mini|hochkant|Ludwig Lindenschmit Ludwig Lindenschmit der Ältere. auch Ludwig Lindenschmidt (* 4. September 1809 in Mainz; † 14. Februar 1893 ebenda) war ein deutscher Prähistoriker, Pionier der Urgeschichtsforschung, Historienmaler, Lithograf und Zeichenlehrer. Er ist Mitglied der Künstlerfamilie Lindenschmit, die sich über vier Generationen hinweg von Mainz nach Aschaffenburg, Frankfurt am Main und München verzweigte.

Leben Ludwig Lindenschmit war der Sohn des nassauischen Stechers, Zeichners, Medailleurs und Münzgraveurs Johann Lindenschmit (1771–1845), der in Mainz unter anderem römische und mittelalterliche Bauten und Skulpturen aufnahm, und Bruder des Mainzer Malers und Zeichenlehrers Wilhelm Lindenschmit, der unter anderem die Fresken in Hohenschwangau gemalt hat. Seit 1843 war der katholische Lindenschmit in München verheiratet mit Luise (der Schwester seiner Schwägerin) und hatte mit ihr insgesamt vier Söhne (einer früh verstorben) und zwei Töchter (eine früh verstorben).

Zunächst besuchte er das Gymnasium in Mainz und erhielt anschließend eine künstlerische Ausbildung in Wien. Zusammen mit seinem Bruder Wilhelm ging er im Frühjahr 1824 nach Wien und 1825 nach München. Dort absolvierte er wie sein Bruder bis 1831 ein Studium der Malerei an der Akademie, hauptsächlich bei dem Akademiedirektor Peter von Cornelius (1783–1867)Eintrag in der Matrikeldatenbank., und an der Universität. Während seines Studiums wurde er 1824 Mitglied einer Münchner Burschenschaft, wahrscheinlich Renonce oder Conkneipant der Burschenschaft Germania.Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 458–462. Von 1831 bis 1875 lehrte er als Zeichenlehrer am Gymnasium und an der Gewerbeschule seiner Geburtsstadt Mainz und wandte sich insbesondere Darstellungen naturgeschichtlicher Gegenstände zu. Seine romantische Vorliebe galt Themen aus der Sagenwelt und der deutschen Geschichte. mini|Ludwig Lindenschmit schuf den Entwurf für das Mainzer Gutenberg-Denkmal am Gutenbergplatz

Mit seinem Bruder Wilhelm Lindenschmit führte er seit 1835 die historischen Fresken im Schloss Hohenschwangau aus. 1836, 1842 und 1846 beschickte er die Ausstellungen des Rheinischen Kunstvereins in Mainz, unter anderem mit seinen Gemälden Gutenberg, Stürmende deutsche Landsknechte und Ritter mit seinen Knechten.

Von Ludwig Lindenschmit stammt der Entwurf für das Mainzer Gutenberg-Denkmal am Gutenbergplatz. Das Modell wurde ausgeführt von dem bedeutenden dänischen Bildhauer Bertel Thorwaldsen (1770–1844), Charles Crozatier in Paris führte dann 1836 den Bronzeguss aus. Enthüllt wurde das Denkmal am 14. August 1837. Eine Nachbildung findet sich heute in Putbus auf Rügen.

Während seiner beruflichen Tätigkeit als Maler und Zeichenlehrer beschäftigte sich Ludwig Lindenschmit in zunehmendem Maße mit der heimischen Altertumskunde. Er war Mitglied der Mainzer Freimaurerloge „Die Freunde zur Eintracht“.

Zeit als Prähistoriker und Museumsgründer

Am 11. Dezember 1841 war Ludwig Lindenschmit Mitbegründer des Mainzer Altertumsvereins, der sich am 31. Januar 1844 auf seiner ersten Generalversammlung als „Verein zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alterthümer in Mainz“ endgültig konstituierte und dessen Sammlungen im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz untergebracht waren. Ludwig Lindenschmit war im ersten Vorstand als erster „Konservator“ zuständig für die archäologischen Altertümer und war von 1863 bis zu seinem Tod im Amt des Vorsitzenden. Ihm zu Ehren verleiht der Verein die „Ludwig-Lindenschmit-Plakette“.

