Als Stay-behind-Organisation oder Stay-behind (englisch; deutsch: „bleib zurück/dahinter“) wird eine paramilitärische Organisation bezeichnet, die bei einer feindlichen Okkupation eines Staates oder Teilgebieten davon hinter der Front nachrichtendienstliche Aufklärung leisten und Sabotageakte gegen die jeweilige Besatzungsmacht verüben soll. Während sich die reguläre Armee jenes Staates vor dem Angreifer zurückzieht, lassen sich diese Einheiten von der Front überrollen, um dann in ihrem Rücken zu operieren.

Außer einigen Vorläufern bezeichnet der Begriff meist westeuropäische Organisationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden, um bei einer Invasion von Truppen des Warschauer Paktes hinter deren Linien eingesetzt zu werden. Solche Gruppen wurden von westeuropäischen Staaten aufgebaut, teils in Zusammenarbeit mit den USA, und später in die NATO integriert. Zu ihren Aufgaben gehörte das Anwerben, Ausbilden und Bewaffnen von Agenten sowie Anlegen geheimer Depots mit Waffen, Sprengstoff, Funk- und Chiffrierunterlagen und Versorgungsgütern. Andere Gruppenmitglieder sollten Fluchtstützpunkte (Safe-Houses) betreiben. Einige dieser Gruppen wurden in den 1950er Jahren aufgelöst, weitere wurden ab 1990 mit der Stay-behind-Gruppe Gladio in Italien bekannt und bis 1991 aufgelöst.

Vorläufer Großbritannien Ab Frühjahr 1940 versuchte der britische Geheimdienst MI6 erfolglos, in den noch nicht deutsch besetzten Niederlanden und Belgien ein Stay-Behind-Agentennetz aufzubauen. Der Versuch scheiterte am Beharren der niederländischen Regierung auf politischer Neutralität und an technischen Mängeln der Funkgeräte für die Agenten. Seit der deutschen Besetzung der Beneluxstaaten konnte Großbritannien diese dann kaum noch mit seinen Agenten infiltrieren.Frans Kluiters: R-Netz: The Stay-behind Network of the Abwehr in the low Countries. In: Beatrice de Graaf, Ben de Jong, Wies Platje (Hrsg.): Battleground Western Europe, Amsterdam 2007. S. 71–80, hier S. 71

Die erste Stay-behind-Organisation entstand als Teil der britischen Kriegführung gegen die deutsche Wehrmacht. Im Sommer 1940 beschloss das britische Chiefs of Staff Committee, sich auf eine mögliche deutsche Besetzung der britischen Inseln vorzubereiten und dazu Gruppen bewaffneter Kämpfer zu trainieren, die gegebenenfalls Aufklärung, Sabotage, Handstreiche, Feuerüberfälle und Hinterhalte als Guerillakampf hinter den Linien der Wehrmacht führen und damit deren Nachschublinien stören sollten. Zudem sollte eine Gruppe mit Sendegeräten für nachrichtendienstliche Aufgaben ausgerüstet und ausgebildet werden. Mit dem Aufbau des Special Operations Executive (SOE) wurde Colonel Colin Gubbins beauftragt, der zuvor in Norwegen in der alliierten Nachhut den Vormarsch der deutschen Truppen zu verzögern versucht hatte.Olav Riste: "Stay Behind": A Clandestine Cold War Phenomenon. In: Journal of Cold War Studies 16, 2014, S. 35–59

NS-Deutschland Nach dem deutschen Sieg im Westfeldzug 1940 begann die Abwehr-Abteilung der Wehrmacht, in Belgien und den Niederlanden einheimische Rekruten für ein geplantes „Friedensnetz“ oder „R-Netz“ (R stand für „Rückzug“) anzuwerben. Damit wollte man einen damals noch erwarteten Friedensschluss mit Großbritannien oder spätere militärische Vorstöße der Alliierten nach Westeuropa vorbereiten.Frans Kluiters: R-Netz, in: Beatrice de Graaf et al. (Hrsg.): Battleground Western Europe, Amsterdam 2007. S. 72

