AIDS (; Akronym von englisch acquired immune deficiency syndrome „erworbenes Immunschwächesyndrom“, auch erworbenes Immunddefektsyndrom und „Akquiriertes Immun-Defizienz-Syndrom“„HIV“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, HIV, abgerufen am 12. März 2021., amtliche Rechtschreibung Aids) bezeichnet eine spezifische Kombination von Symptomen, die beim Menschen infolge der durch eine HIV-Infektion ausgelösten Zerstörung des Immunsystems auftreten. Bei den Erkrankten kommt es zu lebensbedrohlichen opportunistischen Infektionen und Tumoren.
AIDS wurde, nach Definition des Zusammentreffens bestimmter Krankheitszeichen durch die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC), am 1. Dezember 1981 als eigenständige Krankheit erkannt. Eine HIV-Infektion gehört zu den sexuell übertragbaren Krankheiten. Laut dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) lebten im Jahr 2024 weltweit etwa 40,8 Millionen HIV-positive Menschen. 2024 kam es zu etwa 1,3 Millionen HIV-Neuinfektionen (3562 pro Tag) und etwa 0,63 Millionen Menschen starben an den Folgen von HIV/AIDS. Seit Beginn der Epidemie starben 44,1 Millionen Menschen an AIDS. Der Anteil der HIV-Infizierten liegt im weltweiten Durchschnitt bei etwa 0,7 % der 15- bis 49-Jährigen, erreichte in einzelnen afrikanischen Staaten jedoch Werte um 25 %. Eine Schutzimpfung steht nicht zur Verfügung. Durch die effektivere Behandlung von HIV-Infizierten mit neuen Medikamenten ist AIDS in Mitteleuropa seltener geworden.
Definition und Klassifikation Klassifikation in der ICD-10 In dem weltweit anerkannten medizinischen Diagnoseklassifikationssystem ICD-10 der WHO können sowohl die HIV-Infektion als auch zahlreiche Krankheiten als Folge einer HIV-Infektion codiert werden. Die genaue Art der Folgeerkrankung wird in der zuletzt für das Jahr 2013 von der Weltgesundheitsorganisation aktualisierten Version der ICD-10 in einer vierten Stelle verschlüsselt, zum Beispiel: B20.6 Pneumocystis-Pneumonie infolge HIV-Krankheit.
Einstufung der HIV-Infektion und AIDS-Definition CDC-Definition Gemäß Falldefinitionen der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) gilt ein bestätigter positiver HIV-Test als Nachweis der HIV-Infektion. Die Bewertung der HIV-Infektion nach Grad der Schwere einschließlich AIDS wurde mehrfach geändert, zuletzt wurde sie 2014 aktualisiert. Bis 2008 wurden klinische Befunde in Form von Kategorien und Laborwerte als Stadien separat eingestuft und als Buchstaben-Ziffern-Codierung dargestellt (z. B. A1, B3). Dabei wurden auch asymptomatische sowie mit HIV verbundene aber nicht AIDS-definierende Erkrankungen einbezogen. Seit 2008 werden nur noch die AIDS-definierenden Erkrankungen berücksichtigt. Die Einteilung nach Anzahl der CD4-positiven T-Lymphozyten (T-Helferzellen) und die Liste der AIDS-definierenden Erkrankungen blieben hingegen unverändert. Seit 2014 gibt es 5 Stadien: Je nach CD4+-Zellzahl und ggf. klinischen, AIDS-definierenden Symptomen werden die Stadien 1 bis 3 definiert. Wenn diese Informationen nicht vorliegen, ist das Stadium „unbekannt“. Das 2014 eingeführte Stadium 0 deckt frühe bzw. frische HIV-Infektion ab; innerhalb 6 Monate nach einem bestätigten positiven HIV-Test liegt ein negativer vor.
Die in der Praxis möglicherweise verbreitete Buchstaben-Ziffern-Codierung ist somit veraltet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Falldefinition in erster Linie der epidemiologischen Überwachung von HIV und AIDS dient und nicht als Leitfaden für eine (aktuelle) klinische Diagnostik. So kann eine Falleinstufung nicht wieder herabgesetzt werden; sie sagt daher gegebenenfalls nichts über den aktuellen Status eines Patienten aus. Ein Patient wird bei einer Progression neu klassifiziert. Damit sagt die CDC-Klassifikation nichts über den aktuellen Zustand zum Beispiel nach etablierter HIV-Therapie aus.
