Yetzer hara (, auch Yetzer Ra, teilweise auch Jetzer hara geschrieben) ist in der jüdischen Religion und speziell in der Kabbalain der Kabbala vergleiche unter Jetzira die Bezeichnung für den „Trieb zum Bösen“ oder auch „bösen Trieb“Vergleiche hierzu die wissenschaftlich psychologischen Konzepte zur Triebtheorie., die angeborene Neigung, Böses zu tun, indem man den Willen JHWHs verletzt.Joseph Jacobs: YEẒER HA-RA. In: Jewish Encyclopedia. (jewishencyclopedia.com).
Herkunft des Begriffs und Abgrenzung Der Begriff stammt von dem Ausdruck „die Phantasie [das Trachten] des Menschenherzens [ist] böse“ (), der als Begriff zweimal am Anfang der Tora vorkommt ( und ).
Im Psalm als auch im Psalm wird mit dem hebräischen Wort nabal () ein Mensch beschrieben, der Fern der Erkenntnis von Gott bleibt, nicht an ihn glaubt und damit ein (potentiell) sündiger Mensch ist. Das bedeutet, Gott in sich nicht zu erkennen, ihn zu verleugnen, wodurch das Yetzer hara unüberwunden bleibt und häufig mit einem „sündhaften“ Lebensstil einhergeht. Dieser Prozess wird durch den Begriff des Herzens () im Tanach symbolisiert.Jörg Sieger: Der Mensch als "Person". Jan Dietrich: Hebräisches Denken. Denkgeschichte und Denkweisen des Alten Testaments. (= Biblisch-Theologische Studien Band 191) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2022, ISBN 978-3-525-55292-6, S. 143Hans Walter Wolff: Anthropologie des Alten Testaments. 2. Edition von Bernd Janowski (Herausgeber), Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-08096-3, S. 75 f. Es steht für das (psychische) Innere eines Menschen und bezieht sich auf den Willen, das Denken, das Bewusstsein, die Emotionen und den Verstand sowie davon abgleitet auch für den Weg zum Yetzer ha-Tow () einer Person; es ist das Zentrum der Entscheidungsfindung.
Bedeutung im Judentum Im traditionellen bzw. rabbinischen JudentumIshay Rosen-Zvi: Demonic Desires. "Yetzer Hara" and the Problem of Evil in Late Antiquity. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2011, ISBN 978-0-8122-4339-0, S. 45 f. wird mit dem Yetzer hara nicht durchweg eine dämonische Kraft beschrieben, sondern der Missbrauch von Dingen, die der physische Mensch (mit seiner tierischen Seele im Menschen ) zum Überleben braucht. Somit wird etwa das Bedürfnis nach Nahrung aufgrund des Yetzer hara zur Völlerei; das Bedürfnis nach Fortpflanzung und Lust wird zur beziehungslosen Promiskuität und so weiter.Benzion Sorotzkin: Psychological factors in Sexual Acting out. Mental Health in the Religiously Observant Population – Nefesh Israel, 2011, S. 82–97, auf drsorotzkin.com hier S. 5; 9 Das Böse entsteht also aus dem Missbrauch dieser – im rechten Maß lebensnotwendigen – leiblichen Funktionen, etwa durch Maßlosigkeit, Begierde und Rücksichtslosigkeit, Mangel an Verantwortung etc.
Das zugrunde liegende Prinzip im jüdischen Denken besagt, dass jeder Mensch – ob Jude und Nichtjude gleichermaßen – sowohl mit guten als auch mit bösen Neigungen geboren wird. Damit wird der Yetzer hara zu einem konstitutionellen Bestandteil des Menschseins – oder anders formuliert: Der Yetzer hara ist ein natürlicher Teil von Gottes Schöpfung. Das Teilhaben an bösen Neigungen gilt damit nicht von vornherein als moralisch schlecht. Ein Problem tritt jedoch auf, wenn Menschen eine vorsätzliche Entscheidung treffen, „die Grenze zu überschreiten“, und versuchen, ihre bösen Neigungen zu befriedigen – basierend auf den prototypischen Modellen von „richtig und falsch“ (Baum der Erkenntnis) in der hebräischen Bibel.Gottfried Reeg: The Devil in Rabbinic Literature. S. 71–83, In: Erkki Koskenniemi, Ida Fröhlich (Hrsg.): Evil and the Devil. Bloomsbury T&T Clark, London 2013.
