mini|273x273px|Hügel des Massakers mit Mahnmal Das Massaker von Kalavryta (griechisch auch Ολοκαύτωμα των Καλαβρύτων, deutsch: Holocaust von Kalavryta) war ein Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht im besetzten Griechenland. Am 13. Dezember 1943 erschossen Einheiten der 117. Jäger-Division nahezu alle männlichen Einwohner der Kleinstadt Kalavryta und brannten die Stadt nieder. Es handelte sich um eine sogenannte „Sühnemaßnahme“ im Rahmen des Unternehmens Kalawrita, zur Vergeltung für 81 deutsche Soldaten, die einen Monat zuvor von griechischen Partisanen gefangen genommen und getötet wurden. Die Zahl der Opfer des Unternehmens Kalawrita beläuft sich auf insgesamt mindestens 693 Tote aus Kalavryta und den umliegenden Dörfern und Klöstern. 465 Männer wurden am 13. Dezember in Kalavryta erschossen.

Zahlenmäßig handelt es sich um eines der größten Kriegsverbrechen der Deutschen im nicht-slawischen Raum und markiert einen Höhepunkt der brutalen Besatzungspolitik in Südosteuropa. Keiner der unmittelbar am Massaker beteiligten Soldaten und Offiziere wurde juristisch belangt.

Heute erinnern das Museum des Holocaust von Kalavryta und ein Mahnmal in Kalavryta, sowie jährliche Gedenkveranstaltungen an die Opfer und das Massaker. Für die Erinnerungskultur in ganz Griechenland und besonders auf der Peloponnes spielt Kalavryta heute eine zentrale Rolle als Märtyrergemeinde.

Ausgangslage

Besetzung Griechenlands → Hauptartikel: Griechisch-Italienischer Krieg, Deutsche Invasion von Griechenland, mini|256x256px|Besatzungszonen Griechenlands (1941-1944) Der Zweite Weltkrieg begann in Griechenland am 28. Oktober 1940 mit der italienischen Invasion vom zwei Jahre zuvor besetzten Albanien aus. Den griechischen Truppen gelang es, zur Überraschung einiger, die Italiener bis hinter die albanische Grenze zurückzudrängen. Um seinen italienischen Bündnispartner zu unterstützen und Griechenland nicht den Alliierten zu überlassen, startete das nationalsozialistische Deutschland am 6. April 1941 mit dem „Unternehmen Marita“ die Eroberung Griechenlands im Zuge des Balkanfeldzuges. Noch im selben Monat kapitulierte die griechische Armee und die politische Führung setzte sich zuerst nach Kreta und dann nach Ägypten ab. Griechenland wurde in Besatzungszonen der drei Achsenmächte Deutschland, Italien und Bulgarien aufgeteilt.

Die Peloponnes, und damit auch Kalavryta, lag dabei zunächst in der italienischen Besatzungszone. Die italienischen Besatzer unterhielten bis zu ihrer Kapitulation 1943 ein Konzentrationslager für Gefangene im Gebäude der ehemaligen Grundschule, in der heute das Museum untergebracht ist. Deutsche Soldaten betraten Kalavryta zum ersten Mal im September 1943.H.F. Meryer, 2002, S. 197 f.

Partisanenbewegung → Hauptartikel: ELAS, EDES mini|Soldatinnen und Soldaten der griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS Wie in allen besetzten Ländern, führte die Okkupation auch in Griechenland zu Widerstand der Bevölkerung. Dieser begann sich vor allem ab dem Hungerwinter 1941/42 zu organisieren und zu bewaffnen. Die größte Partisanengruppe war der militärische Arm der linken Volksbefreiungsfront EAM, die im Dezember 1941 gegründete Volksbefreiungsarmee ELAS. Diese setzte sich zunächst zu einem großen Teil aus Kommunisten zusammen, doch im Laufe des Krieges traten immer mehr Menschen der Partisanenorganisation bei, unabhängig der politischen Einstellung. Zu Anfang der Besatzungszeit arbeitete die ELAS mit den Partisanen der zunächst republikanisch und später monarchistisch ausgerichteten EDES zusammen. Zunehmend entwickelte sich jedoch eine Konkurrenz zwischen den beiden Organisationen, die später in den griechischen Bürgerkrieg mündete. Die Andarten begingen Anschläge auf für die Besatzer wichtige Infrastruktur wie Bahnstrecken, Straßen oder Leitungen und führten Guerilla-Angriffe auf Truppenteile der Achse durch. Dabei erhielten sie Unterstützung durch das Vereinigte Königreich.

