mini|hochkant=1.6|Notre Dame de Cunault mini|hochkant=1.6|Prioratskirche Notre-Dame de Cunault, Grundriss, Handskizze
Notre-Dame de Cunault (Anfang 12. Jahrhundert) ist eine großenteils romanische, aber in Angevinischer Gotik erweiterte Hallenkirche. Die ehemalige Prioratskirche steht im Ort Cunault in der Gemeinde Gennes-Val-de-Loire im Département Maine-et-Loire (Region Pays de la Loire) in Frankreich. Die Ortschaft liegt am linken Ufer der Loire, etwa zehn Kilometer flussabwärts von Saumur und etwa 30 Kilometer südöstlich von Angers.
Äußerlich schlicht, ist sie aber Kennern der romanischen Skulptur insbesondere für ihre 223 einst polychromen Kapitelle berühmt. Sie sind erstaunlicherweise in gutem Zustand erhalten geblieben, obwohl das Bauwerk im 18. Jahrhundert stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zudem bietet sie das seltene Beispiel eines romanischen Hallenumgangschors.
Geschichte mini|hochkant|Mittelschiff aus 4. Joch Das der Jungfrau Maria geweihte Kloster von Cunault wurde im 4. Jahrhundert vom heiligen Maxentiolus (fr. Saint Maxenceul), einem Jünger des Heiligen Martin gegründet, der einige Anhänger um sich scharen konnte. Nach französischen Quellen besaßen die ihm folgenden Mönche nicht nur dessen Reliquien, sondern auch die des heiligen Philibert. Dieser lebte von 617/18 bis 684 als Mönch und später als Abt und gründete die Abteien Jumièges und Noirmoutier, wo er verstarb. Vermutlich hatten sie diese von der Abtei Noirmoutier auf der gleichnamigen Insel in Nähe der Loiremündung mitgebracht, die sie wegen der sich im 9. Jahrhundert häufenden Überfälle durch die Wikinger (oder Normannen) verlassen mussten. Schließlich erreichten die Normannen über die Flüsse auch das Landesinnere des Frankenreiches, so auch über die Loire das Kloster Cunault, dessen Mönche sie erneut vertrieben.
858 kehrten sie noch einmal dorthin zurück und übergaben dem Kloster die Reliquien vom Heiligen Philibert. Einige Jahre später flüchteten sie wieder mit den Reliquien des Saint Philibert, jedoch weiter landeinwärts nach Tournus in Burgund, in dessen ihm gewidmeter Abteikirche sie heute noch aufbewahrt werden.
Gegen Ende des 9. Jahrhunderts kamen die Normanneneinfälle zur Ruhe. Die „Nordmänner“ wurden romanisiert, und für 911 ist die Entstehung der Normandie datiert. Die Ruhe kehrte auch nach Cunault zurück, wo bald wieder einige Mönche lebten, mit den Reliquien der Gebeine des heiligen Maxenceul, mit einem Fläschchen mit Staub aus der Geburtsgrotte von Bethlehem, mit der angeblich eingetrockneten Muttermilch der Jungfrau Maria und mit einem Ring, der als Hochzeitsring der heiligen Jungfrau galt. mini|hochkant|Angevinisches Kreuzrippengewölbe, 1.–3. Joch Notre-Dame de Culnaut war wegen ihrer oben genannten Heiligtümer schon bald ein bekannter Pilgerort. Im 10. Jahrhundert wurde das Priorat abhängig von der Abtei Tournus in Burgund. Im 11. Jahrhundert erbaute man eine neue Kirche, die Vorgängerin der heutigen. Von ihr steht jetzt allein noch der im ausgehenden 11. Jahrhundert errichtete Glockenturm, der wiederum auf den Resten einer noch älteren Vorgängerkirche steht. Er ist der älteste Kirchturm im Anjou. Ein gutes Stück der alten Kirchenwand aus einfachen Feldsteinen in wildem Verband ist auf der Nordseite des Turms in der großen Blendarkadennische über dem Nordportal zu sehen.
