Das Clemens Sels Museum Neuss ist ein Kunstmuseum in Neuss. Es ist ein modernes Mehrspartenhaus, in dem Kunst vom Mittelalter bis zum Barock und Malerei der Niederländer zu sehen ist. Die Sammlung umfasst Gemälde der Nazarener, der Präraffaeliten und der Symbolisten Frankreichs, Belgiens und Hollands. Zur Kunstsammlung gehört auch ein umfangreicher Bestand an Werken der Rheinischen Expressionisten und der Modernen Primitiven sowie der Konzeptuellen Farbmalerei.
Außerdem beherbergt das Gebäude bedeutende archäologische, stadtgeschichtliche und volkskundliche Sammlungen, um die Geschichte von Neuss, das zu den ältesten Städten Deutschlands zählt, zu dokumentieren.
Geschichte miniatur|hochkant|Neusser Obertor, Teil des Museums, im Oktober 2004
1839 gründete der Physikus und Regimentsarzt Hermann Jäger (1792–1848) den Neusser Heimat- und Geschichtsverein. Bereits 1845 konnte Jäger mit Unterstützung des preußischen Königs das „Städtische Museum für Alterthümer der Umgegend“ ins Leben rufen.
Durch die 1877 erfolgte Neugründung des Altertumsvereins entwickelte sich ein neues Interesse an den Sammlungen. Clemens Sels übernahm als Museumswart die Betreuung und den Aufbau der vorhandenen Bestände, die seit 1889 im Obertor, einem Bau der alten Stadtbefestigung aus dem 13. Jahrhundert, untergebracht und ausgestellt wurden. Ein Jahr später vernichtete jedoch ein Brand Teile der Sammlung, die erst nach Wiederinstandsetzung des Obertores 1906 dorthin zurückkehren konnte.
1908 verstarb Pauline Sels, die in ihrem Testament der Stadt Neuss „als unteilbares Vermächtnis den Betrag von 250.000 Mark zum Bau eines städtischen Museums (geeigneten Falles in Form eines griechischen Tempels), für welches die Stadt einen möglichst im Mittelpunkt der Stadt gelegenen Bauplatz (…) unentgeltlich herzugeben hätte“ vermachte. Mit diesem Geld konnte das erste eigenständige Museumsgebäude errichtet werden, das im August 1912 eingeweiht wurde. Zusätzlich erhielt die Stadt von Pauline Sels die umfangreiche Sammlung ihres bereits 1893 verstorbenen Ehemannes Clemens Sels.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurde das Museumsgebäude zerstört. Die noch intakten Ausstellungsstücke verbrachte man daraufhin ins Obertor, wo 1950 die Wiedereröffnung unter dem Namen Clemens-Sels-Museum erfolgte. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Sammlung kontinuierlich erweitert und um Werke des 19. und 20. Jahrhunderts ergänzt. 1962 wurde der „Verein der Freunde und Förderer des Clemens-Sels-Museums“ gegründet. Im Zuge des intensiven Ausbaus der Sammlungsbestände durch Irmgard Feldhaus, die von 1949 bis 1985 das Museum leitete, entstand 1975 ein Neubau nach den Entwürfen des Architekten Harald Deilmann. Dabei wurde das Obertor in den Neubau integriert. Auf Irmgard Feldhaus folgte als Leiter des Museums Max Tauch, der seinerseits von 1985 bis 1998 an der Spitze des Museums stand. Die von 2005 bis 2023 als Beigeordnete der Stadt Neuss für Schule, Bildung und Kultur tätige Christiane Zangs leitete das Museum vom 1. Januar 1999 bis zum 1. Juli 2004 sowie interimistisch bis zum August 2005. Ihr folgte von September 2005 bis 31. März 2006 Peter Dering. Die stellvertretende Direktorin Gisela Götte übernahm die Museumsleitung bis zum 1. Dezember 2008. Seitdem ist Uta Husmeier-Schirlitz die künstlerische und geschäftsführende Direktorin des Clemens Sels Museum Neuss, einschließlich der 2010 eröffneten Dependance im Kulturraum Hombroich, dem Feld-Haus, Museum für populäre Druckgrafik. Nach einer umfangreichen Sanierung, die eineinhalb Jahre dauerte, wurde das Museum 2015 wieder eröffnet. Bereits vor der im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zeitweisen Aufhebung des Ausstellungsbetriebs hat das Clemens Sels Museum sein Angebot digitaler Formate, beispielsweise mit einem virtuellen Ausstellungsraum und in der Kunstvermittlung mit Hybridveranstaltungen, ausgebaut. Im Mai 2022 führte ein Unwetter mit Starkregen zu einem Wassereinbruch in das Untergeschoss des Museums und mehrmonatiger Schließung. Die Wiedereröffnung und Neupräsentation der im Untergeschoss untergebrachten römischen Sammlung der Stadt fand nach aufwendiger Sanierung am 12. Oktober 2025 statt.Lokalzeit aus Düsseldorf: Alte Römerstadt Neuss in 3D und digital - hier anschauen Im Erdgeschoss sowie in den weiteren Etagen des Museums werden seit November 2022 Meisterwerke aus der Sammlung sowie Sonderausstellungen gezeigt.
