Tschambarak () ist eine Stadt in der armenischen Provinz Gegharkunik und Verwaltungssitz der gleichnamigen Gemeinde. Sie liegt im Nordosten Armeniens am Fluss Getik nahe der Grenze zu Aserbaidschan. Die Stadt hat 5468 Einwohner (Stand 2022). Das heutige Tschambarak entstand aus Krasnoselsk sowie Verin und Nerkin Tschambarak.
Geschichte mini|links|Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs in Tschambarak, errichtet in den 1970er Jahren mini|rechts|Sowjetisches Ortsabzeichen von Krasnoselsk, dem Namen Tschambaraks von 1972 bis 1991 Das Gebiet von Tschambarak war schon im Mittelalter bewohnt. Man sieht es anhand der alten Kirchen und der vielen Gedächtnissteine der Armenischen Kirche. Die neue Siedlung entstand zwischen 1835 und 1840 am Fluss Getik und hieß Michailowka. Aus dem Russischen Kaiserreichs in den Südkaukasus kommende Molokanen gründeten die Stadt. Die russisch-molokanische Bevölkerung hatte großen Einfluss auf den Ort; noch im 20. Jahrhundert waren die Häuser mit roten Ziegeldächern, die typisch für die Siedler waren, ein Merkmal der Stadt. Nach der Sowjetisierung Armeniens wurde Michailowka im Jahr 1920 in Karmir Gjugh umbenannt. Karmir Gjugh bedeutet auf Armenisch Rotes Dorf. Ab 1937 war der Ort das Verwaltungszentrum des gleichnamigen Rajons in der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik. In der Sowjetzeit entwickelte sich die Siedlung zu einem wichtigen Verwaltungs- und Versorgungszentrum für die umliegenden landwirtschaftlichen Gebiete. Im Jahr 1971 wurden die benachbarten Siedlungen Verin Tschambarak und Nerkin Tschambarak mit dem Ort vereinigt. Die vergrößerte Siedlung erhielt den Status einer Siedlung städtischen Typs. Im Jahr darauf wurde Karmir Gjugh in Krasnoselsk umbenannt. Krasnoselsk bedeutet auf Russisch auch Rotes Dorf. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Bergkarabachkonflikt veränderte sich die Bevölkerungsstruktur des Ortes stark. Viele Russen und Molokanen verließen Krasnoselsk und zogen nach Russland. Gleichzeitig kamen armenische Vertriebene in die Region. Die Einnahme der armenischen Exklave Arzwaschen durch aserbaidschanische Truppen im Jahr 1992 war besonders prägend. Viele Einwohner Arzwaschens flohen nach Tschambarak und ließen sich dort nieder. Sie bezogen teilweise Häuser, die zuvor Molokanen gehört hatten. Die Bewohner Arzwaschens waren armenische Staatsbürger, deshalb galten sie als Binnenvertriebene und nicht als Flüchtlinge. Im Jahr 2011 lebten nach Angaben des Institute for War and Peace Reporting rund 2000 Vertriebene aus Arzwaschen in Tschambarak. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tschambarak insgesamt etwa 7300 Einwohner. Nach der Unabhängigkeit Armeniens erhielt der Ort Anfang der 1990er Jahre seinen heutigen Namen Tschambarak. Der Name knüpft an die älteren Siedlungen Verin und Nerkin Tschambarak an, die bereits vor ihrer Vereinigung mit Krasnoselsk bestanden hatten. Nach der Abschaffung der sowjetischen Rajons wurde Tschambarak der neu gebildeten Provinz Gegharkunik zugeordnet und entwickelte sich zum Verwaltungszentrum des nordöstlichen Teils der Provinz. Seine Lage nahe der Grenze zu Aserbaidschan beeinflusste die weitere Entwicklung der Stadt erheblich. Landwirtschaft und Viehzucht blieben wichtige Erwerbszweige, während die Grenzlage, Abwanderung und wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Ende der Sowjetunion die Entwicklung des Ortes belasteten.
Geographie Tschambarak liegt im Nordosten Armeniens im nordöstlichen Teil der Provinz Gegharkunik. Die Stadt befindet sich im oberen Tal des Getik zwischen den Gebirgszügen Areguni und Miapor. Das Einzugsgebiet des Getik liegt nordöstlich des Sewansees und erstreckt sich zwischen diesen beiden Gebirgszügen über eine Fläche von rund 581 km². Der Fluss Getik durchquert das Stadtgebiet und prägt dessen gebirgiges Relief.
