mini|Elfenbeinanhänger im British Museum, 16. Jahrhundert Die Idia-Elfenbeinanhänger (Uhunmwun-Idia in der Sprache Edo) sind fünf im 16. Jahrhundert aus Elfenbein geschnitzte Anhänger in Form von Miniaturmasken, die der Oba (König) des Königreichs Benin als mächtige Schutzobjekte bei Zeremonien wie dem jährlichen Igue-Fest trug. Sie stellen Idia dar, die als erste Frau in Benin den Titel Iyoba (Königinmutter) führte. Die Anhänger sind die berühmtesten und augenfälligsten Darstellungen von Frauen in der höfischen Kunst des Königreichs Benin.

Die fünf Anhängermasken wurden bei der Eroberung und Plünderung von Benin City 1897 im Rahmen einer „Strafexpedition“ der Briten in einer Truhe im Schlafgemach des damaligen Oba von Benin gefunden und als persönliche Beute beteiligter Offiziere nach England mitgenommen. Die einzelnen Anhänger, die zu den Benin-Bronzen gerechnet werden, wechselten im Laufe der Jahre mehrfach den Besitzer. Vier von ihnen befinden sich heute in europäischen und amerikanischen Museen: im British Museum in London, im Metropolitan Museum of Art in New York City, im Seattle Art Museum und in der Al Thani Collection in Paris. Im Dezember 2022 wurde der fünfte Elfenbeinanhänger aus dem Linden-Museum in Stuttgart von Deutschland an Nigeria restituiert.

1956 identifizierte Oba Akenzua II. Idia als die Frau, die die Elfenbein-Anhänger darstellen. Insbesondere der Elfenbeinanhänger, der sich im British Museum in London befindet, ist für die Bevölkerung in Nigeria und Westafrika zu einem Schlüsselsymbol geworden. Nigeria wollte 1977 diese Maske für das zweite Weltfestival für afrikanische Kunst FESTAC 77 ausleihen, was verweigert wurde. Daraufhin ließ der Oba von Benin eine Kopie anfertigen, die die Vorlage für das FESTAC-Symbol wurde. Die Idia-Maske in der Form des FESTAC-Symbols ist zu einem Symbol Afrikas geworden – in Nigeria und Westafrika, in der afrikanischen Diaspora und in der gesamten Welt.

Bezeichnungen Der Begriff für Anhängermasken lautet in Edo, der Sprache Benins, übergreifend Uhunmwu-Ẹkuẹ, doch jeder Anhänger hat in Abhängigkeit vom abgebildeten Thema einen anderen Namen. Die Anhänger, die die Iyoba Idia abbilden, werden Uhunmwun-Idia genannt.

Im Deutschen und Englischen hat sich kein einheitlicher Name für die Idia-Elfenbeinanhänger durchgesetzt. In seinem 1919 veröffentlichten umfassenden Überblick über die Benin-Bronzen bezeichnete sie der Ethnologe Felix von Luschan sowohl als Masken als auch als Elfenbeinanhänger. In späteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden wahlweise die Begriffe Elfenbeinmaske, Miniaturmaske, Anhängermasken, Elfenbeinanhänger, Hüftanhänger oder -maske verwendet. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy bezeichnete den Anhänger in ihrem Buch Afrikas Kampf um seine Kunst von 2021 als (Queen) Idia-Maske. In der Berichterstattung zur Rückgabe des Anhängers aus dem Linden-Museum nach Nigeria herrschte allgemein der Begriff „(Elfenbein-) Maske“ vor.

Entstehung und Hintergrund

Historischer Kontext

Die fünf Elfenbeinanhänger, die Idia darstellen, wurden im 16. Jahrhundert geschaffen. Sie gehörten zur höfischen Kunst, die in Benin im Hofalltag oder im rituellen Zusammenhang unterschiedliche Funktionen erfüllten. Die Anhänger wurden vermutlich von Elfenbeinschnitzern der Igbesanmwan-Gilde geschaffen, die der Überlieferung zufolge noch in der Zeit von Ogiso Ere, also bis zum 12. Jahrhundert, gegründet wurde. Im 15. Jahrhundert förderte Oba Ewuare die Elfenbeinschnitzerei besonders. Die Mitglieder der Gilde arbeiteten ausschließlich für den Oba.

