Wilhelm Weinberg (geboren 5. November 1886 in Hamburg-Barmbek; gestorben 13. Februar 1957 in White Plains, New York) war ein jüdischer niederländisch-US-amerikanischer Bankier, Kunstsammler und Philanthrop deutscher Herkunft. Er lebte in Amsterdam und war verheiratet mit Margit Weinberg-Straschitz. Seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder wurden im Holocaust ermordet.
Weinbergs Name wurde durch seine umfangreiche Kunstsammlung und deren Versteigerung in London 1957 posthum öffentlich bekannt.
Biographie Familie und berufliche Tätigkeit Wilhelm Weinberg wurde als Sohn von Meyer Wulff „Max“ Weinberg (1844–1922) und Clara Weinberg (1856–1938), geborene Löwenhaupt, in Hamburg-Barmbek geboren. Max Weinberg stammte aus Elbing in Westpreußen, hatte 14 Geschwister und war in Hamburg als „Productenmakler“ tätig. Sitz seines Geschäfts war in der Rutschbahn 22 im jüdisch geprägten Grindelviertel in Hamburg-Rotherbaum, wo sich auch die Synagoge Alte und Neue Klaus befand.Hamburger Adreßbuch, 1899, III-736. Die Eheleute Weinberg bekamen zwei Söhne: Wilhelm sowie dessen älteren Bruder Edwin Rudolf, der im Alter von 30 Jahren am 15. Juni 1915 als Soldat im Ersten Weltkrieg fiel. Laut Todesanzeige war er unverheiratet.Hamburger Fremdenblatt, 18. Juni 1915, S. 4. Über Schullaufbahn und Ausbildung von Wilhelm Weinberg ist nichts bekannt. Mutmaßlich um sich im Bankensektor ausbilden zu lassen, ging er zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Paris.
mini|hochkant|Das Gebäude Keizersgracht 305–309, in dem die Bank von Weinberg ihren Sitz hatte (1963) Ende des Ersten Weltkriegs zog Wilhelm Weinberg nach Amsterdam. Am 29. Juni 1925 erhielt er die niederländische Staatsangehörigkeit.Staatsblad van het Koningrijk der Nederlanden. 1. Januar 1925, Nr. 313, S. 3. Im Alter von 39 Jahren heiratete er dort am 19. Januar 1926 Margit „Gretl“ Straschitz (geb. 7. Februar 1899 in Budapest). Die Eheleute bekamen drei Kinder, die alle in Amsterdam geboren wurden: Gabrielle Louise „Maedi“ (geb. 1928), Edgar George Paul (geb. 1930) und Charles Ludwig Rudolf „Rudi“ (geb. 1931). Die Familie lebte in der Oranje Nassaulaan 51 in Sichtnähe zum Vondelpark, zusammen mit Weinbergs Mutter Clara Weinberg-Löwenhaupt (gest. 1938). Nach dem Bericht eines Schulfreundes von Rudi Weinberg erhielten die Kinder neben der Schule Boxunterricht (nur die Jungen?) und jüdischen Religionsunterricht. Die Weinbergs luden auch zu kulturellen Veranstaltungen in ihr Haus. mini|hochkant|Van Goghs Gemälde „Les Usines“ war Teil von Weinbergs Sammlung 1919 gründete Weinberg eine Investmentbank in dem Gebäude Keizersgracht 305–309. Laut einem Nachruf in der New York Times wurde Weinberg ein international renommierter Bankier: Er hatte einen guten Ruf als Anlageberater und als Experte in Arbitrage, und er verwaltete die Anlagekonten mehrerer führender internationaler Unternehmen. Neben seiner beruflichen Tätigkeit begann er Werke von impressionistischen französischen Malern wie etwa Courbet und Renoir, außerdem von Van Gogh zu sammeln. Dabei wurde er von dem niederländischen Kunsthistoriker Jacob-Baart de la Faille beraten.Provinciale Overijsselsche en Zwolsche courant, 11. Juli 1957.
