4 Compositions (Ulrichsberg) 2005 Phonomanie VIII ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 18. und 19. Juni 2005 im Jazzatelier Ulrichsberg entstandenen Aufnahmen erschienen im September 2006 auf Leo Records.

Hintergrund Die vier CDs der Box 4 Compositions (Ulrichsberg) 2005 Phonomanie VIII präsentieren einige der in den frühen 2000er-Jahren entstandenen Werke Braxtons. Die erste CD enthält „Composition 301“, ein Soloklavierstück, interpretiert von Genevieve Fouccroule. Braxton selbst bezeichnet seine Klaviermusik als „direkte Weiterführung meines Interesses an der Nachfolge von Schönberg und Webern … einschließlich der großen Klaviermusik von Karlheinz Stockhausen“.

„Composition No. 96 + 134“ (auf der zweiten CD) wird vom 17-köpfigen, vermutlich ad-hoc zusammengestellten Ulrichsberg Tri-Centric Ensemble aufgeführt. Die dritte CD ist eine der allerersten Aufnahmen, die Braxtons Diamond Curtain Wall Music, d. h. seine Experimente mit Live-Elektronik, dokumentieren.„Composition 323a for Trio (with electronics)“, ist ein größtenteils improvisiertes Werk mit Braxton an Holzblasinstrumenten und Elektronik, Taylor Ho Bynum an der Trompete und Aaron Siegel am Schlagzeug. Auf der vierten CD findet sich „Compositions No. 169 + 147“, eine weitere Aufführung des Tri-Centric Ensemble.

Titelliste Anthony Braxton: 4 Compositions (Ulrichsberg) 2005 Phonomanie VIII (Leo Records – CD LR 468/471) Genevieve Foccroulle: Composition 301 34:53 The Ulrichsberg Tri-Centric Ensemble: Compositions No. 96 + 134 56:05 Anthony Braxton, Taylor Ho Bynum, Aaron Siegel: Composition 323a 47:20 The Ulrichsberg Tri-Centric Ensemble: Compositions No. 169 + 147 1:04:54

Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.

Besetzung Altsaxophon, Bassklarinette – Tanja Feichtmair (Titel 2, 4), Altsaxophon, Klarinette – Benjamin Weidekamp (2, 4), Bass – Hannes Enzlberger (2, 4), Cello – Roland Schueler (2, 4), Klarinette, Bassklarinette – Judith Lehner (2, 4), Dirigent – Anthony Braxton (2,4), Dirigent [Polarity Conductor] – Aaron Siegel (2, 4), Dirigent [Synchronous Conductor] – Taylor Ho Bynum (2, 4), E-Gitarre – Burkhard Stangl (2, 4), Schlagzeug – Aaron Siegel (3), Klavier – Genevieve Foccroulle (1, 2, 4), Holzblasinstrumente, Electronik – Anthony Braxton (2, 4), Sopransaxophon, Tenorsaxophon, Baritonsaxophon – Boris Hauf (2, 4), Posaune, Euphonium – Bertl Mütter (2, 4), Trompete – Lorenz Raab (2, 4), Taylor Ho Bynum (3), Tuba – Ali Angerer (2, 4), Viola – Elaine Koene (2, 4), Violine – Anne Harvey-Nagl (2, 4), Joanna Lewis (2, 4)

Rezeption Zu Beginn seiner Karriere und über Jahrzehnte hinweg habe Anthony Braxton außergewöhnliche Aufnahmen geschaffen, meint Chris Kelsey in JazzTimes. Jede schien inspirierter als die vorherige, nicht zuletzt dank der Musiker, mit denen er zusammenarbeitete: zunächst seine Zeitgenossen aus der AACM in Chicago, später jüngere Free-Jazz-Musiker aus New York, die zwar nicht so berühmt gewesen seien wie Braxton, aber dennoch Weltklasse-Improvisatoren. In den letzten Jahren habe Braxton seine Begleitmusiker zunehmend aus einem Kreis weniger bekannter Musiker gewählt, von denen nur wenige namhaft wären und viele seine Studenten an der Wesleyan University. Zudem würde er nun ebenso häufig zum Dirigentenstab wie zum Saxophon greifen und seine Kompositionen für größere Ensembles dirigieren. Infolgedessen erreichten seine jüngsten Aufnahmen (mit einigen Ausnahmen) selten das Niveau seiner besten Werke. Diese beiden Live-Alben, die im Mai und Juni 2005 innerhalb weniger Wochen entstanden, würden Mängel aufweisen – im Falle des ersten sogar gravierende. Dennoch ließen sie gelegentlich eine Rückkehr zu alter Stärke erahnen.

