mini|hochkant|Wang Jingwei (1930) Wang Jingwei (; * 4. Mai 1883 in Sanshui, Kaiserreich China; † 10. November 1944 in Nagoya, Japan) war ein chinesischer Politiker und Dichter. 1905 schloss er sich während seines Studiums in Japan Sun Yat-sens antikaiserlicher Revolutionsbewegung an und erlangte 1910 durch einen gescheiterten Attentatsversuch auf Prinzregent Chun Aufmerksamkeit. Nach dem Wuchang-Aufstand wirkte er als Vermittler zwischen Yuan Shikais Beiyang-Armee und Sun Yat-sens Revolutionskräften und unterstützte Yuans Präsidentschaft, um die Abdankung des Qing-Hofes zu ermöglichen. Nach Yuans Tod blieb er ein enger Vertrauter Suns und verfasste dessen politisches Testament. Nach Suns Tod 1925 wurde Wang erster Präsident der Nationalregierung und Chiang Kai-sheks wichtigster Rivale innerhalb der Kuomintang (KMT).

Im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg befürwortete Wang zunächst Widerstand, wandte sich jedoch angesichts Japans militärischer Überlegenheit zunehmend der Friedensbewegung zu. Im Dezember 1938 verließ er als zweitmächtigster Mann Chinas nach Chiang die Kriegshauptstadt Chongqing in Richtung Hanoi und rief zu einem Friedensschluss mit Japan auf, woraufhin er aus der KMT ausgeschlossen wurde. 1940 errichtete Wang in Nanjing eine Kollaborationsregierung, die das japanisch besetzte China verwaltete. Von KMT und KPCh gleichermaßen als Verräter gebrandmarkt, wurde sein Name im Chinesischen zum Synonym für Landesverrat und bleibt er eine der umstrittensten Persönlichkeiten der chinesischen Geschichte.

Biografie Frühe Jahre Wang Jingwei wurde 1883 in Sanshui (), Provinz Guangdong geboren und studierte ab 1903 als Stipendiat in Japan. 1905 trat Wang dem Tongmenghui (chinesischer Revolutionsbund) unter Sun Yat-sen bei. 1910 versuchte er den Regenten 2. Prinz Chun () zu ermorden. Das Attentat missglückte und er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er saß allerdings nur ein Jahr im Gefängnis und wurde während der Revolution im Jahr 1911 befreit.

Nach der Gründung der Republik China lehnte Wang Einladungen sowohl von Yuan Shikai als auch von Sun Yat-sen ab und widmete sich stattdessen dem Bildungswesen, mit dem Gelöbnis, niemals ein politisches Amt anzunehmen. Als Sun 1912 mit der Zweiten Revolution Yuan Shikai zu stürzen versuchte, wandte sich Wang desillusioniert von Politik und Krieg ab und reiste mit seiner Frau nach Frankreich, wo er gemeinsam mit Cai Yuanpei die Bewegung Arbeit und Studium ins Leben rief. 1917 kehrte er nach China zurück und schloss sich erneut Suns engstem Umfeld an. 1925 verfasste Wang Suns politisches Testament.

Machtkampf in der Kuomintang Nach Suns Tod 1925 galt Wang als dessen natürlicher Nachfolger an der Spitze der KMT und wurde erster Präsident der Nationalregierung, die zu diesem Zeitpunkt lediglich die Provinz Guangdong kontrollierte – im Gegensatz zur international anerkannten Beiyang-Regierung, einem von Yuan Shikai hinterlassenen, stark geschwächten Regime, das den Großteil des übrigen Chinas beherrschte. Wang setzte Suns Politik der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion fort, etwa mit den Beratern Nikolaj Kujbyschew und Michail Borodin, und verfolgte einen kooperativen Kurs gegenüber der Kommunistischen Partei Chinas. Im Oktober 1925 ernannte Wang mehrere KPCh-Mitglieder in führende Positionen innerhalb der KMT, darunter Mao Zedong, der Wangs bisheriges Amt als Leiter der Propagandaabteilung der KMT übernahm. Nach dem Kantoner Putsch – den manche Historiker als eine vom rechten Flügel der KMT inszenierte Provokation unter falscher Flagge betrachten – verlor Wang die Kontrolle über Partei und Militär an Chiang Kai-shek und trat zurück. Anschließend verließ er mit seiner Familie China und ging nach Frankreich ins Exil.