Ludwig Lindenschmit war auf Beschluss der „Versammlung deutscher Geschichts- und Alterthumsforscher“ (16. bis 19. August 1852 in Dresden) Initiator der Gründung des heutigen Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) in Mainz als „Centralmuseum für Vor- und Frühgeschichte für germanische und römische Altertümer“ und zusammen mit Hans Freiherr von und zu Aufseß des „Germanischen Museums“ in Nürnberg.

mini|Das im Kurfürstlichen Schloss Mainz untergebrachte Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM). Beide Gründungen wurden jeweils einstimmig beschlossen. In den darauffolgenden Jahren war Aufseß der Ansicht, dass es nur einer nationalen Institution, und zwar der „seines Museums“, des „Germanischen Museums“, bedarf, die Erforschung und Bearbeitung des ganzen Gebietes der deutschen Geschichts- und Altertumswissenschaft zu leisten. Dieser Vorschlag wurde durch die schwierige Gesamtlage des Mainzer Museums in den ersten Jahren seines Bestehens (finanzielle und strukturelle Schwierigkeiten) präferiert. So blieb etwa die vom Gesamtverein in Aussicht gestellte Unterstützung aus und die Resonanz in weiten Kreisen der Öffentlichkeit ebenso, im Gegensatz zum Nürnberger Germanischen Museum. Und so bedrängte Aufseß den Vorstand des Mainzer Museums, sich dem Germanischen Museum anzuschließen. Schließlich bot Aufseß 1855, als das Mainzer Museum mit größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte (es stand kurz vor dem Zusammenbruch), dem damaligen Konservator Ludwig Lindenschmit die Stelle eines Direktors der Kunst- und Alterthumssammlungen am Nürnberger Museum an, mit einem fixen Jahresgehalt von 1000 fl. Doch Ludwig Lindenschmit lehnte schon nach kurzer Bedenkzeit ab.

In der Folgezeit kam es immer wieder zu Initiativen von Seiten der „Nürnberger“ zu einer Zusammenarbeit, doch scheiterten auch diese. Somit betrachtete Aufseß die Aktivitäten Ludwig Lindenschmits in Mainz stets als Konkurrenzunternehmen. Von 1853 bis zu seinem Tode im Jahre 1893 blieb Lindenschmit aber ununterbrochen Mitglied des Verwaltungsausschusses und seit 1854 des Gelehrtenausschusses für das Fach römisch-deutsche Altertumskunde des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.

Erst seit 1871 standen dem Museum regelmäßige Mittel von Seiten des neu gegründeten Deutschen Reichs zur Verfügung. Daher konnte Ludwig Lindenschmit im Jahr 1872 seine Tätigkeit als Zeichenlehrer endgültig aufgeben und sich nun ganz der Leitung des Mainzer Museums widmen. Unterstützt wurde er dabei in seinen letzten Jahren von seinem Sohn Ludwig Lindenschmit dem Jüngeren, der auch nach dem Tod seines Vaters von 1893 bis 1912 die Leitung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums übernahm.

Ludwig Lindenschmit war stets der Ansicht, dass historische Interpretationen von Altertumsfunden nur möglich seien, wenn weiträumige, vergleichende Studien betrieben würden. So wurde auf die Initiative Lindenschmits mit dem Mainzer Altertumsverein eine bedeutende, überregionale Studiensammlung angelegt. Auf ihn gehen etwa 12.000 Abgüsse (Kopien-Sammlung) zurück, die systematisch aufgebaut und auch öffentlich verkauft wurden. Diese Kopiensammlung, etwa Schnallen, Fibeln, Schwerter, Urnen und Speere, sollte alle bedeutenden Funde aus Deutschland und ganz Europa umfassen und so vergleichende Arbeiten ermöglichen. Um 1900 umfasste diese Sammlung rund 13.200 Nachbildungen. Gesammelt wurden aber auch Originale und Abbildungen vor- und frühgeschichtlicher Denkmäler Deutschlands und seiner Nachbarländer, um diese zu erforschen und die Ergebnisse in wissenschaftlichen und volkstümlichen Schriften zugänglich zu machen. Dabei betrachtete sich das Museum weniger als öffentliche Schausammlung als vielmehr als Forschungsstätte zur Vor- und Frühgeschichte, was heute auch noch durch den Museumsnamen „Römisch-Germanisches Zentralmuseum – Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte“ (RGZM) zum Ausdruck gebracht wird. Untergebracht wurde die Studiensammlung im Kurfürstlichen Schloss. Ludwig Lindenschmit leitete das RGZM dann bis zu seinem Tod im Jahre 1893.

Bis heute hat sich das Museum zu einem weltweit renommierten Forschungsinstitut mit integrierten Laboratorien und Werkstätten, einer umfangreichen Bibliothek und einem Bildarchiv entwickelt. Die zahlreichen Forschungsfelder erstrecken sich auch auf andere Kulturen der Alten Welt. Von den Forschungsaktivitäten zeugen auch zahlreiche Publikationsreihen.