+HIV-Einstufung gemäß CDC (2014), Einteilung nach CD4+-ZellzahlStadiumErwachsene und Kinder ab 6 JahrenKinder 1 bis 5 JahreKinder unter 1 JahrCD4+-Zellzahl [µl] bzw. in Prozent aller Lymphozyten1≥ 500 > 26 %≥ 1000 > 30 %≥ 1500 > 34 %2200–499 14–25 %500–999 22–29 %750–1499 26–33 %3 (AIDS) *< 200 < 14 %< 500 < 22 %< 750 < 26 %unbekanntkeine Werte bzw. Befunde über eine AIDS-definierende Erkrankung verfügbarDie CD4+-Zellzahl hat gegenüber der Prozenteinteilung Vorrang, letztere ist nur dann ausschlaggebend, wenn die Absolutzahl nicht vorliegt. Wenn die Kriterien für Stadium 0 erfüllt sind, bleibt das Stadium bei 0. Wenn die Kriterien für Stadium 0 nicht erfüllt sind, dafür aber die für Stadium 3 AIDS-definierende Erkrankung vorliegen (vgl. Auflistung unten), wird das Stadium auf 3 gesetzt * oder mindestens eine AIDS-definierende Erkrankung (vgl. Auflistung unten) mini|Orale Candidiasis (Mundsoor, Überwucherung der Mundhöhle mit dem Hefepilz Candida albicans) mini|Kaposi-Sarkom der Haut bei einem AIDS-Patienten, ausgelöst durch das Humane Herpesvirus 8 mini|Augenhintergrund bei Entzündung der Netzhaut, verursacht durch das Cytomegalievirus („CMV-Retinitis“)
Als AIDS (im Deutschen ursprünglich auch erworbenes Immundefektsyndrom genannt) gelten der Nachweis der HIV-Infektion und eine AIDS-definierende Erkrankung (Stadium 3) oder aber der Nachweis der HIV-Infektion und eine CD4-Zellzahl < 200 Zellen bzw. < 14 %. Als AIDS-definierende Erkrankungen/Symptome wurden von den CDC festgelegt:
multiple bakterielle Infektionen, rezidivierend (gilt nur für Kinder unter 6 Jahren) Candidose (Pilzinfektion) von Bronchien, Luftröhre oder Lungen Ösophageale Candidose (Pilzinfektion der Speiseröhre) CMV-Infektionen (außer Leber, Milz, Lymphknoten) CMV-Retinitis (Netzhautentzündung mit Visusverlust) Enzephalopathie, HIV-bedingt Herpes-simplex-Infektionen: chronische Ulzera (> ein Monat bestehend; oder Bronchitis, Pneumonie, Ösophagitis) Histoplasmose, disseminiert oder extrapulmonal (außerhalb der Lunge) Isosporiasis, chronisch, intestinal, mehr als ein Monat bestehend Kaposi-Sarkom Kokzidioidomykose, disseminiert oder extrapulmonal Kryptokokkose, extrapulmonal Kryptosporidiose, chronisch, intestinal, > ein Monat bestehend Burkitt-Lymphom Lymphom, immunoblastisches Lymphom, primär zerebral Mycobacterium avium-Komplex oder Mycobacterium kansasii, disseminiert (verbreitet) oder extrapulmonal Mycobacterium tuberculosis, pulmonal (gilt nur für Erwachsene und Kinder ab 6 Jahren), disseminiert oder extrapulmonal Mycobakteriose, andere oder nicht identifizierte Spezies disseminiert oder extrapulmonal Pneumocystis-Pneumonie (durch Pneumocystis jirovecii verursachte Pneumonie) Pneumonien, rezidivierend Progressive multifokale Leukenzephalopathie Salmonellen-Sepsis, rezidivierend Tuberkulose Toxoplasmose, zerebral Wasting-Syndrom (durch HIV bedingt) Zervixkarzinom, invasiv (gilt nur für Erwachsene und Kinder ab 6 Jahren)
Nicht mehr verwendet werden alte Staging-Systeme wie die nach Walter Reed oder die Frankfurter Stadieneinteilung (nach Hans-Reinhard Brodt und Mitarbeitern).
Europäische Definition Gemäß Falldefinition der Europäischen Kommission gilt ein bestätigter positiver HIV-Test als Nachweis der HIV-Infektion. Eine Bewertung der HIV-Infektion nach Grad der Schwere wird nicht vorgenommen.
Als AIDS gelten der Nachweis der HIV-Infektion und eine der in der europäischen Falldefinition für AIDS festgelegten Erkrankungen. Diese sind mit denen der CDC-Aufstellung identisch (siehe dort). Eine AIDS-Diagnose lediglich aufgrund von Laborwerten ohne jedweden klinischen Befund (CDC-Stadium 3) wurde verworfen.
Die europäische Falldefinition dient der epidemiologischen Überwachung von HIV und AIDS. WHO-Definition Gemäß WHO-Falldefinition gilt ein bestätigter positiver HIV-Test als Nachweis der HIV-Infektion.
