Die italienische Rugby-Union-Nationalmannschaft () ist die Nationalmannschaft Italiens in der Sportart Rugby Union und repräsentiert das Land bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Sie wird meist als Azzurri () bezeichnet, abgeleitet von der traditionellen Farbe der Trikots. Die organisatorische Verantwortung trägt die Federazione Italiana Rugby (FIR). Das Team nimmt an den jährlichen Six Nations teil, zusammen mit England, Frankreich, Irland, Schottland und Wales.
Ihr erstes Länderspiel fand 1929 gegen die Mannschaft Spaniens statt. Italien galt neben Rumänien jahrzehntelang als eine der stärksten Rugbymannschaften Europas außerhalb der damaligen Five Nations. Die Mannschaft errang bei Europameisterschaften einen Titel und klassierte sich neunmal auf dem zweiten sowie achtmal auf dem dritten Platz. In den 1990er Jahren erlebte das italienische Rugby einen Aufschwung, was im Jahr 2000 zur Aufnahme der Nationalmannschaft in die Five Nations und zu deren Erweiterung zu Six Nations führte. Zwar konnte sie einige bemerkenswerte Ergebnisse erzielen, kam jedoch bisher nie über den vierten Platz hinaus. Traditionell spielt Italien in blauen Trikots mit weißen Hosen und blauen Socken. Italien bestreitet seine Heimspiele in verschiedenen Stadien, wobei die meisten im Stadio Olimpico in Rom stattfinden. Der Weltverband World Rugby betrachtet Italien als eine Rugbynation der ersten Stärkeklasse (). Zwei ehemalige italienische Nationalspieler wurden in die World Rugby Hall of Fame aufgenommen.
Seine wichtigsten internationalen Auftritte hat das Team bei den alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften. Seit deren Einführung 1987 hat es an jedem Turnier teilgenommen. Italien schaffte es bisher nicht von der Gruppenphase in die K.-o.-Runde. Die Mannschaft hat sich bei Weltmeisterschaften zu einem konstanten mittelstarken Gegner entwickelt. Italiens Bilanz seit 2003 umfasst jeweils zwei Siege und Niederlagen in jedem Turnier, was hinreicht, um sich automatisch als Gruppendritter für das jeweils folgende Turnier zu qualifizieren.
Organisation
Verantwortlich für die Organisation von Rugby Union in Italien ist die Federazione Italiana Rugby (FIR). Sie entstand 1928 aus dem „Propaganda-Komitee“ und wurde 1987 Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby). Die Federazione Italiana Rugby war außerdem im Jahr 1934 Gründungsmitglied des Kontinentalverbandes Fédération internationale de rugby amateur (FIRA; heute Rugby Europe, RE). Die höchste Rugby-Union-Liga in Italien ist die Top10, an der zehn Mannschaften teilnehmen. Diese stammen hauptsächlich aus den italienischen Rugbyhochburgen Lombardei und Venetien.
Der nationalen Meisterschaft übergeordnet ist die zusammen mit Mannschaften aus Irland, Schottland, Südafrika und Wales ausgetragene internationale Meisterschaft United Rugby Championship, an der zwei italienische Teams (Benetton Rugby Treviso aus Treviso und Zebre Parma aus Parma) teilnehmen. Darüber sind die internationalen Pokalwettbewerbe European Rugby Champions Cup und EPCR Challenge Cup angesiedelt.
Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft die FIR weitere Auswahlmannschaften zusammen. Wie andere Rugbynationen verfügt Italien über eine U-20-Nationalmannschaft, die an den entsprechenden Six Nations und Weltmeisterschaften teilnimmt. Kinder und Jugendliche werden bereits in der Schule an den Rugbysport herangeführt und je nach Interesse und Talent beginnt dann die Ausbildung. Die zweite Nationalmannschaft Italiens bildet Italia Emergenti („Aufstrebendes Italien“).
Geschichte
Einführung von Rugby in Italien Als entfernter antiker Verwandter des Rugby kann das ursprünglich aus Griechenland stammende und im gesamten Römischen Reich ausgeübte Spiel Harpastum betrachtet werden. Berichte von Historikern und Schriftstellern wie Athenaios, Clemens von Alexandria, Iulius Pollux und Galen beschrieben es als ein körperbetontes Spiel zwischen zwei Mannschaften mit fünf bis zwölf Spielern, deren Ziel es war, auf einem rechteckigen Feld einen Ball hinter die gegnerische Mallinie zu bringen. Im Mittelalter entwickelten sich in Italien verschiedene Ballspiele, die mehr Ähnlichkeiten mit Rugby aufwiesen als mit Fußball, da das Zuspielen per Hand ein zentrales Element bildete. Das bekannteste Beispiel ist der mindestens bis ins frühe 16. Jahrhundert zurück reichende und heute noch in Florenz ausgeübte Calcio storico.
Britische Seeleute, die den Hafen von Genua anliefen, machten das im Vereinigten Königreich längst etablierte Rugby um 1890 erstmals auch in Italien bekannt. Schon früh stand es jedoch eindeutig im Schatten von Fußball und fristete ein Nischendasein. Es ist davon auszugehen, dass die Briten anfangs noch weitgehend unter sich blieben. Das erste offizielle Rugbyspiel auf italienischem Boden fand am 2. April 1910 in Turin zwischen zwei ausländischen Vereinen statt, dem SCUF aus Paris und dem RC Servette aus Genf. Zwei Wochen später gründete sich mit dem RC Torino der erste italienische Rugbyverein, der sich nach nur einem Spiel gegen den Fußballverein FC Pro Vercelli wieder auflöste.Barca, Bellè: La sesta nazione. S. 11. Den entscheidenden Impuls zur Verbreitung von Rugby gab ein Jahr später Stefano Bellandi, der Verwalter des Teatro alla Scala in Mailand. Er hatte mehrere Jahre in Frankreich gelebt und dort den Rugbysport kennengelernt und kehrte dann nach Italien zurück, um seinen Militärdienst zu leisten. Mithilfe eines französischen Freundes gelang es ihm, eine Rugby-Abteilung beim Sportverein US Milanese zu etablieren. Sie trug ihr erstes Spiel am 2. April 1911 in der Arena Civica gegen eine Mannschaft aus Voiron aus. Die La Gazzetta dello Sport schrieb, die Zuschauer seien trotz der 0:15-Niederlage begeistert gewesen, sodass bald weitere Spiele folgten.Ravagnani, Fadda: Storia del rugby mondiale dalle origini ad oggi. S. 299–300.
Der Erste Weltkrieg unterbrach die Entwicklung. Nach Kriegsende setzte sich Bellandi für die Wiederbelebung des italienischen Rugbysports ein und stellte beim Mailänder Sport Club Italia eine neue Mannschaft auf. In der Folge entstanden weitere Vereine, wobei sich mittelgroße Industriestädte in der Po-Ebene wie Brescia, Parma, Rovigo oder Treviso zu Italiens Rugbyhochburgen entwickelten (später kamen auch Rom, Neapel und L’Aquila hinzu). Am 26. Juli 1927 gründete Bellandi ein „Propagandakomitee“ und bat den französischen Journalisten Henri Desgrange, den Begründer der Tour de France, um Unterstützung. Dieser war dabei behilflich, mehrere Spiele einer inoffiziellen italienischen Auswahl gegen französische Vereine zu organisieren.Ravagnani, Fadda: Storia del rugby mondiale dalle origini ad oggi. S. 303.
Einzelne Vertreter des faschistischen Regimes erkannten den propagandistischen Wert des zunehmend beliebter werdenden Rugbysports. Augusto Turati, der Generalsekretär des Partito Nazionale Fascista (PNF), organisierte das erste Spiel in der Hauptstadt am 13. Mai 1928, wofür er das Stadio Nazionale del PNF zur Verfügung stellte.Ravagnani, Fadda: Storia del rugby mondiale dalle origini ad oggi. S. 305. Wenige Monate später, am 26. September, entstand im Rom aus dem bisherigen Propagandakomitee die Federazione Italiana Rugby (FIR), die daraufhin die erste nationale Meisterschaft durchführte.
