mini|Manfred Mohr vor seiner Arbeit (2019) mini|Kunstwerk P-777_D (2002/04). LCD-Bildschirm und PC

Manfred Mohr (* 8. Juni 1938 in Pforzheim) ist ein deutscher Digitalkünstler mit internationalem Renommee. Er gilt als Pionier der computergenerierten Kunst. 1971 hatte er im Musée d’art moderne de la Ville de Paris die weltweit erste museale Einzelausstellung, in der ausschließlich an einem Digitalcomputer erzeugte und vollautomatisch gezeichnete Bilder präsentiert wurden. Seit Mitte der 1970er Jahre beschäftigt er sich ausschließlich mit der geometrischen Form des Würfels in verschiedenen Dimensionen.

Musik In den Anfängen seiner künstlerischen Entwicklung drückte sich Mohr parallel in der Malerei und in seiner Musik aus. Er spielte in mehreren Bands als Jazzmusiker Tenorsaxophon und Oboe. 1957 besuchte er die Kunst + Werkschule Pforzheim, an der er sich mit Gold- und Silberschmiedekunst und Malerei beschäftigte. Der enge Kontakt zu seinem Professor Reinhold Reiling und dem Grafiker Rainer Mürle sollte ihn schließlich in seiner Entscheidung unterstützen, sich der freien Kunst zu widmen. 1959 gründete er mit Jürgen Leudolph einen privaten Jazztreff im Keller einer ehemaligen Metzgerei. An der Kunstschule nahm Mohr eine Schallplatte auf. Bevor Mohr sich vollends der bildenden Kunst widmete, lebte er als reisender Musiker. 1962 erhielt er den Kunstpreis der Stadt Pforzheim. In dieser Zeit malte Mohr im Stil des Abstrakten Expressionismus. Der Preis beinhaltete ein einjähriges Auslandsstipendium, wofür er sich an der Partnerschule in Barcelona anmeldete, dort aber nie einen Kurs besuchte. Stattdessen schloss sich Mohr der Rock-Band des Sängers Rocky Volcano an und tourte zwei Jahre durch Spanien. Die Musiker nahmen mehrere Schallplatten auf und boten auf der Bühne „geplanten Unsinn“, so Mohr. Mehrfach wurde er von der spanischen Polizei verhaftet. Nach seinem Auslandsaufenthalt kehrte er erst einmal nach Pforzheim zurück, wo er sich wieder der bildenden Kunst widmete.

Was er in der Musik nicht ausdrücken konnte, versuchte er in der Malerei zu finden. Noch Jahrzehnte später, als erfolgreicher Digitalkünstler, bezeichnete Mohr sich als Musiker, der keine Musik macht. Für seine Werke fand er Beschreibungen voller Analogien auf die Welt der Musik; „Klang im Raum“, „unglaubliche Rhythmen, die man so nicht erfinden kann“, „ähnlich dem Kontrapunkt zu einer Tonfolge in der Musik“. Es entstand die Hypothese, dass seine computergenerierten Bilder Klangimprovisationen sind, die über das Auge „hörbar“ sind. Mohrs Ziel ist es, die Rationalität und Ausdrucksstärke der Musik auch in die abstrakte Kunst zu übertragen.

Digitalkunst

In den frühen 1960er Jahren begann Mohr seine Karriere als Action-Maler, wobei er durch die frühen Arbeiten von K. R. H. Sonderborg beeinflusst wurde. 1961 arbeitete Mohr noch plastisch, z. B. beim Werk Zerreissprobe, in dem er einen schwarzen Nylonstrumpf seiner Freundin über eine weiße Holzplatte spannte. Doch schon bald setzte sich das Binäre in seinen Arbeiten durch. Seine frühen Werke seit 1962 waren konsequent in Schwarz-Weiß gemalt, Grau kam fast nicht vor. Der Kontrast zweier Gegensätze inspirierte ihn. Daraus lässt sich eine Parallele zur Musik schließen, der Status von Ton und Nichtton, von Ton und Pause, wie in der Musik Anton Weberns. Eben dieses Thema findet sich auch in der digitalen Kunst wieder, die auf die Computertechnik von 0 und 1 zurückgeht. Mohr möchte nichts sagen, was nicht exakt zu sagen ist.

Zum Wintersemester 1963/64 zog er nach Paris und besuchte die École des Beaux Arts. Sein Malstil entwickelte sich in diesen Jahren vom Abstrakten Expressionismus zur „Gegenbewegung“, der geometrischen Hard-Edge-Malerei. 1965 erhielt er den Schulpreis für Lithografie, doch reizte ihn der Unterricht im Großen und Ganzen wenig.

