mini|hochkant|Lambertiturm Die Lambertikirche in Aurich (Ostfriesland) ist die Gemeindekirche der evangelisch-lutherischen Lamberti-Kirchengemeinde. Das klassizistische Gotteshaus wurde in den Jahren 1833–1835 an der Stelle des 1826 abgebrochenen Vorgängerbaus aus dem 12. Jahrhundert errichtet. Dieser wurde zwischen 1270 und 1340 im Brokmerbrief erstmals erwähnt. Der Name der Kirche geht auf den Heiligen Lambertus zurück, dem der vorreformatorische Ursprungsbau gewidmet war.
Namensgebung In der ersten Hälfte des 12. Jh. wurden die Oldenburger Grafen von den sächsischen Herzögen mit der Verwaltung über die mittelostfriesischen Gebiete betraut. Nach der Konfrontation mit diesen, Flucht (1167) und Rückkehr aus ihrem Exil (1180/81) an Rhein und Maas stifteten die Oldenburger Grafen die Lambertkirchen in Oldenburg und Aurich. Die Kirchen waren dem heiligen Lambertus geweiht, der 672 Bischof von Maastricht wurde und 705(706) einen gewaltsamen Tod fand. Er wurde bald als Heiliger verehrt. Vermutlich führte Moritz I. seine Rückkehr nach Oldenburg auf das Wirken des Heiligen zurück und bedankte sich, indem er ihm zu Ehren die Kirchen in Aurich und Oldenburg stiftete.Hajo van Lengen in: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 25 f.
Baugeschichte mini|Eingang zur Lambertikirche Aurich Die Baugeschichte befasst sich mit zwei verschiedenen Bauwerken, dem mittelalterlichen Bau von etwa 1200 bis 1826 und dem klassizistischen Nachfolgebau von 1835 bis heute.
Gründung Die Ursprungssiedlung von Aurich lag im frühen 12. Jahrhundert an einem Wasserlauf auf dem Gelände des heutigen Piqueurhofs in der Nähe der heutigen Kirche. Sie war Teil der negen Loogen (= neun bäuerliche Siedlungen). Neben Aurich zählten Walle, Extum, Haxtum, Sandhorst, Wallinghausen, Egels, Popens und Kirchdorf zu diesen bäuerlichen Siedlungen auf der Auricher Geest. Kirchlich waren sie zunächst Kirchdorf (heute Stadtteil von Aurich) zugeordnet,Hajo van Lengen in: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 20 ff. wo die Pfarr- und Sendkirche stand. Von dieser sind keine schriftlichen Überlieferungen bekannt. Allerdings deuten Funde von menschlichen Knochen und der Standort der ehemaligen Schule in Kirchdorf neben dem Ortsnamen auf einen Friedhof sowie einen früheren Kirchenstandort hin. Diese Kirche war vermutlich aus Holz gebaut worden. Der Historiker Hajo van Lengen vermutet, dass das Fehlen von Urkunden über den Bau in Kirchdorf darauf zurückzuführen ist, dass die Kirche schon früh aufgegeben und von der neu erbauten Lambertikirche abgelöst wurde.
In der Ursprungssiedlung von Aurich dürfte auf dem südlich der heutigen Burgstraße und westlich der Hafenstraße gelegenen Flurstück Lüttje Karkhoff, auch Alter Kirchhof genannt, eine Holzkirche mit Friedhof gestanden haben. Dieser erste Kirchbau von Aurich war eine Filiale von Kirchdorf.Hajo van Lengen in: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 22 f.
Um das Jahr 1200 ließ der oldenburgische Graf (vermutlich Moritz (I.)) im Bereich eines ihm gehörigen Wirtschaftshofs an der Stelle der heutigen Lambertikirche den ersten steinernen Kirchenbau als Eigenkirche errichten und zur Sendkirche erheben. Sie löste sowohl die hölzerne Tauf- und Sendkirche in Aurich-Kirchdorf als auch die ebenfalls aus Holz gebaute Filialkirche in Aurich ab. In der Folge entwickelte sich die Lambertikirche zum kirchlichen Zentrum der Auricher Geest. Innerhalb der mittelalterlichen Kirchengründungen in Ostfriesland bildet die Lambertikirche eine Besonderheit. Als bis dato einzige Kirche unterstand sie damit dem Patronat einer adeligen Familie. Bei den anderen ostfriesischen Kirchen bestand ein Genossenschafts- oder Gemeindepatronat.Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft, Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0, S. 192.
