mini|Schüler der Carlisle Indian Industrial School, einem Indianer-Internat in Carlisle, Pennsylvania (ca. 1900) mini|Carlisle Indian School mini|Tom Torlino aus der Diné Gemeinschaft, vor und drei Jahre nach seinem Eintritt in die Indianerschule mini|Genoa Indian School American Indian Boarding Schools waren Internatsschulen in den Vereinigten Staaten, die ab dem späten 19. Jahrhundert eingerichtet wurden, um indigene Kinder – insbesondere Angehörige nordamerikanischer Indianernationen – nach den Vorstellungen der US-Regierung zu erziehen und zu assimilieren. Die Schulen waren ein zentraler Bestandteil der bundesstaatlichen Assimilationspolitik und hatten langanhaltende negative soziale, kulturelle und psychologische Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften.

Hintergrund Nach den Indianerkriegen und der fortschreitenden Landnahme durch europäischstämmige Siedler verfolgte die US-Regierung eine Politik, die darauf abzielte, indigene Völker in die amerikanische Mehrheitsgesellschaft einzugliedern. Die Verantwortlichen gingen davon aus, dass kulturelle Assimilation durch schulische Umerziehung erreicht werden könne. Der früh einflussreiche Reformer Richard Henry Pratt formulierte das Leitmotiv vieler Einrichtungen: “Kill the Indian in him, and save the man.” Dieses Motto spiegelte die Intention wider, indigene Identität systematisch zu unterdrücken.

Entwicklung und Organisation Die erste staatlich geförderte Bildungseinrichtung dieser Art war die Carlisle Indian Industrial School, die 1879 in Pennsylvania gegründet wurde. Ihr Modell wurde anschließend in zahlreichen weiteren Schulen übernommen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts entstand ein weit verzweigtes Netz von mehr als 350 staatlich oder religiös geführten Boarding Schools.

Die Schulen wurden häufig von christlichen Kirchen – darunter katholische, protestantische und missionarische Organisationen – in Kooperation mit Regierungsbehörden wie dem Bureau of Indian Affairs (BIA) betrieben.

Alltag und Erziehung Der Alltag in den Internaten war stark reglementiert und militärisch geprägt. Typische Merkmale umfassten:

Zwang zur Aufgabe indigener Sprachen und Traditionen Trennung von Familien über lange Zeiträume hinweg Uniformierte Kleidung und disziplinarische Erziehung Berufsvorbereitende Arbeiten, meist in Landwirtschaft, Handwerk oder Haushalt Religiöse Unterweisung nach christlichen Normen

Viele Kinder wurden gegen den Willen ihrer Familien rekrutiert, teils unter Anwendung direkter Zwangsmaßnahmen.

Kritik und Missstände Zahlreiche Berichte ehemaliger Schüler sowie historische Untersuchungen dokumentieren schwere Missstände, darunter:

körperliche und emotionale Misshandlung kulturelle Unterdrückung und Identitätsverlust Vernachlässigung, mangelhafte Ernährung und hohe Krankheitsraten in vielen Fällen sexueller Missbrauch

Die Sterblichkeitsrate in manchen Einrichtungen war hoch. Gräber unbekannter oder unzureichend dokumentierter Kinder wurden in den 2020er-Jahren vermehrt entdeckt und rückten das Thema erneut in das öffentliche Bewusstsein.

Folgen und Auswirkungen Die Auswirkungen der Boarding Schools prägen indigene Gemeinschaften bis heute. Zu den langfristigen Folgen zählen:

Verlust von Sprache und kulturellem Wissen Traumatisierung über Generationen hinweg Störungen familiärer Strukturen Herausforderungen bei der Wiederbelebung kultureller Traditionen

Viele indigene Nationen, Historiker und Aktivisten bezeichnen das System als Instrument kultureller oder sogar physischer Auslöschung.

Bewertung und Aufarbeitung Seit den 1970er-Jahren wurden zahlreiche Boarding Schools geschlossen oder reformiert. Mit dem Indian Self-Determination and Education Assistance Act (1975) erhielten indigene Gemeinschaften mehr Kontrolle über ihre Bildungseinrichtungen. In jüngerer Zeit wurden staatliche Untersuchungen eingeleitet, und mehrere Kirchengesellschaften haben Entschuldigungen ausgesprochen.

2021 startete das US-Innenministerium die Federal Indian Boarding School Initiative, um die Geschichte der Schulen systematisch zu dokumentieren. Parallel dazu arbeiten viele indigene Gemeinden an Programmen zur Heilung, Erinnerungsarbeit und kulturellen Wiederbelebung. Wichtige Persönlichkeiten dazu sind:

Deb Haaland: ehemalige Innenministerin der Vereinigten Staaten, hat eine Studie in Auftrag gegeben, die die Auswirkungen der Internatspolitik auf die indigene Bevölkerung der USA untersuchen sollte

Angelique EagleWoman: Rechtsprofessorin und Wissenschaftlerin für indigenes Recht Ruth Buffalo: Vorstandsmitglied der National Native Boarding School Healing Coalition Maria Yellow Horse Brave Heart: Sozialarbeiterin, Hochschullehrerin und Expertin für psychische Gesundheit, entwickelte das Konzept des Historischen Traumas Cecilia Fire Thunder: Direktorin von Truth and Healing Kori Cordero: Arbeitet im Bereich Stammesjustiz (Tribal Justice), indigener Selbstverwaltung sowie Telekommunikations- und Breitbandpolitik für indigene Gemeinschaften Lydia L. Jennings: Umweltwissenschafterin, engagiert sich auch für indigenes Wissen, Bildungsgerechtigkeit und Landrechte

Literatur Adams, David Wallace: Education for Extinction: American Indians and the Boarding School Experience, 1875–1928. University Press of Kansas. Child, Brenda J.: Boarding School Seasons: American Indian Families, 1900–1940. University of Nebraska Press. Lomawaima, K. Tsianina; McCarty, Teresa L.: "To Remain an Indian": Lessons in Democracy from a Century of Native American Education. Teachers College Press.

Weblinks Ronald C. Naugle: Indian Boarding Schools. Eintrag bei Encyclopedia of the Great Plains.

Siehe auch

Residential School: ähnliches System in Kanada Indianerpolitik der Vereinigten Staaten: Politischer Zusammenhang des Systems

Einzelnachweise

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