Mischnatexte Nidda 16b; vergleiche Pirke Avot 3:18: „Alle Dinge sind [von Gott] vorhergesehen, doch die Wahl ist [dem Menschen] gegeben und die Welt wird nach [ihren] Verdiensten gerichtet werden.“
In Mischna Berakhot 9:5 ist zu lesen: „Man muss [Gott] für das Böse genauso segnen, wie man für das Gute segnet. […] ‚Von ganzem Herzen‘ (l’vavkha), mit deinen zwei Impulsen, dem bösen Impuls sowie dem guten Impuls.“Vergleiche hierzu Liste der Mischnatraktate
Entwicklung und Veränderung im Menschen Das Yetzer hara ist angeboren; diese Neigung des Menschen kann aber durch Reifung und inneres Wachstum des Yetzer ha-Tow () ersetzt werden.
Siehe auch Tun-Ergehen-Zusammenhang
Literatur Martin Buber: Bilder von Gut und Böse. J. Hegner, Köln 1952. Léon Wurmser: Brücken über Abgründe – Gedanken eines Psychoanalytikers zur Zeitgeschichte. Vortrag, 20. April 2007, im Rahmen des Seminars „Die Ideenwelt des Judentums“ bei den 57. Lindauer Psychotherapiewochen 2007, S. 10. (lptw.de, PDF) Andreas Brämer: Judentum. Die 101 wichtigsten Fragen. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-59984-2, S. 44–45. Andrei A. Orlov: Yetzer Anthropologies in the Apocalypse of Abraham. Mohr Siebeck, Tübingen 2020, ISBN 978-3-16-159327-7 (marquette.edu, PDF). Tziporah Heller, Sarah Yoheved Rigler: Battle Plans: How to Fight the Yetzer Hara According to Maharal, Ramchal, Chassidic and Mussar Masters. Shaar Press, London 2009, ISBN 978-1-4226-0896-8 Ishay Rosen-Zvi: Demonic Desires. "Yetzer Hara" and the Problem of Evil in Late Antiquity. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2011, ISBN 978-0-8122-4339-0. Brett Krutzsch: Sexuality and Judaism. S. 1630–1633, In: Anais N. Spitzer, David A. Leeming (Hrsg.): Encyclopedia of Psychology and Religion. Springer US, New York 2014, ISBN 978-1-4614-6085-5
Weblinks Annette Böckler: Vorstellungen vom Bösen im Judentum – Entferne Satan vor uns und hinter uns. Welt und Umwelt der Bibel, 2/2012, S. 48–49, auf annette-boeckler.de annette-boeckler.de Is Man Intrinsically. Ask the Rabbi. Ohr Somayach International ohr.edu Jeffrey Spitzer: The Birth of the Good Inclination. In rabbinic texts, the distinction between childhood and young adulthood is the birth of the yetzer hatov, the good inclination. Jewish Ethics, My Jewish Learning, auf myjewishlearning.com myjewishlearning.com Samuel Pfeifer: Orthodoxes Judentum und Psychotherapie. Teil 1. Evangelische Hochschule Tabor, auf seminare-ps.net hier slices 15–16 Yetzer Ha-Tov and Yetzer Ha-Ra. Oxford Reference aus Louis Jacobs: A Concise Companion to the Jewish Religion. Oxford University Press, 1999, ISBN 978-0-19-280088-6, auf oxfordreference.com
Einzelnachweise
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