Die Sage vom Ewigen Juden hat im Verlauf der Zeit zahlreiche lyrische Verarbeitungen erfahren, die im Folgenden näher hinsichtlich ihres Inhalts und ihrer Deutung vorgestellt werden. Berücksichtigung finden Ahasver-Werke deutscher Sprache, die nach der ersten Verarbeitung des Sagen-Stoffes durch Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1774 entstanden sind.
1. Die Warnung – August Wilhelm Schlegel (1801) Die Warnung ist eine Romanze von August Wilhelm Schlegel aus dem Jahr 1801. Sie behandelt in Form eines Zeugenberichts das Aufeinandertreffen des Ewigen Juden Ahasverus mit zwei sündhaften Jugendlichen, denen er ihr gottloses Leben vor Augen führt. Das Gedicht umfasst insgesamt 22 Strophen zu je sieben Versen und besitzt das Reimschema ababccd, wobei der siebte Vers in der Regel eine Kernaussage der vorherigen Strophe beinhaltet.
Inhalt Vor einer Schenke auf einer Bank sitzen zwei Jugendliche und amüsieren sich köstlich über den christlichen Glauben. Zu ihnen gesellt sich ein alter Wanderer, über den sich die beiden ebenfalls belustigen. Wie „zwey wilde, rohe Buben“August Wilhelm Schlegel: Die Warnung. Romanze. In: August Wilhelm Schlegel (Hrsg.): August Wilhelm Schlegel‘s poetische Werke. Erster Theil. Zweytes Buch. Lieder und Romanzen, Neueste Auflage, B. Ph. Bauer, Wien 1816, S. 162. betrinken sich beide in der Gastwirtschaft und zeigen sich als sündige Gestalten, die sich sowohl gewaltbereit, maßlos wie auch blasphemisch geben. Sie prahlen gar damit, öffentlich ein Marienbild beschmiert und ein Abbild Jesu geschändet zu haben.August Wilhelm Schlegel: Die Warnung. Romanze, in: August Wilhelm Schlegel (Hrsg.): August Wilhelm Schlegel‘s poetische Werke. Erster Theil. Zweytes Buch. Lieder und Romanzen, Neueste Auflage, B. Ph. Bauer, Wien 1816, S. 163. Außerdem haben sie die Nachbarskatze getötet.
Der Alte hört sich stillschweigend die Prahlereien und Gehässigkeiten der beiden Jungen an, bis diese ihn schließlich bemerken und verjagen. Um beide wieder auf den Weg der Tugend zu führen, gibt sich der mysteriöse Alte als Ewiger Jude Ahasverus zu erkennen und erzählt ihnen von seiner Anwesenheit bei der Kreuzigung Jesu. Er macht beide darauf aufmerksam, dass sie nicht derartige Gotteslästerung betreiben würden, hätten sie mit eigenen Augen das Leiden Christi auf seinem Kreuzweg mit angesehen:
„Ich weiß gewiß, ihr spräch't nicht so,/ Wär`t ihr einst mitgegangen;/ Ihr hättet nicht, der Qualen froh,/ Am Kreuz ihn sehen hangen/ Wie aus bittern Wunden quoll,/ Aller Lieb' und Erbarmung voll/ Sein heilig göttliches Leben“August Wilhelm Schlegel: Die Warnung. Romanze. In: August Wilhelm Schlegel (Hrsg.): August Wilhelm Schlegel‘s poetische Werke. Erster Theil. Zweytes Buch. Lieder und Romanzen, Neueste Auflage, B. Ph. Bauer, Wien 1816, S. 165.
Auf das Interesse der Jugendlichen an seiner Person hin, erzählt der Ewige Jude seine Geschichte wie sie sich auch in der Kurzen Beschreibung von 1602 finden lässt. Schließlich erscheint auf der Stirn des Ewigen Wanderers ein brennendes Kreuz und die beiden Jugendlichen verfallen bei dessen Anblick fast dem Wahnsinn. Nachdem Ahasver weitergezogen ist, kommentiert die letzte Strophe des Gedichts die späte Reue der Jungen:
„Zu spät zerknirrscht sie's und gereut's/ Gott läßt mit sich nicht scherzen;/ Es brennt das feurig blut'ge Kreuz/ In den lieblosen Herzen“.
Deutung Schlegel bedient sich in seiner Romanze dem seit dem 18. Jahrhundert in der Volkssage bekanntem Muster der Ahasver-Sagen, in denen der Ewige Jude als mehr oder weniger dämonische Gestalt auf vermeintlich Normalsterbliche trifft. Es handelt sich daher bei diesem Gedicht um die erste, bislang bekannte literarische Adaption dieser eigentlich aus der Mündlichkeit entstammenden Erzähltradition in Deutschland. Als Besonderheit fügt Schlegel dem Ewigen Juden in seiner Romanze Züge des spanischen Vorbilds Juan Espera en Dios ein, der im Gegensatz zur eigentlichen Ahasver-Gestalt das Feuermal des Kreuzes auf seiner Stirn trägt.