Schwerpunkte Archäologie, Stadtgeschichte und Volkskunde Neuss gehört zu den ältesten Städten Deutschlands. Zeugnisse seiner Geschichte, die von der Steinzeit bis zum 18. Jahrhundert reichen, befinden sich in der archäologischen Sammlung des Museums.
Ur- und Frühgeschichte Zu den ur- und frühgeschichtlichen Funden der Sammlung gehören Steingeräte von alt- und mittelsteinzeitlichen Rast- und Werkplätzen im Neusser Stadtgebiet, aber auch Funde der Bronzezeit und der Vorrömischen Eisenzeit wie Waffen oder Glasarmringe. Derzeit ist nur eine kleine Auswahl dieses Fundspektrums dauerhaft zu sehen.
Römische Zeit Bereits um das Jahr 16 v. Chr. wurde in Neuss, dem römischen Novaesium, erstmals ein römisches Militärlager errichtet. Es war eine der frühesten römischen Befestigungen in Deutschland. Um 43 n. Chr. entstand ein Legionslager, das Raum für über 6000 Soldaten bot. Das Kastell wurde zwischen 1887 und 1900 von dem Neusser Archäologen Constantin Koenen fast vollständig freigelegt. Die nach seinem Entdecker auch als „Koenen-Lager“ bezeichnete Befestigung kann heute als virtuelle Rekonstruktion im Museum erlebt werden. Aus der Zivilsiedlung (vicus) im heutigen Stadtzentrum erwuchs im Laufe der Jahrhunderte die Stadt Neuss. mini|Koenen 1891 (vorne in der Mitte sitzend)
Innerhalb der vergangenen 150 Jahre wurden im Bereich der ehemaligen römischen Militärlager, Siedlungen und Gräberfelder zahlreiche Funde geborgen, von denen eine reichhaltige Auswahl im Museum gezeigt wird. Waffen und Ausrüstungsgegenstände der Soldaten, Inschriften auf Ziegeln, Keramikgefäße und Weihesteine, aber auch Glasgefäße, Götterfiguren und medizinische Instrumente geben Einblicke in den Alltag der römischen Garnison am Rhein.
Mittelalter und Neuzeit Als eine der wenigen Städte in Deutschland verfügt Neuss über eine nahtlos dokumentierte, mehr als 2000-jährige Geschichte. Aus der spätantiken Siedlung an der Mündung der Krur in den Rhein entwickelte sich im 9. Jahrhundert ein florierender Rheinhafen. Die Handelsstadt im Schatten der romanischen Stiftskirche St. Quirin erlebte verschiedene Blütezeiten, aber auch Kriege wie die burgundische Belagerung von 1474. Vor allem die seit 1985 bestehende kommunale Bodendenkmalpflege hat einen am Niederrhein herausragenden Bestand an mittelalterlichen und neuzeitlichen Funden ergraben, zu den neben Keramik- und Glasgefäßen auch Lederschuhe, Speisereste und Waffen aus der Burgundischen Belagerung gehören. Ein Teil dieser Funde ist im Obertor, einem Stadttor aus dem 13./14. Jahrhundert, das heute zum Clemens-Sels-Museum gehört, ausgestellt.
Kunst und Kunstgewerbe des 14. bis 18. Jahrhunderts Mittelalterliche Kunst Die Abteilung „Kunst und Kunstgewerbe des 14.–18. Jahrhunderts“ umfasst im Wesentlichen Gemälde, Skulpturen, kunsthandwerkliche Objekte und Porzellan. Ihre Bestände entstammen zum großen Teil der Stiftung Clemens Sels, deren Kern einige mittelalterliche Altartafeln bilden, so auch die zwei Tafeln des Peter- und Paul-Altares der Hildesheimer Lambertikirche, die ihrem künstlerischen Rang nach zu den qualitätvollsten Leistungen der westfälisch-niedersächsischen Malerei vom Beginn des 15. Jahrhunderts gehören. Es handelt sich hierbei um zwei Bilder eines unbekannten, Konrad von Soest nahestehenden Meisters mit Darstellungen der Himmelfahrt Christi und einer ikonographisch ungewöhnlichen Szene aus dem Leben des hl. Paulus.
