mini|hochkant=1.75|Karl-Jaspers-Klinik, Einfahrt Die Karl-Jaspers-Klinik (vormals Niedersächsisches Landeskrankenhaus Wehnen) ist ein Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Bad Zwischenahner Ortsteil Wehnen. Träger der Klinik ist der Psychiatrieverbund Oldenburger Land gGmbH.

Das Krankenhaus bildet mit seiner Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie gemeinsam mit dem Evangelischen Krankenhaus, dem Klinikum Oldenburg, dem Pius-Hospital und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg seit 2014 die Universitätsmedizin Oldenburg.

Geschichte 19. und frühes 20. Jahrhundert Auf dem Gelände, das heute die Karl-Jaspers-Klinik Wehnen einnimmt, befand sich ab dem Zeitpunkt der Gründung am 15. März 1858 die „Irrenanstalt zu Wehnen“, zunächst ausgelegt für 80 Patienten.Geschichte der Karl-Jaspers-Klinik. Von der Gründung bis zur Jahrhundertwende: 1858-1900. Abgerufen am 8. Juli 2019. Erster Direktor war Franz Ludwig Anton Kelp.Kelp, Franz Ludwig Anton. In: Hans Friedl u. a. (Hrsg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg. Hrsg. im Auftrag der Oldenburgischen Landschaft. Isensee, Oldenburg 1992, ISBN 3-89442-135-5, S. 366–367 (online). Trotz der stark abwertend klingenden Bezeichnung „Irrenanstalt“ war deren erster Leiter ein renommierter Wissenschaftler, der zahlreiche Publikationen in den einschlägigen Fachorganen vorlegte und 1862 zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und gerichtliche Psychologie gewählt wurde. Seine Nachfolger im späten 19. Jahrhundert und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hegten, wie seinerzeit viele ihrer Kollegen in Deutschland und anderen Industriestaaten, starke Sympathie für die Lehre der Eugenik, auch „Rassenhygiene“ genannt.Jennifer Reh: „Rassenhygiene“ im „Dritten Reich“ – spezifisch nationalsozialistisches Unrecht? In: Göttinger Rechtszeitschrift. Ausgabe 1/2020. S. 37–46

Im Jahre 1903 erfolgte die Namensänderung in „Heil- und Pflegeanstalt Wehnen“. Bis zur Jahrhundertwende im Jahr 1900 war die Patientenzahl der Einrichtung auf 225, bis 1911 auf 310 angestiegen, so dass zusätzliche Krankenstationen und Wirtschaftsgebäude benötigt wurden, die in den Folgejahren im Pavillonstil errichtet wurden.

Die „Irrenanstalt zu Wehnen“ war bereits im 19. Jahrhundert nicht die einzige Einrichtung zur Landespsychiatrie im Oldenburgischen. Im Jahr 1862 nahm die „Bewahr- und Pflegeanstalt Kloster Blankenburg“ den Betrieb auf. In ihr wurde Ingo Harms (einem bis zu seiner Emeritierung an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg forschenden und lehrenden Historiker) zufolge die Aufgabe der Pflege von Patienten von Anfang an stark vernachlässigt. Deshalb bezeichnet er die Anstalt als „Billigvariante“ der „Irrenheilanstalt“ Wehnen.

Laut einem im „Deutschen Ärzteblatt“ im Jahr 2001 veröffentlichten Artikel gab es erste Überlegungen, die später zum „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten führten, bereits 1913. Das Menschenbild der Psychiatrie und ihre unwissenschaftlichen Krankheitsbegriffe seien Klaus Dörner, dem Mitbegründer des „Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten“, zufolge der Nährboden für die Verbrechen an Patienten während der Zeit des Nationalsozialismus gewesen. Bereits während des Ersten Weltkrieges seien ungefähr 70.000 Patienten in Anstalten den Hungertod gestorben, was vor allem deshalb nicht skandalisiert worden sei, weil in Kriegszeiten auch „gesunde“ Menschen unter Lebensmittelrationierungen und Hunger leiden müssten. Bereits in den 1920er Jahren hätten einzelne Juristen und Psychiater die „Freigabe der ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens‘“ vorgeschlagen.