2. Der ewige Jude – Aloys Wilhelm Schreiber (1817) Der ewige Jude ist ein Gedicht des Badener Schriftstellers und Hofhistorikers Aloys Wilhelm Schreiber aus dem Jahr 1817. Es besteht aus 15 Strophen zu je fünf Versen und verfolgt ein an das Limerick angelehntes Reimschema. Zentrales Thema des Gedichts ist die Todessehnsucht des Ewigen Juden Ahasverus, der sich – von Einsamkeit und Angst getrieben – seinen baldigen Tod herbeiwünscht.
Inhalt Aus einem unbekannten Gebirge heraus wankt ein erschöpfter alter Mann hervor, der mit seinem Wanderstab scheinbar gehetzt durch das Gelände getrieben wird. Es handelt sich um den Ewigen Juden, der sich auf seiner fluchbelasteten Wanderschaft befindet.
Von den Toten aus den Gräbern verhöhnt, zieht es den Ewigen Juden direkt in ein Gewitter hinein, dessen Blitzschlag jedoch wirkungslos bleibt. An einem kleinen Fluss vermag er nicht zu rasten, eine Blume nicht zu pflücken, um dessen Duft zu genießen.Aloys Schreiber: Der ewige Jude. In: Aloys Schreiber (Hrsg.): Gedichte (=Poetische Werke von Aloys Schreiber, Band 1), Heinrich Laupp, Tübingen 1817, S. 253. An einem Kruzifix unter einer Zwillingseiche vorbeikommend, kniet der Gepeinigte nieder und betet zu Jesus, ihn endlich von seinem Leid zu erlösen.
Schließlich erscheint der Heiland und erbarmt sich Ahasvers verfluchter Seele. Er erlöst ihn von seinem Fluch und der Ewige Jude stirbt kniend vor dem Kreuz.Aloys Schreiber: Der ewige Jude. In: Aloys Schreiber (Hrsg.): Gedichte (=Poetische Werke von Aloys Schreiber, Band 1), Heinrich Laupp, Tübingen 1817, S. 256.
Deutung Gemäß den Ausführungen Helbigs steht bei Schreiber Ahasvers Zwang zur Entsagung von Genüssen des Lebens im Vordergrund.Friedrich Helbig: Die Sage vom „Ewigen Juden“. Ihre poetische Wandlung und Fortbildung, Lüderitzsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1874, S. 10. Der Ewige Jude vermag nicht, sich am Verlauf eines Baches niederzusetzen oder den Duft einer Blume zu genießen. Stattdessen wird sein unsterbliches Leben von Angst und Einsamkeit dominiert.
Anders als in Schubarts Lyrischer Rhapsodie ist es letztlich allerdings nur der ehrliche Glaube, der Schreibers Ahasver-Figur fehlt, um sterben zu dürfen.
3. Auf Golgatha – August Graf von Platen (1820) Auf Golgatha ist ein Gedicht des aus Ansbach stammenden Dichters Graf August von Platen aus dem 1820, das unter anderem in den Gesammelten Werken des Dichters aus dem Jahre 1847 enthalten ist. Das Gedicht ist ein Rollengedicht und besteht aus insgesamt 21 Strophen zu je vier Versen. Im Gedicht trifft ein alter Greis, der den wandernden Juden Ahasver verkörpert auf einen einsamen Wanderer – genannt Pilgrim.
Inhalt Ein stark religiös geprägter Pilger sinkt an einer heiligen Stätte nieder und betet. Zu ihm gesellt sich ein alter Greis, der das Ende seiner Jugend und seine Vergangenheit beweint. Der Greis begrüßt den Pilger als „Freund“August Graf von Platen: Auf Golgatha. In: August Graf von Platen (Hrsg.): Gesammelte Werke des Grafen August von Platen. Erster Band, Cotta’scher Verlag, Stuttgart und Tübingen 1847, S. 199. und klagt ihm den Wunsch, nach langem Leben endlich sterben zu dürfen. Der christliche Pilger ist sich dessen sicher und spendet dem Alten, der „wohl neunzig Winter (…) schwinden [sah]“August Graf von Platen: Auf Golgatha. In: August Graf von Platen (Hrsg.): Gesammelte Werke des Grafen August von Platen. Erster Band, Cotta’scher Verlag, Stuttgart und Tübingen 1847, S. 199. Trost und Hoffnung. Auf die Bemerkung des Greises hin, dass er bereits mehr als ein Jahrtausend alt sei, erschaudert der Pilger zunächst und weicht in Ehrfurcht zurück. Nun gibt sich der Alte als Ewiger Jude Ahasver zu erkennen, was den Pilger zu einer Belehrung veranlasst, der Ahasvers göttliche Strafe als gerechtfertigt ansieht und für das gesamte jüdische Volk als zutreffend bezeichnet:
„Streng ist eure Buße, Deine, deines Volkes/ Doch wie lange schleppen/ Wirst du diese Glieder?“August Graf von Platen: Auf Golgatha. In: August Graf von Platen (Hrsg.): Gesammelte Werke des Grafen August von Platen. Erster Band, Cotta’scher Verlag, Stuttgart und Tübingen 1847, S. 201.
