Thomas Schestag (* 7. Mai 1956 in Freiburg im Breisgau; † 26. August 2026 in Portland, Oregon)Thomas Schestag. In: Literatur Lana. Abgerufen am 4. Januar 2026. war ein deutscher Germanist, Komparatist, Hochschullehrer und Übersetzer. Er war von 2014 bis zu seinem Tod Professor für German Studies an der Brown University.
Leben Thomas Schestag studierte von 1978 bis 1984 Philosophie, Germanistik und Komparatistik an der Freien Universität Berlin, wo er den Grad eines Magister Artium erwarb.Curriculum Vitae von Thomas Schestag (PDF; 361 kB), Brown University, Januar 2023, abgerufen am 7. Januar 2026. Ein Auslandsaufenthalt führte ihn im akademischen Jahr 1980/81 an die École normale supérieure in Paris, wo er auch ein Seminar bei Jacques Derrida besuchte. Im Rahmen eines postgradualen Studiums hielt er sich 1984/85 an der Universität Straßburg auf, wo er unter anderem bei Philippe Lacoue-Labarthe Kurse belegte, dessen Schriften er später ins Deutsche übersetzte. 1988 promovierte er mit einer von Hans-Jost Frey betreuten Arbeit an der Universität Zürich. Von 1990 bis 1995 unterrichtete er als DAAD-Lektor an der Lajos-Kossuth-Universität in Debrecen, danach hatte er verschiedene Gastdozenturen u. a. an amerikanischen Universitäten (University of Virginia, University of Michigan in Ann Arbor, New York University). Von 1998 bis 2004 war er wissenschaftlicher Assistent an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er sich 2003 auch habilitierte. Von 2004 bis 2013 war er ebendort als Privatdozent tätig, zugleich nahm er in diesen Jahren zahlreiche Gastprofessuren wahr (u. a. an der Northwestern University, der Johns Hopkins University, in Bonn, München und am Lewis & Clark College in Portland). 2014 wurde er als Associate Professor an die Brown University berufen, 2016 ebendort zum Professor of German Studies befördert.
Forschung Schestag setzte sich insbesondere mit Texten von Lukrez, Johann Peter Hebel, Friedrich Hölderlin, Walter Benjamin, Franz Kafka, Paul Celan, Francis Ponge, Marcel Proust, Jean-Henri Fabre, Maurice Blanchot und Hannah Arendt auseinander. Als Forschungsgebiete werden die Übersetzungs- und Namenstheorie, das Grenzgebiet zwischen Poesie, Philosophie und Politik sowie die Theorie und Praxis der Philologie genannt.Thomas Schestag: Lektürekurs. Lesen lernen im Zeichen der Desokkupation, Website des Diaphanes Verlags, abgerufen am 7. Januar 2026.
Schestags Denken ist an der Philosophie Martin Heideggers und der Dekonstruktion geschult.Michael Niehaus: Plädoyer für die Paratexte. In: iaslonline. 9. November 2004, abgerufen am 7. Januar 2026. Der Verlagstext zu seiner Dissertation fasst sein Forschungsprojekt folgendermaßen zusammen: „Sein ganzes Unternehmen, zunächst ein Exerzitium im genauen und immer genaueren Lesen, verfolgt in jeder seiner Etappen die Frage, wie sich nicht nur ein Text überhaupt, sondern wie sich dieser, das heißt ein je bestimmter Text in seiner Singularität und auf seine spezifische Signatur hin lesen lasse.“Thomas Schestag: para-. In: Boer Verlag. Abgerufen am 7. Januar 2026. Es sei dies ein „Unternehmen [...], das nicht durch letzte Regeln gesichert werden kann: das Unternehmen des Verstehens, des Lesens, der Aufmerksamkeit auf die Sprache.“ Schestags Texte befragen so immer auch den Vorgang des Lesens und des Verstehens selbst.