Während ihres allmählichen Rückzugs aus Osteuropa ab 1943 nutzte die Wehrmacht die Partisanenkriegsführung und bildete ein „R-Netz“ aus „Rücklass-Organisationen“ oder „Überrollgruppen“ hinter der Frontlinie, gemischt aus Deutschen und lokalen Verbündeten. Dazu gehörten Sabotageverbände der Schutzstaffel (SS) unter Otto Skorzeny,Stuart Smith: Otto Skorzeny: The Devil’s Disciple. Bloomsbury, New York 2018, ISBN 978-1-4728-2947-4, S. 352, Fn. 10 ab Juni 1944 aufgebaute Werwolf-Verbände,Matthias Ritzi, Erich Schmidt-Eenboom: Im Schatten des Dritten Reiches: Der BND und sein Agent Richard Christmann. Christoph Links, Berlin 2011, ISBN 978-3-86153-643-7, S. 89 eine fünfköpfige Sabotagegruppe von Hermann Giskes in Belgien, das Sonderkommando Nord in Heringsdorf unter Alexander Cellarius und Werner Ohletz (Abwehr)Perry Biddiscombe: The SS Hunter Battalions: The Hidden History of the Nazi Resistance Movement 1944-45. History Press, 2006, ISBN 0-7524-9645-X, S. 333 und Partisanenverbände unter Alarich Bross (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) gegen die Rote Armee in Finnland,Erich Schmidt-Eenboom, Ulrich Stoll: Die Partisanen der NATO, Berlin 2015, S. 64 ferner die Frontaufklärungsverbände der Abwehr II, das „Unternehmen Zeppelin“ und diverse „Jagdverbände“ an der Ostfront. Sie waren nur mäßig erfolgreich, unter anderem weil leitende NS-Behörden in der Kriegsendphase stärker gegeneinander konkurrierten.Perry Biddiscombe: The SS Hunter Battalions, 2006, S. 388

Westdeutschland Die westlichen Alliierten begannen nach Kriegsende 1945 im Kontext verschiedener sicherheitspolitischer Krisen mit Plänen für westeuropäische Stay-behinds (erste Phase) und bauten die ersten bis zur Gründung der Bundeswehr 1955 in der Bundesrepublik Deutschland auf (zweite Phase), die dann der 1956 gegründete Bundesnachrichtendienst (BND) übernahm (dritte Phase). Dabei wurde bevorzugt kriegserfahrenes deutsches Personal eingesetzt.

Bis 1948 Verschiedene Widerstandsgruppen in Kontinentaleuropa hatten zum militärischen Sieg der Westalliierten über das Deutsche Reich und seine Verbündeten beigetragen. Im aufkommenden Kalten Krieg (ab etwa 1947) begannen sie den Aufbau entsprechender Stay-Behind-Einheiten für den Fall einer sowjetischen Besetzung westeuropäischer Staaten zu planen.Leopoldo Nuti, Olav Riste: Introduction to the "Special Section, in: Journal of Strategic Studies 30, Nr. 6, Dezember 2007, S. 929–935 Die Furcht vor sowjetischen Angriffen auf Westeuropa, besonders Westdeutschland, wurde durch den Februarumsturz von 1948 in der Tschechoslowakei genährt. Aufgrund der historischen Erfahrung mit der deutschen Besetzung wollten die Westalliierten im Fall einer neuen, diesmal sowjetischen Besetzung Geheimeinsätze vorbereiten. Dazu beschlossen westeuropäische Staaten im April 1948 den Brüsseler Pakt.Leopoldo Nuti: Article Review of "Stay Behind": A Clandestine Cold War Phenomenon. H-Diplo Article Reviews, Nr. 551, September 2015

Ab 1948 Laut den 2005 freigegebenen Akten der Central Intelligence Agency (CIA)Kevin C. Ruffner (Hrsg.): Forging an Intelligence Partnership: CIA and the Origins of the BND, 1949-56. Europe Division National Clandestine Service der CIA, 2006 (Archivlink); Erich Schmidt-Eenboom, Ulrich Stoll: Die Partisanen der NATO, Berlin 2015, S. 81–98 (Das Stay-behind-Netzwerk der Karlsruher CIA-Station: Das kurze Leben der KIBITZE.) gründete die CIA ab 1948 in den getrennt operierenden Einheiten OSO (Office of Special Operations unter Richard Helms) und OPC (Office of Policy Coordination unter Frank Gardiner Wisner) Stay-Behind-Einheiten auf der Basis der Direktiven des United States National Security Council (NSC) für den Kalten Krieg. OSO war die klassische CIA, OPC war eine vom Außenministerium der Vereinigten Staaten gesteuerte CIA-Einheit. Diese hatte enorme Finanzmittel durch den Marshallplan erhalten und war auch für paramilitärische Operationen verantwortlich. OSO und OPC wurden ab 1952 vereint, ihre Stay-Behind-Operationen kamen danach zur Eastern Europe Division der CIA.

