Unter dem Titel Abu Dhabi Secrets sind die Ergebnisse einer investigativen Recherche zusammengefasst. Sie dokumentieren eine von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) finanzierte Diskreditierungskampagne, die sich verdeckt gegen Personen und Organisationen in Europa richtete, denen Verbindungen zu Katar oder der Muslimbruderschaft nachgesagt wurden. Die Diskreditierungskampagne wurde ab 2017 von der Genfer Privatdetektei Alp Services durchgeführt. Betroffen waren Personen und Institutionen in mindestens 18 europäischen Ländern; in mehreren Fällen führte die Kampagne zum Bankrott von Unternehmen oder zur Auflösung von Organisationen.

Hintergrund der Kampagne war der Konflikt zwischen den VAE und Katar, der 2017 in der Katar-Krise gipfelte. Die VAE, Saudi-Arabien, Bahrain und Ägypten warfen Katar vor, die Muslimbruderschaft zu finanzieren, und bemühten sich, sie als eine Terrororganisation erscheinen und einstufen zu lassen. Alp Services sammelte zu diesem Zweck im Auftrag der VAE diskreditierende Informationen über Zielpersonen und spielte diese Journalisten in mehreren Ländern zu. Zu den Akteuren der Kampagne gehörte unter anderem der Terrorismusforscher Lorenzo Vidino, der Alp gegen Bezahlung Informationen lieferte; eine Rolle spielten außerdem der französisch-algerische Journalist Atmane Tazaghart sowie islamkritische Institutionen in Österreich, die parallel mit staatlichen Behörden kooperierten. Zu den Zielen gehörten unter anderem das Schweizer Unternehmen LORD Energy, dessen Bankrott auf die Kampagne zurückgeführt wird, die Genfer Menschenrechtsorganisation Alkarama, die islamische Hilfsorganisation Islamic Relief sowie zwei UN-Funktionäre, die Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Jemen verantwortet hatten.

Bekannt wurde die Diskreditierungskampagne durch einen Hack: 2021 wurden dem Medienkonsortium European Investigative Collaborations (EIC) rund 78.000 Dateien aus dem Computer des Alp-Inhabers Mario Brero zugespielt. Ab Juli 2023 veröffentlichten 13 dem EIC angehörende Medien koordiniert ihre Rechercheergebnisse unter der Bezeichnung Abu Dhabi Secrets. Bis 2025 waren mindestens acht Verfahren gegen die Regierung der VAE, Mario Brero, Lorenzo Vidino und weitere Akteure anhängig.

Leak und Recherche Am 29. März 2021 wurde der Computer von Mario Brero, dem Inhaber der auf „Dark PR“ spezialisierten Genfer Privatdetektei Alp Services, von Unbekannten gehackt und 1,5 Mio. Dateien sowie 8 Mio. E-Mails entwendet. Die Angreifer versuchten zunächst, die Daten zu verkaufen. Dem Geschäftsmann Hazim Nada wurden sie für 30 Millionen Dollar angeboten. Da Nada nicht bezahlen konnte, nahm er für die Hacker laut eigener Angabe „widerwillig“ Kontakt mit dem offensichtlichsten potenziellen Käufer, Katar, auf. In Doha zeigte er Geheimdienstmitarbeitern eine Präsentation zum Hack. Manche Kontakte meinten, die Fehde mit den VAE sei beendet, während die Hacker selbst andeuteten, sie würden mit anderen potenziellen Kunden verhandeln.

Später wurde ein Bruchteil des gesamten Hacks von rund 78.000 Dateien, die einen größeren Auftrag von Alps für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) betrafen, ohne Zahlung dererseits an Journalisten weitergegeben. Auf Initiative des Mediapart-Journalisten Yann Philippin untersuchten Journalisten von 13 verschiedenen Medien des EIC-Netzwerks (European Investigative Collaborations) zeitgleich die vorliegenden Dokumente und veröffentlichten ab 7. Juli 2023 koordiniert die Ergebnisse ihrer Recherchen unter dem Titel „Abu Dhabi Secrets“. Unabhängig von den EIC-Recherchen hatten im März desselben Jahres Mediapart und der von Hazim Nada kontaktierte Journalist David D. Kirkpatrick im Magazin The New Yorker die Diskriminierungskampagnen aufgedeckt. Weitere Medien veröffentlichten Anschlussrecherchen.

