mini|Avdo Smailović
Avdo Smailović (* 14. August 1917 in Visoko; † 22. Februar 1984 in Sarajevo) war ein jugoslawischer Komponist, Musikpädagoge, Dirigent und Chorleiter aus Bosnien und Herzegowina. Sein Schaffen umfasst Orchester- und Vokalmusik, Kammermusik, Musik für Blasorchester sowie musikpädagogische Arbeiten. In der Musikgeschichtsschreibung wird er der Generation bosnisch-herzegowinischer Komponisten zugerechnet, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Entwicklung der Kunstmusik des Landes mitprägten.
Leben Smailović wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Eine reguläre musikalische Ausbildung erhielt er erst vergleichsweise spät. In seiner Jugend erlernte er einen Metallberuf und war zunächst als Arbeiter tätig; musikalisch bildete er sich weitgehend autodidaktisch weiter. Von 1935 bis 1947 leitete er mit Unterbrechungen Amateur-Blasorchester in Zenica, Banja Luka und Sarajevo. In dieser Zeit entstanden Bearbeitungen von Volksliedern und Märschen für die von ihm geleiteten Ensembles.
1948 begann Smailović seine systematische Musikausbildung. 1953 schloss er die Mittlere Musikschule in Sarajevo ab, 1955 die Musikabteilung der Höheren Pädagogischen Schule. Anschließend studierte er an der Musikakademie in Sarajevo bei Božidar Trudić. 1966 wechselte er an die Musikakademie in Ljubljana in die Kompositionsklasse von Lucijan Marija Škerjanc. Dort schloss er 1968 das Kompositionsstudium ab; 1970 beendete er bei Škerjanc auch ein postgraduales Studium.
Beruflich wirkte Smailović zunächst in musikalischen Amateurorganisationen und als Lehrer an Mittelschulen. Später lehrte er an der Pädagogischen Akademie Sarajevo sowie an der Musikakademie Sarajevo. Von 1977 bis 1979 unterrichtete er außerdem am damaligen Tuzlaer Zweig der Musikakademie Analyse musikalischer Formen.
Smailović starb am 22. Februar 1984 in Sarajevo und wurde auf dem dortigen Friedhof Bare beigesetzt.
Musikalisches Schaffen Smailovićs Werk ist stilistisch und gattungsmäßig vielfältig. Es reicht von Harmonisierungen von Volksliedern und Stücken für Blasorchester über Lieder und Chormusik bis zu Kammermusik, konzertanten Werken sowie größeren sinfonischen und vokal-instrumentalen Formen. Sein Œuvre umfasst nach einer später zusammengestellten Werkliste mehr als 70 Kompositionen.
In den frühen Werken griff Smailović deutlich auf die Volksmusik Bosnien und Herzegowinas zurück. Ein Teil seines Schaffens ist zudem von Themen des Zweiten Weltkriegs, des jugoslawischen Partisanenkampfes und der Nachkriegszeit geprägt. Mit zunehmender kompositionstechnischer Ausbildung versuchte er, Elemente des traditionellen Melos mit Verfahren der europäischen Kunstmusik des 20. Jahrhunderts zu verbinden. Križnar hebt hierbei besonders den Einfluss Škerjancs hervor. Auch die Hrvatska enciklopedija ordnet Smailović innerhalb der bosnisch-herzegowinischen Musikgeschichte den Komponisten zu, die in der Nachfolge von Vlado Milošević und Cvjetko Rihtman Elemente der Folklore aufgriffen.
Ein Beispiel für seine spätere Tonsprache sind die 1980 entstandenen Metamorfoze für Klavier solo. Merima Čaušević beschreibt das Werk als von expressionistischer Behandlung des musikalischen Materials, atonaler Tonsprache, einzelnen folkloristischen Elementen und einer vom traditionellen Formschema gelösten Anlage geprägt. Sie sieht darin zugleich ein Beispiel für den stilistischen Pluralismus der Musik des 20. Jahrhunderts in Smailovićs Spätwerk. Das rund zwölfminütige Werk umfasst 176 Takte und verwendet teilweise zeitgenössische Notationsformen und Cluster.
Das 1964 entstandene Concertino Drvar für Klarinette, Klavier, Pauken und Streicher trug nach Križnar wesentlich zu Smailovićs überregionaler Anerkennung bei. Die Metamorfoze wurden 1980 bei der Jugoslawischen Musiktribüne in Opatija uraufgeführt und dort von Kritik und Publikum positiv aufgenommen.
Werke Die folgende, nach Gattungen geordnete Auswahl beruht auf einem aus mehreren Quellen zusammengestellten, ausdrücklich als noch unvollständig bezeichneten Werkverzeichnis.
Orchester- und konzertante Werke Gračaničko i Zadrugarsko kolo für Kammerorchester (1952) Probuđena kasaba, sinfonischer Satz (1955) Dječije radosti, Suite für Streichorchester (1957) Concertino Drvar für Klarinette, Klavier, Pauken und Streichorchester (1964) In mondo skolare, Suite für Streichorchester (1965) Koncertni stav für Flöte und Kammerorchester mit Harfe (1965) Podigman, sinfonische Suite (1968) Ad hominem, erster Satz einer geplanten Rudarska simfonija (1970) Trube romanijske, sinfonischer Satz (1977) Legenda aus dem Zyklus Zov svitanja für Sinfonieorchester (1978) Mostarska simfonija (1980) Panta rhei, Konzert für Klavier und Sinfonieorchester, erster Satz (1981)
Das Klavierkonzert Panta rhei wurde auch nach Smailovićs Tod aufgeführt, unter anderem 2014 in Sarajevo mit Meira Smailović als Solistin und Anton Nanut als Dirigent.
