mini|Viggo Ullmann (1848–1910) Johan Christian Viggo Ullmann (* 21. Dezember 1848 in Kristiania (Oslo); † 30. August 1910 in Vestre Aker) war ein norwegischer Pädagoge, Politiker und Autor. Dreißig Jahre lang war er Leiter und Lehrer einer Folkehøgskole (wörtlich „Volkshochschule“), einer alternativen Schule für Jugendliche ohne Prüfungen und ohne Abschlusszeugnisse. Von 1880 bis etwa 1900 war er als Parlamentsabgeordneter der liberalen Venstre-Partei, als aufklärender Publizist und charismatischer Redner, eine der prominentesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er engagierte sich für den Pazifismus und das Frauenwahlrecht, die Sprachreform, die Armutsbekämpfung, die Demokratisierung der Amtskirche und 1905 für die Einführung der Republik. Nebenbei schrieb er eine Reihe von Büchern „für die Schule und das Selbststudium“ und übersetzte aus dem Griechischen, Lateinischen und Englischen. Die letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen von Schule und Politik, ruhiger, aber von Krankheit gezeichnet, als leitender Beamter der Provinzverwaltung von Telemark.

Leben

Kindheit und Jugend

Viggo Ullmann war das vierte von sechs Kindern des dänischen Königlich Bevollmächtigten Jørgen Nicolai Axel Ullmann (1811–1862) und der Cathrine Johanne Fredrikke Vilhelmine Dunker (1816–1915). Seine Geschwister waren Axel Conradin (* 1840), Ebba Johanne (* 1843), Ragna Vilhelmine (* 1845), Vilhelm (* 1850) und Holger Johs (* 1850). Axel Conradin Ullmann (1840–1923) wurde Lehrer an der Kristiansand katedralskole (1896–1913) und machte sich einen Namen als Entomologe (Koleopterologe). Ragna Vilhelmine Ullmann wurde als Ragna Nielsen eine prominente Pädagogin und Frauenrechtlerin. Ebba Johanne heiratete den Theologen Fredrik Christian Dons und wurde Mutter bzw. Schwiegermutter von Wilhelm Dunker Dons, Ella Anker, Jens Thiis und Nils Kjær.

Als Viggo sechs Jahre alt war, ließ sich seine Mutter scheiden und zog ihn und seine Geschwister allein auf. Zunächst führte sie für einige Jahre in ihrem Haus eine kleine private Mädchenschule. Danach leitete sie dreißig Jahre lang das Vaterlands Asyl, eine Art Kindergarten, und unterrichtete dort auch selbst. In dieser Zeit wohnte die Familie in Kristiania am Tomtegaden 10a. 1865 lebten noch außer der Tochter Ragna die Söhne Viggo und Holger (als 18- bzw. 16-jährige Schüler) im Haushalt.

Vilhelmine Ullmann war eine überzeugte Anhängerin von N.F.S. Grundtvig und vermittelte auch ihren Kindern die grundtvigianischen Ansichten über liberales Christentum und emanzipatorische Volksaufklärung sowie die Begeisterung für das skandinavische Kulturerbe und das „lebendige Wort“ in der Pädagogik. Der Bruder der Mutter, Bernhard Dunker, der in den 1860er Jahren den Widerstand des Stortings gegen die Aushöhlung der norwegischen Autonomie gegenüber der schwedischen Krone (letztlich erfolgreich) anführte, wurde dem späteren Republikaner Viggo ebenfalls ein Vorbild.

Studium und Heirat

mini|Viggo Ullmann (1848–1910) Viggo Ullmann besuchte die Kristiania katedralskole, wo er u. a. von Knud Knudsen, dem Mitbegründer des Riksmål, unterrichtet wurde. 1866 legte er „med Laud“ (mit Auszeichnung) sein Examen artium (Abitur) ab. Danach war er drei Jahre lang Hauslehrer bei Nicolai Aall in der Eisenhütte Næs bei Tvedestrand. Ab 1870 studierte er Philologie an der Universität Kristiania. Im Herbst 1872 schloss er sein Studium als cand. philol. mit dem philologischen Embedsexamen ab, wiederum „med Laud“. Das Embedsexamen war Voraussetzung für eine staatliche Anstellung.

Am 12. August 1875 heiratete Viggo Ullmann in Løten seine Cousine zweiten Grades Vilhelmine Marie Eriksen, auch Marie Wilhelmine genannt, (* 16. Januar 1853 in Løten; † 4. Februar 1918 in Kristiania), Tochter des Pfarrers Andreas Melchior Eriksen (1822–1878) und der Fransisca Wilhelmine Birgitte Hansteen (geb. 1825). Bruder Axel Conradin fungierte als Trauzeuge. Dieser Ehe entsprangen fünf Kinder: Johanne (* 1878), Halvdan Andreas (* 1883), Vilhelm (* 1886), Ragnar (* 1889) und Signe (* 1890). Johanne wurde noch in Landvik (heute in Grimstad) geboren, die jüngeren Kinder alle in Seljord. Die Schauspielerin Liv Ullmann (* 1938) ist eine Enkelin von Halvdan Ullmann.

