mini|hochkant|Der Anfang des Laches in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus Der Laches (altgriechisch Láchēs) ist ein in Dialogform verfasstes frühes Werk des griechischen Philosophen Platon. Er zählt zur Gruppe der „Tugenddialoge“, in denen die Tugendhaftigkeit und einzelne Tugenden untersucht werden. Den Inhalt bildet ein fiktives Gespräch von Platons Lehrer Sokrates mit dem Heerführer Laches, nach dem der Dialog benannt ist, dem Politiker und Feldherrn Nikias und den vornehmen Athenern Lysimachos und Melesias.

Lysimachos und Melesias machen sich Sorgen um die Erziehung ihrer Söhne. Sie suchen Rat bei Nikias und Laches, von denen sie an Sokrates verwiesen werden. Es beginnt eine Diskussion über Pädagogik. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, ob eine Ausbildung der Jugendlichen in der Fechtkunst sinnvoll ist. Alle stimmen darin überein, dass die aretḗ (Tüchtigkeit, Tugendhaftigkeit) das Ziel einer guten Erziehung bildet und dass die Tapferkeit ein wesentlicher Aspekt der Tüchtigkeit ist. Es zeigt sich jedoch, dass es nicht leicht ist, zu bestimmen, worin die Tapferkeit besteht. Mehrere Definitionsvorschläge werden geprüft und erweisen sich als unzulänglich; es gelingt nicht, eine befriedigende Begriffsbestimmung zu finden. Die Untersuchung führt somit vorerst zu einer Aporie (Ratlosigkeit), doch soll die Erkenntnissuche am folgenden Tag fortgesetzt werden.

In der philosophiegeschichtlichen Forschung wird vor allem die Frage erörtert, wie in Platons Konzept die Einheit der Tugenden zu verstehen ist, das heißt wie sich die einzelnen Tugenden zueinander und zur Gesamttugend verhalten.

Ort, Zeit und Teilnehmer mini|hochkant|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris) Der Dialog spielt sich in Athen ab, anscheinend in einem Gymnasion.Louis-André Dorion: Platon: Lachès, Euthyphron. Traduction inédite, introduction et notes, Paris 1997, S. 20f. Den aktuellen Hintergrund der Erörterungen über die Tapferkeit bilden die Kampfhandlungen des Peloponnesischen Krieges. Die Zeit der fiktiven Dialoghandlung ist durch zwei datierbare Kriegsereignisse eindeutig eingegrenzt: die im Gespräch erwähnte Schlacht von Delion im Jahr 424 v. Chr. und den Tod des Laches in der Schlacht von Mantineia im Jahr 418 v. Chr. Innerhalb des dadurch vorgegebenen Zeitrahmens 424–418 wird eine weitere Eingrenzung aus Indizien abgeleitet. Im Dialog wird die Tapferkeit des Sokrates in der Schlacht von Delion gewürdigt, aber seine Teilnahme an der wichtigeren Schlacht von Amphipolis im Jahr 422 v. Chr. bleibt unerwähnt. Vielleicht deutet das darauf, dass die athenische Niederlage bei Amphipolis noch in der Zukunft liegt, doch ist dies nur ein schwaches Indiz. Beweiskräftiger ist der auffällige Umstand, dass Lysimachos über die Aktivitäten des Sokrates nicht informiert ist. Solche Unwissenheit wäre nach der Aufführung von Aristophanes’ Komödie Die Wolken 423 v. Chr. kaum vorstellbar, da spätestens ab diesem Ereignis Sokrates eine stadtbekannte Figur war. Daher ist davon auszugehen, dass die Dialoghandlung in den Zeitraum 424–423 v. Chr. fällt.Walter T. Schmid: On Manly Courage, Carbondale 1992, S. 1, 183; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 151; Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 312.

Bei allen Gesprächsteilnehmern handelt es sich um historische Personen. Der größte Teil der Debatte spielt sich zwischen Sokrates, Nikias und Laches ab; Lysimachos und Melesias, die als Ratsuchende auftreten, tragen keine eigenen Ideen bei. Anwesend sind ferner zwei Knaben, die nur ganz kurz zu Wort kommen: Aristeides, der Sohn des Lysimachos, und Thukydides, der Sohn des Melesias.

