Wir lagen vor Madagaskar ist ein im deutschen Sprachraum bekanntes Volkslied. Es wird dem Komponisten und Texter Just Scheu zugeschrieben; als Entstehungsjahr gilt 1934.

Text und Melodie Das Lied umfasst fünf Strophen und handelt von einer mit ihrem Segelschiff festliegenden Mannschaft, die zusehen muss, wie einer nach dem anderen verdurstet oder an der Pest stirbt.

Wir lagen vor Madagaskar Und hatten die Pest an Bord. In den Kesseln, da faulte das Wasser Und täglich ging einer über Bord. Refrain: Ahoi! Kameraden. Ahoi, ahoi. Leb wohl kleines Mädel, Leb wohl, leb wohl. Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt, Ja da sind die Matrosen so still, Weil ein jeder nach seiner Heimat sich sehnt, Die er gerne einmal wiedersehen will.

Wir lagen schon vierzehn Tage Und kein Wind in die Segel uns pfiff. Der Durst war die größte Plage, Da liefen wir auf ein Riff. Refrain

Der Langbein der war der erste, Der soff von dem faulen Nass. Die Pest gab ihm das Letzte, Und wir ihm ein Seemannsgrab. Refrain

Und endlich nach 30 Tagen, Da kam ein Schiff in Sicht, Jedoch es fuhr vorüber Und sah uns Tote nicht. Refrain

Kameraden, wann sehn wir uns wieder, Kameraden, wann kehren wir zurück, Und setzen zum Trunke uns nieder Und genießen das ferne Glück. Refrain

Der Text wird mehrfach verändert wiedergegeben. So fault das Wasser in den verschiedenen Fassungen einmal in „Kesseln“, „Kübeln“ oder „Fässern“. Die Charaktere „Langbein“ oder „langer Hein“ „trinken“ oder „saufen“ vom Wasser. Neben offensichtlichen Schreib- und Übertragungsfehlern („lagern“ statt „lagen“ „… vor Madagaskar“, „manchmal“ oder „mancher“ statt „täglich“ „… ging einer über Bord“) gibt es eine Anzahl von Textveränderungen und -ergänzungen bis zur Hinzufügung oder Unterdrückung ganzer Textpassagen, so dass die Urfassung unklar ist.

Historischer Hintergrund Der Text wird in mehreren Varianten gesungen. Allgemein wird das Lied als Seemannslied angesehen, ist jedoch in den 1930er-Jahren auch als Fahrtenlied bekannt gewesen. Es erschien umgedichtet (in den eingefügten Textzeilen wird zum Beispiel betont, dass die „Pest“ die hier als „Navajos“ benannte Gruppierung der Edelweißpiraten nicht schrecken könne) in den Liederbüchern von Gruppen der verbotenen bündischen Jugend (Edelweißpiraten), wodurch sie in das Visier der Gestapo gerieten.Martin Rüther: „ ‚Wo keine Gitarre klingt, da ist die Luft nicht rein!‘ Anmerkungen zum Singen in der NZ-Zeit“, S. 28 ff., Kapitel ‚Umdichtungen‘, museenkoeln.de

Inhaltlich deckt sich das Lied mit Geschehnissen aus der Zeit des Russisch-Japanischen Kriegs (1904/1905). Auf der Fahrt zum Entsatz der in Port Arthur eingeschlossenen russischen Streitkräfte musste das sogenannte Zweite russische Pazifikgeschwader unter dem Oberkommando des Admirals Sinowi Petrowitsch Roschestwenski, das vom Ostseehafen Libau aus mit Kurs durch die Nordsee und rund um Afrika ausgelaufen war, wegen dringender Reparaturen unfreiwilligen Aufenthalt vor der Nord-West-Küste von Madagaskar bei der Insel Nosy Be einlegen. Zeitraum („… Wir lagen schon vierzehn Tage“) und Begleitumstände (Krankheit, Tod) sind mit dem Text des Liedes deckungsgleich. Viele der russischen Soldaten starben jedoch nicht wie im Lied angegeben an der Pest, sondern an Typhus, und wurden auf Nosy Be bestattet. Später wurde in Hell Ville, der alten Hauptstadt der Insel, ein russisches Denkmal errichtet, das an die Ereignisse erinnert.Jochen Wiegandt: Singen Sie Hamburgisch? 2. Auflage. Edel Books, Hamburg 2014, ISBN 978-3-8419-0195-8, S. 226. Einen stichhaltigen Beleg für einen Zusammenhang gibt es jedoch nicht.

Rezeption Wie bei Soldatenliedern bekannt, wird der melancholische Text durch den Rhythmus in einer heiter beschwingten Melodie in einer aufgelockerten Stimmung vorgetragen. Durch das Singen des Liedes von bekannten Interpreten wie Heino und Freddy Quinn wurde der Evergreen im Laufe der Zeit zu einem Gassenhauer. Die Musikrechte liegen derzeit beim Harth Verlag. Achim Reichel produzierte 1976 eine bekannte Version unter dem Titel Pest an Bord auf dem Album Dat Shanty Alb’m.

Die Melodie ist recht einfach und trivial gehalten. Auf zwei Takte Tonika folgt immer ein Takt Dominante, der wieder zur Tonika, dem letzten Takt eines jeden Vierer-Blocks, zurückführt. Dieses aus vier Takten bestehende Schema zieht sich ausnahmslos sowohl durch Strophe als auch Refrain. Doch gerade diese Einfachheit ist charakteristisch für das Stück und löst den sogenannten Ohrwurm-Effekt aus.

In deutschen Eisstadien wird bei Eishockeyspielen anlässlich der im Eishockey vorkommenden handfesten Auseinandersetzungen zweier oder mehrerer Spieler von den Fangruppen oftmals der Refrain in der Abwandlung „Haut drauf, Kameraden, haut drauf, haut drauf …“ angestimmt.Reinhard Kopiez, Guido Brink: Fussball-Fangesänge: eine Fanomenologie. Königshausen & Neumann, 1999, S. 32 (). Den Fangesang „Haut drauf, Kameraden, haut drauf, haut drauf …“ gibt es auch im Fußball, um die eigene Mannschaft zu einer Leistungssteigerung aufzufordern.Clemens Schwender: Medien und Emotionen: Evolutionspsychologische Bausteine einer Medientheorie. Springer, Berlin 2013, S. 184 ().

Literatur Ute Daniel: „Wir lagen vor Madagaskar“. Auf der Suche nach den unbekannten Hintergründen eines bekannten Liedes, in: Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Essen: Klartext, 2007, S. 147–154

Weblinks Textquelle, musicanet.org Notensatz, lieder-archiv.de „Wir lagen vor Madagaskar“, Text und Hintergrund, volksliederarchiv.de „Wenn das Schifferklavier an Bord erklingt“, volksliederarchiv.de Xaver Frühbeis: „Flaute, Pest und faules Wasser. ‚Wir lagen vor Madagaskar‘ “. BR-Klassik, Mittagsmusik extra, 30. Dezember 2015

Einzelnachweise

Kategorie:Seemannslied Kategorie:Volkslied Kategorie:Lied 1934