Im Jahr 1967 lernte Mohr Pierre Barbaud kennen, einen Pionier für computergenerierte Musik. Das inspirierte ihn, Computer für die Produktion künstlerischer Werke einzusetzen. Zwischen den beiden Männern sollte eine lebenslange Freundschaft entstehen. Ersten Zugang zu einem Computer erhielt Mohr 1968 an der Universität Vincennes. Dort führte er zu später Stunde Rechnungen für Bilder durch, die er später per Hand umsetzte. 1969 erhielt er die Gelegenheit, einen Computer in Kombination mit einem Plotter im Brookhaven National Laboratory in New York zu nutzen und später einen Zuse-Plotter an der Technischen Universität Darmstadt. Doch der kontinuierliche Zugang zu seinem neuen Arbeitsmittel ist einem Zufall zu verdanken. 1968 sah Mohr im Fernsehen, wie im Meteorologischen Institut ein schrankgroßer Computer mithilfe eines Plotters Wetterkarten druckte. Darin erkannte Mohr die Möglichkeit, seine musikalische Notation in die bildende Kunst umzusetzen. Er fragte beim Institut an, ob er die Geräte für seine künstlerische Arbeit verwenden dürfe, und traf auf Wohlwollen. Das Institut war militärisches Sperrgebiet. Um Zugang zu bekommen, stellte sich Mohr auf dem Briefpapier der Universität Vincennes selbst ein Beglaubigungsschreiben aus. Fortan durfte er außerhalb der Arbeitszeiten des Instituts den Plotter nutzen. Er brachte sich nunmehr selbst das Programmieren bei. Den Einsatz von Algorithmen und Regeln nannte er später „surrealistische Geometrie“. Das Arrangement im Meteorologischen Institut hatte über dreizehn Jahre Bestand, bis das Gerät verschrottet wurde.

Mohrs erste Einzelausstellung fand 1968 in der Galerie Daniel Templon in Paris statt. Die Ausstellung signes géométrique zeigte schwarz-weiße Acrylbilder. Zu den Zeiten überwog in seinen Werken das Zeichnerische. So erkennt man elektrische Wellenlinien, elektronische Schaltkreise, magnetische Felder.

1969 war Mohr an der Universität Vincennes Mitbegründer des Seminars „Kunst und Informatik“ (). Die Gruppe bestand aus Künstlern, Musikern und Wissenschaftlern. Der Kreis bot die Gelegenheit, für die kreative Arbeit Zugang zu Computern zu erhalten. Mohr verließ die Gruppe bereits 1970 wieder, da er mittlerweile regelmäßig den Computer des Meteorologischen Instituts nutzen konnte. Seine Arbeiten waren nie Bestandteil der GAI-Ausstellungen.

mini|Kunstwerk P021-G (1970). Plotterzeichnung auf Papier. 40 × 40 cm

Nach zweijähriger Arbeit veröffentlichte Mohr 1969 sein Kunstbuch Artificiata I. Er selbst nennt es Visual Poetry Artist Book (frei übersetzt: ). Ein Vorwort schrieb Pierre Barbaud. Mohr beschreibt hier seinen Anspruch wie folgt: Einige der abgebildeten Werke erinnern an Partituren, in der statt Noten gestaltete Notenlinien eine grafische Musik komponieren. Die abgebildeten Werke sind von Hand gezeichnet, wurden jedoch bereits mithilfe von Regeln konzipiert, sozusagen „programmiert“. Das methodische, auf Algorithmen basierende Vorgehen der kommenden Jahre ist hier schon zu erkennen. Allerdings stellte Mohr selbst fest, dass die Arbeit logische Fehler aufweist, denn sie Daher wollte er künftig mit dem Computer arbeiten. Nach seiner ersten Ausstellung mit vom Computer gezeichneten Arbeiten verschwieg Mohr erst einmal, dass die Werke mithilfe des Computers entstanden waren, weil das vom Großteil des Publikums als „unkünstlerische Machart“ angesehen wurde. Mohr sieht den Vorteil im Computer darin, dass die Maschine zum einen fehlerfrei arbeitet und zum anderen die emotionale Subjektivität, die „Psychologie“, herauslässt. Für ihn ist das eine Erweiterung seiner künstlerischen Möglichkeiten. Die Gefahr, sich an Bekanntem zu orientieren und sich zu wiederholen, bestehe nicht mehr. Der Computer rechnet ihm die Werke aus,

1971 hatte er die erste museale Einzelausstellung seiner computergenerierten Arbeiten im Musée d’art moderne de la Ville de Paris. Es war die weltweit erste Einzelausstellung von Computerkunst in einem Museum, in der ausschließlich Bilder präsentiert wurden, die an einem Digitalcomputer erzeugt und vollautomatisch gezeichnet worden sind.

mini|Kunstwerk P1682_3735 (2015/17). Pigmenttinte auf Leinwand. 40,5 × 55 cm

Als Mohr 1983 endgültig nach New York zog, schaffte er sich sein erstes Computersystem für Zuhause an. Es bestand aus einem DEC-LSI-11-23-Computer von Charles River Data in Boston. Um sich einen Plotter leisten zu können, stellte er sich als Beta-Tester für einen Alpha-Merics-Plotter zur Verfügung. Der rahmenlose Plotter erlaubte es ihm, sehr große Bilder anfertigen zu können.

