mini|hochkant=1.2|Die „Bella Coola“ beim Maskentanz (Foto von Carl Günther, 1886) Hagenbecks Völkerschau der „Bella Coola“ 1885/86 (auch „Bella Coola-Indianer“) war eine Völkerschau, bei der neun Männer der zu den kanadischen First Nations zählenden Nuxalk (damals als Bella Coola bezeichnet) von September 1885 bis Juli 1886 in über 20 Städten des Deutschen Reiches zur Schau gestellt wurden.

Veranstalter der Schau war Carl Hagenbeck (1844–1913) aus Hamburg, der seit 1875 mit seinen „Völkerausstellungen“ für Aufmerksamkeit sorgte und hunderttausende zahlende Besucher anlockte. Sein Agent Johan Adrian Jacobsen rekrutierte die Gruppe im Frühjahr 1885 auf seiner Reise nach British Columbia und begleitete sie während der zehnmonatigen Tournee. Entgegen den Erwartungen Hagenbecks und Jacobsens zog ihre erste Völkerschau nordamerikanischer „Indianer“ jedoch nur wenige Besucher an. Offenbar entsprachen die Nuxalk nicht der gängigen „Indianer“-Vorstellung des Publikums.

„Indianer“-Völkerschauen

Unter den zahlreichen Völkerschauen gab es vergleichsweise wenige von Indigenen aus Amerika, darunter drei aus Südamerika (die Patagonier 1879, die „Feuerländer“ 1881/82 und die Araukaner 1883/84), drei „Eskimo“-Völkerschauen (Inuit aus Grönland 1878/79, aus Labrador 1880/81 und im Rahmen der Berliner Gewerbeausstellung 1896) sowie einige Schauen nordamerikanischer „Indianer“. Die erste dieser nordamerikanischen Völkerschauen veranstaltete der Impresario Carl Reiche 1879 mit einer Gruppe kanadischer „Irokesen-Indianer“. Die zweite folgte 1882/83 unter Hugo Schött mit den „Chippewa-Indianern“. Die dritte Schau, jene der „Bella Coola“ 1885/86, markierte zugleich Carl Hagenbecks erste „Indianer“-Völkerschau – und blieb die einzige, bei der Angehörige der First Nations der kanadischen Pazifikküste angeworben wurden. Zeitgleich fand eine erste Völkerschau von Sioux (die „Sitting Bull Sioux-Indianer“ von Frank Harvey) statt, die mit weit größerem Erfolg durch Deutschland tourte. Die Sioux entsprachen offenbar weit mehr den typischen Vorstellungen des Publikums vom „Prärie-Indianer“. Spätere Völkerschauen knüpften an dieses Klischee an. Gut besucht waren beispielsweise die Europa-Tourneen von Buffalo Bill’s Wild West (1890/91 und 1906), die Sioux-Aufführungen des Circus Sarrasani oder Hagenbecks Sioux-Völkerschau 1910 im Tierpark Hagenbeck (mit 1,1 Mio. Besuchern eine der kommerziell erfolgreichsten Schauen Hagenbecks).

Vorgeschichte Gescheiterte Anwerbung der Quatsino 1882 Der langjährige Agent Hagenbecks Johan Adrian Jacobsen entwickelte die Idee für eine „Indianer“-Völkerschau, als er zwischen Juli 1881 und 1883 in Alaska und im kanadischen British Columbia über 6.000 ethnografische Objekte für das Berliner Königliche Museum für Völkerkunde sammelte. Carl Hagenbeck unterstützte Jacobsens Idee ausdrücklich und bat den Direktor des Völkerkunde-Museums Adolf Bastian um eine vorübergehende Freistellung Jacobsens, der dieser Bitte nachkam und zudem die Unterstützung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte zusicherte.

Der von einem Ghostwriter anhand Jacobsens Tagebücher verfasste und 1884 veröffentlichte Reisebericht gibt umfassend Auskunft über die folgenden Erlebnisse.Adrian Woldt: Capitain Jacobsen’s Reise an der Nordwestküste Amerikas 1881–1883. Für den deutschen Leserkreis bearbeitet von A. Woldt (Leipzig 1884). Nachdruck, Norderstedt 2014, S. 130–137. So hoffte Jacobsen eine Gruppe von Quatsino von Vancouver Island anwerben zu können, von deren Zurschaustellung Hagenbeck sich laut eines Briefes an Jacobsen vom 5. Januar 1882 wegen ihrer auffälligen „Langköpfe“ und ihrer Maskentänze ein „Riesengeschäft“ versprach. Er reiste Anfang März 1882 zu deren Siedlungsgebieten in den Norden von Vancouver Island. Bei den Koskimo, einem der fünf Stämme der Quatsino, gelang es ihm zunächst, Chief Wacha sowie vier weitere Personen von einer Reise nach Europa zu überzeugen. Die Anwerbung geriet dennoch zu einem Debakel, weil die Gruppe aufgrund stürmischen Wetters über zwei Wochen in Fort Rupert ausharren musste und aus Angst vor einer strapaziösen Überfahrt zurück in ihr Heimatdorf floh. Laut der Historikerin Hilke Thode Arora habe Jacobsen durch sein „unsensibles Verhalten“ zusätzlich dazu beigetragen, die fünf Koskimo gegen sich aufzubringen, weil er drei Schädel aus einem ihrer Gräber entwendete.