Die bergigen Regionen der Peloponnes waren ein Zentrum der Aktivitäten der ELAS-Partisanen. Besonders im Norden der Halbinsel waren die Andarten stark und das Gebiet zwischen Patras, Egio und Kalavryta wurde als „das gefährliche Dreieck“ bezeichnet, obwohl ein großer Teil der überwiegend konservativ eingestellten Landbevölkerung ihnen gegenüber als distanziert galt. Etwa 40 Männer aus Kalavryta schlossen sich dem Widerstand 1943 an. Der Anführer der Partisanen im Raum Kalavryta war der 52-jährige ehemalige Angehörige der griechischen Luftwaffe, Dimitrios Michos. Im Laufe des Jahres 1943 kam es immer wieder zu Kampfhandlungen zwischen den Italienern und den ELAS-Partisanen.

Die 117. Jäger-Division Um die italienischen Truppen gegen die Partisanen und bei einer befürchteten alliierten Landung in Südgriechenland zu unterstützen, beschloss das Oberkommando des Heeres am 11. Februar 1943, auf Druck des Oberbefehlshabers Südost Alexander Löhr, deutsche Truppen auf der Peloponnes zu stationieren. Dazu sollte die 717. Infanterie-Division, die in Jugoslawien stationiert und dort unter anderem die Massaker in Kraljevo und Kragujevac verübte, neu gegliedert und auf die Peloponnes transferiert werden. Die 717. Infanterie-Division war 1941 im Wehrkreis Wien aufgestellt worden und bestand größtenteils aus älteren Jahrgängen aus Österreich. Nach ihrem Einsatz in Kroatien und Serbien wurde die Einheit schließlich 1943 in "117. Jäger-Division" umbenannt und der aus Bayern stammende Karl von Le Suire zum Divisionskommandanten ernannt. Bei Ankunft in Griechenland im Juni 1943 stießen die Soldaten der Division zunächst auf Zustimmung aus Teilen der Bevölkerung, die sich von den Deutschen eine bessere Behandlung als von den verhassten Italienern erhofften. Diese anfängliche Zustimmung verflog jedoch schnell als klar wurde, dass die Einheiten der Wehrmacht in Wahrheit noch skrupelloser gegen Partisanen und Zivilisten vorgingen. Nach der Ankunft teilte der Befehlshaber Südgriechenland Wilhelm Speidel den Offizieren der Division mit, die Partisanensituation in Griechenland sei "totaler Krieg" und erfordere "Härte und eine Gewisse Brutalität". Der Divisionkommandeur Karl von Le Suire war wohl sehr antigriechisch eingestellt. So bezeichnete er Griechenland als "Land der Nichtstuer und Korrupteure"Bundesarchiv: BA-MA: RH 26-117/15, Wehrunwürdige Verbände mit der No. 999, Anlage 40 und die Griechen als "Sauvolk".

Im November 1943 lag die Divisionsstärke bei 17.000 Mann.

Die 117. Jäger-Division blieb bis September 1944 in Griechenland und geriet im Mai 1945 in Österreich in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Das „Unternehmen Kalawrita“ Nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 war das Deutsche Reich alleinige Besatzungsmacht auf der Peloponnes. Die Präsenz der deutschen Truppen konzentrierte sich jedoch vor allem auf die Küstenbereiche der Halbinsel. Im Hinterland und besonders im Norden zwischen Patras, Kalavryta und Egio erstarkten die Partisanen durch den italienischen Rückzug. Aufgrund der kritischen Lage war es für die Wehrmacht sehr wichtig, die Kontrolle über Südgriechenland zu behalten und größere Aufstände der Bevölkerung zu verhindern. Dazu wurden im Oktober 1943 Vorbereitungen für eine großangelgte Militäroperation erdacht. Ziel dieser Operation war es, die Partisanenverbände von verschiedenen Seiten einzukreisen, in Richtung Kalavryta zu treiben und dort im Kampf zu besiegen. Diese Pläne richteten sich zunächst nicht explizit gegen die Zivilbevölkerung, solange sie nicht aktiv am Widerstand teilnahm.

