Die Metapsychologie (von altgr. meta „über, hinter, 'jenseits'“) ist das Kernstück der psychoanalytischen Theorie Sigmund Freuds und stellt im Allgemeinen eine technische Ausarbeitung seines Strukturmodells der Psyche dar, das den Organismus in drei seelische Instanzen untergliedert: das Es gilt als der Keim, aus dem sich das Ich und das ÜberIch entfalten. Angetrieben aus einer Energie, die Freud in direktem Bezug zum platonischen Eros als LibidoSigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, 5. Auflage. Bd. 13, Frankfurt am Main 1967, S. 71–161, hier: 99. bezeichnete – im Sinne eines universalen, kreativ werdenden Begehrens oder Verlangens –, ergänzen sie sich durch ihre spezifischen Funktionen auf ähnliche Weise wie die Organe eines Organismus oder Teile z. B. eines Mikroskops.Sigmund Freud: Abriß der Psychoanalyse. (1938) Fischer Bücherei, Frankfurt 1964, S. 6

Im Speziellen bezeichnet Metapsychologie „eine Weise der Betrachtung, in der jeder seelische Vorgang nach den drei Koordinaten der Dynamik, Topik und Ökonomie gewürdigt wird“.Sigmund Freud: Selbstdarstellung. In Gesammelte Werke. Bd. 14, S. 85. Topik bezieht sich auf die räumliche Anordnung dieser Vorgänge, Dynamik auf ihre Bewegungen (Veränderlichkeit, auch in der Zeit) und Ökonomie auf das spätestens durch die äußere Quelle der Ernährung wieder aufzufüllende Reservoir der Energie (Libido). Diese Vorgehensweise, erörtert in Begriffen, deren abstrakte Bedeutung sich ebenfalls für die moderne Physik als unverzichtbar erwies, veranlasste Freud zu der Aussage, dass ihre einheitliche Darstellung es ermöglichen werde, das höchste Ziel der Psychologie erreichen, und zwar den Entwurf eines umfassend fundierten Modells der Gesundheit. Solch eine Vorstellung ist für das diagnostische Verfahren entscheidend, weil Erkrankungen – deren Behandlung und Prävention im Fokus aller ärztlichen Tätigkeit steht – erst im Kontrast oder als Abweichungen vom Zustand der Gesundheit zu erkennen sind. Biologische Phänomene bilden die empirische Basis der Metapsychologie. Die alle seelischen Prozesse durch ihr innewohnendes Begehren antreibende Energie stellt in gewissem Sinne eine teleologische These dar.

Diesen zentralen Teil seines Werkes hinterließ Freud künftigen Analytikern in einem unfertigen Zustand, da – wie er konstatierte – die zur Vollendung der Metapsychologie erforderlichen Wissensgebiete in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. noch kaum entwickelten waren bzw. nicht existierten.Sigmund Freud: Das Unbewußte. In: Zeitschrift für Psychoanalyse, 1915, Band III. Zu ihnen zählen vor allem die ethologische Primatenforschung sowie deren Ergänzung durch die Anthropologie, eher untergeordnet hingegen Genetik und Neurologie. Erkenntnisse aus ersteren beiden Gebieten erachtet Freud als notwendig sowohl für die Unterscheidung etwa der sexuellen von den sozial und geistig angelegten unter den Es-Bedürfnissen (s. Massenpsychologie; instinktive Gemeinschaftsbildung; bewusst errichtete politische Superstrukturen; Gründung von Systemen des Glaubens und Wissen), als auch für die Prüfung der von Darwin postulierten Urhorde, einschl. ihrer Abschaffung mittels Einführung der Monogamie (s. Totem und Tabu). Der Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung ist also ein metapsychologischer und in diesem Sinne maßgeblich für den psychoanalytischen Begriff der Gesundheit, den Freud in bestimmter Weise von dem der Physiologie differenziert.

