Die Lincoln Continental der ModelljahreDie zeitliche Zuordnung von Automobilen erfolgt in den USA in erster Linie anhand von Modelljahren. Modelljahre weichen in der Regel von Kalenderjahren ab. Bei den meisten Herstellern beginnt bereits im Spätsommer eines Jahres nach den Werksferien, in denen Fertigungsstraßen umgebaut werden, ein neues Modelljahr. 1970 bis 1979 sind zwei- und viertürige Oberklassefahrzeuge des US-amerikanischen Ford-Konzerns, die unter der Marke Lincoln verkauft wurden. Diese Baureihe wird allgemein (allerdings nicht einheitlich) als die fünfte Generation von Lincolns Continental-Familie angesehen. In ihrer zehnjährigen Produktionszeit machten die Fahrzeuge eine Reihe von technischen und stilistischen Änderungen mit, die vielfach von kontinuierlich strenger werdenden Emissions-, Verbrauchs- und Sicherheitsbestimmungen vorgegeben wurden. Sie waren die größten jemals gebauten Continentals und zeitweise die längsten Serien-Pkw der Welt. Lincoln bewarb die Autos in einem Umfeld kleiner werdender Konkurrenten zuletzt als Traditional Size Cars (Autos mit traditionellen Abmessungen). Richard M. Langworth: Encyclopedia of American Cars 1930–1980, New York (Beekman House) 1984, ISBN 0-517-42462-2, S. 433. Die stark dekorierten, untermotorisierten Autos gelten als typische Vertreter der Malaise Era.
Entstehungsgeschichte Fords Spitzenmarke Lincoln hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich Autos aus dem Full-Size-Segment im Programm. Die Modellbezeichnung lautete seit 1958 Continental. Daneben gab es seit 1969 mit verwirrenden Begriffen die Continental Mark Series, die aus technisch verwandten, aber stilistisch eigenständigen und hochpreisigen Coupés besteht.
Die 1961 eingeführte vierte Lincoln-Continental-Serie, deren Ursprünge auf ein preisgekröntes Design von Elwood Engel zurückgehen, wurde bis 1969 gebaut; dabei erfuhr das Auto im Laufe der Jahre zahlreiche stilistische Veränderungen. 1970 erschien die fünfte Lincoln-Continental-Generation, die wiederum zehn Jahre lang produziert wurde.
In die Produktionszeit der fünften Generation fallen tiefgreifende regulatorische Maßnahmen der US-amerikanischen Behörden, die sowohl Reaktionen auf steigende Rohstoffpreise infolge der Ersten Ölkrise 1973 waren als auch veränderte Vorstellungen zum Umweltschutz und zur Fahrzeugsicherheit aufnahmen. Konkret waren das unter anderem gesetzliche Bestimmungen zur Begrenzung des Flottenverbrauchs, die 1975 unter der Bezeichnung Corporate Average Fuel Economy (CAFE) in Kraft taten und die US-amerikanischen Hersteller dazu zwangen, Maßnahmen zur Senkung des Treibstoffverbrauchs ihrer Fahrzeuge zu ergreifen.Die Vorgaben verlangten einen Flottendurchschnittsverbrauch von 18 miles per gallon (mpg) (13,0 Liter/100 km) im Jahr 1978, 19 mpg (12,4 Liter/100 km) im Jahr 1979 und 20 mpg (11,8 Liter/100 km) im Jahr 1980. Vgl. Albert R. Bochroch: American Cars of the Seventies. Warne’s Transport Library, London 1982, ISBN 0-7232-2870-1, S. 33. Hinzu kam die im Januar 1973 aus Umweltschutzgründen angeordnete zwingende Verwendung von Abgaskatalysatoren für alle ab 1975 neu zugelassenen Autos, die die Anpassung der Motoren an bleifreies Benzin erforderte.EPA Presseerklärung (abgerufen am 24. Juni 2025) In der Konsequenz waren die Hersteller damit gezwungen, in jedem Marktsegment kleinere, leichtere und damit verbrauchsgünstigere Fahrzeuge zu entwickeln. Während Lincolns Konkurrent Cadillac das Downsizing bereits zum Modelljahr 1977 mit einer deutlich kürzeren und leichteren fünften Generation des DeVille umgesetzt hatte, verzögerte sich der Prozess bei Ford. Der ehemalige Ford-Manager Lee Iacocca begründete das mit einem als Realitätsverweigerung beschriebenen „verspäteten Startschuss“ und vermutete als Hintergrund eine grundsätzliche Aversion des Konzernleiters Henry Ford II gegen kleinere Autos.Lee Iacocca, William Novak: Eine amerikanische Karriere. Ullstein, 1985, ISBN 3-548-34388-0, S. 183.
Der Ford-Konzern entwickelte für die Full-Size-Fahrzeuge die neue Panther-Plattform, die erst zum Modelljahr 1979 erschien und zunächst nur die Grundlage für die neue Generation der vergleichsweise günstigen Ford LTD und Mercury Marquis bildete. Die Übertragung auf die Lincoln-Reihe verzögerte sich um ein Jahr, sodass der große, bereits 1970 eingeführte Lincoln Continental bis 1979 im Programm blieb. Einige Autoren nannten das Auto in dieser Zeit den „Letzten der Dinosaurier“.Auto Katalog Nr. 23 (1979/80), S. 144. Nicht zuletzt wegen seiner Größe, die am Ende der Produktionszeit ein Alleinstellungsmerkmal war, war der alte Continental in den späten 1970er-Jahren auf dem nordamerikanischen Markt noch einmal sehr erfolgreich: „Jeder, der 1979 ein wirklich großes Auto kaufen wollte, hatte keine andere Wahl als den Lincoln Continental.“
Zählweise Die von 1970 bis 1979 gebaute Lincoln-Continental-Reihe wird meist als fünfte,Übersicht über den Lincoln Continental „Fifth Generation“ auf conceptcarz.com (abgerufen am 26. Juni 2025). teilweise aber auch als dritteZusammenfassung der von 1970 bis 1979 gebauten Continentals auf automobile-catalog.com (abgerufen am 26. Juni 2025). Continental-Generation angesehen. Die Zählweise ist abhängig davon, ob man die von 1940 bis 1948 gebauten Continentals und den Continental Mark II (1956–1957) als Teil dieser Modellfamilie sieht oder ob man die Continental-Reihe erst mit dem Continental Mark III von 1958 beginnen lässt.
Modellbeschreibung Allgemeines Der Lincoln Continental der Modelljahre 1970 bis 1979 ist ein Full-Size-Oberklassefahrzeug mit zwei- und viertüriger Karosserie. Technisch ist es mit dem Ford LTD und dessen Schwestermodell Mercury Marquis, die jeweils 1969 eingeführt worden waren, eng verwandt.
Chassis und Fahrwerk Anders als die Continentals der vorangegangenen Generationen mit selbsttragenden Karosserien hat der Continental der fünften Generation einen separaten Rahmen mit aufgesetzter Karosserie. Technisch stimmen Rahmen und Fahrwerk des Lincoln mit denen der zeitgenössischen Full-Size-Mercurys überein, allerdings ist der Radstand des Lincoln 153 mm länger. Die Vorderräder sind einzeln aufgehängt, hinten ist es eine Starrachse. An allen vier Rädern sind Schraubenfedern eingebaut. Diese Auslegung entspricht der der großen Mercurys. Von 1970 bis 1974 wurden die Continentals serienmäßig mit Scheibenbremsen an allen vier Rädern ausgestattet, danach waren hinten ab Werk Trommelbremsen vorgesehen, die auf Wunsch und gegen Aufpreis durch Scheibenbremsen ersetzt werden konnten.
Karosserie und Interieur mini|Konventionelle Türen statt Portaltüren und Knife Blade Fenders: Lincoln Continental Sedan ab 1970 mini|Kühlermaske im Rolls-Royce-Stil (ab 1977) mini|Interieur eines Lincoln Continental Town Coupé (1978) Der Lincoln Continental der fünften Serie war als zweitüriges Coupé und als viertürige Limousine erhältlich; beide Versionen haben ein Stufenheck. Der Viertürer wurde als Pillared Hardtop bezeichnet: Er hat eine B-Säule, aber rahmenlose Seitenfenster. Der Zweitürer war bis 1974 als Hardtop Coupé ohne B-Säule gestaltet; mit dem Facelift des Modelljahrs 1975 wurde der Zweitürer zu einem Pillared Hardtop Coupé. Diese Änderung war auf verschärfte Regelungen zur seitlichen Aufprallsicherheit zurückzuführen. Das viertürige Cabriolet, dessen Produktion Lincoln bereits mit Ablauf des Modelljahrs 1967 eingestellt hatte, wurde nicht wiederbelebt. Anders als die Schwestermarken hatte Lincoln auch kein zweitüriges Cabriolet im Programm.
Die Karosserie des Continental wurde für das Modelljahr 1970 neu gestaltet und im Laufe der Produktionszeit nahezu jährlich in Details verändert.
