Die Ausschreitungen am Alexanderplatz waren gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Volkspolizisten in Ost-Berlin am 7. Oktober 1977. Dabei wurden über hundert Menschen verletzt und fünf getötet.
Ereignisse mini|Fernsehturm, mit Lüftungsschacht (unten rechts, auf heller Freifläche), 1976 Am 7. Oktober 1977 traten auf dem Volksfest zum 28. Jahrestag der DDR auch verschiedene Musikgruppen auf dem Alexanderplatz auf. Auf der Südseite des Fernsehturms an der Rathausstraße spielte die Beatband Express. Diese hörte gegen 19 Uhr plötzlich auf zu spielen, was den Unmut im Publikum hervorrief. Stattdessen wurde ein sowjetisches Männertanzensemble auf die Bühne geholt.7. 10. 1977 in Ost-Berlin WHQ-Forum, mit Aussage eines Zeitzeugen (26. Juli 2014)Alexanderplatz 1977 Berlin Street, mit Augenzeugenberichten
Hintergrund war wahrscheinlich, dass zu dieser Zeit neun Jugendliche in einen erhöhten sechs Meter tiefen Lüftungsschacht gestürzt waren, auf dessen Gitterrosten sie gestanden hatten.Ein Sechseck Beton am Fernsehturm und der 07. Oktober 1977 Retrace Blog, Ben Kaden, 21, Januar 2019, mit Foto des Lüftungsschachtaufsatzes Daraufhin versuchte die Volkspolizei einen Weg für die Rettungswagen durch die Besuchermenge zu bahnen. Sie forderte durch Lautsprecher dazu auf, den Platz freizumachen, was aber von vielen Jugendlichen nicht befolgt wurde. Daraufhin drängte sie diese mit körperlicher Gewalt und dem Einsatz von Hunden beiseite. Darauf reagierten einige Jugendliche mit Sprechchören und mit Widerstand. Daraus entwickelte sich eine Straßenschlacht, bei der Polizisten mit Pflastersteinstücken, Bierflaschen, Cafétischen und anderen Gegenständen beworfen wurden und ihrerseits wahllos mit Gummiknüppeln auf die Jugendlichen einschlug. Mehrere brennende Polizeimützen und eine Uniformjacke flogen später unter dem Beifall der Umstehenden durch die Luft.
Durch zusätzliche Einheiten von Bereitschaftspolizei und von zivilen Einsatzkräften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurden die Jugendlichen nach mehreren Stunden eingekesselt und viele von ihnen in den Autotunnel in der Grunerstraße gedrängt. MDR, 2019, mit Augenzeugenbericht Gegen 23.30 Uhr hatte die Polizei die Situation nach eigenen Angaben unter Kontrolle. Es wurden zahlreiche Jugendliche festgenommen.
Bilanz An den Auseinandersetzungen waren nach Augenzeugenberichten etwa 1000 bis 2000 Jugendliche beteiligt. 313 von ihnen wurden an diesem Tag nach Angaben des MfS festgenommen.Ausschreitungen von Jugendlichen am Berliner Alexanderplatz BStU, MfS, ZAIG 2743 / Info-Nr. 623/77, mit MfS-Bericht In den nächsten Tagen wurden nach Nachforschungen in Krankenhäusern und Schulen und durch Denunziationen staatskonformer Jugendlicher weitere 155 Personen festgenommen. Gegen 88 wurden Ermittlungsverfahren mit Haftstrafen zwischen sechs Wochen und zwei Jahren eingeleitet, außerdem gab es Haftstrafen auf Bewährung, Verurteilungen zu gesellschaftlich nützlichen Tätigkeiten und weitere Konsequenzen.
Jeder achte der festgenommenen Jugendlichen stammte aus einem staatlich und gesellschaftlich exponierten Elternhaus, wie von Mitarbeitern im Zentralkomitee der SED, Angestellten in Ministerien und SED-Kreisleitungen, hochrangigen NVA-Offizieren, DDR-Botschaftern, Journalisten und Parteisekretären, wie der Untersuchungsbericht des MfS feststellen musste.