Aufgrund der großen Freiheiten, die Fürsten und Könige dem Kloster vom 9. bis zum 11. Jahrhundert einräumten, erfuhr das Priorat eine Phase wirtschaftlicher Blüte. So konnte um 1100 mit der Errichtung des neuen, wesentlich größeren Kirchenbauwerkes begonnen werden. Die Länge der Kirche sollte, einschließlich ihrer mittleren Umgangskapelle, die zerstört ist, immerhin knapp 70 Meter messen. Man begann mit der Errichtung der ersten Gebäudeteile im Osten und setzte sie über das ganze 12. Jahrhundert nach Westen fort. Während der ersten Bauarbeiten am Umgangschor stand noch die erst später abgebrochene Kirche des 11. Jahrhunderts für sakrale Riten zur Verfügung, einschließlich ihres heute noch erhaltenen Glockenturms. mini|hochkant|Gewölbe 2.–5. Joch Die Bauarbeiten fielen zusammen mit dem Anwachsen der Popularität der Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela, an dem das Priorat teilhaben wollte. Cunault lag an einer der Nebenrouten des Jakobswegs, der in Saumur die Loire kreuzte, und nicht weit von einer der vier Hauptrouten, der Via Turonensis, die in Tours die Loire überquerte. Die neue große Pilgerkirche, mit ihrem Umgangschor für Pilgerprozessionen und fünf Kapellen zur Präsentation und Verehrung von Reliquien sollte großen Pilgerströmen angemessenen Raum bieten, zu Gottesdiensten und zur Unterkunft. Die Pilger übernachteten häufig in den Kirchen am Jakobsweg und ließen die unvermeidlichen Verletzungen ihrer Gliedmaßen von den Mönchen fachgerecht versorgen. Die abschnittsweise Komplettierung des Bauwerkes ließ es außerdem schon frühzeitig zu, zum Beispiel nach Fertigstellung des Chors, diesen den Pilgern zugänglich zu machen. Dieser erste Abschnitt wuchs dann in Richtung Westen in möglicherweise drei weiteren Teilschritten, deren Kapazität ebenso stetig anstieg.
Zur Blütezeit der Wallfahrt, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, zogen jährlich Hunderttausende von Pilgern nach Süden. Mit dem Gezänk um Aquitanien zwischen England und Frankreich, das nach Mitte des 12. Jahrhunderts anhob, reduzierten sich die Pilgerbewegungen. Die Kriege des 13., bis ins 16. Jahrhundert, führten zu einem dramatischen Einbruch bei jenen Christen, die nördlich der Pyrenäen lebten, bis hin zum gänzlichen Stillstand.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde die Kirche mit Errichtung der drei ersten Joche mit Kreuzrippengewölben in gotischen Plantagenet-Stil und der Fassade fertiggestellt, später wurden nur noch Details verändert. Das vollendete Bauwerk hat die Blütezeit des Jakobsweges nicht mehr erlebt.
Die Klostergebäude von damals existieren heute nicht mehr. Sie schlossen aber, wie bei fast allen Klosteranlagen des Mittelalters üblich, an die Südwände der Kirche unmittelbar an, ihre Räumlichkeiten gruppierten sich dort um einen meist quadratischen Kreuzgang, den Mittelpunkt eines jeden Klosters. Dazu gehörten beispielsweise die Sakristei, der Kapitelsaal, das Refektorium, eine Fraterie, Vorrats- und Lagerräume, ein Aufwärmraum, verschiedene Konventsräume, und meist im Obergeschoss das Dormitorium. mini|hochkant|Südl. Seitenschiff, 6. Joch, Orgel Nach den Wirren des Hundertjährigen Krieges (1339–1453) und der Religionskriege (1562–1598) war das Klosterleben der nur noch wenigen verbliebenen Mönche auf seinem Tiefpunkt angelangt. 1741 wurde das Priorat durch den Bischof von Angers aufgelöst und seine Güter dem Séminaire Saint-Charles in Angers übertragen. Den Chor erwarb 1749 ein Privatmann und nutzte ihn als Scheune. Das Langhaus der ehemaligen Prioratskirche wurde 1754 die Pfarrkirche des Ortes, nachdem in diesem Jahr die ehemalige Pfarrkirche Sankt Maxentiolus durch einen Sturm zerstört worden war. Die Ruinen befinden sich auf dem Ortsfriedhof.
In Zeiten der Französischen Revolution (1789) wurden die Gebäude als Staatsgut zum Abbruch verkauft.
Um 1838 begann unter dem Architekten Joly-Leterme aus Saumur die Restaurierung, die von dem Schriftsteller Prosper Mérimée unterstützt wurde und insgesamt 30 Jahre andauern sollte. Leider wurden dabei die Dächer aus finanziellen Gründen vereinfacht, nicht zum Vorteil der äußeren Gestalt. mini|hochkant|Südl. Seitenschiff u. Umgang
Bauwerk der Kirche Der romanische Sakralbau von Cunault ist eine dreischiffige Halle mit einem Pseudoquerschiff. Der für Wallfahrtskirchen typische, gestreckte und halbrund geschlossene Umgangschor besitzt zwei apsidiale Chorkapellen; eine dritte in der Mittelachse ist nicht mehr vorhanden.
Abmessungen Alle Maße sind ungefähre Angaben, aus einem Grundriss mit Maßstab entnommen und hochgerechnet. Die Maße enthalten nicht Wandvorlagen oder ähnliche Vorsprünge.
