mini|Gotthard Heinrici (1943) mini|klasse=skin-invert-image|Unterschrift Heinricis Feodor August Gotthard Heinrici (* 25. Dezember 1886 in Gumbinnen, Ostpreußen; † 10. Dezember 1971 in Karlsruhe)Johannes Hürter: A German General on the Eastern Front. The Letters and Diaries of Gotthard Heinrici 1941–1942. Pen & Sword Military, Barnsley (South Yorkshire) 2014, ISBN 978-1-78159-396-7, S. 10. war ein deutscher Generaloberst im Zweiten Weltkrieg. Er kommandierte Großverbände des Heeres auf verschiedenen Kriegsschauplätzen. Heinrici galt als einer der wenigen Experten der Wehrmacht für Operationen zur Verteidigung.
Leben Kaiserreich und Erster Weltkrieg Gotthard Heinrici wurde als einziger Sohn des Pfarrers Paul Heinrici und dessen Ehefrau Gisela, geborene von Rauchhaupt, die einer preußischen Adelsfamilie entstammte, geboren. Sein Großvater väterlicherseits war der Pastor und Konsistorialrat August Heinrici. Der spätere Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt war sein Cousin, desgleichen der Verhaltensforscher Otto Koehler, mit dem er gemeinsam im Pfarrhaus von Gumbinnen aufwuchs. Heinrici trat am 8. März 1905 als Fahnenjunker in das 6. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 95 ein und absolvierte eine Offiziersausbildung. Am 18. August 1906 erfolgte seine Ernennung zum Leutnant. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er am 17. Februar 1914 zum Oberleutnant befördert.
Heinrici kämpfte zunächst mit der 38. Infanterie-Division an der Westfront. Er war bei der Eroberung von Namur dabei. Danach wurde die 38. Infanterie-Division nach Ostpreußen transportiert. An der Ostfront nahm er mit der Division an der Schlacht bei Tannenberg teil.Samuel W. Mitcham, Gene Mueller: Hitler’s Commanders. Officers of the Wehrmacht, the Luftwaffe, the Kriegsmarine, and the Waffen-SS. Rowman & Littlefield, Lanham 2012, ISBN 978-1-4422-1153-7, S. 64–65. Auf dem polnischen Kriegsschauplatz äußerte er antisemitische Ressentiments, die er aus seinem Elternhaus übernommen hatte, und machte sich über die in Polen zahlreich anzutreffenden „Kaftanjuden mit Ringellöckchen“ lustig.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57982-6, S. 511. Am 18. Juni 1915 erfolgte seine Beförderung zum Hauptmann, und ab 1916 war er als Kompanie- und Bataillonsführer an der Schlacht um Verdun beteiligt. Nach einer schweren Verwundung bei einem Gasangriff wurde er in den Stabsdienst versetzt.Samuel W. Mitcham, Gene Mueller: Hitler’s Commanders. Officers of the Wehrmacht, the Luftwaffe, the Kriegsmarine, and the Waffen-SS. Rowman & Littlefield, Lanham 2012, ISBN 978-1-4422-1153-7, S. 65. Bis Kriegsende war er Erster Generalstabsoffizier (Ia) der 203. Infanterie-Division. Während des Krieges wurde Heinrici elfmal ausgezeichnet, unter anderem mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes und dem Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern.
Weimarer Republik Anfang 1919 kam er zum Infanterie-Regiment Nr. 95 zurück und ging kurz darauf im Februar 1919 mit einer Freiwilligen-Division zum Grenzschutz Ost.
1920 wurde er in die Reichswehr übernommen, die ersten Jahre beim Stab der 1. Division. Ab dem 1. September 1924 war er Kompaniechef der 14. Kompanie im 13. (Württembergischen) Infanterie-Regiment, ab dem 1. Februar 1926 als Major. Ab Herbst 1927 wurde er für drei Jahre im Truppenamt (TA) des Reichswehrministeriums in der Heeres-Organisations-Abteilung (T2) eingesetzt, ab dem 1. August 1930 als Oberstleutnant. Seit Herbst 1930 als Bataillonskommandeur des III. Bataillons im 3. (Preußischen) Infanterie-Regiment eingesetzt, wurde Heinrici zum 1. Oktober 1932 als Ia in den Stab des Gruppenkommandos 1 in Berlin versetzt.
