Schritt für Schritt ist ein DEFA-Spielfilm von 1960, der der Werbung für die Nationale Volksarmee diente, die zu diesem Zeitpunkt noch eine Berufsarmee war. Der Film basiert auf dem Jugendbuch „Hanne, die Jawa und ich“ von Karl-Heinz Räppel. Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR am 24. Januar 1962 wurde der Film obsolet und, soweit bekannt, von Progress Film aus dem Verleih zurückgezogen. Die Premiere fand am 5. Oktober 1960 im Berliner Colosseum statt.

Handlung Hanne Rochlitz hat sich freiwillig zur Nationalen Volksarmee gemeldet. Darüber ist sein Vater, der Dreher Karl Rochlitz, so erbost, dass er seinen Sohn der Wohnung verweist. Hintergrund seiner Haltung ist das Schicksal seines ältesten Sohnes und Hannes Bruder, der im Zweiten Weltkrieg im Alter von 14 Jahren zum Volkssturm eingezogen wurde und dort ums Leben kam. Karl Rochlitz lehnt daher jeden Dienst an der Waffe konsequent ab, obwohl er bereits Mitglied der KPD war und nun der SED ist.

Hannes Freundin, die Lehrerin Jutta Hellwig, der SED-Parteisekretär von Rochlitz´ Betrieb und ein FDJ-Sekretär wollen Karl Rochlitz umstimmen, doch er bleibt bei seiner pazifistischen Auffassung. Aus Verzweiflung über die Familiensituation macht sich Hannes kleiner Bruder Rolf zusammen mit seinem Freund Axel Richter unerlaubt auf den Weg zu Hannes Kommandeur bei der NVA, Oberstleutnant Bremer, um Hilfe zu erbitten. Beide Jungen werden von der NVA freundlich aufgenommen.

Währenddessen versucht der westdeutsche Agent Schröder in Rochlitz´ Betrieb, den Ingenieur Brinkmann zur Flucht in die Bundesrepublik zu überreden. Außerdem will der Agent mit Hilfe einer Lageskizze des Werks einen Sabotageakt ausführen: „Ein kleiner Knall, vier Tage Arbeitsausfall und zwanzig Millionen Schaden!“ (Zitiert nach „Schritt für Schritt“, Drehbuch, S. 167, als Anmerkung 1 bei Klötzer, Der militärische Bereich, S. 14.)

Rochlitz´ Haltung ändert sich, als er mit Oberstleutnant Bremer zusammentrifft. Es stellt sich heraus, dass Bremers Bruder 1943 bei der Verhaftung durch die Gestapo Rochlitz nicht verraten hat. Sowohl der Bruder als auch Bremer selbst wurden in ein Konzentrationslager eingewiesen. Der Bruder starb 1945 beim Sturm auf das Lagertor im KZ Buchenwald, Bremer wurde Offizier der NVA.

Rochlitz nimmt zusammen mit NVA-Angehörigen und Hannes an einer Vereidigungszeremonie in der Gedenkstätte Buchenwald teil, wo sich Vater und Sohn miteinander versöhnen. Karl Rochlitz sieht nun ein, das der Frieden mit der Waffe verteidigt werden muss. Der Westagent wird verhaftet; offensichtlich durch Mitarbeiter des MfS, ohne das dies verbal oder optisch vermittelt wird.

Abweichungen von der Literaturvorlage Das Drehbuch bzw. die Filmhandlung weicht erheblich von der Literaturvorlage ab. So fehlt in der Vorlage der gesamte Agenten- und Sabotagekomplex. Auch ist hier Vater Rochlitz kein ehemaliger KPD-Genosse, sondern war NSDAP-Mitglied. Oberstleutnant Bremer ist hier ein Hauptmann, der jedoch keine antifaschistische Tradition hat. Auch fehlt die Vereidigungszeremonie in Buchenwald, stattdessen wird die Burg Saaleck besucht. (Vgl. Räppel, „Hanne, die Jawa und ich“.)

