Der internationale Tag der Menstruationshygiene (englisch Menstrual Hygiene Day), auch Weltmenstruationstag, wurde 2014 lanciert und findet seither jedes Jahr am 28. Mai statt. Durch die öffentliche Wahrnehmung von Menstruation mitsamt den jeweiligen, global sehr unterschiedlichen Bedingungen soll der Aktionstag zu Entstigmatisierung beitragen und über Monatshygiene aufklären.
Hintergründe Periodenarmut („period poverty“) stellt ein globales, alle Länder betreffendes Problem dar, in dem Stigma und Tabu zusammentreffen.Victoria J. Haneman: Menstrual Capitalism, Period Poverty, and the Role of the B Corporation. In: Columbia Journal of Gender and Law, Band 41, 2021, S. 133f. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen waren im Jahr 2017 weltweit 1,9 Milliarden Frauen im Menstruationsalter mit durchschnittlich 65 Tagen Regelblutung im Jahr. Das sind etwa 26 Prozent der Weltbevölkerung. Von ihnen haben schätzungsweise 500 Millionen während ihrer Menstruation keinen Zugang zu Menstruationsprodukten oder können sie sich nicht leisten. In Ländern wie Äthiopien, Uganda, Niger und Kenia müssen bis zu 70 Prozent der Frauen und Mädchen darüber hinaus noch ohne ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser und medizinischer Versorgung zurechtkommen. Nepalesinnen sind während der Menstruation vielfach nach wie vor, trotz veränderter Gesetzeslage, der Isolierung ausgesetzt.A. Mukherjee, M. Lama, U. Khakurel et al.: Perception and practices of menstruation restrictions among urban adolescent girls and women in Nepal: a cross-sectional survey. In: Reproductive Health 17, 81 (2020).
In der MenstruationsforschungDer Forschungszweig Critical Menstruation Studies ist im internationalen Diskurs seit spätestens 2020 etabliert (vgl. z. B. das Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies). In Deutschland, wo die Forschung „bisher eher marginal“ scheine, wird zu „Kriterien für eine macht- und herrschaftskritische, intersektional arbeitende kritische Menstruationsforschung“ in der Tradition feministischer Wissenschaftskritik gearbeitet (vgl. Bauer, 2022). wird das sogenannte Menstrual Hygiene Management (MHM) auch in Hinblick auf „Hygienisierung und Kommerzialisierung der Menstruationsblutung“ kritisch betrachtet.Sophie Bauer: Mehr als nur Blut. Stand und Potenziale der (kritischen) Menstruationsforschung. In: Gender. Heft 3, 2022, S. 106–118. Menstruationskapitalismus („menstrual capitalism“) wurde im unmittelbaren Zusammenhang mit Periodenarmut als solcher benannt.Bridget Crawford: Against Menstrual Capitalism, feministlawprofessors.com, 25. Juni 2018. Crawford betrachtet Menstruationskapitalismus als das Marketing und den Vertrieb von Menstruationshygieneartikeln mit den Mitteln feministischer Botschaften und einem damit verbundenen PR-Heiligenschein-Effekt (“the marketing and selling of menstrual hygiene products by means of feminist messages that attempt to create a public-relations ‘halo effect’”).
Namensgebung Die Benennung des jährlichen Aktionstages wurde vor seiner Einführung international diskutiert. In Schweden gab es Vorbehalte gegen die von den Initiatoren propagierte Bezeichnung Internationaler Tag der Menstruationshygiene / International Menstrual Hygiene Day: Bei der Zweijahrestagung der Society for Menstrual Cycle Research (SMCR) im Juni 2013 seien Forscherinnen und Aktivistinnen, so überliefert es die beteiligte Soziologin Josefin Persdotter, dem Grundgedanken sehr aufgeschlossen, dem angedachten Namen „mehr als zögerlich“ begegnet – die prioritäre Verknüpfung von Menstruation mit „Hygiene“ (somit auch mit „Schmutz“) habe zu diesem Zeitpunkt in der kritischen Menstruationsforschung bereits seit längerem als problematisch und folgenreich gegolten. Die schwedischen Partner entschlossen sich, den Bestandteil „Hygiene“ aus dem Namen zu streichen; sie installierten den 28. Mai als internationella mensdagen / International Menstruation Day.Josefin Persdotter: Menstrual dirt – An exploration of contemporary menstrual hygiene practices in Sweden. Arkiv Förlag, Lund 2022, S. 24.
