mini|Jakob Ehrlich um 1930 Jakob Ehrlich (* 15. September 1877 in Bistritz am Hostein, Österreich-Ungarn; † 17. Mai 1938 im KZ Dachau, Deutsches Reich) war ein österreichischer Politiker der Zwischenkriegszeit (JNP, VF).

Leben Jakob Ehrlich schloss sich bereits in seiner Jugend dem Zionismus an. Nach der Matura studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Wien und trat der jüdischen Studentenverbindung Ivria bei. Nach seiner Promotion 1908 absolvierte er das Gerichtsjahr und war als Rechtsanwalt tätig. Ab 1912 vertrat er die Zionisten in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) und war Teil dessen Vorstands. Auf dem 11. Zionistenkongress 1913 gehörte er dessen Präsidium an. Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier an der Ostfront.

Von 1919 bis 1923 vertrat er die Jüdischnationale Partei für Leopoldstadt im Gemeinderat der Stadt Wien, ab 1920 auch als Abgeordneter zum Landtag des neu geschaffenen Landes Wien. Anschließend gehörte er dem Disziplinarrat der Rechtsanwaltskammer Wien von 1924 bis 1934 an. Mehrfach war er Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich. Er trat 1934 der Vaterländischen Front bei und gehörte von 1934 bis 1938 der Wiener Bürgerschaft als Vertreter der IKG an. Insgesamt gehörten von 64 „Räten der Stadt Wien“ nur zwei der jüdischen Minderheit an, die damals zehn Prozent der Wiener Bevölkerung stellte. 1936 wurde er zum Vizepräsidenten der IKG gewählt. In der Bürgerschaft prangerte er den Antisemitismus und die „Zurücksetzung der Juden auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft“ im Ständestaat an. So kritisierte er eine Kampagne des Wiener Gewerbebunds, eines berufsständischen Zusammenschlusses von zu Zünften umgeformten Genossenschaften. Dieser hatte zu Weihnachten 1937 mit der Parole „Christen, kauft nur bei Christen“ geworben und war dabei vom Zweiten Bürgermeister von Wien Josef Kresse in Schutz genommen worden.

Fünf Tage nach dem „Anschluss Österreichs“ am 13. März 1938 wurden die Räumlichkeiten der IKG von der Gestapo durchsucht und Ehrlich, zusammen mit IKG-Präsident Staatsrat Desider Friedmann, Josef Löwenherz und weiteren IKG-Mitgliedern, verhaftet. Als Grund wurde angegeben, dass die IKG der Vaterländischen Front 800.000 Schilling (entspricht der Kaufkraft von etwa 5,7 Millionen Euro, Stand: 2025) für die von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg für den 13. März angekündigte, auf Druck Adolf Hitlers jedoch abgesagte Volksbefragung zur Unabhängigkeit Österreichs gespendet habe. Außerdem soll Ehrlich zusammen mit dem Wiener Bürgermeister Richard Schmitz geplant haben, die Wiener Arbeiter gegen die einmarschierende Wehrmacht zu bewaffnen. Adolf Eichmann ließ Ehrlich am 2. April im „Prominententransport“ in das Konzentrationslager Dachau deportieren. mini|Testament Ehrlichs Ehrlich wurde am 17. Mai 1938 im damals noch in der Gemeinde Prittlbach gelegenen Teil des KZ Dachau von einem SS-Kommando erschossen. Er zählt damit zu den ersten österreichischen Opfern des Holocaust. Seine Urne wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Seine Frau Irma, geb. Huttner, und sein Sohn Paul flohen über das Vereinigte Königreich in die USA.

Postume Ehrungen

Sein Name findet sich auf der Gedenktafel für der von den Nationalsozialisten ermordeten Mitglieder des Wiener Landtags und Gemeinderats im Wiener Rathaus. In Tel Aviv wurde eine Loge der B’nai B’rith nach ihm benannt. In London gründeten Wiener Zionisten die Jacob Ehrlich Society.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Politiker (Leopoldstadt) Kategorie:Korporierter (jüdische Studentenverbindung) Kategorie:Rechtsanwalt (Österreich) Kategorie:Absolvent der Universität Wien Kategorie:Person des Judentums (Wien) Kategorie:VF-Mitglied Kategorie:Wiener Bürgerschaft Kategorie:Todesopfer im KZ Dachau Kategorie:Opfer des Holocaust Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1877 Kategorie:Gestorben 1938 Kategorie:Mann