Im Zuge der Nordexpedition verlegte die Nationalregierung ihren Sitz von Guangzhou nach Wuhan, das zur vorläufigen Hauptstadt erklärt wurde. Im April 1927 reiste Wang über die Sowjetunion nach China zurück, wo er auf der Durchreise Joseph Stalin traf. In Shanghai unterzeichnete er gemeinsam mit Chen Duxiu eine Erklärung, in der er sein Bekenntnis zur Zusammenarbeit zwischen KMT und KPCh bekräftigte, bevor er nach Wuhan weiterreiste, um dort die Führung der linksgerichteten Nationalregierung zu übernehmen. Kurz nach Wangs Ankunft ließ Chiang die KPCh im Shanghaier Massaker gewaltsam ausschalten und errichtete in Nanjing eine konkurrierende rechtsgerichtete Gegenregierung. Die Spaltung zwischen den Lagern Wangs und Chiangs ging als „Nanjing-Wuhan-Spaltung“ in die Geschichte ein. Nachdem beide Seiten die Kommunisten aus ihren Reihen verdrängt hatten, kam es zur Aussöhnung – doch noch vor dem formellen Abschluss der Wiedervereinigung wurden beide Führungsfiguren an den Rand gedrängt, und Wang verließ Ende 1927 erneut China in Richtung Frankreich.

Im Winter 1928 gründete Wang in Shanghai zusammen mit Chen Gongbo, Wang Leping und Gu Mengyu eine Fraktion zur Reorganisation der Partei. Chiang, der mittlerweile die Chinesische Wiedervereinigung verwirklicht hatte, wurde von dieser Gruppe als Verräter an Suns Theorien angesehen. Als Anführer dieser sogenannten Reorganisierer konnte Wang mehrere Sympathisanten gewinnen. 1929 wurde die Gruppierung auf dem Parteitag der Kuomintang scharf verurteilt und Chen, Wang Leping und Gu aus der Partei ausgeschlossen. Wang erhielt eine Strafe.

Dies bestärkte die Gruppe in ihren Bemühungen, Chiang zu stürzen. Wang verbündete sich mit Feng Yuxiang und Yan Xishan, zwei chinesischen Kriegsherren, die einen Bürgerkrieg gegen Chiang führten. Im Juli rief Wang eine neue Hauptstadt der Kuomintang in Peking aus. In Zentralchina trafen die Streitkräfte Chiangs aus Nanjing und Wangs Armeen aufeinander. Eine Entscheidungsschlacht blieb aus, da sich im September 1930 Zhang Xueliang, der in der Mandschurei Truppen kommandierte, auf Chiangs Seite schlug. Die Truppen Wangs befanden sich nun in einem Zweifrontenkrieg und konnten aufgerollt werden.

1930 reiste Wang auch nach Deutschland, wo er den Kontakt zu Adolf Hitler suchte. Nach seiner Rückkehr nach China floh er in den Süden, wo er sich in Guangzhou einer Bewegung zur Unterstützung Hu Hanmins gegen Chiang anschloss. Diese Bewegung war zwar schwach, ermöglichte Wang aber einen Friedensschluss, und er konnte einen Posten in Nanjing unter Chiang als Anführer der Kuomintang antreten.

Krieg mit Japan In den 1930er Jahren dehnte Japan seine Expansion auf China aus, und 1931 kam es zur Mandschurei-Krise. Japan besetzte die Mandschurei und errichtete eine Marionettenregierung. Wang söhnte sich im gleichen Jahr mit Chiang aus und wurde von 1932 bis 1935 Regierungschef. Wang stellte sich auf die Seite der Kriegsbefürworter, jedoch lehnte Chiang einen offenen Krieg gegen Japan ab, da er seine Kräfte für die inneren Streitigkeiten sparen wollte. Die schweren militärischen Niederlagen in der Schlacht um Shanghai 1932 und der Verteidigung der Chinesischen Mauer 1933 sorgten für ein Umdenken Wangs, der nun einen Krieg gegen Japan für unmöglich hielt. Wang versuchte nun eine politische Lösung des Konfliktes anzustreben, was ihm aber gegen Teile der Kuomintang und die japanischen Interessen nicht gelang.

Im Zwischenfall von Xi’an 1936 meuterte die Armee der Kuomintang gegen Chiang Kai-shek und entführte ihn, bis er bereit war, ein Bündnis mit den Kommunisten gegen Japan einzugehen. Ein Jahr später kam es zum Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke und daraufhin zum Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg. Die chinesischen Truppen wurden von der japanischen Armee schnell zurückgeworfen, obwohl sie in der Zweiten Schlacht um Shanghai unerwartet starken Widerstand leisteten. Wang floh mit der Regierung aus Nanjing, als die Stadt von den Japanern in der Schlacht um Nanjing erobert wurde. Chongqing wurde zur Ausweichhauptstadt und daraufhin von den Japanern schwer bombardiert.