Die Weimarer Republik lehnte Heinrici, der der DNVP nahestand, ab. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten äußerte er in einem Brief an seine Eltern die Hoffnung, „dass wir aus der marxistisch-jüdischen Schweinerei nun endlich herauskommen“.
Zeit des Nationalsozialismus bis Kriegsbeginn Ab dem 1. März 1933 war Heinrici im Rang eines Obersts als Abteilungsleiter im Reichswehrministerium, später Reichskriegsministerium, eingesetzt. Am 1. Januar 1936 erfolgte die Ernennung zum Generalmajor. Mit Wirkung zum 12. Oktober 1937 wurde er zum Kommandeur der 16. Infanterie-Division ernannt und in dieser Aufgabe am 1. März 1938 zum Generalleutnant befördert.
Heinrici hatte mit seiner Frau Gertrude geb. Strupp (1897–1981) zwei Kinder, Hartmut (1921–1993) und Gisela (1926–2013, verh. Petersson).Bryan Mark Rigg: Hitler’s Jewish Soldiers. The Untold Story of Nazi Racial Laws and Men of Jewish Descent in the German Military. University Press of Kansas, Lawrence 2002, ISBN 0-7006-1178-9, S. 433 (deutsche Ausgabe: Hitlers jüdische Soldaten. Schöningh Verlag, Paderborn 2003, ISBN 3-506-70115-0). Er war ein religiöser Mann, der regelmäßig die Kirche besuchte. Sein Glaube machte ihn in der NS-Hierarchie unbeliebt und führte später zu Auseinandersetzungen mit Machthaber Adolf Hitler und vor allem Reichsmarschall Hermann Göring, der ihm Verachtung entgegenbrachte.
Von den antisemitischen Exzessen der Reichspogromnacht war er abgestoßen, doch führte ihn dies nicht zu einer Distanzierung vom Regime, dessen Judenfeindlichkeit er im Grundsatz teilte.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57982-6, S. 512.
Kommandeur von Kampfverbänden Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war Heinrici mit seiner Division am Westwall eingesetzt. Am 20. April 1940 wurde er zum General der Infanterie befördert und übernahm das Kommando über das XII. Armeekorps, das im Frankreichfeldzug (Mai/Juni 1940) südlich von Saarbrücken die Maginotlinie durchbrach.Johannes Hürter: „Es herrschen Sitten und Gebräuche genauso wie im 30-jährigen Krieg“. Das erste Jahr des deutsch-sowjetischen Krieges in Dokumenten des Generals Gotthard Heinrici. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 48. Jg. Nr. 2, 2000, S. 329–403, hier S. 332 (PDF; 3,1 MB).
Im Krieg gegen die Sowjetunion hatte Heinrici das Kommando über das XXXXIII. Armeekorps der Heeresgruppe Mitte, mit dem er an der Kesselschlacht bei Białystok und Minsk, der Kesselschlacht um Kiew und der Schlacht um Moskau teilnahm. Am 18. September 1941 erhielt er das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, u. a. dafür, dass er am 11. August 1941 „an der Spitze der Infanterie im Schlauchboot den Dnjepr“ überquerte.Johannes Hürter: „Es herrschen Sitten und Gebräuche genauso wie im 30-jährigen Krieg“. Das erste Jahr des deutsch-sowjetischen Krieges in Dokumenten des Generals Gotthard Heinrici. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 48. Jg., Nr. 2, 2000, S. 351 (PDF; 3,1 MB).
mini|Lagebesprechung zwischen Generalfeldmarschall Günther von Kluge und Gotthard Heinrici (rechts), Mitte 1943 Am 20. Januar 1942 übernahm er das Kommando über die 4. Armee, die aus ihrem damaligen Hauptquartier in Spas-Demensk die Front stabilisieren sollte. Am 1. Januar 1943 wurde Heinrici zum Generaloberst befördert. Im Sommer 1943 musste er sich mit der 4. Armee nach Orscha zurückziehen. Am 23. November 1943 vermeldete der Wehrmachtbericht: „Westlich Smolensk haben die unter dem Oberbefehl des Generalobersten Heinrici und unter Führung des Generals der Infanterie Voelckers stehende schlesische 18. Panzergrenadier-Division, die württembergisch-badische 25. Panzer-Grenadier-Division, die württembergisch-badische 78. Sturm-Division, die 1. SS-Infanteriebrigade (mot.) und die im Erdkampf eingesetzten Teile der 18. Flak-Division in der siebentägigen 3. Schlacht an der Smolensker Rollbahn einen hervorragenden Abwehrerfolg errungen.“Die Berichte des Oberkommandos der Wehrmacht. Band IV, Köln 2004, S. 294. Für die zeitweilige Stabilisierung der Front wurde ihm am 24. November 1943 das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.