Während das Datum des Aktionstages seit 2014 zu einer fixen Größe geworden ist, kam es bei der Benennung zu Modifikationen. Fünf Jahre nach Einsetzung des Tages hieß es in der feministischen Zeitschrift Ms.: „Happy Menstrual Hygiene Day! We’re renaming it Menstrual Equity Day“ (dt. sinngemäß: „Tag der Menstruationsgerechtigkeit“).
Ausgangslage, Initiatoren und Ziele mini|alt=Gruppenbild vor einem Banner des Menstrual Hygiene Day, zum Großteil Frauen in traditioneller, bunter Bekleidung. Einige halten rosafarbene Blumen, Päckchen oder Luftballons in die Höhe.|Feier zum Menstrual Hygiene Day in Bangladesch, 2015 Obwohl Bestandteil der Menschenrechte auf sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung, wurde die Menstruationshygiene lange Zeit als Tabuthema behandelt und in der humanitären Entwicklungszusammenarbeit ignoriert. Im Jahr 2011 wurden Entwicklungsziele für das neue Jahrtausend bei einer internationalen Konferenz des WASH-Sektors„WASH“ steht für WAsser, Sanitärversorgung und Hygiene. diskutiert und in Verbindung mit Menstruation thematisiert. In der Folge schrieben WHO und UNICEF die Aufgabe fest, es allen Frauen und Mädchen zu ermöglichen, mit ihrer Periode „hygienisch, sicher und würdevoll“ („hygienically, in safety, and with dignity“) zu leben.WHO, UNICEF: Consultation on draft long list of goal, target and indicator options for future global monitoring of water, sanitation and hygiene. 2012, abgerufen am 20. Mai 2023
„Eine wichtige Rolle“ beim Unterfangen, Aufmerksamkeit und Engagement („advocacy“) für die Thematik zu fördern, habe auch, so eine Einschätzung aus heutiger Sicht, die Ausrufung eines jährlichen Aktionstages gespielt.Elli W. Sugita: Gender and Culture Matters: Considerations for Menstrual Hygiene Management. In: Taro Yamauchi, Seiji Nakao und Hidenori Harada (Hrsg.): The Sanitation Triangle. Socio-Culture, Health and Materials, Springer, 2022, S. 69. Dieser wurde 2014 zum ersten Mal in konzertierter Form begangen, damals unter dem Motto „Let's start the conversation about menstruation“ (deutsch: „Lasst uns das Gespräch über Menstruation beginnen“).Marielle Snel und Carmen da Silva Wells: Why focus on menstrual hygiene management? International Water and Sanitation Centre (IRC), abgerufen am 16. Mai 2023, zitiert in Deepa Joshi, Gerlinde Buit, Diana Gonzalez-Botero: Menstrual hygiene management: education and empowerment for girls? In: Waterlines Menstrual Hygiene Management, Band 34, Nr. 1, 2015, S. 51. Einer der späteren Schwerpunkte lautete „Empowerment“.Normalising menstruation, empowering girls, Editorial zu The Lancet. Child & Adolescent Health, Band 2, Ausgabe 6, Juni 2018. Der Tag soll gemeinnützige Organisationen, Regierungsbehörden, die Privatwirtschaft, Einzelpersonen und die Medien zusammenbringen, um das Konzept des „Menstrual Hygiene Management (MHM)“ zu fördern. Die Festlegung auf den 28. Mai steht im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der im Durchschnitt 28 Tage umfasst und eine Menstruationsdauer von etwa fünf Tagen pro Monat hat.
