mini|Sammy Gronemann (um 1930) Sammy Gronemann (geb. 21. März 1875 in Strasburg, Westpreußen; gest. 6. März 1952 in Tel Aviv) war ein jüdischer deutscher und später israelischer Schriftsteller, Journalist und Rechtsanwalt sowie zionistischer Aktivist. Seine Verwechslungskomödie Der Weise und der Narr von 1942 wurde zum erfolgreichsten Stück des israelischen Theaters.Dan Laor, "When Sammy Gronemann Met Nathan Alterman: The Story of Israel’s Most Successful Comedy" Naharaim 18, no. 1 (2024): 67-86, doi:10.1515/naha-2024-0014

Leben 1875–1933 Sammy Gronemann wurde 1875 als Sohn der aus Russland stammenden Helene Breslau und des Rabbiners Selig Gronemann (1843–1918) im westpreußischen Strasburg (heute Brodnica, Polen) geboren. Sein Vater gehörte der Neo-Orthodoxie an und hatte im Rabbinerseminar in Breslau bei Zacharias Frankel und Heinrich Graetz studiert. 1897 distanzierte er sich vom Protest deutscher Rabbiner gegen den ersten Zionistenkongress.Vgl. Theodor Herzl: Protestrabbiner. In: Die Welt 7. S. 1–2. 16. Juli 1897, abgerufen am 10. Mai 2023.

Den größten Teil seiner Kindheit und Schulzeit verbrachte Sammy Gronemann in Hannover. Er besuchte das Hannoveraner Lyzeum II.Peter Schulze: Gronemann … (siehe Literatur)Das Lyzeum II in Hannover wurde erst 1912 in Goethegymnasium umbenannt; siehe Dieter Brosius: Goethegymnasium, in: Hannover Chronik, S. 133, 148; online über Google-Bücher. Einer seiner Mitschüler war Börries Freiherr von Münchhausen, der ihn u. a. zu der Figur des Christian in seinem Drama Jakob und Christian (1937) inspirierte. Dem Abitur folgte 1894 ein Jahr an der Halberstädter Klaussynagoge, einem Zentrum der Neo-Orthodoxie. Im folgenden Jahr setzte er seine Studien am Rabbinerseminar von Esriel Hildesheimer in Berlin fort, das er bald darauf abbrach, um ein Studium der Rechtswissenschaften in Berlin zu beginnen, das er 1898 abschloss.Hanni Mittelmann: Sammy Gronemann (1875–1952). Frankfurt/M. 2004, S. 10–24. Nach einem Referendariat am Amtsgericht Nienburg wurde er 1900 als Staatsanwalt nach Hannover versetzt.

Dort nahm Gronemann erstmals an einer zionistischen Tagung teil und gründete die zionistische Ortsgruppe Hannover, die er als Delegierter auf dem fünften Zionistenkongress vertrat. Fortan nahm er als Delegierter an allen zionistischen Kongressen teil, denen er von 1911 bis 1933 als Vorsitzender des von ihm begründeten zionistischen Ehrengerichts sowie zwischen 1921 und 1946 als oberster Richter des Kongressgerichts diente. Seit 1904 vertrat er als Rechtsanwalt unter anderem Theodor Herzl, Achad Ha'am, Arthur Schnitzler und Richard Beer-Hofmann. 1906 siedelte er nach Berlin über und spezialisierte sich in Familienrecht, internationalem Recht und Urheberrecht. 1910 war er Mitbegründer und bis 1933 Syndikus des Schutzverbands deutscher Schriftsteller.Ernst Fischer: Der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ 1909–1933. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 21 (1980), Sp. 1–666.

Im Alter von 14 Jahren unternahm Gronemann erste schriftstellerische Versuche, die er neben Studium und Arbeit fortsetzte: kurze Theaterstücke, Zeitungsartikel und Kurzgeschichten, die mit zionistischer Tendenz jüdische Selbstwahrnehmung thematisierten und gleichzeitig von einem charakteristischen Humor durchzogen sind, der sich dem Pathos der zionistischen Bewegung entzog, etwa in Ein Mordskerl (1904) und anderen Texten, u. a. für das zionistische Satireblatt Der Schlemiel.Schlemiel (Berlin, Germany : 1903).