Etwa ein Drittel der Festgenommenen waren Anhänger des 1. FC Union, die nach einem Fußballspiel in Köpenick gemeinsam zum Alexanderplatz gefahren waren.Krawalle am Alexanderplatz MDR, 2019, Aussage von Margitta Kupler; der Hintergrund des vorherigen Fußballspiels wurde bei der Auswertung der Vorgänge bis dahin nicht ausreichend berücksichtigt; viele Fans des 1. FC Union waren bekannt für Ausschreitungen nach Fußballspielen und für ihre Ablehnung der Polizei
Offiziell wurden 66 Volkspolizisten verletzt, mit Prellungen, Platzwundem, Hämatomen und Schnittwunden. Zwei starben an diesem Tag, einer durch einen Messerstich und einer erschlagen durch einen vollen Bierkasten.Reuters vom 12. Oktober 1977 MfS-Untersuchungsbericht zu den Protesten BStU (Memento), erwähnte ebenfalls mehrere Tote Zwei weitere erlagen in den folgenden Tagen ihren Verletzungen.Brennende Uniform, in Spiegel vom 13. November 1977 Ein Mädchen starb an den Folgen des Sturzes in den Lüftungsschacht. Die genaue Zahl der verletzten Jugendlichen und die Schwere ihrer Verletzungen ist nicht bekannt.
Sämtliche Fensterscheiben im Erdgeschoss des Fernsehturms wurden zerschlagen, Pflastersteine herausgerissen, die Außenanlagen des Straßencafés verwüstet und weitere Zerstörungen angerichtet.Fotodokumentation DDR im Blick, Info-Nr. 623-77, mit Fotos der Verwüstungen (Bild 7 und 8); auch des Lüftungsschachtes (4–6) Der gesamte Sachschaden wurde auf etwa 50.000 Mark berechnet.
Augenzeugenberichte Ein West-Berliner Studentenpaar berichtete
Der französische Korrespondent Jean-Marcel Bouguerreau bestätigte
Ein Ost-Berliner jugendlicher Beteiligter berichtete
Die Ost-Berlinerin Margitta Kupler beobachtete die weitere Entwicklung von einem naheliegenden Hochhaus in der Rathausstraße
Die Beschreibungen von Karl Winkler sind teilweise literarische Fiktionen und widersprechen sich. In einigen Details davon Angaben von Augenzeugen.Karl Winkler, Zur Klärung eines Sachverhalts, Aufbau, Berlin 1990, auch „Wir wollen euren Friedhofsfrieden nicht“, in Spiegel vom 14. März 1983 Text; das Rockkonzert wurde sofort nach Bekanntwerden des Unfalls unterbrochen, was zu dem Unmut der Jugendlichen führte, Karl Winkler behauptete dagegen irrtümlicherweise, das Konzert sei weitergegangen, auch wirken einige Schilderungen etwas übertrieben, was die unbestrittene Härte der Volkspolizisten betrifft
Reaktionen In den westlichen Medien wurde ausführlich über die Vorgänge berichtet. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN und die Tageszeitungen gaben abgemilderte und beschönigende Darstellungen.Neues Deutschland vom 8. Oktober 1977, und weitere Tageszeitungen (Berliner Zeitung?)
Die entstandenen Sachschäden wurden in den nächsten Stunden wieder behoben, so dass am nächsten Tag keine Spuren der Ereignisse mehr zu erkennen waren.
Danach wurden umfassende Vorsorgemaßnahmen getroffen, um ähnliche Ausschreitungen in der Zukunft zu verhindern. Bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November 1977 spielten keine Beatgruppen mehr auf dem Alexanderplatz, sondern nur Schlagergruppen und Ensembles. Bei allen größeren Volksfesten und Großveranstaltungen wurden zusätzliche Vorkehrungen getroffen. Außerdem bemühte sich das MfS verstärkt, jugendliche Inoffizielle Mitarbeiter zu gewinnen, um kritische Jugendgruppen besser beobachten und zersetzen zu können.
Dieser spontan entstandene gewaltsame Widerstand gegen die Staatsgewalt war ein deutlicher Ausdruck der Ablehnung vieler Jugendlicher zu dem Land, in dem sie aufgewachsen und sozialistisch erzogen worden waren.Brennende Uniformen, in Spiegel vom 13. November 1977 (unten) Es blieben aber die einzigen größeren gewaltsamen Protestaktionen in der DDR nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953.
Literatur Brennende Uniform. In Spiegel vom 13. November 1977 Text, mit vielen Details Vom Rockkonzert zur Straßenschlacht. In Berliner Zeitung vom 7. Oktober 2017 Text Blutige Erdbeeren unterm Fernsehturm, in Berliner Zeitung vom 7. Oktober 2000
Weblinks
Margitta Kupler Haus der Geschichte, Zeitzeugen-Portal, mit Erlebnisbericht Krawalle am Republikgeburtstag Und niemals vergessen (Memento), mit Links zu mehreren Presseberichten
Einzelnachweise
Kategorie:Ereignis in der DDR Kategorie:Jugend (DDR) Kategorie:Konflikt 1977 Kategorie:Alexanderplatz