Mittelalterlicher Bau (bis 1826) Die Baugeschichte der mittelalterlichen Lambertikirche lässt sich in sieben Bauphasen mit unterschiedlichen architektonischen Zuständen einteilen:Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 33.
Bauphase I: Errichtung als flachgedeckter Rechteckeinraum um 1200 Bauphase II: Einwölbung in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts Bauphase III: Anbau eines gewölbten Chores im 14. Jahrhundert Bauphase IV: Anbau eines südlichen Schiffes („Süderkirche“) 1498/99 Bauphase V: Einsturz der Gewölbe und Neuaufbau der Bögen im Jahr 1514 Bauphase VI: Anbau der Fürstengruft 1648/49 Bauphase VII: Abbruch 1826
Die um 1200 errichtete erste Kirche war ein romanischer, flachgedeckter Rechteckeinraum mit einer Länge von 33,80 Metern sowie einer Breite von 12,30 Metern. Dieser erste vollständige Steinbau auf der Auricher Geest stand auf einem Granitquadersockel. Die Außenmauern hatten eine Traufhöhe von etwa 9,5 Meter und waren der Überlieferung zufolge etwa 1,25 Meter dick. Sie waren im unteren Bereich bis zu einer Höhe von fast 6 Metern mit zwölf Blendarkaden geschmückt. Der Innenraum war demnach etwa 31,3 Meter lang und 9,8 Meter breit.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 34 ff. Er muss sehr dunkel gewesen sein, da der Bau wohl an jeder Langseite nur über je vier kleine rundbogige Fenster über den Blendarkaden sowie über mindestens ein, möglicherweise auch drei Fenster am Chorschluss im Ostgiebel verfügte.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum, Aurich 2010, S. 35.
In der 2. Hälfte des 13. Jhs. wurde ein Gewölbe mit drei Jochen eingezogen. Dabei wurden die vorhandenen Fenster teilweise von den Gewölbekonstruktionen und den sie tragenden Pfeilern verdeckt. Ihre Anzahl reduzierte sich auf drei je Langseite. Diese wurden wohl erst später vergrößert, um mehr Licht in das Innere des Bauwerks zu lassen. Möglicherweise wurde in dieser Bauphase für die Kirche auch ein aufwendiger gestaltetes Portal errichtet.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 35 f.
Im 14. Jahrhundert wurde an das östliche Ende ein Chor angebaut. Dazu wurde die Ostmauer mit einem Triumphbogen durchbrochen. Innen war die Erweiterung mit zwei Gewölbejochen versehen. Die gesamte Länge der Kirche betrug nun 48,50 Meter.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 36.
Mit dem Anwachsen der Bevölkerung reichte der Platz in der Kirche nicht mehr aus. Eine weitere Verlängerung des Bauwerks war wegen der Platzverhältnisse nicht möglich. So erhielt der Ursprungsbau 1498/99 in der Regierungszeit des ostfriesischen Grafen Edzard I. ein südliches Parallelschiff.Hinrich Schoolmann: Unsere liebe kleine Stadt – Ein Gang durch das alte Aurich. Verlag A.H.F. Dunkmann KG, Aurich ohne Jahr, ohne ISBN, S. 25 ff. Jedes dieser Schiffe erhielt ein eigenes Satteldach. Es war 34 Meter lang und 9,1 Meter breit. Das neue Schiff war mit einer Holzbalkendecke versehen. Die zwischen beiden Schiffen stehende Mauer wurde mit drei Bögen mit einer Spannweite von je 7,5 Metern versehen. Die sie tragenden ehemaligen Gewölbewandpfeiler mussten nun die gesamte Last der Gewölbe aufnehmen, was vermutlich zu ersten Schäden am Bauwerk führte.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 38.