Wenige Tage nach den Ereignissen in Fort Rupert erhielt Jacobsen einen Brief Hagenbecks, in dem dieser mitteilte, dass im Februar und März 1882 fünf Darsteller der „Feuerländer“-Völkerschau verstorben waren und er deshalb beschlossen habe, „nie wieder Menschen Ausstellungen zu arrangiren“.Zitiert nach: Gabriele Eissenberger: Entführt, verspottet und gestorben – Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos. Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-88939-185-0, S. 169. So kehrte Jacobsen 1883 ohne Darsteller für eine Völkerschau aus Kanada zurück. Hagenbeck allerdings hielt sich nicht an den in seinem Brief geäußerten Vorsatz und setzte die Völkerschauen nur für wenige Monate aus.

Anwerbung der Nuxalk 1885

1884 trat Johan Adrian Jacobsen erneut eine Reise im Auftrag von Adolf Bastian an – diesmal zunächst nach Russland, Korea und Japan, um dort weitere ethnografische Objekte zu erwerben. Zu dieser Zeit bemühte sich Jacobsens Bruder Bernard Fillip, der sich 1884 in British Columbia niedergelassen hatte,Richard L. Bland: Bernard Fillip Jacobsen and three nuxalk legends. In: Journal of Northwest Anthropology, Jg. 46 (2012), Nr. 2, S. 143–166, hier S. 147 f. um die Anwerbung von Völkerschau-Darstellern, war damit aber erfolglos.

Ende Mai 1885 kam Johan Adrian Jacobsen zurück nach British Columbia. Wie bereits 1882 scheiterten die Brüder auch diesmal beim Versuch, eine Gruppe von Quatsino von Vancouver Island anzuwerben. Laut Wolfgang Haberland, der die Völkerschau der „Bella Coola“ in einem Aufsatz von 1980 umfassend beschrieben hat, gibt es drei widersprüchliche Erzählungen, wie es den Brüdern Jacobsen stattdessen gelang, neun Männer der Nuxalk von einer Völkerschau-Tournee in Europa zu überzeugen. Entweder seien die Brüder in das Dorf Bella Coola gereist und hätten die Gruppe dort kennengelernt oder sie hätten die neun Männer auf der Schiffsreise nach Victoria getroffen oder die Begegnung habe erst in Victoria selbst stattgefunden. Die Nuxalk-Männer seien auf der Durchreise in die USA gewesen, um dort als Erntehelfer zu arbeiten. Jacobsen äußerte sich in seinem Tagebuch etwas unzufrieden über die Zusammensetzung der Gruppe (Rechtschreibung im Original):

mini|hochkant|Lage der heute etwa 160 Personen zählenden Ortschaft Bella Coola in British Columbia Am 25. Juli 1885 unterzeichneten die Nuxalk mit Zustimmung des kanadischen Indian superintendent Israel Wood Powell den Anwerbevertrag, der unter anderem festlegte, dass die neun Männer „sich an solchen Orten, die der besagte John Adrian Jacobsen bestimmen mag, und zwischen acht und zwölf Uhr vormittags sowie halb zwei und sechs Uhr nachmittags, einschließlich der Sonntage, nach bestem Können und Vermögen vor der Öffentlichkeit mit der Vorführung indianischer Spiele und Kurzweil, mit dem Gebrauch von Pfeil und Bogen, mit Singen, Tanzen, Sprechen und anderen Dingen, die die Gewohnheiten, Weisen und Sitten der Indianer zeigen, sehen“ lassen. Außerdem musste Jacobsen bei den kanadischen Behörden eine Kaution von $ 1.000 (nach heutiger Kaufkraft über $ 30.000) hinterlegen und zusichern, die Gruppe nach einem Jahr wieder zurück nach British Columbia zu bringen.Viola König: Die etwas andere Völkerschau. Die Nuxalk auf Tour in Deutschland. In: Lars Frühsorge, Sonja Riehn, Michael Schütte (Hrsg.): Völkerschau-Objekte. Lübeck 2021, S. 21–32. Die Jacobsens brachten zudem etwa 1.500 ethnografische Gegenstände mit nach Europa.Eric Ames: Cooper-Welten. Zur Rezeption der Indianer-Truppen in Deutschland. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 217–231.