Begriffsbildung Erstmals gebraucht Freud den Begriff Metapsychologie 1896 und 1898 in Briefen an seinen Freund Wilhelm Fließ.Sigmund Freud: Briefe an Wilhelm Fließ. Briefe vom 13. Februar 1896, 2. April 1896 und 10. März 1898. Die drei später unter ihm zusammengefassten Koordinaten hat er zuerst an den sozial-pathologischen Phänomenen des Widerstandes und der Übertragungsneurosen (Phobie, Konversionshysterie und Zwangsneurose) erörtert. Im Folgenden eine detailliertere Beschreibung.

mini|hochkant=1.5|Neuronales Netzwerk, gezeichnet von Sigmund Freud im Jahre 1895. Eingehende Nervenimpulse (siehe Pfeil) veranschaulichen die Dynamik, indem sie sich in topisch / räumlich getrennten Neuronen fortsetzen (vgl. Projektion). Unter Miteinbeziehung der Ökonomie ergibt sich daraus das neuronale Netzwerk unseres Gehirns, bzw. des gesamten Organismus (mit dem es u. a. hormonell- kommunikativ verbunden ist). Parallel repräsentiert der Gesamtorganismus die drei interagierenden Instanzen.

Dynamik

Dynamik untersucht die Bewegung der biologischen Energie, die in und zwischen den drei seelischen Instanzen Ich, Es, Über-Ich wirkt. Die Energie selbst nannte Freud Libido, so ist es ihr immanentes Begehren, das die verschiedenen Funktionen und Inhalte der Seele aktiviert. Ihr Fundament, das Freud durch die Prinzipien und Phänomene der Evolutionsforschung zu klären sucht, gilt ihm als Sitz einer Reihe angeborener Bedürfnisse. Zusammengefasst in der Instanz des Es, setzte Freud dieses annähernd mit dem Unbewussten gleich, das Ich mit dem Bewusstsein und das Über-Ich mit dem Vorbewussten. Wird eines der Es-Bedürfnisse bewusst, spricht die Psychoanalyse von seiner libidonösen Besetzung (entsprechender Vorstellungen mit jener Energie), zugleich erfolgt der Wechsel von der Es- in die Ich-Instanz: das Lebewesen spürt ein Verlangen nach Nahrungsaufnahme, Wissbegierde, sozialer Interaktion oder Lustaustausch. Umgekehrt verhält es sich bei der sog.Verdrängung. Zur Initiation dieses Vorganges wehrt das Ich eines der Es-Bedürfnisse ab (meist aus Anlass einer traumatischen Erfahrung, ins ‚vorbewusste‘ Über-Ich verinnerlichten Strafdrohung); dadurch verlagert es sich vom System Bewusst zurück in das System Unbewusst.

Die Verdrängung eines Es-Bedürfnisses bedingt seine chronische Frustration und wird daher oft zur Ursache eines seelischen Leidens. Lust, im Gegensatz zur pathologischen Frustration, definiert Freud als Entspannung einer zuvor aufgebauten Unlust-Spannung; der Wechsel zwischen beiden Extremen stellt eine grundlegende Äußerungen derselben Libido-Energie dar. Durch diese Art der Betrachtung der triebenergetischen Dynamik führte Freud das Kriterium der Ökonomie in die Metapsychologie ein. Darüber hinaus verkörpert die libidinöse An- und Entspannung das sog. Lustprinzip, das Freud im Es verankert und durch die Fähigkeit des Ichs ergänzt, diese Dynamik in Anpassung an die Umgebung bewusst zu lenken (s. Realitätsprinzip). Die Notwendigkeit hierfür ergibt sich aus der regelmäßig lebensfeindlich beschaffenen Umwelt auf diesem Planeten (s. Darwin’scher Kampf um das Dasein). Dieser Sachverhalt – von dem die versorgende Mutter ihr Baby bis auf Weiteres abschirmt – erzwingt laut Freud nach und nach die Herausbildung des Ichs und damit das Vermögen, die Faktoren der sinnlich wahrgenommenen Umwelt bewusst in geeignete und ungeeignete zu unterscheiden. Je nach Ergebnis dieser als Denken bezeichneten Aktivität werden die Es-Triebe entweder auf einen besser geeigneten Zeitpunkt 'verschoben', oder aber ihrer Befriedigung direkt zugeführt. Beides leistet das Ich, da ihm schließlich auch die willentliche Steuerung des muskulären Apparates obliegt – etwa indem es den Gesamtorganismus zur Flucht vor einer Gefahr bewegt, in einen reifen Apfel beißen oder eine noch unbekannte Umgebung vorsichtig erkunden lässt. Auf diesem Wege macht – wie man sagt – das Lebewesen seine Erfahrungen, für deren neurosynaptische Verinnerlichung (Lern- und Prägungsvorgang) das Über-Ich zuständig ist, dem Ich seine künftige Versuche der Bedürfnisbefriedigung erleichternd.