Im Ersten Weltkrieg diente Gronemann nach einer Verletzung in der Presseabteilung vom Besatzungsgebiet Oberost (Białystok, Kowno, Wilna).Karol Sauerland: Sammy Gronemanns Sicht des Ostjudentums. In: Jens Stüben (Hrsg.): Ostpreußen – Westpreußen – Danzig. München 2007, S. 425–436. Er suchte den Kontakt mit der jüdischen Bevölkerung, lernte die Wilnaer Truppe kennen und entwickelte gemeinsam mit deutsch-jüdischen Intellektuellen wie Arnold Zweig und Herrmann Struck ein positives Bild der sogenannten Ostjuden. Tatkräftig setzte er sich auch im deutsch-jüdischen Komitee für den Osten sowie in Schiedsgerichten für jüdische Flüchtlinge aus dem östlichen Europa ein. Außerdem unterstützte und förderte er maßgeblich die jiddische Wilnaer Truppe und das hebräische Habima-Theater in Białystok.Shelly Zer-Zion, Jan Kühne: The German Archive of the Hebrew Habima: Bureaucracy and Identity. In: Naharaim 7 (2013), S. 239–60. Er gründete 1921 den Jüdischen Theaterverein Berlin, den er bis zu seiner Auflösung leitete.

Als die Weltwirtschaftskrise ab 1929 seine Anwaltstätigkeit in Mitleidenschaft zog, hoffte Gronemann angesichts des Erfolgs von Tohuwabohu, das 1930 bereits 16 Auflagen und zahlreiche Übersetzungen erlebt hatte, auf eine neue Karriere als freier Schriftsteller. Diese scheiterte mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Gronemann floh 1933 nach Paris, wo er sich der Flüchtlingshilfe und der Etablierung zionistischer Verbände widmete. Von dort immigrierte er mit seiner Frau 1936 nach Palästina, wo er seinem Beruf als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen konnte und Friedensrichter wurde. Nach dem tragischen Unfalltod seiner Frau Sonja (geb. Gottesmann; 1877–1936) lebte er bei der Familie seiner Schwester Elfriede Bergel-Gronemann (1883–1958) und seines Schwagers Salo Bergel, der Eltern von Bernd Bergel. In Tel Aviv verfasste er seine Erinnerungen eines Optimisten,Sammy Gronemann: Erinnerungen eines Optimisten. In: Jedioth Chadashoth (23. Mai 1948 – 25. März 1949). deren erster Teil zuerst in Hebräisch als Erinnerungen eines Jeckes, also eines deutschsprachig-jüdischen Einwanderers, erschien.Sammy Gronemann (Übers. Dov Sadan): זכרונות של יקה [Erinnerungen eines Jecken]. Am Oved, Tel Aviv 1946. Sie stellen einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte des deutschen Zionismus dar. Zudem schrieb er sechs große Theaterstücke, darunter Der Weise und der Narr, das in der Übersetzung von Nathan Alterman unter dem Titel Shlomo ha-melekh we-Shalmai ha-sandlar (שלומה המלך ושלמי הסנדלר) zum bislang erfolgreichsten Drama der israelischen Bühne avancierte.Sammy Gronemann (Übers. Nathan Alterman): שלמה המלך ושלמי הסנדלר [König Salomo und Shalmai, der Schuster]. Moadim, Tel Aviv 1942. Siehe auch:Dorit Yerushalmi: The Utterance of Shoemaking. Cobblers on the Israeli Stage. In: Jews and Shoes. Hg. von Edna Nahshon. Berg, Oxford 2008, S. 181–94.Thomas Lewy (Übers. Sebastian Schirrmeister): Zwischen allen Bühnen. Die Jeckes und das hebräische Theater 1933–1948. Neofelis, Berlin 2016, S. 143. Es ist heute aber zumeist nur noch unter dem Namen seines Übersetzers bekannt, der Name des Verfassers verschwand aus dem kollektiven Bewusstsein.Jan Kühne: Die zionistische Komödie im Drama Sammy Gronemanns. Über Ursprünge und Eigenarten einer latenten Gattung. De Gruyter, Berlin/Boston 2019 (Conditio Judaica; 94), S. 65 f. Daneben schrieb Gronemann zahlreiche Einakter, Kurzgeschichten, Gedichte und Zeitungsartikel, die die Gesellschaft und Kultur des neuen Jischuw satirisch reflektierten, weiterhin auf Deutsch. Für ihn war die deutsche Sprache eine geistige Heimat und jüdische Kultursprache, die nicht hinter dem Hegemonialanspruch des Hebräischen zurückstehen sollte, der auch das Literatur- und Kulturleben der Jeckes bedrohte.Jan Kühne: Deutschsprachige jüdische Literatur in Mandats-Palästina/Israel (1933–2014). In: Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur. Hg. von Hans Otto Horch. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, S. 201–20.