Zeit des Nationalsozialismus Ingo Harms veröffentlichte mehrere Bücher und Artikel über die Einrichtung in Wehnen. Durch Studium der Manuskripte zu den Krankenakten konnte er nachweisen, dass in Wehnen ca. 1500 Patienten aus dem NS-Gau Weser-Ems getötet wurden.Es ist schwierig, die genaue Zahl der in Wehnen und nach einem Aufenthalt in Wehnen infolge unzureichender Ernährung Verstorbenen zu ermitteln. Einigermaßen zuverlässig ist die Errechnung der Übersterblichkeit im Vergleich zur Gesamtbevölkerung und zu anderen „Heil- und Pflegeanstalten“. Zwar war Wehnen für das Land Oldenburg und für Bremen zuständig, jedoch wurden der Anstalt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auch „Patienten“ aus dem östlichen Ostfriesland und dem Raum Osnabrück zugewiesen. In Wehnen wurden nicht systematisch Methoden der direkten Tötung angewandt, sondern die Patienten wurden vernachlässigt. Daraus ergibt sich die Formulierung „Hunger-Euthanasie“. Da die Anstalt Wehnen nicht zu den sechs Tötungskliniken im Großdeutschen Reich gehörte, kam es in Wehnen nicht zur Vergasung „lebensunwerter“ Menschen. Zu den konkreten Ursachen für den Tod von „Patienten“ in Wehnen schreibt Harms: Sie „starben, weil man sie über lange Zeiträume nicht ausreichend ernährte; weil man ihnen den Speiseplan einschränkte und Lebensmittelpakete von Angehörigen einbehielt. Sie starben, weil in vielen Räumen, in denen die pflegebedürftigen Menschen untergebracht waren, die Raumtemperatur zuweilen erheblich heruntergesetzt wurde, um Heizkosten zu sparen und sie so körperlich geschwächt sich auch der grassierenden Krankheiten kaum erwehren konnten.“ Diese Form der „Hunger-Euthanasie“ wurde sehr früh im Oldenburgischen und dort in den Anstalten Wehnen, Gertrudenheim (Kinderpsychiatrie) und Kloster Blankenburg praktiziert.

Hauptverantwortlich für das Massensterben in Wehnen sei, so Harms, das Management des 1924 gegründeten „Landesfürsorgeverbandes Oldenburg“, der in der NS-Zeit sein Bestreben forciert habe, „offensiv Vermögen zu bilden“. „Die Vernachlässigung der Patienten war nicht die Folge, sondern die Voraussetzung für die Vermögensbildung.“, resümiert Harms. Eine karitativ angelegte Institution habe sich unter der Hand zu einer Institution entwickelt, die die Gewinnmaximierung in den Vordergrund gestellt habe. Zur Gewinnmaximierung trugen sowohl die unbezahlte Arbeit arbeitsfähiger Patienten als auch die lange Überlebenszeit zunehmend schwächer werdender Patienten bei. Vorreiter der in Wehnen praktizierten Methode, Krankentötungen nicht offen als solche erscheinen zu lassen, waren Kurt Mönch, der von 1924 bis 1937 als leitender Arzt der Klinik fungierte, Carl Petri – sein Nachfolger als leitender Arzt (von 1937 bis 1946) – und Carl Ballin, der als Vorstandsmitglied des Landesfürsorgeverbandes zugleich leitender Beamter im oldenburgischen Innenministerium war.

Kurt Mönch nahm 1925 an einem Fortbildungskurs „über angewandte Erblichkeitsforschung und ihre Beziehung zur Sozial- und Rassehygiene“ teil, benutzte Anstaltspatienten für Versuche im Sinne des „medizinischen Fortschritts“ und tat sich mit Veröffentlichungen auf rassehygienischem Gebiet hervor. Er kam im Rahmen seiner „Forschung“ u. a. zu dem Ergebnis, dass Epilepsie und „Schwachsinn“ meist miteinander einhergingen und dass diese beiden Formen der „Minderwertigkeit“ auf ein „primitives Erbgut“ zurückgingen.

Von 1935 bis 1937 waren in der „Heil- und Pflegeanstalt“ Wehnen auch Kinder untergebracht, die zuvor in der „Bewahr- und Pflegeanstalt“ Gertrudenheim in Oldenburg „bewahrt“ worden waren. Im Jahr 1937 wurden sie in die Einrichtung Kloster Blankenburg verlegt, wo viele durch Anwendung derselben Methoden wie in Wehnen zu Tode kamen. Diejenigen von ihnen, die das Jahr 1941 noch erlebten, wurden am 19. September 1941 in die fränkischen Anstalten Erlangen und Kutzenberg deportiert. Ab September 1941 war die im Oldenburgischen angewandte Methode reichsweit zum Hauptverfahren der Tötung angeblich „lebensunwerten Lebens“ geworden.