In Benin wurden bei Zeremonien oft Hüftanhänger (Uhunmwu-Ẹkuẹ in Edo) aus Gelbguss oder Elfenbein getragen. Die Hüftanhänger stellen menschliche oder tierische Köpfe dar, weshalb sie oft als Masken bezeichnet werden, obwohl sie nicht zur Bedeckung des Gesichts verwendet wurden. Reliefplatten oder geschnitzte Motive auf Elefantenstoßzähnen auf Altären zeigten oftmals Darstellungen davon, wie diese Objekte am Gürtel getragen oder an der Hüfte aufgehängt wurden, weshalb sie auch oft als „Hüftmasken“ bezeichnet werden. Es war und ist kulturell reguliert, wer Hüftanhänger aus welchem Material und mit welcher Ikonographie tragen durfte. Elfenbeinmasken waren hochrangigen Ezomo oder Iyase vorbehalten, die Idia-Anhänger dem Oba.

mini|Gedenkkopf für die Iyoba Idia, 16. Jahrhundert, im Ethnologischen Museum Berlin Den Idia-Anhängermasken wurde eine Unheil abwendende Wirkung zugeschrieben. Sie bilden Idia nicht nur einfach ab, sie sollten die Iyoba Idia beschwören. Der Oba trug sie als mächtige Schutzobjekte während Zeremonien wie dem jährlichen Igue-Fest, bei denen er übernatürliche Kräfte beschwor. In der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Standpunkte, ob der Oba sie um den Hals oder an der Hüfte trug. Die fehlenden Befestigungsstege und die Patina auf der Rückseite des Anhängers, der sich ehemals im Linden-Museum befand, sprechen gegen ein Tragen als Hüftmaske. Die herausnehmbaren Stifte im Kronreif der Masken dienten als Stöpsel für geheime „Medizin“-Behälter, deren Inhalt den Oba beschützen sollte, wenn er die Anhänger bei zeremoniellen Anlässen trug. Damit hatten die Masken eine doppelte Funktion: Sie dienten als Gegenstände mit schützenden Zauberkräften und sie erinnerten an historische Ereignisse, die sich zur Blütezeit des Königreichs zugetragen hatten.

Rolle der Iyoba Idia im Königreich Benin Das Gesicht mit den zwei Markierungen auf der Stirn, der Symbolcharakter der Masken und die mündlich überlieferte Tradition verweisen darauf, dass die Masken die Iyoba Idia darstellen. Idia war als erster Frau im Königreich Benin von ihrem Sohn, dem Oba Esigie, der Titel Iyoba (Königinmutter) verliehen worden, womit eine Tradition begründet worden war. Idia gilt in Benin bis heute als „die einzige Frau, die in den Krieg zog“, denn sie hatte ihren Sohn bei seinen Feldzügen mit Hilfe einer Armee und auch mit Medizin und Magie beigestanden. Für Idia wurden im 16. Jahrhundert zudem noch drei Gelbguss-Gedenkköpfe geschaffen.

Da die weiblichen Kennzeichen in den Maskenabbildungen zurückhaltend sind beziehungsweise fehlen, wurde in Europa, aber auch in Afrika außerhalb Benins lange angenommen, dass es sich bei der Darstellung um einen Mann handelt (zum Beispiel vom Archäologen Felix von Luschan oder vom Ethnologen Augustus Pitt-Rivers). Noch 1956/57 vertrat William Fagg vom British Museum die Ansicht, es sei eine Darstellung Oba Ozoluas, Idias Ehemann. Doch werden Männer mit drei Skarifikationszeichen über den Augen dargestellt, Frauen dagegen mit vier. Wegen der Portugiesenköpfe im Kronreif identifizierte Oba Akenzua II. im Jahr 1956 in einem Interview mit dem Nigerian Observer die Elfenbein-Masken als Darstellungen Idias.