Ende Juli reisten die Männer mit dem Schiff nach Portland, setzten die Reise mit dem Zug nach New York City fort und stachen von dort am 5. August Richtung Europa in See. Sie erreichten Bremen am 15. August und trafen einen Tag später in Hamburg ein.Der kühne Polarreisende Kapitän Adrian Jacobsen. In: Saale-Zeitung, 21. August 1885.

Gruppe der Nuxalk Die Nuxalk sind eine Gemeinschaft der zahlreichen Salish sprechenden First Nations in den Fjorden British Columbias, die an den Ufern des Bella Coola River nahe der heutigen Siedlung Bella Coola lebten.

Auf dem Vertrag vom Juli 1885 sind die indianischen Namen der neun zwischen 20 und 30 Jahre alten Männer angegeben: Ya Coutlas, Ick-lehoneh, Kah-che-lis, Ham-chick, Huck-mulshe, Isk-ka-lustra, Quo-noh, Elk-qut und Pooh-Pooh. Ya Coutlas, mit englischem Namen Tom Henry, galt als Anführer der Gruppe. Bei den übrigen Männern ist die Zuordnung der indianischen zu ihren englischsprachigen Namen nicht mehr eindeutig nachvollziehbar. Einige der Männer sprachen Englisch oder Chinook, die damals geläufige Handelssprache in British Columbia.Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. Seattle 2009. Individuelle Informationen über die neun Männer finden sich in den Quellen kaum.

Verlauf der Völkerschau mini|hochkant|Zeitungsinserat der Aachener Zeitung, 29. Juni 1886Zeitungsinserat in der Aachener Zeitung, 29. Juni 1886.

Nach ihrer Ankunft blieb die Gruppe drei Wochen in Hamburg. Die Männer traten hier noch nicht auf, übten das Programm der Schau ein und schnitzten Holzfiguren. Die Völkerschau startete am 11. September 1885 im Zoologischen Garten Leipzig.Carl Hagenbecks Bella-Coola-Indianer im Zoologischen Garten. In: Leipziger Tageblatt. 13. September 1885. Die weitere Tournee führte mit jeweils kurzer Vorplanung durch 21 weitere große und kleinere Städte: 15. Oktober – 2. November 1885: Dresden, Zoologischer Garten ⋅ 3. November – 10. November 1885: Chemnitz, Mosella-Saal ⋅ 10. November – 16. November 1885: Zwickau, Zum Goldenen Becher ⋅ 17. November – 25. November 1885: Halle, Salon zum Rosenthal ⋅ 27. November – 29. November 1885: Eisleben, Mansfelder Hof ⋅ 30. November – 2. Dezember 1885: Sangerhausen, Schweizerhütte ⋅ 3. Dezember – 6. Dezember 1885: Nordhausen, Zum goldenen Schiff ⋅ 9. Dezember – 11. Dezember 1885: Langensalza, Schützenhaus ⋅ 12. Dezember – 16. Dezember 1885: Mühlhausen, Weymars Festhalle ⋅ 17. Dezember – 21. Dezember 1885: Gotha, Thüringer Hof ⋅ 25. Dezember – 2. Januar 1886: Erfurt, Kaisersäle ⋅ 3. Januar – 6. Januar 1886: Weimar, Stadthaus am Markt ⋅ 7. Januar – 10. Januar 1886: Apolda, Hotel zur Weintraube ⋅ 12. Januar – 17. Januar 1886: Naumburg, Reichskrone (Stadttheater) ⋅ 19. Januar – 7. Februar 1886: Berlin, Kroll’sches Etablissement ⋅ 11. Februar – 27. Februar 1886: Breslau, Zoologischer Garten ⋅ 1. März – 1. Mai 1886: Berlin, Castans Panoptikum ⋅ 8. Mai – 23. Mai 1886: Hamburg, Tierpark Hagenbeck am Neuen Pferdemarkt ⋅ 5. Juni – 21. Juni 1886: Köln, Castans Panoptikum ⋅ 21. Juni – 1. Juli 1886: Aachen, Restaurant Bavaria ⋅ 2. Juli – 12. Juli 1886: Elberfeld, Sommertheater Johannisberg ⋅ 13. Juli – 19. Juli 1886: Krefeld, Thiergarten.

Die Darsteller mussten laut Vertrag sieben Tage die Woche 8½ Stunden, in der Kroll-Oper in Berlin bis zu zehn und in Elberfeld bis zu zwölf Stunden auf der Bühne stehen. Die Bezahlung der Männer betrug $ 20 pro Monat, Ya Coutlas erhielt als Dolmetscher eine zusätzliche Pauschale von $ 250. Durch den Verkauf von Schnitzereien verdienten sich die Männer noch Geld hinzu.