Eine Eigenart von Schestags Lektüren ist es, die Wörter in ihre Einzelteile (Silben, Buchstaben) zu zerlegen und ihre etymologische Herkunft einzubeziehen. Sie „präzisieren die literarische zur literalen Hermeneutik, die literale aber zur regellos genauen Teilbarkeit der Letter.“Klappentext zu: Thomas Schestag: para-. Titus Lucretius Carus, Johann Peter Hebel, Francis Ponge. Zur literarischen Hermeneutik. Klaus Boer Verlag, München 1991, ISBN 978-3-924963-44-6. Die Lektüren zeigen dadurch auch, dass es beim Lesen eines literarischen Textes nicht darum geht, „seine Bedeutung freizusetzen, um ihrer habhaft zu werden und sie festzuhalten“ oder „den Widerstand des sperrigen Textes zu brechen, den Widerspenstigen auf den Begriff zu bringen“.Thomas Schestag: Lektürekurs. Lesen lernen im Zeichen der Desokkupation, Website des Diaphanes Verlags, abgerufen am 7. Januar 2026. Vielmehr gilt: „[W]as wir verstehen können, ergibt und ergeht sich im Prozess der Lektüre, nicht in Merksätzen.“Vincent Sauer: Odyssee der Lektüre. Thomas Schestag geht Namen nach. In: Signaturen. Forum für autonome Poesie. (Rezension) Abgerufen am 7. Januar 2026.
Schestag verstand sich als Philologe, nicht als Literaturwissenschaftler.Alexandru Bulucz: „Penelopes Weben“. In: Textor. 13. Dezember 2025, abgerufen am 7. Januar 2026.
Veröffentlichungen (Auswahl) Monografien para-. Titus Lucretius Carus, Johann Peter Hebel, Francis Ponge. Zur literarischen Hermeneutik. Klaus Boer Verlag, München 1991, ISBN 978-3-924963-44-6. Parerga. Friedrich Hölderlin; Carl Schmitt, Franz Kafka; Platon, Friedrich Schleiermacher, Walter Benjamin; Jacques Derrida. Zur literarischen Hermeneutik. Klaus Boer Verlag, München 1991, ISBN 978-3-924963-49-1. Asphalt. Walter Benjamin. Klaus Boer Verlag, München 1992, ISBN 978-3-924963-28-6. buk. Paul Celan. Klaus Boer Verlag, München 1994, ISBN 978-3-924963-67-5. Mantisrelikte. Urs Engeler Editor, Basel 1999, ISBN 978-3-905591-06-4. (über Jean-Henri Fabre, Maurice Blanchot und Paul Celan) Die unbewältigte Sprache. Hannah Arendts Theorie der Dichtung. Urs Engeler Editor, Basel 2006, ISBN 978-3-907369-26-5. Realabsenz, Schatten. Flauberts Erziehung: zur Éducation sentimentale. Mit einem Anhang: sensus tacitus. August Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-94136-016-7. Lesen – Sprechen – Schreiben (Kritzeln). Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2014, ISBN 978-3-88221-114-6. Namenlose. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2019, ISBN 978-3-95757-762-7. erlaubt, entlaubt. Engeler Verlag, Schupfart 2021, ISBN 978-3-906050-69-0. philía. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2024, ISBN 978-3-7518-3006-5.
Herausgeberschaft „geteilte Aufmerksamkeit“. Zur Frage des Lesens (= Debrecener Studien zur Literatur. 3). Peter Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 978-3-631-32182-9. philo:xenia. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009, ISBN 978-3-938767-74-0.
Edition Francis Ponge: Änderung der Ansicht über Blumen / L’opinion changée quant aux fleurs. Faksimile-Edition. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt, mit einem Kommentar und einem Essay versehen von Thomas Schestag. Urs Engeler Editor, Basel 2005, ISBN 978-3-905591-92-7. Francis Ponge: Die Sonne / Le Soleil. Faksimile-Edition. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und mit einem Kommentar versehen von Thomas Schestag. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2020, ISBN 978-3-95757-775-7.
Übersetzungen Philippe Lacoue-Labarthe: Die Nachahmung der Modernen. Typographien II. Urs Engeler Editor, Basel 2003, ISBN 978-3-905591-54-5. Philippe Lacoue-Labarthe: Die Fiktion des Politischen / Dichtung als Erfahrung / musica ficta (Figuren Wagners). Urs Engeler Editor, Basel 2009, ISBN 978-3-938767-66-5. Peter Fenves: Der späte Kant. Für ein anderes Gesetz der Erde. Wallstein, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0599-1. Hugh Raffles: Insektopädie. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013, ISBN 978-3-88221-080-4. Rosmarie Waldrop: Hölderlin Hybrids / Hölderlin-Hybride. Zweisprachige Ausgabe. roughbooks, Solothurn 2015, 2., erweiterte Auflage 2019, ISBN 978-3-906050-47-8. Jean-Henri Fabre: Pilze (= Naturkunden. 16). Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2015, ISBN 978-3-95757-031-4. Hugh Raffles: Das Buch der Unverfügbarkeiten. Gedanken über verlorene Zeit. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2026, ISBN 978-3-7518-4012-5.
Weblinks
Thomas Schestag auf der Website der Brown University
Einzelnachweise
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