2014 erschien der Folgeband zu seinem 1969 veröffentlichten Buch Artificiata I. Auch in Artificiata II bilden Notenzeilen den Untergrund für seine grafischen Kompositionen. In Artificiata II zeigen mehrfach gebrochene Linien mit jedem Richtungswechsel den Weg durch eine einzelne Dimension, zweidimensional abgebildet. Diese Geometrie des Klangs erforscht Mohr durch Rhythmus, Wiederholung, Schleifen und Pausen. 2016 folgte eine Ausstellung mit gleichem Namen in London. Hier wurden die Zeichnungen und Gemälde ergänzt durch Skulpturen und Animationen, die errechnete Reisen durch multiple Dimensionen zeigten. Seine Arbeit algorithmic modulations von 2019 basiert auf 12-dimensionalen Würfeln. Er integrierte die aus früheren Arbeiten bekannten „Notenlinien“, nun durch die Animation nicht mehr statisch.

Würfel mini|Kunstwerk P1273_2 (2007). Pigmenttinte auf Leinwand. 126 × 126 cm

Mohr hatte den Wunsch, ein grafisches Instrument zu finden, das eindeutig auf das Wesentliche reduziert ist. Über das Koordinatensystem kam er auf die „pure platonische Form“ des Würfels. Seit Mitte der 1970er-Jahre beschäftigt er sich ausschließlich mit dieser geometrischen Form. Die Konzentration auf den Würfel Von diesem Körper leitete er seine Algorithmen ab, kreierte Serien von Geraden, Kanten, Winkeln u. Ä. In der Arbeit mit den Würfeln wendete er beispielsweise mathematische Prozesse an, wie Drehung, Clipping, Mengenlehre und Graphentheorie.

Um 1977 erweiterte Mohr seine geometrischen Erkundungen in Richtung des Hyperwürfels, genau genommen zu dem vierdimensionalen Tesserakt. Mohr sagte dazu: Mohr mag das Wort Dimension genaugenommen nicht, da es laut ihm „mystisch und metaphysisch“ klänge und er lediglich die mathematische Regel meine.

1989 begann Mohr, sich mit fünf- und sechsdimensionalen Hyperwürfeln zu beschäftigen. In den 1990er-Jahren verfolgte er diesen Pfad weiter, weg von den Tesserakten zu mehrdimensionalen Hyperwürfeln, die bis zu fünfzig Dimensionen haben konnten. Das bot ihm schier unzählige Möglichkeiten. Allein bei seinen 1991 erstellten Arbeiten zum sechsdimensionalen Hyperwürfel, hatte Mohr 23.040 Strichvariationen zur Verfügung. Die möglichen Projektionen, die sich dabei ergaben, nannte er visuelle Poesie. In seiner Arbeit klangfarben (2006 bis 2008) begann Mohr, sich mit einem elfdimensionalen Würfel auseinanderzusetzen, was er in parallelResonance (2009 bis 2011) fortsetzte. Über den Verlauf von vierzig Jahren hat Mohr mit Würfeln in drei, vier, fünf, sechs und elf Dimensionen gearbeitet; 2019 entwickelte er seine Arbeitsweise weiter auf zwölf Dimensionen.

Arbeitsweise Mohr erstellt die Programme für seine Kunst nach wie vor selbst, was für einen Computerkünstler nicht selbstverständlich ist. Mohr programmiert in Fortran; 1996 schätzte er seinen Bestand auf etwa eintausend Programme, In den Anfangsjahren hat Mohr tagsüber in zwei Stunden etwas programmiert und abends am Plotter gezeichnet. Im Laufe der Jahre wurden die Instruktionen und damit der Arbeitsaufwand umfangreicher. Wenn er auf seinen bereits bestehenden Code zurückgreift, schreibt er ihn häufig um. Bei seinem 2017/2018 Projekt Transit-Code setzte er sich bewusst mit seinen alten Programmen auseinander und erarbeitete auf deren Basis neue Kunstwerke.