Vokal- und Chorwerke Komunisti für gemischten Chor (1945) Narodna borba für gemischten Chor (1945) Pjesma Titu für gemischten Chor (1946) Junačka poema Bosanske Krajine für gemischten Chor (1955) Lovac für gemischten Chor (1957) Livadsko zvonce für gemischten Chor (1957) Stoj Drino für gemischten Chor (1952–1960) Pjesma bratstva sviju strana für gemischten Chor (1957–1965) Lirika s pepela, Liederzyklus für Mezzosopran und Kammerorchester nach Texten von Dara Sekulić (1966) Bilo čovjekovo, Oratorium für fünf Solisten, gemischten Chor und Sinfonieorchester (1980) Mlad mjeseče für Frauenchor (1982) Sloboda, voljeni grade für Kinderchor Pjesma Prvog maja für Kinderchor
Kammer- und Solomusik Ljubavna lirika stare Hercegovine für Singstimme und Klavier (1952–1965) Duvački trio für Oboe, Klarinette und Fagott (1957) S Vrela Bosne für Violine und Klavier (1959) Pet impresija für Violine und Klavier: Uz jutarnju šetnju (1961) Romantična pjesma (1961) Momci igraju (1961) Sa pastirima (1962) Svadbeno veselje (1962) Fantazija für Flöte und Klavier (1963) Lamento dramatico und Scherzo für Fagott und Klavier (1963) Pastorala für Oboe und Klavier (1963) Izohromos für fünf Flöten (1978) Sretanja, Suite für Violine und Klavier (1979) Metamorfoze für Klavier solo (1980)
Werke für Blas- und Volksorchester Jugoslovenske narodne melodije, Zyklen I–III (1940–1950) S vrela Bosne (1953) Proljetna priča (1957) weitere zwischen 1944 und 1955 entstandene Stücke, darunter Preko Save, Dolazi oslobodilačka vojska, Kozarački proleteri, Užički partizani, Narodni marš, Marš rudara, Marš socijalističke izgradnje, Pozdrav Trstu, Kumrovec und Romanijska rapsodija.
Musikpädagogische Arbeiten Neben seiner kompositorischen Tätigkeit veröffentlichte Smailović musikpädagogische und analytische Arbeiten. Dazu gehören: Muzička čitanka za amatere u kulturno-umjetničkim društvima (1953) Grafičko-analitičke studije simfonizma Ludwiga van Beethovena (1969) Grafičko-analitička metoda prikazivanja djela u nastavi muzike (1969) Teorijsko-didaktički osnovi muzičkog vaspitanja u suvremenoj razrednoj nastavi i predškolskom zanimanju: prilog mijenjanju shvatanja i podizanju stručnosti nastavnika, Svjetlost, Sarajevo 1977.
Rezeption und Nachwirkung Zum 100. Geburtstag Smailovićs veranstalteten die Musikakademie der Universität Sarajevo, deren Institut für Musikwissenschaft und die Muzikološko društvo Federacije Bosne i Hercegovine am 13. Oktober 2017 ein wissenschaftliches Symposium. Die Beiträge befassten sich mit Smailovićs historischem und gesellschaftlichem Umfeld, seiner Ästhetik, Form und Inhalt seiner Kompositionen, dem harmonischen Aufbau des Klavierkonzerts Panta rhei sowie seiner Entwicklung vom Autodidakten zum Hochschullehrer. Ein Bericht über die Tagung erschien anschließend in der Fachzeitschrift Muzika.
Die Rezeption seines Werks setzte sich auch in Konzerten und Festivals fort. 2017 war Smailovićs Leben und Musik ein Schwerpunkt des internationalen Sarajevoner Festivals Muzika na žici; mehrere seiner Werke wurden dort aufgeführt. In Goražde trägt eine 1976 gegründete Musikschule seinen Namen; Smailović war an den Vorbereitungen für die Eröffnung der Schule beteiligt. Die Vereinigung der Musikautoren Bosnien und Herzegowinas (AMUS) vergibt außerdem eine nach ihm benannte Auszeichnung für kompositorisches Schaffen im Bereich der Kunstmusik.
Literatur Zija Kučukalić: Smailović, Avdo. In: Krešimir Kovačević (Hrsg.): Leksikon jugoslavenske muzike. Band 2: Me–Ž. Jugoslavenski leksikografski zavod „Miroslav Krleža“, Zagreb 1984, S. 327–328. Franc Križnar: Avdo Smailović (1917–1984) – več kot sto let po rojstvu. In: Glasba v šoli in vrtcu. Band 21, Nr. 2, 2018, S. 43–45. Merima Čaušević: Stilske karakteristike kompozicije Metamorfoze za klavir solo Avde Smailovića. In: Muzika. Band 19, Nr. 2, 2015, S. 90–104.
Einzelnachweise
Kategorie:Komponist klassischer Musik (20. Jahrhundert) Kategorie:Komponist (Jugoslawien) Kategorie:Komponist (Bosnien und Herzegowina) Kategorie:Musikpädagoge Kategorie:Dirigent Kategorie:Chorleiter Kategorie:Jugoslawe Kategorie:Geboren 1917 Kategorie:Gestorben 1984 Kategorie:Mann