Innere Maße: mini|hochkant|Südl. Seitenschiff, 7. Joch Länge des Schiffs der Joche 1 bis 5: 28,00 m Länge des Schiffs im Bereich des Pseudoquerhauses, Joche 6 und 7: 9,70 m Länge Chor, inklusive Apsis: 18,50 m Breite Langhaus der Joche 1 bis 4: 19,40 m Breite Langhaus in Joch 5: 19,90 m Davon Mittelschiffbreite: 8,20 m Breite Langhaus im Bereich des Pseudoquerhauses, Joche 6 und 7: 24,40 m Breite Chor inklusive Umgänge: 16,80 m Davon Chorbreite: 6,50 m
Äußere Maße: Gesamtlänge mit ehemaliger zentralen Umgangsapsis: knapp 70,00 m Gesamtlänge heute, ohne diese Apsis: 66,00 m Langhausbreite, Joche 1 – 4: 22,40 m Langhausbreite im Joch 5: 22,90 m Langhausbreite im Bereich des Pseudoquerhauses, Joche 6 und 7: 22,40 m Breite des Chors mit Umgängen: 18,50 m
Äußeres
Der Umgangschor mit rund schließdenden Radialkapellen ist mit rundbogigen Blendgalerien geschmückt, aber durch die vereinfachte Dachkonstruktion verunstaltet.
Wie nicht anders zu erwarten, hat auch das anschließende Langhaus bis einschließlich der Turmjoche romanische Fenster und Portale.
Westfassade und die Seiten der drei westliche Joche haben Portal, Fenster und Blenden mit gotischen Spitzbögen.
Inneres Die Größe des Kirchenraumes ist beeindruckend. Ein erstaunlicher Perspektiveffekt lässt den Raum scheinbar noch tiefer wirken, was die Baumeister durch eine Verengung der Mittelschiffbreite und eine Verringerung der Jochbreiten im Chor erreichten. mini|hochkant|Südl. Langhauskapelle, 7. Joch Alle Gewölbefelder werden in Querrichtung zum Schiff von kräftigen, leicht angespitzten Gurtbögen getragen, welche die Joche unterteilen. Die Anspitzung der Tonnengewölbe verrät den Einfluss Clunys. Im romanischen Teil, ab dem vierten Joch, sind sie im Querschnitt rechtwinklig, im gotischen Teil, im Joch 1 bis 3, sind sie deutlich schlanker und nach innen etwas konisch verjüngt und ihre Kanten werden in Rundstäben aufgelöst. Alle Gurtbögen des Mittelschiffs, des Chors, der Seitenschiffe und Umgänge stehen auf einheitlich hohen Kapitellen. Die Scheidbögen zwischen den Schiffen, die ebenfalls die Lasten der Wölbungen tragen, stehen auf Kapitellen, die knapp einen Meter tiefer angeordnet sind. Im gotischen Teil gibt es diese Abstufung nicht. Ihre Kanten sind im romanischen Teil einfach abgestuft, im gotischen ähneln sie den Gurtbögen. Die Scheidbögen in den schmalen Chorjochen und denen der Chorapsis sind erheblich gestelzt. Im 5. Joch, das mit dem Turm, sind die Gurtbögen gut doppelt so breit wie in den übrigen Jochen. mini|hochkant|Südl. Seitenschiff und Umgang Fast alle Stützen der Kirche sind Bündelpfeiler aus einem quadratischen Kern, auf jeder Seite mit dreiviertelrunden „alten“ (kräftigen) Diensten bestückt, welche die Kanten der Kerne noch hervortreten lassen. Diese Kanten gehen oberhalb der Kapitelle in die Gewölbegrate über, bei den reinen Tonnengewölben in die die Gurtbögen begleitenden Vorsprünge. Im Sonderfall des 5. Jochs stehen die sehr breiten Gurtbögen auf „alten“ Dienstpaaren. Im gotischen Teil sind die Kanten der Kerne durch „junge“ (schlanke) halbrunde Dienste verdeckt, die wie die älteren Dienste Kapitelle tragen und darüber in die Gewölberippen übergehen. Entlang den Wänden der Seitenschiffe und der Chorumgänge werden die Joche unterteilt durch Wandpfeiler, auf denen dreiviertelrunde „alte“ Dienste vorgeblendet sind, in derselben Dimension wie eine Seite der Bündelpfeiler, denen sie gegenüberstehen. Im gotischen Teil gilt das sinngemäß, jedoch mit jungen Begleitsäulen. Die meisten der Bündelpfeiler und ihre Gegenüber an den Außenwänden stehen mit schmalen Basisprofilen auf im Grundriss rechtwinkligen, meist kreuzförmigen Sockeln, die im Querschnitt oft profiliert sind.