Im Februar 1940, kurz vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande, bat Weinberg den Direktor des portugiesischen Museu Nacional de Arte Contemporânea (MNAC) um Schutz für seine Sammlung. Er gab gegenüber dem Direktor des Museums zwar an, dass er nicht an eine Invasion der Niederlande durch die Deutschen glaube, ließ aber dennoch kurz darauf die Werke per Flugzeug nach Portugal transportieren. Durch Vermittlung eines Diplomaten gehörte auch das Gemälde L'Arlésienne von Van Gogh zur Fracht des Flugzeugs, das Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild gehörte. Das Bild befindet sich seit 1986 im Musée d’Orsay in Paris. Ursprünglich waren drei Flüge geplant, aber wegen der zunehmend angespannten Lage konnten nur zwei durchgeführt werden. Den größten Teil seiner Sammlung konnte Weinberg aber in Sicherheit bringen.
Zum Zeitpunkt der deutschen Invasion in die Niederlande am 10. Mai 1940 hielt sich Wilhelm Weinberg aus geschäftlichen Gründen in Paris auf; gleichzeitig marschierten die Deutschen in Frankreich ein. Weinbergs Familie befand sich weiterhin in Amsterdam. Er kehrte dorthin zurück, konnte einer Verhaftung nur knapp entgehen und verließ das Land umgehend wieder. Am 18. Mai 1940 erhielt er in Bordeaux von dem portugiesischen Diplomaten Aristides de Sousa Mendes ein Visum für Portugal, wo er kurze Zeit in Estoril lebte. Trotz intensiver Bemühungen gelang es ihm nicht, auch seine Familie mit Reisepapieren ausstatten zu lassen und aus den Niederlanden herauszuholen; da die Familie inzwischen umgezogen war und schließlich untertauchte, ist es möglich, dass sie für ihn nicht mehr auffindbar war. Von Portugal aus reiste er zunächst mit der SS El Oriente nach Kuba und anschließend nach Argentinien, bevor er im März 1941 in New York eintraf.
Laut einer Zeitungsmeldung kehrte Weinberg nach dem Krieg mehrfach in die Niederlande zurück, unter anderem 1947, um einer Gerichtsverhandlung gegen einen Mann beizuwohnen, der das Versteck seiner Familie an die Deutschen verraten hatte. Menschen, die ihn zuvor gekannt hatten, hätten ihn kaum wiedererkannt, hieß es: Aus ihm sei ein „finsterer kleiner Mann“ („sinister mannetje“) geworden.De Telegraaf, 13. Juli 1957.
Ab 1950 war Wilhelm Weinsberg Kuratoriumsmitglied der „École libre des hautes études“ in New York. Er gehörte der Gemeinde „Congregation Orach Chaim“ in New York sowie dem „Sunningdale Country Club“ in Scarsdale an. Neben seinem Interesse an Kunst unterstützte er zahlreiche wohltätige Organisationen.
Wilhelm Weinberg lebte in Scarsdale und starb am 13. Februar 1957 in White Plains im Alter von 70 Jahren. Er wurde zwei Tage später auf dem jüdischen Westchester Hills Cemetery in Hastings-on-Hudson bestattet.
Schicksal der Angehörigen von Wilhelm Weinberg mini|Traueranzeige von Wilhelm Weinberg in einer US-amerikanischen Zeitung (ca. 1943) Die übrigen vier Mitglieder der Familie Weinberg – Margit Weinberg-Straschitz und ihre Kinder Maedi, Edgar und Rudi, die alle unter zwölf Jahren waren – fanden keine Möglichkeit, aus den Niederlanden zu fliehen. Nachdem die Bank an der Keizersgracht von den Deutschen beschlagnahmt worden war, zogen Margit und ihre drei Kinder von der Oranje Nassaulaan 51 zunächst in die Biesboschstraat 5 in Amsterdam. Anschließend tauchten sie unter.
Es gibt den Bericht, dass sich die Familie ab September 1943 mit Hilfe des deutschen Juden Otto Meyer bei einem Pfarrer der Reformierten Kirche im niederländischen Halle verstecken konnte. Dabei gab Meyer, dessen Mutter und Schwester ebenfalls dabei waren, Margit Weinberg und die Kinder als seine Familie aus. In der folgenden Zeit organisierte der Pfarrer verschiedene Verstecke für die Familienmitglieder, um das Risiko zu reduzieren. Margit Weinberg und ihre Kinder wurden voneinander getrennt; Edgar und Rudi Weinberg wurden bei einem Ehepaar Van Arragon untergebracht, wo sich schon das jüdische Mädchen Yvonne Fransman befand.