Lehrer an und Leiter von Volkshochschulen

Während seines Studiums wurde Viggo Ullmann Teil des grundtvigianischen Kreises in Kristiania und lernte Christopher Bruun und Olaus Arvesen persönlich kennen, die beiden Pioniere der skandinavischen Folkehøgskole (wörtlich „Volkshochschule“) in Norwegen. Dieser spezielle skandinavische Schultyp ist eine alternative Schule für Jugendliche ohne Prüfungen und ohne Abschlusszeugnisse. Schüler und Lehrer leben für ein oder zwei Semester zusammen im Internat. Folkehøgskolen wurden im bewusster Distanz zu den vorhandenen Universitäten vor allem in ländlichen Gegenden eingerichtet und legen bis heute hohen Wert auf die Vermittlung von handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten.

Ab dem Herbst 1872, gleich nach seinem Studienabschluss, verbrachte Viggo Ullmann ein Jahr in Grundtvigs Heimat Dänemark an der Volkshochschule Askov bei Vejen. Seine in dieser Zeit an seine Angehörigen in Kristiania geschriebenen Briefe wurden posthum von seiner Witwe herausgegeben. Sie sind das einzige veröffentlichte Dokument, in dem Viggo Ullmann als Privatmensch präsent ist. In den folgenden drei Jahren lehrte er während der Sommerkurse an der von Herman Anker gegründeten Sagatun Folkehøyskole bei Hamar. „Viggo Ullmann war selbst ein guter Vermittler des ‚lebendigen Wortes‘ als Debattierer und öffentlicher Redner, vor allem aber in einem langen Leben als Lehrer und Leiter einer Reihe von Volkshochschulen.“

mini|Viggo Ullmann als junger Mann Auf Einladung des in Østre Moland im Nedenes amt (heute Arendal in Agder) ansässigen Ivar Fløistad gründete Viggo Ullmann in diesem Ort im Oktober 1873 eine Volkshochschule, die erste in Südwestnorwegen (Kristianssands stift). Im Herbst 1875 zog Ullmann mit seiner frisch angetrauten Frau Vilhelmine und seiner Schule nach Landvik bei Grimstad um, in den Klokkergaarden in Homedal. Im folgenden Jahr erhielt die Schule ihr eigenes Haus in Vigmarken, benannt nach Ole Vig. Bis 1879 wurden hier im Winter die Jungen und im Sommer die Mädchen unterrichtet, bis die Schule wegen Schülermangels und schlechter Finanzen schließen musste.

Im Jänner 1880 begann Viggo Ullmann eine neue Schule auf dem Hof Bjørge in Seljord und unterrichtete nun Jungen und Mädchen gemeinsam. Die Koedukation und der Grundtvigianismus der Lehrer (neben Ullmann auch Oddmund Vik und Kristian Førland) beunruhigten den örtlichen Pfarrer. Im Folgejahr wurde der Unterricht in Drangedal abgehalten und im Winter 1882–1883 in Vinje. In Vinje nahm die Schülerzahl wöchentlich zu, „so dass es in der letzten Periode 60-70 waren. Es waren sowohl Männer als auch Frauen, einige waren 14 Jahre alt, andere 18, 20, 25, 30 und so weiter. In der Schule gab es alte Menschen im Alter von 60–70 Jahren.“

Im Mai 1884 erhielt Telemarks folkehøgskule ihren dauerhaften Standort. Mit Unterstützung der örtlichen Bauern kaufte Ullmann den Hof Utgarden in Seljord. „Während der 23 Jahre, die er dort tätig war, war Seljord ein Zentrum der Volksaufklärungsarbeit. Viele Jahre lang gab es dort auch eine private Lehrerbildungsanstalt, die Ullmann gleichzeitig mit der Volkshochschule betrieb. Zu den Lehrerkursen in den Sommermonaten kamen Lehrer aus dem ganzen Land und bekannte Schulleute aus den Nachbarländern.“ 1882–1887 und erneut ab 1892 wurde die Schule durch finanzielle Zuschüsse von der Provinzverwaltung (Bratsberg amt) unterstützt; ab 1900 war sie eine staatlich finanzierte Volkshochschule.

