorgeschichte zu Medea erzählt; der Text des Euripides setzt erst in Korinth ein. Es fallen vor allem die erzählenden Elemente weg, so etwa alle Abenteuer der Argonauten, doch auch in der Geschichte von Jason und Medea entstehen Lücken, die das Verständnis der Handlung erschweren. Das Personal wird auf das Nötigste reduziert, die zahlreichen berühmten Helden der Argonautensage, unter ihnen Herakles und Orpheus, werden zu einem Haufen namenloser junger Abenteurer, fast alle anderen Nebenfiguren entfallen komplett.

Pasolini fokussiert den Film ganz auf die Begegnung von Jason und Medea, deren Beziehung aber nicht im eigentlichen Sinne erzählt wird, er nutzt diese Konstellation vielmehr als Rahmen und Hintergrund für das Aufeinanderprallen der völlig gegensätzlichen Kulturen der beiden Hauptfiguren:

Schon in der Besetzung spiegelt sich dieser Gegensatz wider, wenn Pasolini der großen Tragödin Maria Callas mit dem Laiendarsteller Giuseppe Gentile einen rationalen, erfolgsorientierten Leistungssportler an die Seite stellt. Gentile gewann 1968 für Italien bei den Olympischen Sommerspielen die Bronze-Medaille im Dreisprung.

Eliade, Frazer, Lévy-Bruhl Pasolini hat in Interviews stets betont, dass die Grundlage des Filmes nicht in erster Linie im Medea-Mythos zu sehen ist, sondern vor allem in theoretischen Texten von Mircea Eliade, James Frazer und Lucien Lévy-Bruhl zur Religionsgeschichte, Ethnologie und Anthropologie. Von der Filmkritik wurde dies zunächst nur am Rande zur Kenntnis genommen und, wenn überhaupt, nur als allgemeines intellektuelles Fundament des Films gesehen oder auf den ethnologischen Charakter der Sequenz in Kolchis bezogen. Spätere wissenschaftliche Analysen zeigen jedoch eine viel weitergehende Bedeutung dieser Texte bis hinein in Details der Bildsprache und der Ausstattung.vgl. Angela Oster: Moderne Mythographien und die Krise der Zivilisation. Pier Paolo Pasolinis Medea. 2006; Maurizio Viano: University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1993, S. 236–249; Stephen Snyder: Pasolini. 1980.

Die drei genannten Theoretiker beschäftigen sich, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ergebnissen, mit Fragen des Mythos und der Religion. Es geht dabei unter anderem um die Frage, ob es ein mythisches Denken gibt, in dem Logik, die Trennung von Subjekt und Objekt, konsistente Zeit und Raum und Kausalität nur eine untergeordnete Rolle spielen. Zudem wird untersucht, in welchem Verhältnis dieses mythische Denken zum logischen Denken stehen könnte: sind es zwei völlig unabhängige Arten des menschlichen Erkennens, ist das mythische Denkmodell eine Vorform des logischen Denkens oder handelt es sich um zwei gleichberechtigte Varianten, die in unterschiedlichen Gesellschaften nur unterschiedlich stark ausgeprägt sind? Pasolini bezieht mit Worten des Zentauren Stellung: