mini|Die Schule von Athen. Raffael, 1511

Ein Philosoph (wie lateinisch philosophus von griechisch φιλόσοφος philósophos „Freund der Weisheit; Gelehrter“) oder sinngemäß Denker, älter Weltweiser, ist ein Mensch, der danach strebt, Antworten auf grundlegende (Sinn-)Fragen über die Welt, über den Menschen und dessen Verhältnis zu seiner Umwelt zu finden. Ferner wird damit jemand mit praktischer Lebensklugheit bezeichnet, ebenso Vertreter der wissenschaftlichen (bzw. akademischen) Philosophie.

Wer oder was ein Philosoph ist mini|Rembrandt van Rijn, Der Philosoph (1633) – eine Verbildlichung des Klischees des weltfremden Philosophen im Elfenbeinturm – nach einer anderen Interpretation: der neuzeitliche Philosoph, der statt des Wegs nach oben, der nur ins Dunkle führt, sich von dem Licht der Welt erleuchten lässt, das als empirische Erkenntnis von außen zu ihm dringt

Die Frage, wer ein Philosoph sei, lässt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten beantworten. Ob ein Philosophiewissenschaftler zugleich als ein Philosoph anzusehen ist, war schon immer umstritten. Schon Arthur Schopenhauer kritisierte die Universitätsphilosophie mit den Worten: „Wenige Philosophen sind Professoren der Philosophie gewesen, und noch weniger Professoren der Philosophie Philosophen … In der Tat steht dem Selbstdenker diese Bestellung zum Universitätsprofessor mehr im Wege als jede andere.“A. Schopenhauer: Über die Universitätsphilosophie. In: Parerga und Paralipomena. Band 1. Brockhaus, Leipzig 1877, S. 163.

Nach dieser Auffassung ist wie bei Politikern und Politologen auch zwischen Philosophen und Philosophiewissenschaftlern zu unterscheiden. Während die einen Politik oder Philosophie praktisch betreiben, untersuchen und systematisieren die anderen auf Grundlage eines entsprechenden Studiums die Arbeit der „Praktiker“.Auch heute wird noch betont, dass es Unterschiede zwischen den „originären Denkern“ und den „Nacharbeitern“ gibt, die „zusammengefasst und interpretiert“ haben, Horst Poller: Die Philosophen und ihre Kerngedanken. München 2011, ISBN 978-3-7892-8371-0, S. 8. Für viele metaphysisch, bzw. idealistisch orientierte Philosophen gilt die Bezeichnung „Philosoph“ ausschließlich für Denker wie Platon, Aristoteles und Kant und diejenigen Philosophen, die ihnen auf ihrem Weg folgen. Wenn man Whitehead folgen möchte, handelt es sich hier um die Mehrheit der Philosophen.Whitehead meint, dass „die philosophische Tradition aus einer Reihe von platonischen Fußnoten“ bestehe. Vgl. Ders.: Prozess und Realität. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. Frankfurt am Main 1987, S. 91.

Der Gegenstandsbereich der Philosophie ist enzyklopädisch nicht einheitlich bestimmt und war in der Geschichte der Philosophie Veränderungen unterworfen. Entsprechend wird der Terminus „Philosoph“ auf Denker variabel angewendet. Einen Vorschlag von Raoul Richter – bei dem die Philosophie da angefangen haben soll, wo der Respekt aufhörteSteffen Dietzsch: Die Philosophie fängt an, wo der Respekt aufhört – Raoul Richters fröhliche Skepsis. In: Weimarer Beiträge. Band 49, Nr. 2, 2003, S. 219–241. – aus einem seiner Volkshochschulvorträge modulierend anwendend, kann gesagt werden, der Philosoph sei eine Unbekannte. Diese Unbekannte könne jedoch mit Hilfe der zwei Bekannten, nämlich alle Philosophen und dem Terminus Philosoph, herausgerechnet werden. Er empfahl diese Rechnung zu probieren, um zu sehen, was herauskomme.Raoul Richter: Das Wesen der Philosophie. In: Einführung in die Philosophie. Erster von sechs Vorträgen. Leipzig 1919, S. 8.