Redner und Publizist der „Linken“

Viggo Ullmann war Mitglied des Gemeinderats von Landvik (1878–1879) und später von Seljord (1889–1902), wo er 1902 Bürgermeister wurde „und auch verschiedene kommunale Ämter bekleidet hat.“ Als Anhänger der Demokratisierung der Gesellschaft und durch seine Pflege des Bäuerlichen und des nationalen Kulturerbes fand er seinen Platz in der eben erst entstehenden venstrebevegelsen (Linken Bewegung). „Er begann früh, sich am politischen Meinungswandel im Lande zu beteiligen, und in den Wahlkampfjahren um 1880 stürzte er sich in eine politische Rednertätigkeit, die wahrscheinlich umfangreicher war als die jedes anderen Mannes im Lande. Bereits im März 1882 berichtet ein Biograph, dass er ‚entlang der Küste von Farsund bis Sandefjord und auf dem Lande vom Mandalsdalen über Sætersdalen, Telemarken, Jarlsberg, Buskerud, Oplandene und Stjør dalen‘ gereist sei. Insbesondere ist er unendlich oft als Redner für die Linkspartei bei den Parlamentswahlen aufgetreten und hat als solcher das ganze Land von Norden bis Süden bereist.“

mini|Viggo Ullmann in reifen Jahren Als Vortragsredner über soziale, religiöse, literarische und historische Themen unternahm Viggo Ullmann ausgedehnte Reisen im ganzen Land und in Dänemark und 1893 sogar in Nordamerika. Die Vorträge, die er im April 1884 in Uppsala und Stockholm über den norwegischen Verfassungskampf hielt, erregten großes Aufsehen und lösten Kontroversen und Zustimmung aus. Er wurde von mehr als hundert Mitgliedern des schwedischen Riksdag gefeiert, was allgemein als Unterstützungserklärung für die norwegische Linke angesehen wurde, die die Verantwortlichkeit der vom König ernannten Regierung gegenüber dem Parlament durchsetzen wollte.

Viggo Ullmann vertrat seine Ansichten zur Sprachreform, Schulpolitik, kirchlichen Fragen und sozialen Reformen auch durch eine umfangreiche Publikationstätigkeit. Er veröffentlichte Zeitungsartikel in verschiedenen kirchlichen und pädagogischen Zeitschriften, aber auch in Dagbladet, Verdens Gang, Oplandenes Avis und Varden. Er war Mitherausgeber dreier Zeitungen: Varden (1891–1897), Vor Tid (1893–1894) und Norskt høgskuleblad (1899–1901). Er war målmann und 1891–1894 Vorsitzender von Det Norske Samlaget, des 1868 gegründeten Verlags für Bücher in Nynorsk und den norwegischen Dialekten.

Führendes Parteimitglied der Venstre

Viggo Ullmann war Vorsitzender der Venstre-Partei von Seljord. Die Venstre von Telemark (Telefylkets Venstresamlag) führte er als Vorsitzender seit ihrer Gründung am 28. Dezember 1883 bis zum Jahr 1889. Als am 28. Januar 1884 unter dem Namen Norges Venstreforening die landesweite Venstre-Partei gegründet wurde (als älteste politische Partei Norwegens), wurde Viggo Ullmann sofort in den Parteivorstand gewählt und blieb dessen Mitglied bis Februar 1900, als er die Wahl ablehnte. Ab September 1884 fungierte er eine Zeit lang als Sekretär. Vom Januar 1893 bis April 1894 und erneut von Mai 1898 bis Februar 1900 war er Parteivorsitzender. Zur Zeit der Parteispaltung schloss sich Ullmann Det rene Venstre an.

Im Verband der Schützenvereine Telemarks (Telefylkes folkevæbningssamlag) war er 1881–1888 Vorstandsmitglied und ab 1885 Vorsitzender. Vom 7. Oktober 1886 bis zum 21. Januar 1887, als er die Wiederwahl ablehnte, war er Vorsitzender der Frisindede Studenterforening (Liberale Studentenvereinigung) und im ersten Semester 1890 Vorsitzender von Det norske Studentersamfund (Norwegischer Studentenverein). Er war langjähriges Mitglied des Jernbanekomité (Eisenbahnausschuss) in Telemark und wurde 1890 sowie 1902 zu dessen Vorsitzenden gewählt. Und er war ein Mitglied der kongelige skolelovskom mission (Königliche Schulrechtskommission) von 1884.

Parlamentsabgeordneter und -präsident

mini|Viggo Ullmann, 1872 Viggo Ullmanns Karriere als Parlamentarier begann als stortingssuppleant (Ersatzmitglied) für die Wahlperiode 1883–1885. Anschließend war er 1886–1900 für die Venstre Abgeordneter des Wahlkreises Bratsberg amt (Telemark), wurde also fünf Mal hintereinander gewählt. Am 3. Juli 1900 verzichtete er „aus Rücksicht auf seine Schularbeit“ auf seine Wiederwahl.