Die Form des Continental wird als „resolut und quaderförmig“ beschrieben. Richard M. Langworth: Encyclopedia of American Cars 1930–1980, New York (Beekman House) 1984, ISBN 0-517-42462-2, S. 416. Ein wesentlicher Unterschied zu den Vorgängern ist das Türkonzept der Viertürer: Anstelle der Portaltüren, die seit 1961 ein Erkennungsmerkmal der Continental-Reihe waren, sind ab 1970 auch die hinteren Türen vorn angeschlagen. Ein besonderes Designmerkmal sind die hohen senkrechten Enden der Kotflügel, die den Eindruck einer scharfen Messerklinge erwecken sollen. Im US-amerikanischen Sprachgebrauch ist deshalb teilweise von Knife Blade Fenders (Messerklingenkotflügeln) die Rede. Dieses Merkmal behielt der Continental bis 1979 bei; allerdings haben die ab 1974 produzierten Modelle Blinkleuchten in den vorderen Kotflügelenden. Die Enden der Kotflügel liegen auf einer Linie mit der Verkleidung des Kühllufteinlasses; die Scheinwerfer sind dahinter zurückgesetzt. Durch die Einführung verdeckter Scheinwerfer sollte eine optische Nähe zum exklusiven Zweitürer Continental Mark III hergestellt werden, der seit 1968 das Spitzenmodell der Marke war.
Die Form der Kühlerverkleidung änderte sich mehrfach. In den ersten Modelljahren trägt die vorspringende Maske im oberen Bereich eine Metallverkleidung und im unteren mehrere waagerechte Zierstreben. Diese Gestaltung sollte an die Coffin Nose (Sargnase) des 1936 und 1937 gebauten Cord 810 erinnern. 1975 brachte Lincoln eine Maske mit senkrechten Streben heraus, und 1977 erschien eine große Kühlermaske aus Edelstahl, die den traditionellen Rolls-Royce-Kühler kopierte und eine Verbindung zu den teuren Zweitürern der Continental-Mark-Serie herstellen sollte.
Zum Modelljahr 1975 gab es ein größeres Facelift, das vor allem die Dach- und die Heckpartie betraf. Die Lincoln Continental der zweiten Serie sind etwa 15 cm länger als die Modelle der ersten Serie.
Abgesehen davon gab es im Laufe der Jahre einige Designänderungen, die auf gesetzliche Bestimmungen zurückzuführen waren. Mit Blick auf einen Frontalaufprall waren ab 1973 für alle neu hergestellten Autos vorne Sicherheitsstoßfänger vorgeschrieben, die bei einem Aufprall mit einer Geschwindigkeit von bis zu fünf Meilen pro Stunde (etwa 8 km/h) Karosserieschäden verhindern sollten. Im Jahr darauf wurde diese Vorschrift auch auf die hinteren Stoßstangen ausgeweitet.J. Kelly Flory: American Cars, 1973-1980. Every Model, Year by Year, McFarland, 2012, ISBN 978-0-7864-4352-9, S. 21.
Motorisierung und Kraftübertragung Die Lincoln Continental der fünften Generation waren ausschließlich mit großvolumigen Achtzylinder-V-Ottomotoren erhältlich. Wie die unmittelbaren Konkurrenten erreichte auch Lincoln die jährlich strenger werdenden Grenzwerte für Verbrauch und Schadstoffausstoß vor allem durch eine Senkung der Motorleistung. Verbreitete Maßnahmen waren die Herabsetzung des Verdichtungsverhältnisses und der Verzicht auf bis dahin verbreitete Doppel- oder Vierfachvergaser.Marc Cranswick: The Legend of American Motors, Veloce Publishing, 2024, ISBN 978-1-78711-765-5.
Von 1970 bis 1976 war ein 7538 cm³ (460 cui) großer Big-Block-Motor aus der Lima-Reihe die einzige Motorisierung. Sie wurde in jedem Modelljahr nur in einer einzigen Leistungsstufe angeboten. Die Nettoleistung fiel von 224 SAE-PS im Jahr 1972 auf 202 SAE-PS (1976).
Ab dem Modelljahr 1977 war ein 6555 cm³ (400 cui) großer Achtzylinder-V-Motor aus der Cleveland-Familie die Serienmotorisierung. Seine Leistung lag zunächst bei 179 SAE-PS (1977) und sank im Modelljahr 1979 auf 159 SAE-PS. In den Jahren 1977 und 1978 war der große 7,5-Liter-Motor noch wahlweise erhältlich, während 1979 nur noch der 6,6-Liter-Motor im Programm stand.
Die Kraftübertragung übernahm in allen Jahren ein automatisches Dreiganggetriebe von Ford.