Immunologische und klinische HIV-Einstufung der WHO (2007) bei Erwachsenen und Jugendlichen* Stadium Symptome CD4+-Zellzahl pro µl% aller Lymphozyten 1 Asymptomatisch ≥ 500 Asymptomatische Erkrankung(en) 2 Milde Symptome 350–499 Für dieses Stadium definierte Erkrankung, zum Beispiel Herpes Zoster 3 Fortgeschrittene Symptome < 350 Für dieses Stadium definierte Erkrankung, zum Beispiel Orale Haarzellleukoplakie 4 (AIDS)Schwerwiegende Symptome < 200<15 % oder mindestens eine der AIDS-definierenden Erkrankungen* Nachweis der HIV-Infektion ist vorausgesetzt
Für die epidemiologische Überwachung wird bei Erwachsenen und Jugendlichen die fortgeschrittene HIV-Infektion definiert als Nachweis der HIV-Infektion und eine Erkrankung der klinischen Stadien 3 oder 4.
Als AIDS gilt bei Erwachsenen und Jugendlichen der Nachweis der HIV-Infektion und einer AIDS-definierenden Erkrankung (Stadium 4) oder aber der Nachweis der HIV-Infektion und eine CD4-Zellzahl < 200 Zellen bzw. < 15 %.
Die AIDS-definierenden Erkrankungen/Symptome sind weitgehend mit denen der CDC-Aufstellung identisch.
Übertragung Das HI-Virus wird durch Blut und infektiöse Körperflüssigkeiten wie Sperma, Vaginalsekret, Liquor, Flüssigkeitsfilm auf der Darmschleimhaut oder Muttermilch übertragen. Potentielle Eintrittspforten sind frische, noch blutende Wunden in Schleimhäuten (Bindehaut, Mund-, Nasen-, Vaginal- und Analschleimhaut) bzw. nicht ausreichend verhornte, leicht verletzliche Stellen der Außenhaut (Eichel, Innenseite der Penisvorhaut). Die häufigsten Infektionswege sind der ungeschützte Vaginal- oder Analverkehr, die Benutzung kontaminierter Spritzen bei intravenösem Drogenkonsum und der aufnehmende Oralverkehr (wenn Schleimhautkontakt mit Sperma bzw. Menstruationsblut). Beim aufnehmenden Oralverkehr mit unverletzter Mundschleimhaut stellt der Kontakt mit Präejakulat oder Vaginalsekret ein vernachlässigbares Infektionsrisiko dar, ebenso wie der passive Oralverkehr. Männer, die Sex mit Männern haben, Fixer, die mit anderen Nadel und Spritze teilen, bis 1984 auch Menschen, die häufig Bluttransfusionen brauchen, sowie Menschen mit häufigem Partnerwechsel gelten als Risikogruppen.Ludwig Demling: Tödliche Bedrohung AIDS. In: Johannes Gründel (Hrsg.): AIDS. Herausforderung an Gesellschaft und Moral (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 125). Mit Beiträgen von Otto Braun-Falco, Ludwig Demling, Johannes Gründel, Gundolf Keil, Henrik Kreutz und Otfried Seewald. Mit einem Anhang Gesetzestexte, staatliche Maßnahmen, kirchliche Orientierungen. Patmos, Düsseldorf 1987, ISBN 3-491-77686-4, S. 24–30, hier: S. 26 (Risikogruppen). Wie hoch das Risiko beim Geschlechtsverkehr ist, hängt vor allem von der Viruslast in der Samenflüssigkeit, im Scheidensekret und im Blut ab. Diese ist in den ersten Wochen nach der Infektion, bevor sich Antikörper gebildet haben, besonders hoch, nimmt dann ab und steigt in späten Stadien der Erkrankung wieder an. Möglich sind auch Übertragungen durch Organspenden und Unfälle.
HIV wird nicht über Speichel, Schweiß, Tränenflüssigkeit, Tröpfcheninfektion oder durch Insektenstiche übertragen. Ebenso wenig führt die Kontamination intakter Haut mit virushaltiger (Körper-)Flüssigkeit zu einer Ansteckung. Auch stellen Körperkontakte im alltäglichen sozialen Miteinander, die gemeinsame Benutzung von Geschirr, Besteck u. ä. sowie die gemeinsame Benutzung sanitärer Einrichtungen kein Infektionsrisiko dar.
Bei Patienten mit AIDS-Vollbild besteht ein Ansteckungsrisiko mit typischen opportunistischen Erregern: Viren der Herpes-Gruppe, Candida, Streptokokken, Pneumokokken, Meningokokken und viele weitere. Partner von Patienten mit AIDS-Vollbild sollten sich auch über diese Erreger und deren Infektionswege informieren. Beispielsweise mindert der vollständige Impfschutz von Kontaktpersonen indirekt auch das Risiko für AIDS-Patienten, an impfpräventablen Infektionen zu erkranken. Das gilt besonders bei Impfungen, die Menschen mit Immunschwäche nicht erhalten können.