Die Karl-Jaspers-Klinik bestätigt in ihrer aktuellen Chronik die Richtigkeit der meisten Forschungsergebnisse Ingo Harms’. Allerdings legt sie Wert auf die Feststellung, dass „eine direkte Beteiligung an der sogenannten ‚Aktion T4‘ – eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen im Dritten Reich – nicht belegt“ sei.

Ingo Harms betont, dass die „Heil- und Pflegeanstalt“ Wehnen eine hybride Einrichtung gewesen sei. Zwar sei die langsame Tötung „lebensunwerten Lebens“ dort systematisch praktiziert worden, aber nur bei Patienten, die vor entsprechenden Maßnahmen von Medizinern als „unheilbar“ eingestuft worden waren. Patienten hingegen, bei denen diese Mediziner eine Heilung für möglich und wahrscheinlich hielten, wurden nach dem damals neuesten wissenschaftlichen Stand der Psychiatrie behandelt. So erhielt die Klinik z. B. 1944 ein damals hochmodernes Elektroschock-Gerät zur Elektrokrampftherapie. Mit dieser Therapie waren weltweit Hoffnungen bei Medizinern auf eine Heilung von Psychiatrie-Patienten verbunden.Axel Fahl-Dräger, Ingo Harms: Wege des Gedenkens. Die Opfer der NS-Euthanasie aus dem Landkreis Vechta. Hrsg.: Andreaswerk e. V. Geest-Verlag. 2024. S. 63

Siehe auch: Gedenkstätte Alte Pathologie auf dem Gelände der Karl Jaspers Klinik

Nachkriegszeit Ingo Harms zufolge verstarben in der „Heil- und Pflegeanstalt Wehnen“ bis 1947 Opfer der „Hunger-Euthanasie“ der vorangegangenen JahreAxel Fahl-Dräger, Ingo Harms: Wege des Gedenkens. Die Opfer der NS-Euthanasie aus dem Landkreis Vechta. Hrsg.: Andreaswerk e. V. Geest-Verlag. 2024. S. 25, weil „das Bereicherungssystem sogar noch unter den Augen der britischen MilitärregierungAxel Fahl-Dräger, Ingo Harms: Wege des Gedenkens. Die Opfer der NS-Euthanasie aus dem Landkreis Vechta. Hrsg.: Andreaswerk e. V. Geest-Verlag. 2024. S. 37 in der Nachkriegszeit fortgesetzt wurde.“Ingo Harms: Buchhaltung und Krankenmord: die oldenburgische Anstaltsfürsorge 1932-1948. BIS-Verlag der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. 2016, ISBN 978-3-8142-2344-5 Einige Anstaltspatienten hätten, so Harms, gerettet werden können, wenn die Briten die Bereitstellung von zusätzlichen Nahrungsmitteln zur Stärkung der entkräfteten Patienten angeordnet hätten. Carl Petri wurde zwar im August 1945 von seiner Funktion als ärztlicher Leiter des Wehnen-Komplexes abberufen. Seinem Nachfolger im Amt, Heinrich Wietfeld, der bereits damals die hohe Sterblichkeit in Wehnen anprangerte, gelang es jedoch nicht, für seine Forderung nach „Zusatzverpflegung für die hungernden Patienten“ Gehör zu finden. Stattdessen durfte Petri vom Mai 1946 bis zum Dezember des Jahres seine Tätigkeit als ärztlicher Leiter wieder ausüben.Axel Fahl-Dräger, Ingo Harms: Wege des Gedenkens. Die Opfer der NS-Euthanasie aus dem Landkreis Vechta. Hrsg.: Andreaswerk e. V. Geest-Verlag. 2024. S. 109

Der „Bund der Zwangssterilisierten und ‚Euthanasie‘-Geschädigten (BEZ)“ bescheinigte auch nach 1945 weiterhin einflussreichen Ärzten und Juristen, durch ihren Einfluss sei es zu ihren Lebzeiten in der Bundesrepublik Deutschland zu einer „faktischen Fortdauer nationalsozialistischen Rechtsverständnisses und entsprechender ideologischer Dispositionen“ gekommen. Kurt Mönch erhielt z. B. am 15. Januar 1948 seine Niederlassungserlaubnis als Facharzt für Nervenkrankheiten in der Gemeinde Westerstede.

mini|Karl-Jaspers-Klinik (2023)