Während des Rückzuges und der folgenden Monate griff die sowjetische Westfront in elf aufeinanderfolgenden Schlachten die 4. Armee von Heinrici an. Unzulängliche Taktik der sowjetischen Armeeführung und Heinricis gute Führung führten zu enormen sowjetischen Verlusten. Heinrici hatte einige Kilometer hinter der Front Feldbefestigungen ausbauen lassen und ließ die vorderen Linien nur dünn besetzen. Diese Soldaten zogen sich nach einem Vernichtungsschlag der sowjetischen Artillerie in die rückwärtigen Befestigungen zurück, worauf die Sowjets den Artilleriebeschuss einstellen mussten, um ihre Soldaten nicht zu gefährden bzw. die deutschen Feldbefestigungen lagen außerhalb der Schussweite. Die angreifende Infanterie und Panzer trafen somit auf die intakten Stellungen und wurden aufgerieben. Die vergeblichen Angriffe kosteten die Rote Armee über 530.000 Soldaten; die Verluste der 4. Armee beliefen sich auf 35.000 Mann, davon 10.000 Tote und Vermisste. Diese Erfolge trugen stark zu Heinricis Ruf als Abwehrspezialist bei. Der Taktik der verbrannten Erde, die die Wehrmacht bei ihrem Rückzug anwandte, stand er zunehmend kritisch gegenüber, weil sie mit Verrohung und Disziplinlosigkeit der Soldaten einherging. Abstellen ließ sich diese Praxis aber nicht. Im März 1944 notierte er:
Der Militärhistoriker Johannes Hürter erklärt die von Heinrici beklagte moralische Deformation der Soldaten als unmittelbare Folge der Kriegführung, auf die sich die Wehrmacht nach den politisch-ideologischen Vorgaben Hitlers beim Überfall auf die Sowjetunion „bewußt eingelassen“ habe und von der sich die Truppe nach dem Scheitern des Vormarsches nicht mehr abbringen ließ.Johannes Hürter: „Es herrschen Sitten und Gebräuche genauso wie im 30-jährigen Krieg“. Das erste Jahr des deutsch-sowjetischen Krieges in Dokumenten des Generals Gotthard Heinrici. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 48. Jg., Nr. 2, 2000, S. 329–403, hier S. 364–402 (PDF; 3,1 MB).
Heinrici setzte sich wiederholt für einen Rückzug der Heeresgruppe Mitte und eine damit verbundene Verkürzung der Frontlinie ein, die speziell nach den vorangegangenen Erfolgen der Roten Armee in der Ukraine nun weit nach Osten vorragte. Nachdem Hitler bei der Stabsbesprechung am 20. Mai 1944 diese Pläne endgültig abgewiesen und sich auf die Schaffung „fester Plätze“ festgelegt hatte, meldete Heinrici sich krank und gab das Kommando über die 4. Armee ab. Zu seinem Nachfolger wurde am 4. Juni der General der Infanterie Kurt von Tippelskirch. Am 22. Juni begann die Rote Armee die Operation Bagration. Die 4. Armee wurde im Juli bei Minsk eingekesselt und zerschlagen; später erfolgte eine Neuaufstellung der Einheit.
Am 17. August 1944 wurde Heinrici zum Kommandeur der 1. Panzerarmee ernannt, die den Kern der Heeresgruppe Nordukraine bildete. Mit dieser musste er sich über Polen und die Slowakei in schweren Rückzugsgefechten immer weiter zurückziehen. Heinrici bestätigte dabei seinen Ruf als Defensivspezialist. Am 3. März 1945 wurden ihm die Schwerter zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.