mini|Olga Tufnell, wohl in den 1930er Jahren
Olga Tufnell FSA (* 26. Januar 1905; † 11. April 1985 in London) war eine britische Archäologin, die in der Vorderasiatischen Archäologie und der Ägyptologie wirkte.
Als Schülerin von Flinders Petrie kam Tufnell in den 1920er Jahren zur Vorderasiatischen Archäologie und war bald ein fester Bestandteil von Petries Ausgrabungsteam. Anfang der 1930er Jahre schloss sie sich dem neuen Team um Petrie-Schüler James Leslie Starkey an, der eine große Ausgrabung am Fundplatz Tell ed-Duwer südlich von Jerusalem im damaligen Völkerbundsmandat für Palästina initiierte. In den folgenden Jahren konnte das Team um Starkey, Tufnell und Gerald Lankester Harding beweisen, dass dort die antike Stadt Lachisch zu verorten ist.
Mit Starkeys Ermordung 1938 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endeten die Grabungen. Tufnell widmete sich über die nächsten Jahrzehnte der Publikation der Ausgrabungsfunde, wobei sie für drei von vier Bänden der veröffentlichten Ergebnisse verantwortlich zeichnete. Spätere Forschungen widmete sie Skarabäen, die sie zu typisieren versuchte. Auf dieser Basis schlug sie gemeinsam mit William A. Ward eine chronologische Abfolge verschiedener Skarabäen-Typen vor, um die Datierung von mit individuellen Skarabäen assoziierten Fundstücken zu erleichtern. Kurz vor ihrem Tod wurde sie 1985 mit einer Festschrift geehrt; 2021 veröffentlichten John D. M. Green und Ros Henry eine Edition ihrer Briefe und Fotografien aus der Zeit ihrer Feldforschungen.
Leben
Herkunft und Schulbildung Die 1905 geborene Tufnell entstammte väterlicherseits einer wohlhabenden Familie aus Essex, die ihren Reichtum durch landwirtschaftlichen Grundbesitz und ein von Barclays übernommenes Bankhaus gemacht hatte. Mehrere Mitglieder der Familie dienten als High Sheriff of Essex. Auch die Familie ihrer Mutter gehörte der Oberschicht Englands an und hatte enge geschäftliche Verbindungen nach Amerika. Der deutsch-britische Ingenieur und Unternehmer Adolf Friedrich Lindemann war mütterlicherseits ihr Stiefgroßvater. Gemeinsam mit ihren zwei Brüdern wuchs Tufnell in einem Landhaus auf dem Anwesen ihrer väterlichen Familie in Great Waltham auf. 1912 brach ihre Mutter mit ihr und ihrem jüngeren Bruder nach Belgien auf, wo sie für zwei Jahre auf ein Internat nahe Brügge geschickt wurde.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 1–5.
Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte die Familie nach England zurück, wo Tufnell zunächst Privatunterricht im Londoner Stadtteil Kensington erhielt und dann auf das Anwesen von Daisy Greville, Countess of Warwick in Essex geschickt wurde, wo sie zusammen mit Grevilles jüngster Tochter von einer Gouvernante erzogen wurde. Ab 1918 besuchte sie mit der New Hall School ein katholisches Internat in Chelmsford, bevor sie für einige Zeit an der Schauspielschule Italia Conti in London studierte. 1921 versuchte sie vergeblich, die Oxford Local Examinations als Schulabschluss zu bestehen; ein schlechtes Ergebnis in der Mathematikprüfung verstellte ihr den Weg zum Abschluss. Danach besuchte sie sechs Monate lang die English-Italian School in Florenz, wo sie in der Mädchenpension einer Cousine lebte.
Erste Jahre in der Archäologie 1922 kehrte Tufnell nach London zurück. Ihre Mutter vermittelte ihr anschließend über eine Freundin, der Ägyptologin Hilda Petrie, eine Anstellung in der archäologischen Abteilung des University College London, die von Petrie, ihrem Ehemann Flinders Petrie und Margaret Alice Murray angeführt wurde. Offiziell ab Juli 1922 als assistierende Sekretärin der mit dem UCL zusammenarbeitenden British School of Archaeology in Egypt angestellt, arbeitete Tufnell von London aus und unterstützte insbesondere die Organisation und Durchführung der jährlichen Ausstellung der archäologischen Funde, die die Petries und ihr Team in der jeweils vorangegangenen Ausgrabungskampagne gefunden hatten.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 6–7. Im Laufe der nächsten Jahre leistete Tufnell auch administrative Unterstützung bei der Finanzierung des Instituts und bei der Publikation des hauseigenen Magazins Ancient Egypt. Hin und wieder erhielt sie auch die Möglichkeit, bei der Erfassung ausgegrabener Keramiken zu helfen.Margaret Stefana Drower: Olga Tufnell, 1905–1985: An Appreciation and an Assessment. In: Palestine Exploration Quarterly. Band 118, Nummer 1, 1986, S. 1–4. Durch ihre jahrelange Arbeit als Assistentin erwarb sie sich das Vertrauen von Flinders Petrie, der sie zunehmend an die praktische Archäologie heranführte. 1927 ging sie gemeinsam mit Myrtle Broome nach Ägypten, um dort für Flinders Petrie in Qau el-Kebir Grabreliefs zu dokumentieren.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 7.
mini|hochkant|Gerald Lankester Harding, Olga Tufnell und Flinders Petrie (von links nach rechts) im Jahr 1930
Von Ägypten aus reiste Tufnell zusammen mit einigen Mitgliedern des Flinders-Teams wie Gerald Lankester Harding in das damals von Großbritannien kontrollierte Mandatsgebiet Palästina zum Fundplatz Tell el-Farʿah bei Ofakim, wo die große Ausgrabung des Teams in der Kampagne stattfinden sollte. Dort vermutete Petrie auf Basis etymologischer Erwägungen das biblische Beth-pelet. Da Petrie selbst zunächst in London blieb, leitete sein Schüler James Leslie Starkey die ersten Monate der Ausgrabung, ehe Petrie zur Kampagne 1928 die Leitung vor Ort übernahm.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 59–61. Tufnell war als Hauptassistentin an den Ausgrabungen beteiligt. Zu ihren Aufgaben gehörten Erste-Hilfe-Maßnahmen und die Beaufsichtigung der Hilfsarbeiter, aber auch die Erfassung und das Zeichnen der Fundstücke.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 8. Petrie zeigte sich bald beeindruckt von Tufnells Arbeit und ermunterte sie, unter eigenem Namen die Ergebnisse ihrer Forschungen an einem Friedhof in Tell el-Farʿah zu publizieren. Ein entsprechendes von Tufnell verfasstes Kapitel wurde in Flinders Ausgrabungsbericht Beth-Pelet I veröffentlicht.
Nach zwei Grabungskampagnen entschied sich Tufnell, eine Pause von den Ausgrabungen in Tell el-Farʿah zu nehmen. Petrie versuchte erfolglos, ihr eine Stelle bei den Ausgrabungen in Megiddo zu verschaffen, wo dafür aber keine Kapazitäten vorhanden waren. Stattdessen reiste sie 1929 nach Britisch-Zypern. Dort erkundete sie die Kultur der Insel und arbeitete nebenher für die schwedische Zypernexpedition unter Einar Gjerstad, die diverse archäologische Fundplätze auf Zypern untersuchen wollte, um eine archäologische Chronologie der Insel zu entwerfen. Tufnell begleitete die Expedition zu manchen Fundorten, arbeitete aber hauptsächlich im Cyprus Museum, wo sie Zeichnungen zypriotischer Keramik anfertigte.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 104–105. 1930 kehrte sie nach Palästina zurück, wo sie sich wieder dem Petrie-Team anschloss. Zusammen mit James Leslie Starkey und Gerald Lankester Harding verantwortete sie die neuen Ausgrabungen des Petrie-Teams am Fundplatz Tell el-Ajjul nahe Gaza.Ros Henry: Olga Tufnell: A Biography. In: Jonathan Tubb (Hrsg.): Palestine in the Bronze and Iron Ages: Papers in Honour of Olga Tufnell. The Institute of Archaeology, London 1985, S. 1–5, hier S. 2. Tufnell war als Ausgräberin an den Ausgrabungen beteiligt und übernahm erneut die Rolle der Aufsichtsperson;John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 9. zudem zeigte sie sich wieder für die medizinische Versorgung der Archäologen verantwortlich, die sie auch der lokalen Bevölkerung zukommen ließ. Während ihrer eigenen archäologischen Forschung vor Ort entdeckte Tufnell ein Hyksosgrab mit dem Skelett eines Einhufers, das als bedeutendster Fund der Grabung gewertet wurde. Mit den Ausgrabungen in Tell el-Ajjul etablierte sich Tufnell in Petries Kreis als respektierte Archäologin und geschätztes Teammitglied.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 9.
Ausgrabungen in Lachisch
Beginn der Ausgrabungen Parallel kam es immer verstärkt zu Konflikten zwischen einigen Petrie-Schülern und den Petries selbst. Zum einen wurden der strenge Führungsstil von Flinders Petrie und die Idiosynkrasien seiner Ehefrau kritisiert, zum anderen sein fachlicher Ansatz von den jungen Archäologen in Frage gestellt.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 158. Insbesondere James Leslie Starkey fühlte sich bereit, eine eigene Ausgrabung zu leiten. Dafür rekrutierte er mehrere andere Schüler Petries, darunter auch Gerald Lankester Harding. Obgleich Tufnell mit Petrie weiterhin gut auskam, entschied sie, sich Starkey und Harding anzuschließen. Nach Ende der Ausgrabungskampagne 1931/1932 machten sich Starkey, Harding und Tufnell auf die Suche nach einem eigenen Ausgrabungsort. Zur Wahl standen hauptsächlich der Fundplatz Tell ed-Duwer südlich von Jerusalem, an dem man die antike israelische Stadt Lachisch vermutete, und der Fundplatz Tel Erani, den man mit der biblischen Stadt Gat gleichzusetzen suchte. Auf Basis einer von Tufnell erstellten Zusammenfassung des Forschungsstandes entschied sich der wichtigste Mäzen des Projekts, Henry Wellcome, eine Ausgrabung in Tell ed-Duwer zu finanzieren. Dort begannen Starkey, Harding und Tufnell 1932 erste Ausgrabungen, die zunächst von Wellcome und dem US-amerikanischen Archäologen Harris Dunscombe Colt finanziert wurden und deshalb unter dem Namen British and American Wellcome-Colt Archaeological Research Expedition firmierten. Während die Finanziers um Wellcome, Charles Marston und Robert Ludwig Mond vor allem auf die Aufspürung eines biblischen Ortes hofften, interessierte sich Starkey insbesondere für mögliche ausländische Einflüsse auf das israelitische Palästina, gerade in Hinblick auf die Interaktion zwischen Ägypten und Mesopotamien und die sogenannten Seevölker.John D. M. Green, Ros Henry (Hrsg.): Olga Tufnell’s „Perfect Journey“: Letters and Photographs of an Archaeologist in the Levant and Mediterranean. UCL Press, London 2021, S. 199.