WASH United ist gemäß Selbstdarstellung „eine [...] Kreuzung aus interessensspezifischer Nichtregierungsorganisation und Kreativagentur“ („a [...] crossbreed between an advocacy NGO and a creative agency“). Das Unternehmen mit Rechtsform gGmbH begründete den Weltmenstruationstag als „Menstrual Hygiene Day“ und koordiniert seit 2014 einen Teil der weltweit zum 28. Mai durchgeführten Aktionen. Es ist Mitglied im WASH-Netzwerk, einem Verbund aus 29 Nichtregierungsorganisationen (Stand 2023), der sich nach eigenen Angaben für die Umsetzung der Menschenrechte und globale Nachhaltigkeitsziele im Bereich Wasser-, Sanitärversorgung und Hygiene einsetzt. WASH United unterstützt Partnerorganisationen vor Ort mit Bildungsprogrammen und Kampagnen zur Menstruationsgesundheit und -hygiene. Diese sollen die Menstruation als natürlichen Vorgang des Körpers enttabuisieren und das Selbstbewusstsein von Frauen und Mädchen bestärken. Im Jahr 2022 beteiligten sich, so die Koordinatoren, weltweit mehr als 900 Organisationen, größtenteils NGOs aus Subsahara-Afrika und Indien.
Die weltweite Unterversorgung weist auf ein enormes wirtschaftliches Wachstumspotenzial für Menstruationshygieneartikel (MHA) hin. Das kann im Zusammenhang mit dem Engagement von Konsumgüter-Konzernen des globalen Norden – in der Entwicklungszusammenarbeit generell und beim gegenständlichen Aktionstag im Speziellen – kritisch betrachtet werden.Shenila Khoja-Moolji und Esther O. Ohito: Containing the Leakiness of Impure Inhumans. Bleeding Third-World Bodies and the Confining Cultural Politics of Menstrual Hygiene Campaigns, in Susan Talburt (Hrsg.): Youth Sexualities: Public Feelings and Contemporary Cultural Politics, S. 107ff.Camilla Mørk Røstvik: Cash Flow. The businesses of menstruation. London, UCL Press, 2022, S. 194. Als Hauptsponsoren präsentiert die Kampagnenwebsite Procter & Gamble und Kimberly-Clark.
Ausreichende Menstruationshygiene ist ein wichtiger Aspekt, um die Gesundheitsversorgung in Ländern mit mittleren und niedrigen Einkommen zu verbessern. In vielen Gesellschaften und Kulturen ist die Menstruation ein mit Schamgefühlen besetztes Tabuthema, das von Stigmatisierung, Diskriminierung und Menstruationsshaming begleitet wird. Mehr als der Hälfte aller Mädchen in Entwicklungsländern, insbesondere in ländlichen Gegenden, fehlen die Voraussetzungen und Hilfsmittel für eine angemessene Menstruationshygiene. Menstruierende Mädchen nehmen dort weniger am Unterricht teil, was sich negativ auf ihre Bildung und die Geschlechtergleichstellung auswirkt. Periodenprodukte aus minderwertigem Material erhöhen das Risiko von urogenitalen Infektionen, einschließlich der bakteriellen Vaginose. Auch in Industrieländern können Faktoren wie mangelhafte Aufklärung, Vorurteile, Kosten und Sicherheitsbedenken eine unzureichende Menstruationshygiene zur Folge haben. Eine Umfrage des österreichischen Info-Portals Erdbeerwoche unter 1100 Jugendlichen zeigte erheblichen Aufklärungsbedarf. Mehr als die Hälfte der Mädchen hatte noch nie vom Toxischen Schocksyndrom (TSS) gehört und wusste nicht, wann ein Tampon spätestens gewechselt werden muss. 83 Prozent warfen Monatshygieneprodukte nach Gebrauch in die Toilette.
Der Menstruationshygienetag bezieht sich auf alle Menschen, die menstruieren. Die Organisatoren erkennen nach eigenen Angaben an, dass sich nicht alle menstruierenden Menschen als Frauen identifizieren, beziehen sich in ihrer Arbeit aber meist explizit auf Frauen und Mädchen.
Aktionen (Auswahl) Neben den von Wash United konzipierten und koordinierten Veranstaltungen gab und gibt es autonom Eingebrachtes. Gleich zum ersten Weltmenstruationstag unterstützte die Society for Menstrual Cycle Research (SMCR) einen Gesetzesentwurf der New Yorker Kongressabgeordneten Carolyn B. Maloney und forderte unabhängige Forschung zu den Gesundheitsrisiken von Bestandteilen und Zusatzstoffen von Standard-Menstruationshygieneartikeln sowie Datenerhebung und -analyse zum Toxischen Schocksyndrom im Zusammenhang mit der Anwendung von Tampons.