Das bebaute Stadtgebiet liegt nach Angaben der Gemeinde auf einer Höhe von etwa 1830 bis 1900 Metern über dem Meeresspiegel. In der amtlichen armenischen Liste der Berg- und Hochgebirgssiedlungen wird für Tschambarak eine Referenzhöhe von 1850 Metern angegeben.Die Landschaft der Umgebung ist durch Bergwälder, Bergsteppen und Bergwiesen geprägt. Eine Untersuchung des Getik-Tals weist für das gesamte Einzugsgebiet Höhen zwischen 898 und 2985 Metern aus.
Die Stadt liegt in unmittelbarer Nähe zur Staatsgrenze zwischen Armenien und Aserbaidschan. Der kommunale Entwicklungsplan nennt für Tschambarak einen Abstand von rund drei Kilometern zur Staatsgrenze. Die Entfernung nach Jerewan beträgt nach Angaben des armenischen Statistikamtes 119 km. Die Provinzhauptstadt Gawar liegt rund 100 km entfernt. Der frühere Raum Krasnoselsk, dessen Zentrum Tschambarak war, ist zugleich der waldreichste Teil Gegharkuniks; nach Angaben von Armstat befinden sich dort mehr als 90 Prozent der natürlichen Wälder der Provinz.
Bevölkerung mini|links|Verwaltungsgebäude der Stadt Die Einwohnerzahl Tschambaraks ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts zurückgegangen. Bei der armenischen Volkszählung von 2001 wurden 6405 ständige Einwohner gezählt, bei der Volkszählung von 2011 waren es 5850. Die Volkszählung von 2022 ergab 5468 Einwohner. Die auf der Volkszählung von 2022 basierende laufende Bevölkerungsfortschreibung weist für die Stadt zum 1. Januar 2026 rund 5500 Einwohner aus. Die Angabe ist auf hundert Einwohner gerundet und daher nicht unmittelbar mit den exakten Ergebnissen der Volkszählungen vergleichbar. Von der Bevölkerung der Stadt ist diejenige der gleichnamigen Gemeinde Tschambarak zu unterscheiden. Die vergrößerte Gemeinde entstand 2017 durch den Zusammenschluss der damaligen Stadtgemeinde Tschambarak mit mehreren umliegenden Landgemeinden und wurde 2022 durch die Eingliederung der bisherigen Gemeinde Schoghakat nochmals erweitert. Sie umfasst seither die Stadt Tschambarak und 18 ländliche Siedlungen; Tschambarak ist ihr Verwaltungssitz. Zum 1. Januar 2026 wies die amtliche Bevölkerungsfortschreibung für die gesamte Gemeinde rund 12.900 Einwohner aus, davon etwa 5500 in der Stadt Tschambarak und rund 7400 in den ländlichen Siedlungen.
Wirtschaft mini|rechts|Blick auf die Stadt Die Wirtschaft Tschambaraks ist vor allem durch Landwirtschaft, Viehzucht, kleinbetriebliche Lebensmittelverarbeitung sowie Handel und Dienstleistungen geprägt. Für die gesamte Gemeinde Tschambarak werden Landwirtschaft und Tourismus im kommunalen Entwicklungsplan für die Jahre 2023 bis 2028 als vorrangige Entwicklungsbereiche genannt. Der industrielle Sektor der Gemeinde gilt dagegen als vergleichsweise schwach entwickelt. Die vorhandenen Produktionsbetriebe sind überwiegend kleinere Unternehmen; innerhalb des produzierenden Gewerbes besitzt die Lebensmittelverarbeitung die größte Bedeutung. Innerhalb der Stadt ist insbesondere die Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse von Bedeutung. Der kommunale Entwicklungsplan führt für Tschambarak zwei Bäckereien, drei Milchverarbeitungsbetriebe beziehungsweise -stellen sowie drei Betriebe zur Herstellung von Süß- und Backwaren auf. In den Milchverarbeitungsbetrieben werden unter anderem Käse und Butter hergestellt. Damit steht die örtliche Lebensmittelproduktion in engem Zusammenhang mit der Landwirtschaft und insbesondere der Viehhaltung im Umland. Zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnissen gehören Milch, Kartoffeln und Getreide sowie Produkte der Rinder-, Schaf- und Ziegenhaltung. Im Entwicklungsplan 2023–2028 werden für die Stadt Produktionsmengen von rund 1,86 Millionen Litern Milch, 1,9 Millionen Kilogramm Kartoffeln und 1,4 Millionen Kilogramm Getreide angegeben. Daneben werden rund 167 Tonnen Erzeugnisse aus der Rinderhaltung, etwa 