In der Sächsischen Fehde zerstörte ein Brand im Jahr 1514 die Stadt Aurich und beschädigte die Kirche schwer. Brennende Teile des Daches fielen auf die Gewölbe und brachten diese zum Einsturz. Nach dem Wiederaufbau schlossen zwei neue Dachstühle und eine einfache Holzbalkendecke den Kirchenraum nach oben ab. Im Zuge der Bauarbeiten wurden die beiden Schiffen mit fünf Bögen miteinander verbunden. Die Kanzel hing fortan an einem der mittleren Pfeiler. Vermutlich wurden in dieser Bauphase auch die Fenster vergrößert und mit gotischen Bögen versehen.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 39.
Im Jahre 1561 verlegte das Grafen- und späteren Fürstengeschlechtes der Cirksena seine Residenz im Zuge zunehmender Konflikte mit der Seehafenstadt von Emden nach Aurich. Nach dem Tod Edzards II. verlegten die Cirksena auch ihre Familiengruft von der großen Kirche in Emden in den Chor der Lambertikirche. In einer letzten Umbauphase wurde nach dem Tod Ulrichs II. 1648/49 in die Südostecke neben dem Chor eine neue Grablege errichtet, die sog. Fürstengruft. Diese verlängerte das südliche auf die Länge des nördlichen Schiffs. Die Fürstengruft war zunächst wohl ein niedriger kapellenartiger Anbau, der erst später auf eine Höhe mit dem Chor gebracht wurde. Die Lambertikirche hatte fortan einen rechteckigen Grundriss, war 48,50 m lang und 21,40 Meter breit.
Im Laufe der Zeit hatte sich der Zustand der Kirche immer weiter verschlechtert. So berichtet der Baumeister Conrad Behrend Meier in einem Gutachten aus dem Jahre 1824 mit Verweis auf ältere Protokolle, dass die Kirche schon zur Fürstenzeit um 1720 in einem baufälligen Zustand befunden habe. An der Verbindungslinie der beiden Dächer sammelte sich das Regenwasser, das durch schadhafte Stellen nach unten lief und die Trennmauer zwischen beiden Schiffen beschädigte. Die Innenmauer neigte sich immer weiter und drohte umzukippen.Stefan Pötsch: Hier ist nichts anderes als Gottes Haus. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 49.
1819 musste ein Giebel des nördlichen Schiffs komplett neu aufgemauert werden, wobei die „völlige innere Auflösung dieser Mauer festgestellt“ wurde. Am 26. Januar 1823 musste die Kirche wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Die Gottesdienste der Gemeinde fanden danach vorläufig in der reformierten Kirche und in der Schlosskapelle statt. Untersuchungen von Sachverständigen kamen zu dem Ergebnis, dass eine Sanierung nicht vertretbar sei. 1826 erfolgte dann der vollständige Abbruch des über 600 Jahre alten Bauwerks.Tanno Ramm: Die Mittelalterliche Lambertikirche. In: 175 Jahre Lambertikirche in Aurich, 1835–2010, Festschrift zum Kirchenjubiläum. Aurich 2010, S. 40.
Klassizistischer Bau (ab 1835) mini|Die Lambertikirche von 1835. mini|Ansicht von der gegenüberliegenden Seite. Schon ab 1785 wurde über den Neubau der Lambertikirche nachgedacht. 1818 stellte der Auricher Geschäftsmann und autodidaktische Architekt Conrad Bernhard Meyer mehrere umfassende Reparaturvorschläge und ein Gutachten über den Bauzustand vor. Mangelnde Entschlussfreudigkeit des Kirchenrats, eine prekäre finanzielle Situation und Intrigen veranlassten Meyer, 1822 auf eigene Faust zusätzlich zwei Entwürfe für einen Neubau zu präsentieren.
Die klassizistischen Entwürfe lehnten sich an die 1814 von ihm ausgeführte Kirche der reformierten Gemeinde in Aurich an. Meyer hatte dabei aber auch Gegenspieler, die seine Entwürfe ablehnten. 1825 spendete der König von Hannover 5000 Taler für den Neubau und der Bauinspektor Reinhold aus Leer legte einen weiteren Entwurf vor. In der Folgezeit wurden weitere Entwürfe von Conrad Bernhard Meyer, Oberbaurat Anton Heinrich Dammert (in Lingen), Oberbaurat Georg Moller (in Darmstadt) und Hagemann (in Hannover) ohne Ergebnis diskutiert.