Die altgriechische Geschichte des Terminus weist für die Bedeutung „Philosoph“ auch Bezeichnungen wie Sophos oder Sophist bzw. Skeptiker aus.dazu u. a. Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. 3. Auflage. Braunschweig 1914. (zeno.org) – Hans Jörg Sandkühler: Enzyklopädie Philosophie. Hamburg 2010. Alle drei Bezeichnungen galten für Menschen, die seit Homer die Welt nicht mehr mit der Schicksalsergebenheit ihrer Vorfahren hinnahmen und mit Hilfe religiöser Kulte den Götterhimmel gnädig stimmen wollten.

Sie kümmerten sich stattdessen darum, sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die ihr Leben verbessern sollten. Sie galten als die Nachdenklichen, die sich allem interessiert zuwendeten und sich auf Fragen oft als Kundige in der Sache erwiesen. Sie entwickelten sich zu Meistern von Handwerk, Musik, Reden, Kunst und Sport und bildeten darin auch andere zu Meistern aus.U. a. nachzulesen in Platons frühen sokratischen Dialogen.

Außerdem dienten sie mit Ratschlägen zur Lebensgestaltung, die sie z. B. bei Homer gefunden, vom Orakel in Delphi gehört oder selber erprobt hatten: Die im Umlauf befindlichen Lebensweisheiten, die Sprüche der „sieben Weisen“, – wie z. B. Erkenne dich selbst – sind Beispiele dafür.Bruno Snell: Leben und Meinungen der Sieben Weisen. Griechische und lateinische Quellen, erläutert und übertragen, 4., verbesserte Auflage. München 1971.

Da es in der Antike kein alles beherrschendes religiöses Dogma gab, durften Philosophen ihre Weisheiten und Lehren ungehindert äußern, solange sie den Göttern in Reden und kultischen Ritualen Ehre erwiesen. Unterschiedliche Philosophien standen im olympischen Wettstreit miteinander und niemand war gezwungen dem anderen zuzustimmen.Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte. In: Ders.: Gesammelte Werke. Band 7, Darmstadt 1957, S. 339–379. (zeno.org)

Dies änderte sich, als Platon seine Ideenlehre verbreitete, die er als Schlüssel für eine wahre Philosophie hielt und die seinem Wunsch gemäß der Pluralität der philosophischen Meinungen ein Ende setzen sollte, um der Unsicherheit Sicherheit entgegenzusetzen. Zu seiner Idee passten die sophistischen Ideen nicht. Er bezeichnete daher Sophisten als Wortverdreher, die Diskussionen nicht um der Sache willen führten, sondern nur um ihre rhetorischen und dialektischen Kenntnisse unter Beweis zu stellen.

In Platons Dialogen tauchten diejenigen, denen es um die Wahrheit ging, als Freunde der Weisheit auf. Sie wurden mit dem Titel „Philosoph“ geehrt, also denen zugeordnet, die gelehrt und weise werden wollten. So wurde mit dem Streben nach Wahrheit eine Tendenz zum elitären Streben und elitärer Bedeutung verbunden, der auch die Pythagoreer beherrschte. Auch Aristoteles, der Platon folgte, nannte die Sophisten, die dieses Streben verwarfen, Philosophen des Scheins, die nur berühmt und reich werden wollten, an der Wahrheit aber nicht interessiert seien.Aristoteles: Sophistische Widerlegungen. Heidelberg 1883, S. 3. (zeno.org)

In der Folge dieser von Platon und Aristoteles lancierten Behauptungen waren die Sophisten wegen ihres Denkens und ihres Handelns bis ins 20. Jahrhundert hinein wegen ihres Denkens und wegen ihrer Moral verpönt.So Hirschberger: Den Sophisten ging es nur um Macht, ohne jede Einsicht in Wahrheit und Werte. Sie waren Verführer. Johannes Hirschberger: Kleine Philosophiegeschichte. 6. Auflage. Freiburg i. B. 1966, S. 20.

Es ist Philologen des 17./18. Jahrhunderts zu danken, dass diese Diffamierung aufgedeckt wurde, so dass George Henry Lewes, John Grote und Hegel den bekannten und unbekannten diskreditierten Sophisten, die Korrektur des Sachverhaltes zugestehen konnten.Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974, S. 32.

„Vor Perikles“, so stellte Hegel fest, „war das Bedürfnis der Bildung durch Denken eingetreten; die Menschen sollten in ihren Vorstellungen gebildet sein, dahin zweckten die Sophisten. Sie hatten das Amt der Bildung.“Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in zwanzig Bänden. Band 18, Frankfurt am Main 1979, S. 409.