Im März 1944 verriet ein Verwandter der Van Arragons das Versteck an Mitglieder des NSB, die mit den Besatzern kollaborierten. Am Abend des 13. März führten Angehörige des NSB und der paramilitärischen Landwacht eine Razzia im Haus der Van Arragons durch. Die niederländischen Helfer wurden inhaftiert, aber später wieder freigelassen. Die fünf jüdischen Gefangenen wurden in das Lager Westerbork deportiert. Die vier Mitglieder der Familie Weinberg wurden nach ihrer Ankunft in Auschwitz am 26. März 1944 ermordet. Vermutlich war die 12-jährige Yvonne Fransman schon während des Transports gestorben.
Nach Kriegsende, im April 1945, wurden die Mitglieder des Überfallkommandos sowie der Denunziant festgenommen und im Gefängnis „De Kruisberg“ in Doetinchem inhaftiert. Der Verräter M. wurde zu zehn Jahren Haft und dem lebenslangen Verlust des Wahlrechts verurteilt. Levie Fransman, der Vater von Yvonne, und Wilhelm Weinberg, der aus den USA angereist war, wohnten dieser Verhandlung bei. Nach etwa sechs Jahren wurde M. wegen guter Führung entlassen. Die meisten anderen Mitglieder des Überfallkommandos erhielten noch mildere Strafen.
Die Kunstsammlung und ihre Versteigerung Nach dem Tod seiner Familie „wurde die Kunstsammlung für Herrn Weinberg zu einer alles beherrschenden Leidenschaft“ („Thus Mr. Weinberg's art collection became an all-consuming interest for him“), so die New York Times in ihrem Nachruf. Zum Zeitpunkt seines Todes galt seine Sammlung französischer Impressionisten als eine der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt. Gemäß Weinbergs Willen sollten die Kunstobjekte versteigert und der Ertrag für wohltätige Zwecke verwendet werden. Am 10. Juli 1957 wurde seine Sammlung – insgesamt 56 Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen – bei Sotheby’s in London zum Kauf angeboten; die Versteigerung unter Leitung von Peter Cecil Wilson brachte eine Verkaufssumme von über 326.000 Pfund, dem Auktionshaus zufolge die höchste Summe seit 1928.Algemeen Indisch dagblad : de Preangerbode, 15. August 1957. Mit einem Foto von der Versteigerung.
Gedenken Das Haus an der Oranje Nassaulaan 51, in dem die Familie vor dem Krieg wohnte, wurde von Wilhelm Weinberg der Gemeinde Amsterdam vermacht. Am Eingang erinnerte eine Gedenktafel an Margit Weinberg und ihre Kinder. Nach Weinbergs Tod im Jahr 1957 wurde diese Tafel im Gebäude der jüdischen Stiftung „Cefina“ in der Johannes Vermeerstraat 22 angebracht.
Vor dem Haus in der Oranje Nassaulaan wurden fünf Stolpersteine für die Familie Weinberg verlegt. Zudem wurde auf dem Grab von Clara Weinberg-Löwenhaupt auf dem Amsterdamer Friedhof Zorgvlied ein Grabstein aufgestellt, der auch die Namen von Margit und ihren Kindern trägt.
Wohltätige Zwecke In Scarsdale, seinem letzten Wohnort, hinterließ Wilhelm Weinberg der Gemeinde ein Gelände, auf dem 1958 das „Weinberg Nature Centre“ eingerichtet wurde.
Über die Verwendung des Ertrages der Auktion entschieden seine drei Testamentsvollstrecker, zu denen der Jurist, Kunstsammler und Philanthrop Richard Netter gehörte. So wurden Veranstaltungen der Cornell University finanziell unterstützt. Zuwendungen gingen an die „Hawthorne Cedar Knolls School“, an das National Council of Jewish Women, an das „White Plains Hospital“ und die „Federation of Jewish Philanthropies of New York“ sowie weitere Zwecke.
Literatur Catalogue of the Highly Important Collection of Nineteenth Century and Modern Paintings and Bronzes, the Property of the Late Wilhelm Weinberg of Scarsdale, New York: Wednesday, the 10th of July, 1957. Sothebyʼs of London (Londra). 1957.
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Einzelnachweise
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