Nach dieser zunächst deutlichen Vorhaltung, bringt der Ewige Jude den Pilger jedoch durch seinen Verweis auf den ebenfalls im Gang befindlichen Sitten- und Glaubensverfall des Christentums ins Grübeln. Beide erkennen schließlich im jeweiligen Schicksal des Anderen den einzigen Weg auf Erlösung – den unbedingten Glauben an Gott. So vernimmt Ahasver plötzlich aus dem Himmel einen „Siegesweltenhymnus“August Graf von Platen: Auf Golgatha. In: August Graf von Platen (Hrsg.): Gesammelte Werke des Grafen August von Platen. Erster Band, Cotta’scher Verlag, Stuttgart und Tübingen 1847, S. 202., beide bedanken sich gegenseitig bei dem jeweils Anderen für die tiefgreifende Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes und beten gemeinsam.
Deutung Das zunächst als Antithese konzipierte Gedicht, das in seinen Sprechern die zunächst unvereinbar erscheinenden Positionen von Christentum und Judentum verkörpert, wird schließlich durch das gemeinsame Gebet aufgelöst. Die Struktur des Rollengedichts, welche den Text von Platens besonders von anderen Ahasver-Werken unterscheidet, nimmt so den Dialog zum zentralen Element, um die Konversion des Ewigen Juden zu bewirken.
4. Der ewige Jude (in Reiselieder) – Wilhelm Müller (1823) Das 1823 verfasste und unter anderem in einer Miniatur-Ausgabe von 1850 abgedruckte Gedicht Der ewige Jude von Wilhelm Müller behandelt die soziale und weltliche Isolation des Ewigen Juden Ahasverus in Gestalt eines lyrischen Ichs vor dem Hintergrund seiner ewigen Einsamkeit. Das Gedicht setzt sich aus insgesamt elf Strophen zu je vier Versen zusammen und wurde im Paarreim verfasst.
Inhalt Auf seinen Wanderungen wird dem lyrischen Ich seine Abgeschiedenheit von der (belebten) Welt immer wieder vor Augen geführt: Das wärmende Sonnenlicht oder den erfrischenden Nebeltau auf der Haut zu spüren ist ihm ebenso unmöglich, wie die Gesellschaft der Tiere und Pflanzen zu genießen.Wilhelm Müller: Reiselieder. III. Wanderlieder. Der ewige Jude. In: Wilhelm Müller (Hrsg.): Gedichte von Wilhelm Müller. Miniatur-Ausgabe. Erster Theil, Brockhaus, Leipzig 1850, S. 94–95. Die Ausgrenzung von der Welt steht dabei in starkem Kontrast mit dem leidenschaftlichen Gefühl, das es eigentlich für alles empfindet, was es umgibt. Während Adler, Delphin und Wasserfall im Erreichen ihres Horstes, einer Bucht oder des Meeres ein Ziel verfolgen, verläuft das Leben des lyrischen Ichs ziellos und monoton. Selbst die Wolken würden schließlich im Regen ihren verdienten, gesegneten Tod finden. Schließlich bittet das lyrische Ich die Hörer seines Klageliedes darum, für seine Möglichkeit auf Ruhe und Tod zu beten.Wilhelm Müller: Reiselieder. III. Wanderlieder. Der ewige Jude. In: Wilhelm Müller (Hrsg.): Gedichte von Wilhelm Müller. Miniatur-Ausgabe. Erster Theil, Brockhaus, Leipzig 1850, S. 96.
Deutung Anders als in anderen Gedichten übernimmt hier ein lyrisches Ich die Klage über das Leid des Ewigen Juden. Helbig betont das „tief elegisch[e] Bild der Öde und des Verlassenseins“Friedrich Helbig: Die Sage vom „Ewigen Juden“. Ihre poetische Wandlung und Fortbildung, Lüderitzsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1874, S. 11., welches den Text von anderen Gedichten über den Ewigen Juden unterscheide. Eine „die Seele durchschauernde Melancholie“Friedrich Helbig: Die Sage vom „Ewigen Juden“. Ihre poetische Wandlung und Fortbildung, Lüderitzsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1874, S. 10. sei in dem Gedicht allgegenwärtig. Die besondere Emotionalität, die das Gedicht Müllers auszeichnet, findet sich innerhalb der verschiedenen Gedichte über den Ewigen Juden äußerst selten.
5. Die beiden Ahasvere – Johann Gabriel Seidl (1826)