Theodor Gomperz versuchte die Ehrenrettung der Sophisten, indem er sie mit zwei Berufsständen des ausgehenden 19. Jahrhunderts verglich: „Als Gelehrte waren die meisten von ihnen Universalgelehrte, als Rednern und Schriftstellern eignete ihnen die Schlagfertigkeit und stete Kampfbereitschaft unserer Journalisten und Literaten. Halb Professor und halb Journalist – durch diese Formel lässt sich der Sophist des fünften Jahrhunderts unserem Verständnis vielleicht am nächsten bringen.“Theodor Gomperz: Griechische Denker. Eine Geschichte der Antiken Philosophie. 1. Band. Reprint der 4. Auflage 1903. Frankfurt am Main 1999, S. 343.

Den Skeptikern ist vergleichbare Anerkennung und Wiedergutmachung nicht zuteilgeworden. Man ignoriert bis heute ihren urphilosophischen, sensualistischen Ansatz, der sie davon zurückhielt, sich auf anderes als sinnlich Wahrnehmbares zu beziehen. Aus diesem Ansatz schlossen sie, dass letzte Antworten nicht möglich sind. Dass Menschen kein Kriterium für die Wahrheit haben, stellten auch Arkesilaos und Karneades, die Nachfolger Platons in der Akademie, fest und gründeten eine Tradition platonischer Skepsis.In der Auseinandersetzung mit dem Stoiker Zenon stellte z. B. Arkesilaos sophistisch fest – so berichtet Cicero –, dass man wahre nicht von falschen Vorstellungen unterschieden könne, wenn sie gleich beschaffen seien. Vgl. A. A. Long, D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Stuttgart/Weimar 2006, S. 288.

Den Skeptikern wurde im 17. Jahrhundert zusätzlich unterstellt, dass sie Zweifler und daher Zerstörer der Wahrheit seien.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2006. Von da an, war Skepsis im öffentlichen Diskurs fest mit Zweifel liiert und wurde mehrheitlich so übernommen und weitergegeben. Die Behauptung, Skepsis sei identisch mit Zweifel, wurde entgegen der philologischen Möglichkeiten niemals zurückgenommen, sondern mit dem Kunstwort Skeptizist – das gelegentlich auch zum Schimpfwort mutierte – sogar auf die Spitze getrieben.

Die Redewendung „Ich bin skeptisch, ob …“ wird jedoch heute noch im urskeptischen Sinne von „Zurückhaltung“ verwendet. Man hat gute Chancen, Irrtümer zu vermeiden, wenn man sich entschließt, nur das hinzunehmen, was man sich klar vorstellen kann, schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts Richard Wahle.Richard Wahle: Tragikomödie der Weisheit. Wien/Leipzig 1925, S. 63.

Antike Philosophen Griechische Philosophen Pythagoras (570–510 v. Chr.) soll der erste gewesen sein, der sich Philosoph nannte. Davor war es üblich gewesen, weise Männer als σοφοί, σοφισταί (Xenoph., Memor. I, 11. Plat., Gorg. 508 A) zu bezeichnen. Der Terminus σοφος (sophos) kann mit der Kundige, bzw. der Erfahrene wiedergegeben werden. Als kundig und erfahren galt derjenige, der sich in Fragen des Lebens und den Traditionen der religiösen Feste, der Dichtung (Homer und Mythen) auskannte und über vielseitige Fähigkeiten verfügte, die für die demokratische Leitung der Polis, des Staates nützlich waren. Hippias von Elis, im 5. Jh. v. Chr., war ein bekannter Vertreter. Er zeichnete sich auf dem Gebiet des Handwerks, der Mathematik, Literatur und Rhetorik oft als der Beste aus. Seine Heimatstadt Elis errichtete ihm zu Ehren schon zu Lebzeiten ein Denkmal. Sophisten, wie Protagoras und Gorgias waren Philosophen dieser Art. Sie wurden von den Bürgern der griechischen Städte wegen ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten geschätzt. Sie hielten Menschen für autonom und eigenverantwortlich. Sie waren Spezialisten für Sprache und öffentliche Reden. Man nannte sie deshalb Rhetoriker.Platon Hippias II. – Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 1919, S. 67–70. (zeno.org)