Die Japaner errichteten unterdessen in Nanjing eine neue chinesische Regierung, die von einigen Kriegsherrn unter Liang Hongzhi angeführt wurde und der sich einzelne Verbände der Kuomintang anschlossen, die beim Rückzug abgeschnitten wurden. Die Regierung besaß aber faktisch keinen Einfluss.

Anführer der Neuorganisierten Regierung der Republik China miniatur|Wang Jingwei und der deutsche Botschafter Heinrich Georg Stahmer (1942)Im November 1938 unterzeichneten Gao Zongwu und Mei Siping als Wangs Bevollmächtigte ein geheimes Abkommen mit der japanischen Seite in Shanghai, das die japanische Unterstützung für eine von Wang zu gründende „neue Zentralregierung“ vorsah. Das Abkommen bildete die Grundlage für die spätere Grundsatzvereinbarung über die Neugestaltung der japanisch-chinesischen Beziehungen und legte den Zeitplan für Wangs Ausreise sowie für die öffentliche Erklärung des japanischen Ministerpräsidenten Konoe Fumimaro fest, die aufeinander abgestimmt werden sollten. Wang plante ursprünglich, in den nicht von Japan besetzten Gebieten Südwestchinas einschließlich Yunnans, eine Gegenregierung zu Chongqing zu errichten und von dort aus die Friedensverhandlungen mit Japan zu führen. Am 19. Dezember verließ er Chongqing über Kunming in Richtung Hanoi.

Am 22. Dezember veröffentlichte Konoe seine dritte Erklärung gegenüber China; auf Druck des Militärs enthielt sie jedoch nicht die mit Wang vereinbarte Forderung nach einem Truppenabzug binnen zwei Jahren. Obwohl Wang über diesen Vertragsbruch tief enttäuscht war, hielt er sich an die Vereinbarung und veröffentlichte am 29. Dezember eine Erklärung, in der er sich für einen Frieden mit Japan aussprach.

Am 4. Januar 1939 trat das Kabinett Konoe unter dem Druck des Militärs überraschend zurück. Die chinesischen Militärmachthaber, die ihre Unterstützung für die „Friedensbewegung“ zugesagt hatten, zogen sich zurück, und Wang geriet in eine aussichtslose Lage bedrängt von innen wie von außen. Chiang Kai-shek drängte ihn einerseits zur Ausreise nach Europa, ließ andererseits jedoch heimlich ein Attentat auf ihn planen.

In den frühen Morgenstunden des 21. März drangen Chiangs Agenten in Wangs Residenz in Hanoi ein und töteten irrtümlich seinen Sekretär Zeng Zhongming; dessen Ehefrau Fang Junbi wurde schwer verletzt. Der Tod des ihm eng verbundenen Zeng, der an seiner Stelle gestorben war, gilt Wangs Weggefährten wie Zhou Fohai, Ho Mang Hang und Gao Zongwu zufolge als entscheidender Grund für seinen endgültigen Bruch mit Chiang und seine Entscheidung, eine eigene Regierung zu gründen.

Am 27. März veröffentlichte Wang einen Artikel, in dem er nicht nur Zeng betrauerte, sondern auch das Sitzungsprotokoll der 54. Sitzung des Ständigen Ausschusses des Obersten Nationalen Verteidigungsrates vom 6. Dezember 1937 publik machte. Dieses belegte, dass die höchsten Entscheidungsträger einschließlich Chiang Kai-sheks, bereits deutsche Vermittlungsbemühungen für Friedensverhandlungen mit Japan gebilligt hatten. Wang argumentierte damit, dass die Friedenspolitik keine persönliche Eigenmächtigkeit gewesen sei, sondern „eine von der höchsten Instanz nach gemeinsamer Beratung beschlossene Position“. Nach dem Attentat entsandte Japan Schutzleute nach Hanoi und erklärte sich bereit, Wang an einen sicheren Ort zu geleiten.

Am 8. Mai traf Wang unter japanischem Geleit in Shanghai ein und nahm Verhandlungen über die Errichtung einer neuen Regierung auf. Im Januar 1940 trennten sich Tao Xisheng und Gao Zongwu von Wangs Organisation und veröffentlichten in Hongkong den Inhalt der Verhandlungen zwischen Wang und Japan.Haldore E. Hanson: Humane Endeavour: The Story of the China War. Farrar & Rinehart, 1939, S. 188 (englisch).

Am 30. März 1940 gründete er unter japanischer Kontrolle die Neuorganisierte Regierung der Republik China in Nanjing. Die Japaner hatten zuvor Liangs Regierung aufgelöst.