27 Tonnen aus der Schaf- und Ziegenhaltung sowie mehr als 970.000 Eier aufgeführt.Fünfjähriger Entwicklungsplan der Gemeinde Tschambarak 2023–2028 Die Bedeutung der Viehzucht als Erwerbsgrundlage ist bereits für frühere Jahre dokumentiert. Ein Bericht aus dem Jahr 2010 beschrieb die Rinderhaltung als eine der verbreiteten wirtschaftlichen Tätigkeiten im Raum Tschambarak. Zugleich wurden die geringe Rentabilität des Ackerbaus, fehlende Bewässerungsmöglichkeiten und niedrige Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte als Probleme genannt. Neben Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung besitzt Tschambarak als Verwaltungssitz der gleichnamigen Gemeinde eine lokale Versorgungs- und Dienstleistungsfunktion. Der Entwicklungsplan verzeichnet in der Stadt neben zahlreichen Einzelhandelsgeschäften unter anderem Gastronomiebetriebe, kleinere Beherbergungsbetriebe, eine Bank und eine Kreditorganisation, Postdienste sowie verschiedene Handwerks-, Reparatur- und Kfz-Dienstleistungen. Größere Industriebetriebe spielen dagegen nur eine geringe Rolle. Als strukturelle Probleme der Gesamtgemeinde nennt der Entwicklungsplan unter anderem den Mangel an Arbeitsplätzen, die Abwanderung insbesondere jüngerer und qualifizierter Einwohner sowie die Lage in unmittelbarer Nähe zur Grenze zu Aserbaidschan.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|links|Mittelalterliche Chatschkare auf einem Friedhof in Verin Tschambarak, 12. bis 17. Jahrhundert mini|rechts|Kapelle in Chambarak in der armenischen Provinz Gegharkunik, mit polygonalem Tambour, typisch für die Armenische Architektur Auf dem Gebiet Tschambaraks befinden sich archäologische Fundplätze und Baudenkmäler aus unterschiedlichen Epochen. Sie reichen von Befestigungsanlagen aus vorchristlicher Zeit über mittelalterliche Kirchen, Friedhöfe und zahlreiche Chatschkare bis zu Denkmälern des 20. Jahrhunderts. Ein großer Teil dieser Stätten ist in der staatlichen Liste der unbeweglichen Geschichts- und Kulturdenkmäler der Provinz Gegharkunik verzeichnet. Zu den ältesten bekannten Anlagen gehört die Festung Galustkar im nördlichen Teil der Stadt. Sie liegt am rechten Ufer des Getik und wird in der staatlichen Denkmalliste in das 2. bis 1. Jahrtausend v. Chr. datiert. Damit reichen die archäologisch nachweisbaren Siedlungsspuren im heutigen Stadtgebiet deutlich weiter zurück als die im 19. Jahrhundert erfolgte Gründung der russisch-molokanischen Siedlung Michailowka, aus der sich ein Teil des späteren Tschambarak entwickelte. Von besonderer Bedeutung ist das mittelalterliche Erbe im Bereich von Verin Tschambarak. Dort befindet sich am nördlichen Rand des Stadtgebietes die auf das Jahr 1029 datierte St.-Gregor-Kirche. Die Kirche und ihr unmittelbares Umfeld bilden einen größeren Denkmalbereich. Die staatliche Denkmalliste erfasst sowohl innerhalb und an den Mauern des Bauwerks als auch auf dem umliegenden Friedhof zahlreiche Chatschkare. Diese werden überwiegend in das 9. bis 15. Jahrhundert datiert. Der zur Kirche gehörende Friedhof wurde vom 10. bis zum 19. Jahrhundert genutzt; zu den dort dokumentierten Kreuzsteinen gehört auch ein auf das Jahr 1029 datierter Chatschkar. Ein Chatschkar an der Südseite der St.-Gregor-Kirche wurde wegen seiner Gestaltung auch wissenschaftlich untersucht. Der armenische Epigraphiker und Archäologe Arsen Harutyunyan ordnet den beschrifteten Kreuzstein dem 9. bis 10. Jahrhundert zu. Charakteristisch ist eine ungewöhnliche bildliche Gestaltung oberhalb des Hauptkreuzes: Dargestellt sind Sonne, Mond und Sterne in einer Komposition, die nach Harutyunyans Interpretation auf die Kreuzigung und die Wiederkunft Christi verweist. Die Arbeit gilt damit nicht lediglich dem lokalen Bestand, sondern ordnet den Tschambaraker Kreuzstein in die Entwicklung der frühen armenischen Chatschkar-Kunst ein.