Die Schober-Kompanie Unter anderem im Zuge der Vorbereitung auf dieses noch nicht konkret definierte Unternehmen wurde der Hauptmann Hans Schober Mitte Oktober 1943 damit beauftragt, das Gebiet und die Wegverhältnisse rund um Kalavryta mit einer Kompanie zu erkunden. Der 97 Mann starke Aufklärungstrupp war nur leicht ausgerüstet und führte keine Funkgeräte mit. Am Nachmittag des 16. Oktober wurde die Kompanie nahe des Dorfes Kerpini von Andarten der ELAS überrascht und in ein Gefecht verwickelt. Die Schober-Kompanie, die den Griechen durch den Mangel an Munition und Ausrüstung unterlegen war, ergab sich am 17. Oktober den Partisanen und wurde von diesen gefangen genommen. Einigen Soldaten gelang es zur Division zurückzukehren und von dem Vorfall zu berichten. Zunächst wurden die 81 Gefangenen von den Partisanen nach Kalavryta gebracht, wo sie die Nacht im Gebäude der damaligen Grundschule verbrachten.

Die Bewohner von Kerpini und Kalavryta kümmerten sich nach dem Gefecht aufopferungsvoll um verwundete deutsche Soldaten. Die Familie eines Arztes aus Kerpini fuhr einen schwer verwundeten Gefreiten mit der Zahnradbahn nach Diakopto und drei weitere verwundete Deutsche wurden im Krankenhaus von Kalavryta versorgt.H.F. Meyer, 2002, S. 202 Letztere wurden jedoch am nächsten Tag gegen den Widerstand des Krankenhauspersonals und anderer Würdenträger aus Kalavryta den Angehörigen von Konstantinos Pavlopuolos übergeben, um Rache zu nehmen. Der 18-Jährige Gymnasiast Pavlopoulos aus dem Nachbardorf Soudena war am 1. September 1943 von deutschen Soldaten in Kalavryta öffentlich erhängt worden. Die drei verwundeten deutschen Soldaten wurden am 18. Oktober von zwei Männern aus Soudena umgebracht und einen Tag später in einem Wasserloch südlich von Kalavryta gefunden. Sie wurden auf dem Friedhof von Kalavryta von der Gemeinde in einer Trauerzeremonie beerdigt. Die Bewohner hofften so zu beweisen, dass sie die Morde keineswegs guthießen.

Die restlichen Soldaten wurden von den Partisanen von Kalavryta in den Ort Mazeika (heute Kleitoria) gebracht. Dort leisteten sie Zwangsarbeit in den Handwerksbetrieben oder bei Weg- und Waldarbeiten. Die Soldaten unternahmen, trotz laxer Bewachung, auf Befehl Schobers keinen Fluchtversuch. Wie der Historiker Hermann Frank Meyer schreibt, sind in den darauffolgenden Wochen "menschliche Bande zwischen der Dorfbevölkerung, der Wachmannschaft und den Gefangen" entstanden.

In den folgenden Wochen gab es Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch zwischen den Partisanen und Offizieren der Division, wobei Vertreter der Orthodoxen Kirche als Vermittler auftraten. Die Verhandlungen blieben jedoch ergebnislos. Die Andarten forderten für jeden Deutschen, 50 griechische Geiseln freizulassen, in Anlehnung an die "Sühnequoten" der Wehrmacht.P.N. Demopoulos, 2017, S. 18 Seit der Gefangennahme der Schober-Kompanie hatten die Truppen der Wehrmacht innerhalb eines Monats etwa 4.000 zivile griechische Geiseln auf der Peloponnes genommen. 118 von ihnen wurden Ende November hingerichtet. Ob die deutsche Divisionsführung einen Gefangenenaustausch ernsthaft erwog oder lediglich Zeit gewinnen wollte, ist unklar.

Beginn des Unternehmens Am 25. November erließ Karl von Le Suire den finalen Befehl für die Operation, die nun "Unternehmen Kalawrita" genannt und deren Beginn auf den 5. Dezember 1943 angesetzt wurde. Neben der Partisanenbekämpfung stand nun auch die Befreiung der 81 Kriegsgefangenen als Ziel der Operation im Mittelpunkt, sowie "entsprechende Vergeltungsmaßnahmen". Insgesamt etwa 3000 Soldaten aus Pyrgos, Tripoli, Patras, Egio, Argos und Korinth nahmen teil. Auch Flugzeuge der Luftwaffe waren zur Unterstützung der Truppen im Einsatz. Organisiert waren sie in drei Kampfgruppen, benannt nach den jeweiligen Gruppenführern: der "Kampfgruppe Wölfinger" mit Patras als Versammlungraum, die "Kampfgruppe Ebersberger" mit Egio als Versammlungsraum und die "Kampfgruppe Gnass" mit Vytina als Versammlungsraum. Den Befehl über das Unternehmen hatte zunächst Julius Wölfinger inne. Nachdem Wölfinger am 8. Dezember bei einem Autounfall schwere Verletzungen erlitt, wurde Hans Ebersberger zum Kommandant.H.F. Meyer, 2002. S. 272.