Die wesentlichen Programme von OSO waren

PASTIME, Deckname für das aus der Berlin Operation Base (BOB) der CIA in den Operationsgebieten Berlin und DDR geführte Programm von 1948 bis 1953. KIBITZ, Deckname für das aus der Karlsruhe Operation Base (KOB) der CIA geleitete Programm im Operationsgebiet Bundesrepublik von 1948 bis 1953. SATURN, Deckname für das von der CIA-Tochter Organisation Gehlen aus der Pullach Operation Base (POB) geführte Programm im Operationsgebiet Bundesrepublik von 1948 bis zur Übernahme durch den BND 1956.

Die wesentlichen Programme von OPC hießen

CADROWN, Deckname für den „Apparat“ des Untersuchungsausschusses Freier Juristen (UFJ) im Operationsgebiet DDR, geführt aus der Berlin Operation Base (BOB) von 1950 bis 1954. LCPROWL, Deckname für den Technischer Dienst (TD) im Bund Deutscher Jugend (BDJ) im Operationsgebiet Bundesrepublik, geführt aus der Frankfurt Operation Base (FOB) von 1950 bis 1953.

PASTIME war ein schwerfällig laufendes Programm unter Leitung des CIA-OSO-Angehörigen Peter Sichel von der Berlin Operation Base. Ursprünglich ging es um die Evakuierung bzw. die Absicherung von Agenten in Berlin und der DDR im Fall eines sowjetischen Angriffs. Bis Mitte 1952 waren lediglich 7 Funkagenten angeworben worden. Das Programm lief bis Ende 1952 aus und wurde 1953 eingestellt. Es hatte keine größere Bedeutung.

KIBITZ Das Kernstück des 1950 gegründeten Kibitz-Netzwerks resultierte aus einem Schreiben des ehemaligen Wehrmachtoffiziers Walter KoppSven Felix Kellerhoff: Westdeutsche Partisanen für den Kalten Krieg. Welt, 27. Juli 2019 an John Jay McCloy, der als Hoher Kommissar im alliierten Oberkommando HICOG höchster Vertreter der USA in der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland war. In dem Brief äußerte Kopp als abgesandter Sprecher einer Interessengruppe aus ehemaligen Reichswehr-Mitgliedern Sorgen um eine Invasion der sowjetischen Armee in Westeuropa und bot den US-Truppen eine Zusammenarbeit an. Infolgedessen schlug ihm der US-Geheimdienst die Gründung einer Stay-behind-Organisation unter seiner Führung vor. Kopp willigte ein und verlangte als Gegenleistung u. a. eine adäquate Position in einer deutschen oder europäischen Armee. Zudem legte Kopp Wert auf die Feststellung, dass er kein US-Agent sei und sein Engagement ausschließlich dem „Kampf gegen die schwarze Rasse“, dem „Kampf gegen Kommunismus und Bolschewismus“, sowie dem „Schutze Europas“ diene. US-Geheimdienste stuften Kopp als Nationalisten, militanten Antikommunisten und pro-westlich eingestellten Deutschen ein, der das NATO-Bündnis und die Idee einer europäischen Armee unterstützt.

Kopp alias Kibitz 15 kontaktierte circa 500 mögliche Kandidaten, aus denen letztlich 125 antibolschewistisch eingestellte Personen rekrutiert wurden, die Kopp als geeignet für die subversive Tätigkeit einstufte. Die größte der in zwölf Subdivisionen aufgeteilten Kibitz-Einheit mit 63 Personen wurde von Walter Kopp unter Mitwirkung der ehemals hochrangigen SS-Militärs Hans Rues (alias Kibitz 16) und Heinrich Hoffmann geleitet. Hauptaufgabe war, diese Personen in fernmelde- und nachrichtentechnischen Aufgaben zu schulen. Zudem wurden militärische Übungen unter deutscher Leitung und amerikanischer Beobachtung absolviert.