Die ersten Jahre der Nationalmannschaft mini|Die Nationalmannschaft 1933 mini|Die Nationalmannschaft 1942 Die FIR rief auch eine offizielle Nationalmannschaft ins Leben. Ihr erstes Test Match trug sie am 29. Mai 1929 in Barcelona gegen das ebenfalls debütierende Spanien aus. Vor 62.000 Zuschauern im Montjuic-Stadion und in Anwesenheit des spanischen Königs Alfons XIII. verlor sie mit 0:9; die spanische Mannschaft setzte sich ausschließlich aus Katalanen zusammen. Ein Jahr später revanchierten sich die Italiener in Mailand bei ihrem ersten Heimspiel mit einem 3:0-Sieg.Ravagnani, Fadda: Storia del rugby mondiale dalle origini ad oggi. S. 306. Am 19. Oktober 1929 löste der olympische Dachverband CONI die FIR nach nicht einmal einem Jahr Tätigkeit auf und übernahm selbst die Leitung des Meisterschaftsbetriebes. Der genaue Grund ist nicht bekannt, doch es wird angenommen, dass das faschistische Regime dem kulturellen Phänomen Rugby zunehmend ablehnend gegenüberstand, da es britischen Ursprungs war. Die Benachteiligung von Rugby ging einher mit den Bemühungen, ein neu kreiertes Ballspiel namens Volata durchzusetzen, das angeblich auf dem altrömischen Harpastum basierte. Volata fand keinen Anklang, sodass das CONI den Rugbyverband im Oktober 1932 wiederherstellte, zunächst unter dem italianisierten Namen Federazione Italiana della Palla Ovale („Italienischer Ovalball-Verband“). Im darauffolgenden Jahr nahm der Verband die fast ursprüngliche Bezeichnung Federazione Italiana Rugbi an (ab 1946 wurde Rugby wieder mit y geschrieben).
Wegen der Verbandsstreitigkeiten blieb die Nationalmannschaft drei Jahre lang inaktiv, spielte dann aber ab 1933 gegen die damals stärksten Teams Kontinentaleuropas. Die Mitgliedsverbände des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby) hingegen blieben weitgehend unter sich. Die französische Nationalmannschaft war bis 1983 das einzige Spitzenteam außerhalb des IRFB und bis 1988 das einzige in den Five Nations, das den Italienern offizielle Test Matches gewährte. Im Rahmen der Europameisterschaft fand am 17. Oktober 1937 in Paris die erste Begegnung zwischen diesen beiden Mannschaften statt und endete mit einer 5:43-Niederlage der Italiener. Verantwortlich für die Organisation der Europameisterschaften war die Fédération internationale de rugby amateur (FIRA; heute Rugby Europe, RE). Dieser konkurrierende internationale Verband war 1934 auf Initiative der Franzosen entstanden, nachdem diese vorübergehend aus den Five Nations ausgeschlossen worden waren. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte unter anderem die FIR.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ging der Spielbetrieb in Italien fast unvermindert weiter. Die Meisterschaft konnte bis 1943 ausgetragen werden, während die Nationalmannschaft von 1940 bis 1942 zwei Test Matches gegen Rumänien und eines gegen das Deutsche Reich austrug. Die Faschisten, die den Rugbysport wegen dessen britischer Herkunft zunächst abgelehnt hatten und verdrängen wollten, förderte ihn nun auf allen Ebenen als Vorbild für Kameradschaft und Kampfgeist. Der PNF-Parteisekretär Achille Starace pries Rugby als einen „Kampfsport, der von der faschistischen Jugend praktiziert und weit verbreitet werden muss“. Dass die weitere Verbreitung in der Nachkriegszeit ins Stocken geriet, wird auf ebendiese Politisierung zurückgeführt. Längere Zeit trug Rugby deswegen das Etikett einer „faschistischen Sportart“. Dagegen konnte auch die Präsenz alliierter Truppen, die ab 1943 Spiele unter sich austrugen, zunächst wenig ausrichten.Ravagnani, Fadda: Storia del rugby mondiale dalle origini ad oggi. S. 310.
Stagnation und vorübergehender Niedergang mini|Frankreich gegen Italien in Rom, Europameisterschaft 1954 mini|Die italienische Mannschaft vor der Südafrika-Tour 1973