„Composition 301“, ein Soloklavierstück, sei straff komponiert und zumindest teilweise seriell angelegt, so Kelsey weiter. Es erinnere „Composition 301“ an Stockhausens Klavierstücke. Die Pianistin Fouccroule würde zwar die Noten spielen, trage aber wenig Interpretation bei. Obwohl die Komposition ideenreich sei, wirkten ihre formale Unklarheit und ein allgemeiner Mangel an Dynamik ihr entgegen. Positiv an der folgenden „Komposition Nr. 96 + 134“ hervorzuheben seien wiederum einige exzellente Solopassagen und der lobenswerte Ehrgeiz des Komponisten. Insgesamt sei die Aufnahme jedoch bestenfalls uneinheitlich. Braxtons Drei-Dirigenten-Technik sei zwar ein interessantes Konzept, führe hier aber zu einer wenig musikalischen, kaum organisierten Kakophonie. Verschiedene Gruppierungen würden versuchen, miteinander und gegeneinander zu spielen, was gelegentlich interessante, meist aber unverständliche Ergebnisse liefere. Wie so viele improvisierende Großensembles (man denke nur an die Desaster der Big Bands unter William Parker und Cecil Taylor) sei auch diese Aufnahme eine mühsame Angelegenheit.

Unendlich besser sei die dritte CD mit „Composition 323a for Trio (with electronics)“, so Kelsey. Braxtons subtiler und sparsamer Einsatz von Elektronik würde der Musik reizvolle Klangfarben verleihen, doch die eigentliche Substanz entstehe durch das Zusammenspiel der Musiker. Bynum agiere als Braxtons ebenbürtiger Partner unter den neueren Weggefährten des Komponisten – ein agiler und kreativer Improvisator mit einem unverwechselbaren Klang. Siegels Spiel verzichte zwar auf vorwärtsgerichtete Dynamik, doch er besitze ein feines Gehör und ein gutes Gespür für das, was angemessen ist. Braxton spiele so energiegeladen und einfallsreich wie eh und je. Er mag sich selbst als Komponist sehen, doch seine besten Werke würden sich seit jeher durch seine Improvisationen auf verschiedenen Blasinstrumenten in kleiner Besetzung auszeichnen. Seine überzeugendsten Ideen seien meist jene, die er spontan zum Ausdruck bringe.

Die CD mit den „Compositions Nr. 169 + 147“ mit den Tri-Centric Ensemble sei zwar nicht ganz so gelungen wie die Trio-Version, aber deutlich besser als die vorherige Aufnahme mit großem Ensemble, so Kelsey. Erneut würden feine Soli erklingen, diesmal eingebettet in ein etwas kohärenteres Ganzes. Das gesamte Stück wirke organischer, vielleicht weil es tonal zentrierter sei als die betont serielle „Komposition Nr. 96 + 134“. Insgesamt scheine das Ensemble mit der Komposition vertrauter zu sein. Das Stück klinge recht stimmig und werde Braxtons Konzept besser gerecht. Der Autir bevorzugt zwar nach wie vor seine Werke für kleine Besetzungen, „aber wenn Braxton weiterhin Musik für große Ensembles in dieser Qualität komponieren könnte, hätte ich nichts dagegen“.

François Couture verlieh dem Album in Allmusic dreieinhalb Sterne und schrieb, genau wie in Sextet (Victoriaville) 2005 habe sich Braxton ganz auf neue, unbekannte, gewagte Musik konzentriert, ohne auch nur einen Hauch von Nostalgie. Braxtons Musik entfalte in der Regel eine stärkere Wirkung, wenn sie von kleineren Besetzungen als dieser gespielt werde, doch diese beiden Aufnahmen seien es wert, dass man sich die Zeit nimmt, sie anzuhören. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Besetzungen in diesem Set würden sich manche Hörer wahrscheinlich separate Veröffentlichungen wünschen. Sollte es tatsächlich zu einer vollständigen Veröffentlichung der Klavieraufnahmen kommen, hätte man dieses Vierer-Set tatsächlich in ein Zwei-CD-Set für die Aufnahmen des Tri-Centric Ensembles und eine Einzel-CD für das Trio Diamond Curtain Wall Music aufteilen sollen.

Einzelnachweise

Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2006 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album