Ludwig Lindenschmit war einer der heftigsten Gegner des um 1870 heiß diskutierten Dreiperiodensystems des dänischen Prähistorikers Christian Jürgensen Thomsen (1788–1865, seit 1816 Leiter des Dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen), speziell einer Eisenzeit, die dann um 1890 nach heftigsten Auseinandersetzungen allgemeine Anerkennung fand. Lindenschmit vertrat aber zu Recht die zentrale Bedeutung des Mittelmeerraums für die Entwicklung der vorgeschichtlichen Metallurgie.

1861 wurde Ludwig Lindenschmit von Napoleon III. als Berater bei der Gründung des „Musée des Antiquités Nationales“ in Saint-Germain-en-Laye hinzugezogen. So schenkte er dem cäsarbegeisterten Franzosenkaiser wichtige stadtkölnische Ausgrabungen für dieses Museum, darunter zwei bedeutende Grabdenkmäler: den Cippus des C. Deccius aus Ticinum, Soldat der 20. Legion und Tierarzt, und das Monument des Hornisten der 1. Legion C. Vetienus aus Rom. Beide Grabsteine wurden zuerst abgebildet auf den Randleisten von Egmonts Stadtplan von 1642, einer modernisierten Neuauflage des bekannten Mercatorstichs von 1571. Zunächst waren beide Grabsteine in die Mauer eines neuen Festungswerks am Kölner Bayenturm eingelassen. Später, Ende des 19. Jahrhunderts, wurden sie im genannten Museum von Saint-Germain-en-Laye wiederentdeckt.

In den Jahren 1845/46 grub Ludwig Lindenschmit, beauftragt vom Mainzer Altertumsverein, südlich des rheinhessischen Dorfes Selzen (heute Kreis Mainz-Bingen) in der Gewann Heuer am Hang oberhalb einer Mühle ein bedeutendes fränkisches Reihengräberfeld aus, das er dann zusammen mit seinem Bruder Wilhelm Lindenschmit publizierte. An den Mainzer Altertumsverein wurden sechs geöffnete und zerstörte Gräber vom örtlichen Lehrer Krafft gemeldet. Lindenschmit konnte dann 1845 sechs oder sieben und im folgenden Jahr 18 Gräber aufdecken. Die gut erhaltenen Bestattungen waren mit reichen Beigaben (Waffen und Schmuck, etwa vier Bügelfibelpaaren, drei Bronzebecken sowie 13 Gläsern) ausgestattet. In der schnell erfolgten Grabungspublikation der Brüder Lindenschmit

Die für damalige Zeit mustergültige Grabungspublikation ist hervorragend illustriert mit Aquarellen von seinem Bruder Wilhelm Lindenschmit, die den archäologischen Befund der Bestattungen dokumentieren. Die einzelnen Gräber konnten auf diese Weise in ihrem Zusammenhang klar systematisiert und zu damals bekannten Vergleichsfunden in Beziehung gesetzt werden. Aufgrund von zwei Münzfunden des oströmischen Kaisers Justinian I. (527–565) als Obolus in zwei Gräbern konnte Lindenschmit die Bestattungen in das frühe Mittelalter datieren. Durch die Münzdatierung wurde ihm auch eine historische Deutung in die Zeit der Germanen (Franken) möglich. Forscherkollegen lieferten sich zur Publikationszeit heftige Auseinandersetzungen um die Interpretation solcher Gräberfelder. Im Gegensatz zu den „Germanomanen“ wiesen die „Keltomanen“ die Gräber den Kelten zu.

1868 untersuchte und publizierte Ludwig Lindenschmit Funde der Hinkelstein-Gruppe, die bereits 1866 beim Roden eines Feldes zur Anlage eines Weinberges in Monsheim im Gewann Hinkelstein (Kreis Alzey-Worms, Rheinland-Pfalz) in einem Gräberfeld entdeckt worden waren und auf Untersuchungen des Wormser Arztes und Heimatforschers Karl Koehl zurückgehen. Der Name dieser neolithischen Kultur fußt auf einen rund zwei Meter hohen Menhir, der sich heute im Schlosshof von Monsheim befindet und im rheinhessischen Volksmund „Hinkelstein“ genannt wird. Koehl schlug 1898 den Ausdruck Hinkelsteintypus vor. Heute wird allgemein der Terminus Hinkelsteingruppe benutzt, deren Hauptverbreitung Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen umfasst.