Mario Brero nahm zu den Ergebnissen der Recherchen keine Stellung. Seine Anwälte teilten mit, die geleakten Dokumente seien teilweise gefälscht und „die meisten Fakten“ der Recherche beruhten „auf falschen und/oder eingebildeten Annahmen“.

Hintergrund Die Muslimbrüder und verwandte islamistische Bewegungen waren zeitweilig in mehreren autokratischen arabischen Staaten – darunter die VAE – die stärkste Opposition gewesen. Sie hatten im Zuge des Arabischen Frühlings besonders in Ägypten, Tunesien und Marokko überraschende Wahlerfolge erreicht, woraufhin ab 2013 in mehreren Ländern noch entschiedener gegen diese Bewegungen vorgegangen wurde. In Ägypten hatte das Militär 2013 unter der Führung Abd al-Fattah as-Sisis gegen die neue durch Muslimbrüder geführte Regierung geputscht. In den VAE, wo man wie in Saudi-Arabien in der Forderung der Muslimbruderschaft nach einem moderaten, pro-demokratischen politischen Islam die größten Herausforderungen für die Machtansprüche des Herrscherhauses sah,Ähnlich Ähnlich auch hatte Präsident Muhammad bin Zayid Al Nahyan die Bewegung nach dem Arabischen Frühling verboten. Mehrere Zehntausend ihrer Mitglieder sind in autokratischen Ländern inhaftiert. In diesen Ländern mit der Muslimbruderschaft in Verbindung gebracht zu werden, ist daher potentiell gefährlich. In Katar dagegen wurden sie durch die Regierung unterstützt. Seither standen sie im Zentrum eines Konflikts zwischen Katar und den VAE sowie Saudi-Arabien und Ägypten. Diese beschuldigten Katar, die Muslimbruderschaft zu finanzieren mit dem Ziel, die Herrschaft auch in anderen arabischen Staaten an sich zu reißen. Da die Muslimbruderschaft in keinem europäischen Land als Terrororganisation gilt, unternahmen sie Anstrengungen, diese als solche einstufen zu lassen. Der Konflikt zwischen den VAE und Katar gipfelte 2017 in der Katar-Krise 2017 bis 2021.

Nur Monate nach Beginn des Katar-Boykotts startete im August 2017 mit „Operation Arnika“ das erste Projekt Alps für die VAE. In diesem ersten Auftrag sollte Alp mit der Erstellung von Profilen beginnen.

Nach der Erstellung der Profile wurden in der nächsten Operation wiederholt Personen und Organisationen diskreditiert. Indirekt zielte die Kampagne auf Katar, den Nachbarstaat der Emirate. Direkt zielte sie auf Personen und Institutionen in 18 europäischen Ländern, die mit Katar in Verbindung standen und die im Zuge der Kampagne diskreditiert werden sollten, indem ihnen Nähe zu Terrorismus nachgesagt wurde. Insbesondere betroffen waren Mitglieder der Muslimbruderschaft. Gleichzeitig wurden wiederholt Personen und Organisationen diskreditiert, indem ihnen unrichtig Verbindungen oder ideologische Nähe zur Muslimbruderschaft unterstellt wurden.

Vertrag zwischen den VAE und Alp Der Kontakt zwischen beiden Parteien war vom ehemaligen Journalisten Roland Jacquard hergestellt worden, der die Nichtregierungsorganisation Observatoire international du terrorisme gegründet hatte und deren einziges Mitglied ist. In französischen Medien wird er als „Islamismusexperte“ bezeichnet.Nach

Ende Juli 2017 hatte Brero einen Vorschlag für einen Vertrag vorgelegt. Am 7. August weilte er in Abu Dhabi für weitere Vereinbarungen.

Auf Seiten von VAE waren die Entscheidungsträger Ali Saeed Al Neyadi, offiziell als Vorstandsmitglied der Nationalbehörde für Notfall- und Krisenmanagement aufgeführt, tatsächlich aber der Leiter des bewaffneten Arms der emiratischen Spezialeinsatzkräfte, sowie ein ihm unterstehender Geheimdienstmitarbeiter mit dem Codenamen „Matar“.