Nikias, der prominenteste unter den Anwesenden, zählte zu den führenden athenischen Staatsmännern seiner Zeit. Als Truppenführer war er für seine vorsichtige, risikoscheue Haltung bekannt. Er war der namhafteste Wortführer der Richtung, die für eine Beendigung des Peloponnesischen Krieges und einen Ausgleich mit dem Hauptgegner Sparta eintrat. 421 v. Chr. gelang ihm der Abschluss des nach ihm benannten Nikiasfriedens, der die Kampfhandlungen für mehrere Jahre unterbrach.Siehe zu Nikias Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 212–215; Walter T. Schmid: On Manly Courage, Carbondale 1992, S. 6–11. Auch Laches setzte sich nachdrücklich für den Friedensschluss ein. Er hatte sich bei den Kämpfen in Süditalien als Kommandeur einer athenischen Streitmacht bewährt und 424 v. Chr. zusammen mit Sokrates an der Schlacht von Delion teilgenommen.Siehe zu Laches Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 180f.; Walter T. Schmid: On Manly Courage, Carbondale 1992, S. 11–15. Lysimachos und Melesias, die beide zur Zeit des Dialogs schon in fortgeschrittenem Alter standen, stammten aus berühmten Familien: Der Vater des Lysimachos, Aristeides „der Gerechte“, hatte sich in der Zeit der Perserkriege als Staatsmann einen glänzenden Ruf erworben, seine Ehrenhaftigkeit wurde legendär. Melesias war einer der Söhne des Politikers Thukydides, der sich als Hauptrepräsentant der aristokratischen Richtung und Gegenspieler des Perikles profiliert hatte. Im Gegensatz zu ihren Vätern hatten Lysimachos und Melesias nichts Bedeutendes vollbracht, wie Lysimachos mit Bedauern feststellte.Platon, Laches 179c–d. Nun hofften sie, dass ihre Söhne, denen sie die Namen der berühmten Großväter gegeben hatten, einen besseren Erfolg erzielen und einen ihrer Abstammung entsprechenden Ruhm erlangen würden.Platon, Laches 179d–e. Siehe zu Lysimachos und Melesias Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 194, 198f.; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 152; Chris Emlyn-Jones: Dramatic structure and cultural context in Plato’s Laches. In: The Classical Quarterly New Series 49, 1999, S. 123–138, hier: 124–126, 136f.

Der historische Sokrates kämpfte im Peloponnesischen Krieg tapfer mit, aber aus den politischen Auseinandersetzungen in Athen hielt er sich weitgehend heraus. Inwieweit die Ansichten, die Platon seiner literarisch geformten Dialogfigur beilegt, denen des historischen Sokrates entsprechen, ist unklar und in der Forschung sehr umstritten.

Im Dialog lenkt Sokrates mit seinen Fragen und Anregungen den Gesprächsverlauf, tritt aber seiner Gewohnheit gemäß bescheiden auf und betont die Grenzen seiner Kompetenz. Seine geistige Überlegenheit wird in der Runde respektiert; er erfreut sich hoher Wertschätzung, auch die Söhne des Lysimachos und des Melesias bewundern ihn sehr.

Inhalt Das Einleitungsgespräch

Laches und Nikias haben auf Vorschlag von Lysimachos und Melesias einer öffentlichen, gut besuchten Darbietung des bekannten Fechtmeisters Stesileos beigewohnt. Nun erzählt Lysimachos, aus welchem Anlass der Gedanke entstanden ist, gemeinsam eine solche Veranstaltung zu besuchen. Er und sein Freund Melesias sind der Meinung, in ihrem langen Leben nichts Bedeutendes geleistet zu haben; sie vergleichen sich mit ihren berühmten Vätern, schämen sich und halten sich für Versager. Ihre Taten- und Ruhmlosigkeit führen sie darauf zurück, dass sie für Großtaten unzureichend gerüstet gewesen seien, denn ihre anderweitig beschäftigten Väter hätten sich zu wenig um ihre Erziehung gekümmert. Diesen Fehler wollen sie nun vermeiden. Sie möchten ihren jugendlichen Söhnen – jeder von ihnen hat anscheinend nur einen Sohn – die bestmögliche Erziehung und Ausbildung zuteilwerden lassen, um aus ihnen tüchtige Männer zu machen.Platon, Laches 178a–179e.