Historischer Kontext, Produktionshintergrund Die Spielhandlung ist wie in der Literaturvorlage vor dem Mauerbau 1961 bzw. der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR am 24. Januar 1962 angesiedelt. Die NVA ist daher zum Zeitpunkt der Filmhandlung eine Freiwilligenarmee. Soweit bekannt, wurde der Film nach der Einführung der Wehrpflicht aus dem Verleih genommen. Ob er im Deutschen Fernsehfunk/Fernsehen der DDR ausgestrahlt wurde, ist nicht gesichert.

Schritt für Schritt war nach Im Sonderauftrag der zweite DEFA-Spielfilm, in dem explizit die NVA thematisiert wurde.

Regisseur Veiczi, der nach eigenen Angaben 1944/45 unfreiwillig acht Monate bei der Wehrmacht gedient hatte, drehte 1969/70 einen weiteren Film über die NVA, Anflug Alpha 1.

Kritik

… mit SCHRITT FÜR SCHRITT (1960) verhedderte er (Regisseur Veiczi, der Verfasser) sich jedoch in den Fangstricken der sozialistischen-nichtrealistischen Kolportage: eine Vater-Sohn-Geschichte, die die Notwendigkeit der NVA belegen soll. (Schenk, Das zweite Leben, S. 147.)

… Der Film „Schritt für Schritt“ war um die Klärung eines damals wichtigen gesellschaftlichen Anliegens (Freiwilligenarmee) bemüht. Als erster Film versuchte er den Wandel in der Einstellung der Bevölkerung zur NVA zu charakterisieren. Die politisch-ideologische Absicht wurde jedoch durch die gewählte ästhetische Konzeption in ihrer Massenwirksamkeit beeinträchtigt.

Es ist verständlich, daß im Oktober 1960, zu einer Zeit also, wo die Bedrohung der DDR durch den westdeutschen monopolkapitalistischen Staat einem Höhepunkt zustrebte, wo eine unmittelbare Kriegsgefahr bestand, eine ästhetische Auseinandersetzung über den Film „Schritt für Schritt“ nicht sinnvoll gewesen wäre, daß vielmehr versucht werden musste, ihn maximal zur militärischen Stärkung der DDR zu nutzen. Es wäre aber zweifellos verfehlt, die (notwendige) Praxis von damals zu generalisieren. Das liefe auf eine Unterschätzung ästhetischer Konzeptionen bei Filmen aus dem Armeebereich hinaus. (Klötzer, Der militärische Bereich, S. 22.)

Siehe auch Im Sonderauftrag Leute mit Flügeln Sie nannten ihn Amigo Maibowle

Literatur Abschnitt „Schritt für Schritt“, in: Christian Klötzer: Der militärische Bereich unserer Gesellschaft in der Filmkunst (Aus Theorie und Praxis des Film 1971, Heft 1. Überarbeitete Diplomarbeit, VEB DEFA Studio für Spielfilme, Betriebsakademien), S. 12–22. Ralf Schenk (Redaktion): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992, Berlin 1994, S. 147, 402. ISBN 3-89487-175-X. Karl-Heinz Räppel: Hanne, die Jawa und ich, Berlin (Militärverlag der DDR) 1959. Thomas Heimann: Bilder von Buchenwald. Die Visualisierung des Antifaschismus in der DDR (1945-1990), Köln 2005, S. 69. Stefan Kahlau: Volksarmee im Wandel? Die Darstellung der NVA im DEFA-Spielfilm von den 1950er bis zu den 1970er Jahren, S. 83, 91, 94, 100f. Universität Potsdam, Magisterarbeit 2013. Horst Knietzsch: Menschen in der Entscheidung, in: Neues Deutschland vom 9. Oktober 1960. Anne Barnert: Die Antifaschismus-Thematik der DEFA. Eine kultur- und filmhistorische Analyse, Marburg (Schüren) 2008. ISBN 978-3-89472-636-2 „Schritt für Schritt“. Vom Thema groß und wichtig, in: Armee-Rundschau Nr. 1/1960, S. 36 (Interview mit Regisseur Veiczi). „Schritt für Schritt“, Armee-Rundschau Nr. 10/1960, S. 500.

Weblinks Filmdaten bei imdb.com Filmdaten bei www.defa-stiftung.de

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