Alp bot als Leistung an, jährlich 100 Medienartikel zu veröffentlichen oder zu beeinflussen, um mit diesen die „Terroristen zu terrorisieren“ und so ihr Ansehen zu zerstören. Für jede diskreditierte Person wurde eine Zahlung von zwischen 20.000 und 50.000 € vorveranschlagt. Drei Monate nach dem Start der ersten Operation – Operation Arnika genannt – wurde der erste Vertrag zwischen den VAE und Alp unterzeichnet. Als Zahlstelle diente eine als Forschungszentrum getarnte Organisation mit dem Namen Al Ariaf. Pro Forma waren Brero und sein Geschäftspartner MC durch einen Scheinarbeitsvertrag bei Al Ariaf in Abu Dhabi angestellt als „Archivare“. Alp Services erhielt zwischen August 2017 und Juni 2020 5,7 Millionen Euro. Brero offerierte im Januar 2020 einen neuen fünfjährigen Aktionsplan.

Vorgehen von Alp Laut einem der Alp-Dokumente war geplant, in drei Schritten gegen Ziele vorzugehen: (1) Massierte Veröffentlichung diskreditierender Artikel, (2) Aktivierung von Journalisten zur Verbreitung dieser Texte, (3) Beeinflussung von Banken mithilfe dieser Veröffentlichungen.Vergleiche auch Parallel sollte eine Positivkampagne für die Emirate stattfinden.

Schritte (1) und (2) wurden von verschiedenen Journalistenteams näher analysiert.

Sammlung diskreditierender Informationen Alp versprach seinen Auftraggebern, bei ihrer Operation diskreditierende, aber „wahrheitsgemäße“ Informationen über ihre Ziele zu verbreiten. Dazu wurden bei Operation Arnika in einer gleichnamigen Projektmappe Informationen zu rund 1000 Personen und 400 Institutionen gesammelt. Allen wurde unterstellt, mit den Muslimbrüdern und teilweise außerdem mit auch in Europa als terroristisch eingestuften Organisationen verbunden zu sein; ihre Namen und Daten wurden dem emiratischen Geheimdienst übermittelt. Bei manchen dieser Ziele handelte es sich tatsächlich um wegen Terrorismus verurteilte Personen. Größtenteils jedoch beruhten die Aufnahme in die Mappe und auf die zugehörigen Netzwerkkarten auf weit hergeholten Assoziationen, auf Gerüchten oder waren ganz ohne Grundlage. Die Recherche französischer EIC-Journalisten legt nahe, dass das leitende Kriterium für eine Listung offenbar war, dass die betreffenden Personen einmal in der Presse oder in den Sozialen Medien für angebliche Verbindungen zum radikalen Islam angegriffen worden waren. Die spanische Journalistin Begoña P. Ramírez zeigte an mehreren Beispielen auf, dass auch marginale oder konstruierte Verbindungen als Aufnahmekriterium ausreichten.

Informationen erlangte Alp teilweise durch Honigfallen, Infiltration, Telefonüberwachung oder Zugriff auf Bank- und Telefonunterlagen von Zielpersonen unter Vortäuschung falscher Identitäten. Mit rund 80 Prozent der größte Teil der in der Mappe teils mit „Geheim“ markierten Informationen stammte laut EIC-Recherchen jedoch aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Aus den gesammelten Personen und Organisationen konnten die VAE Hauptziele auswählen. Zu diesen wurde dann jeweils analysiert, wie genau diese Ziele diskreditiert werden könnten. Priorität sollte dabei liegen auf „Finanzierung, Verbindungen zu Terrorismus, Korruption, Geldwäsche oder anderen Verbrechen“, dazu gehörten aber auch „peinliche persönliche Informationen wie […] das Sexualleben der vielen jungen Mätressen [oder] laxe religiöse Praxis, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit sind“.

Medienkampagnen Das französische Medienportal Heidi News zählt diverse Medienstrategien auf, mit denen Alp gegen zu diskreditierende Ziele vorging. Mitarbeiter von Alp verfassten eigene Artikel auf partizipativen Medienplattformen – bei Mediapart etwa unter dem fiktiven Account „Tanya Klein“, der zwischen 2018 und 2021 fünfzehn gegen Katar und die Muslimbruderschaft gerichtete Blogbeiträge verfasste, auf Medium unter dem Namen „Farrah Ahmed“ –, verfassten oder veränderten Wikipedia-Artikel (siehe besonders im Abschnitt Vereinte Nationen) oder beauftragten freiberufliche Journalisten.