Der Unterschied zum Vorgang der Verdrängung (s. o.) besteht dann darin, dass einem Ich, dem das Realitäts-Prinzip einwandfrei zu verwirklichen gelingt, die Es-Triebe jederzeit bewusst und zugänglich blieben. Dieser auch so genannte „Primat des Intellekts“ lenkt die Instinkte des Es in einem letztlich gemeinsamen Interesse (s. a. Reiter-Pferd-Gleichnis), so reagiert das gesunde Ich entgegenkommend auf die animalischen Anteile der menschlichen Seele.

Diese Verbindung zwischen Es und Ich nach Möglichkeit wieder herzustellen, sofern es infolge traumatisch geprägter Inhalte des Über-Ich zu einer pathogenen Abwehr und Verdrängung kam, ist das eigentliche Ansinnen der psychoanalytischen Therapie. Die Diagnose geht dieser methodologisch voran, und die Metapsychologie stellt die dafür notwendigen Begriffe zur Verfügung, indem sie sie definiert, erörtert und miteinander abstimmt.

Topik

Topik umschreibt die von der Psychoanalyse prinzipiell geforderte Lokalisierbarkeit seelischer Vorgänge innerhalb des Organismus, d. h. die Beziehung von Psyche und Physis, 'Geist und Körper'. Gemeint ist damit jedoch eher die systematische Lokalisierbarkeit für jede der seelischen Instanzen spezifische Funktion (einschl. ihres Ineinandergreifens), als auch der Zusammenhang mit den verschiedenen Abteilungen (Organen) des zentralen Nervensystems. Die Repräsentation seelischer Prozesse durch die Verhältnisse der Anatomie blieb für Freud indes vorwiegend hypothetisch, da die zeitgenössische Neurologie nicht genügend entwickelt war, diesen Sinnes eindeutige Befunde zu erbringen. Sie wird jedoch ausdrücklich vorausgesetzt, indem der Autor von einem psychischen Apparat spricht, dem „räumliche Ausdehnung und Zusammensetzung aus mehreren Stücken“ zuzuschreiben und dessen „Schauplatz … das Gehirn (Nervensystem)“ sei.Sigmund Freud: Abriß der Psychoanalyse. (1938) Fischer Bücherei, Frankfurt 1964, S. 6 Zur Verdeutlichung der Verschiedenheit, aber auch der Gemeinsamkeit dessen, was die Begriffe bezeichnen, hebt Freud weiterhin hervor, dass die seelische Topik (nur) vorläufig nichts mit der anatomischen zu tun habe. Erstere beziehe „sich auf Regionen des seelischen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen und nicht auf anatomische Örtlichkeiten“.Sigmund Freud: Das Unbewußte. In: Zeitschrift für Psychoanalyse, 1915, Band III, S. 15. Freud verwendet daher konsequenterweise auch den Begriff Instanzen, um die Verwechslung mit den anatomischen Örtlichkeiten zu vermeiden.Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München 3. Auflage 1984: Dem Begriff der Instanz wohnt auch eher der Charakter der Funktion inne, als dem der Topik, möge solche Örtlichkeit seelisch gemeint sein, oder bezogen auf das Gebiet der organischen Anatomie. Freud: „Die funktionale* Annahme hat hier die topische mit leichter Mühe aus dem Felde geschlagen.“ (Funktion in diesem Zusammenhang: Das, was beispielsweise die Ich-Instanz wesentlich leistet oder tut: wahrnehmen; bewusst denken; Einsicht gewinnen; Entscheidungen treffen, im Sinne der Es-eigenen Bedürfnisse).Sigmund Freud: Das Unbewußte. In: Zeitschrift für Psychoanalyse, 1915, Band III, S. 20.

Biologische Konzeption der Seele