1933–1952 Ende März 1933 floh Sammy Gronemann mit seiner Frau Sonja, mit der er seit 1902 verheiratet war, vor den Nationalsozialisten nach Paris und wanderte 1936 in das britische Mandatsgebiet Palästina aus. Er praktizierte dort als Anwalt und Vorsitzender eines Schiedsgerichts, führte einen deutschsprachigen Salon und verfasste einige Theaterstücke wie Jakob und Christian, Heinrich Heine und sein Onkel, Der Prozess um des Esels Schatten und Der Weise und der Narr, das bis heute auf israelischen Bühnen aufgeführt wird. In diesen Theaterstücken brachte er die Probleme der palästinensischen Gegenwart zur Sprache und griff nicht nur auf biblische Stoffe und Motive zurück, sondern auch auf die griechische Antike und setzte Themen der deutsch-jüdischen Bildungstradition fort. Einflussreich waren seine Erinnerungen eines Jeckes, die zu einer Aufwertung dieser pejorativ gebrauchten Bezeichnung für die deutschen Einwanderer in Israel führte. Gronemanns Memoiren wurden 2002 und 2004, erstmals im deutschen Original, in zwei Bänden veröffentlicht;Sammy Gronemann: Erinnerungen, Erinnerungen an meine Jahre in Berlin, siehe im Abschnitt „Werke (Auswahl)“. sie gelten als wichtige Quelle zur Geschichte des deutschen Zionismus. In seiner Funktion als Ehrenrichter leitete Gronemann von 1911 bis 1947 das Gericht des Zionistenkongresses und verkörperte das Gewissen der zionistischen Bewegung. Begraben wurde er auf dem Nahalat-Yitzhak-Friedhof in Givʿatajim.

Werk Der satirische Roman Tohuwabohu Mit tohu wa-vohu (wüst und wirr; Gen 1,2; Jer 4,23) wird in der hebräischen Bibel (Tanach) ein mythischer, unfertiger Urzustand der Erde zu Beginn der Schöpfungsgeschichte bezeichnet. Sammy Gronemann entlehnte dieses Wort im Titel seines 1920 geschriebenen Zeitromans Tohuwabohu, der satirisch die Beziehungen zwischen deutschen und osteuropäischen Juden in Berlin beschreibt. Seine Texte, die von einem scharfsinnigen und wohlwollenden Humor geprägt sind, widmete er der literarischen Genese eines modernen jüdischen Selbstbewusstseins. In Tel Aviv, wohin er 1936 aus dem Pariser Exil emigrierte, trugen seine in deutscher Sprache verfassten Dramen maßgeblich zur Entwicklung der zionistischen Komödie sowie des israelischen Theaters bei, in dem sie teils bis heute erfolgreich sind.

Der zwischen 1916 und 1920 teils an der Ostfront des Ersten Weltkrieges entstandene Roman Tohuwabohu verschränkt die gegenseitigen Ansichten deutscher und osteuropäischer Juden. Er thematisiert moderne Transformationen jüdischer Tradition, Fragen der Assimilation und Akkulturation wie auch die Gefahren des Antisemitismus. Den Unwägbarkeiten jüdischer Existenz in Ost und West stellt der Roman die Ausbildung eines neuen Schöpfungsstadiums entgegen. In diesem sollte ein neujüdisches, d. h. zionistisches Selbstbewusstsein entstehen, vermittels dessen innerjüdische Spaltungen überwunden und die Zukunft des jüdischen Volks in einer staatlichen Heimstätte in Palästina gesichert werden sollte.

Die Handlung des Romans beginnt im Frühjahr 1903 im fiktiven, bei Wilna gelegenen Ort Borytschew mit einer Diskussion zwischen dem gesetzestreuen Jossel Schlenker und der scharfsinnigen Chane Weinstein über die religiösen Bestimmungen zum Schabbat. Dabei erweist sich Jossels halachisch fundierte Argumentation Chanes Witz und Ironie gegenüber als unterlegen. In Folge verlieben sich Jossel und Chane, heiraten und ziehen nach Berlin, um im Universitätsstudium ihrem Freiheits- und Wissensdrang zu folgen sowie der beengenden Lebenswelt des östlichen Europa, nicht aber der jüdischen Tradition zu entfliehen. Anhand ihrer Erlebnisse zeichnet Gronemann ein ebenso schillerndes wie humorvolles Porträt jüdischen Lebens in Berlin, ein Kaleidoskop grotesker Verzerrungen der jüdischen Tradition infolge der Emanzipation – so ein striktes Festhalten an rigiden religiösen Vorschriften (Halacha) auf der einen und Abfall vom Judentum durch Assimilation und Konversion auf der anderen Seite. Das von Jossel verkörperte jüdische Leben im östlichen Europa wird dabei als natürliches Gleichmaß präsentiert, an dem die Lebensformen deutscher Juden gemessen werden.