Zu den ältesten Figuren gehört eine zu Anfang des 14. Jahrhunderts in Lothringen entstandene Muttergottes aus Kalkstein, zu den späteren eine in Weiß und Gold gefasste Sandsteinfigur einer Immaculata, die wahrscheinlich aus der Werkstatt von Grupello stammt. Zu den besonderen Schmuckstücken und größten ästhetischen Kostbarkeiten zählt eine vierhundert Jahre alte „Madonna mit Kind“, die dem Umkreis des flämischen Malers Rogier van der Weyden (1399/1400–1464) zugeschrieben wird.
Niederländische Malerei Eine Vielzahl niederländischer Gemälde des 17. Jahrhunderts bildet neben den mittelalterlichen Tafelbildern quantitativ den eigentlichen Schwerpunkt der Sels’schen Sammlung. Zu den wichtigsten Bildern gehören hier das um 1615 entstandene Kirmesbild von Pieter Brueghel d. J. sowie das sehr typische Kinderportrait von Jacob Gerritsz Cuyp (1594–1652). Von dem Utrechter Maler Johannes Baers (1. Hälfte des 17. Jahrhunderts) stammt ein Früchtestillleben, das als ein vorzügliches Beispiel der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts zu werten ist.
Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts Präraffaeliten mini|hochkant|Dante Gabriel Rossetti (1828–1882): Maria Theresa Zambaco, 1870, Pastell auf Papier, 100 × 72 cm, Clemens-Sels-Museum Neuss Der „Geheime Bund“ dieser Bruderschaft stieß im viktorianischen England auf große Gegenliebe, die sich nicht auf den engeren Zirkel der feinen Londoner Gesellschaft beschränkte: Die berühmten Porträts, mit denen Dante Gabriel Rossetti (1828–1882) und Edward Burne-Jones (1833–1898) die schöne „Maria Theresa Zambaco“ verewigten, tauchen tief in die traditionelle Zeichenwelt ein und bilden somit einen ganz natürlichen Übergang zum Symbolismus der Werke von Gustave Moreau (1826–1898), Odilon Redon (1840–1916) und Fernand Khnopff (1858–1921), die im 19. Jahrhundert das „Reine, Edle und Erhabene“ ebenso verherrlichten wie es die Präraffaeliten vor ihnen getan hatten.
mini|hochkant|Edward Burne-Jones (1833–1898): The King’s Wedding, 1870, Gouache auf Pergament, mit Gold gehöht, Clemens-Sels-Museum Neuss
Kunst des Symbolismus Die symbolistischen Werke, die das Clemens-Sels-Museum beherbergt, gehören zu den bundesweit wichtigsten Objekten dieser Richtung, innerhalb derer die „Nabis“ einen zentralen Platz einnehmen. Der größte Teil des Bestandes kam in den fünfziger und sechziger Jahren nach Neuss – zu einer Zeit, als sich die Öffentlichkeit noch nicht sonderlich für diese französischen Werke des späten 19. Jahrhunderts interessierte. Entscheidend für die Formierung der Künstlergruppe war im Herbst 1888 das Zusammentreffen Paul Gauguins mit dem „Nabi“ (hebr. „Prophet“, „Erleuchteter“) Paul Sérusier, das Émile Bernard (1868–1941) vermittelt hatte. Von diesem Künstler ist im Clemens-Sels-Museum eine Landschaftsdarstellung aus jener Zeit zu sehen, die durch ihre flächenhaft einfachen Formen fasziniert. Dieses hängt neben Werken von Édouard Vuillard (1868–1940), Maurice Denis (1870–1943), dem Maler und Theoretiker der Gruppe, und dessen Freund Aristide Maillol (1861–1944), den man als „Cézanne der Bildhauerei“ apostrophierte.
Zu den herausragenden Vertretern des belgischen Symbolismus gehören James Ensor (1860–1949) und Fernand Khnopff (1858–1921), der sich für Gustave Moreaus geheimnisvolle Werke begeisterte und darüber hinaus von der Bildsprache der Präraffaeliten angezogen wurde. 1883 gehörte er neben James Ensor, der in Neuss mit den kapitalen Werken wie „La Marquise“ und „Le Salon bourgeois“ vertreten ist, zu den Gründungsmitgliedern der Brüsseler Künstlergruppe „Les Vingt“ („Die 20“). Von Khnopff besitzt das Clemens-Sels-Museum die Bilder „L'encens“ („Weihrauch“) und „In Brügge. Ein Portal“, in dem der Maler das Romanthema „La Bruge morte“ seines Freundes Georges Rodenbach versinnbildlichte.
mini|hochkant|Gustave Moreau (1826–1898): Le Soir, um 1887, Aquarell auf Papier, Clemens-Sels-Museum Neuss
Johan Thorn Prikker und die Rheinischen Expressionisten