Die Tüchtigkeit oder Tugend – arete – war in der antiken griechischen Gesellschaft ein allgemein anerkanntes Ideal, dessen konkreter Inhalt allerdings nicht eindeutig umrissen war. Der Begriff arete hatte in verschiedenen Milieus und Epochen unterschiedliche Konnotationen. Ein Philosoph wie Sokrates dachte an Werte wie Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit, er verband mit arete andere Vorstellungen als etwa ein ehrgeiziger Athener aus vornehmer Familie, der sich unreflektiert an herkömmlichen Normen orientierte und mit allen Mitteln Ruhm und Macht erringen wollte. Ein traditionell besonders wichtiger Aspekt der arete, den auch Sokrates anerkannte, war jedenfalls die militärische Kampftüchtigkeit und damit die Tapferkeit.Siehe zum Begriff arete bei Platon Dirk Cürsgen: Tugend/Bestform/Exzellenz (aretê). In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon, Darmstadt 2007, S. 285–290 und die ausführliche Darstellung von Hans Joachim Krämer: Arete bei Platon und Aristoteles, Heidelberg 1959.

In Platons Dialog besteht das Problem der beiden Väter darin, dass sie sich bei der Umsetzung ihres Vorhabens sehr unsicher fühlen. Sie wissen nicht, welche Kenntnisse und Fähigkeiten den Jugendlichen vermittelt werden müssen, damit der Nachwuchs den Pfad zum Erfolg beschreitet und künftig seiner Familie Ehre macht. Jemand hat ihnen die Fechtkunst empfohlen, daraufhin sind sie mit den Knaben zu der Veranstaltung des Stesileos gekommen. Beide Väter glauben, dass man einen Sohn durch richtige Erziehungsmaßnahmen planmäßig auf eine glanzvolle politische und militärische Rolle vorbereiten kann. Sich selbst trauen sie aber die dafür erforderliche Kompetenz nicht zu. Daher suchen sie bei Nikias und Laches Rat.Platon, Laches 179e–180a.

Nikias und Laches stimmen den Überlegungen des Lysimachos zu. Laches bemerkt dazu, es handle sich um einen in der athenischen Führungsschicht verbreiteten Übelstand, die Betreuung der Heranwachsenden werde allgemein vernachlässigt. Ein guter Berater sei Sokrates, der sich intensiv mit Bildungsfragen auseinandergesetzt habe. Sokrates sei nicht nur als Theoretiker kompetent, sondern habe auch durch seinen tapferen Einsatz in der Schlacht von Delion seine eigene Tüchtigkeit erwiesen. Wie sich nun herausstellt, kennen die beiden Knaben Sokrates bereits und schätzen ihn sehr. Ihm als Experten wird nun die Frage vorgelegt, ob es sinnvoll ist, Knaben Fechtunterricht zu erteilen. Sokrates will sein Bestes tun, möchte aber als der Jüngste in der Runde nicht zuerst das Wort ergreifen, sondern bittet die anderen um Meinungsäußerungen.Platon, Laches 180a–181d.

Das Ziel der Pädagogik

Nikias spricht sich zugunsten der Fechtkunst aus, die zusammen mit dem Reiten für die Jugend besonders wichtig sei. Sie fördere die Tapferkeit und zeige ihren Wert vor allem im Einzelkampf. Mit dieser Behauptung bekennt sich Nikias zu der Ansicht, eine technische Fertigkeit könne Auswirkungen auf die Tugendhaftigkeit haben.Zur Problematik dieser Annahme siehe Angela Hobbs: Plato and the Hero, Cambridge 2000, S. 80f., 86. Laches widerspricht, er ist völlig anderer Meinung. Nach seiner Erfahrung sind Fechtmeister keineswegs hervorragende Kämpfer. Keiner von ihnen hat sich bisher in der Schlacht besonders ausgezeichnet, und gerade Stesileos, der soeben vor der Zuschauermenge aufgetreten ist, hat sich im echten Kampf sogar lächerlich gemacht. Die für ihre Kampftüchtigkeit berühmten Spartaner kommen ganz ohne Fechtmeister aus. Daher hält Laches den Fechtunterricht für militärisch belanglos. Er meint, es handle sich nicht um eine wertvolle Kunst oder Technik, sondern wohl eher um einen Schwindel. Ein Feigling werde dadurch nicht tapfer, sondern nur dreist.Platon, Laches 181d–184c.