Beschreibung der Anhänger

Die fünf Anhängermasken sind alle aus Elfenbein in Form eines naturalistischen menschlichen Gesichts geschnitzt und weisen untereinander starke Ähnlichkeiten auf. Die Gesichter sind jeweils länglich-oval und werden von einem Kronreif geziert, der in manchen Darstellungen als Tiara-ähnliche Frisur beschrieben wird. Kinn und Wangen sind von Korallenketten umfasst und von einem Kragen umrahmt. Die Augenlider sind hervorgehoben, was ihrem Blick einen abgewandten Eindruck gibt. Die Pupillen und unteren Lidstriche sind durch Intarsien aus Eisen dargestellt, wodurch der Blick intensiviert wird. Die Nasenflügel sind etwas vergrößert und die vollen Lippen leicht geöffnet. Mit Ausnahme einer Maske ist der Haaransatz über der Stirn rechteckig ausrasiert. Die Gesichter haben auf der Stirn zwei vertikale balkenförmige Einschnitte, in die Eisen eingesetzt ist oder war. Über jedem Auge sind vier Skarifikationszeichen (Ziernarben) eingeritzt. Die Masken sind innen hohl.

+ Überblick über Maße der Masken in cmMaßMaske ehemals im Linden-MuseumMaske im British MuseumMaske im Metropolitan Art MuseumMaske im Seattle Art MuseumMaske in der Al Thani CollectionHöhe2124,523,823,321,7Breite1012,512,71211,8Tiefekeine Angabe66,4keine Angabe4,5

Materialien und Schmuckmotive und ihre Bedeutung

Die Anhänger unterscheiden sich bei den verwendeten Schmuckmotiven. Die Schmuckmotive – Schlammfische, Portugiesenköpfe, Flechtbandmuster, Korallenperlen – haben alle eine Beziehung zum Meer. Nach den ersten Begegnungen Portugals mit Benin im späten 15. und im 16. Jahrhundert entwickelte sich in Benin ein neuer Reichtum. Laut der Anthropologin Paula Ben-Amos ließen sich die portugiesischen Reisenden, die von jenseits des Meeres kamen und Reichtum und Luxusgüter mitbrachten, leicht in die bestehende Ideenwelt Benins einbinden, die mit dem Gott Olokun, dem Herrscher über die Meere und dem Spender irdischen Reichtums, verbunden war. Die portugiesischen Seeleute wurden auf einer Vielzahl von Objekten (Armreifen, Plaketten, Glocken, Hüftanhänger, Elfenbeinstoßzähne) dargestellt. Im Allgemeinen wurden sie mit Bewohnern von Olokuns Welt wie dem Schlammfisch kombiniert. Das Bild der Portugiesen wurde so zu einem integralen Bestandteil eines visuellen Vokabulars von Pracht und Reichtum. Die Farbe Weiß, die für rituelle Reinheit steht und dem Gott Olokun zugeordnet ist, ist in Benin mit Elfenbein verbunden. Dieses Material ist nicht nur weiß, es stellte auch ein wichtiges Handelsgut Benins dar und stand so für den Reichtum Benins.

Die Schlammfische als Lebewesen, die im Schlamm am Übergang von Wasser und Erde leben, sind eine symbolische Referenz an den Status des Königs als Grenzgänger zwischen der natürlichen und übernatürlichen Welt. Diese Fische, die über längere Zeiträume hinweg ruhend überleben können, stehen auch für die Resilienz Idias.

Die portugiesischen Köpfe, die bei den Masken im Kronreif und in der Halskrause dargestellt sind, erinnern an die europäischen Soldaten, die Oba Esigie als Söldner bei seinen Vorstößen und Kriegen in den Norden des Königreichs begleiteten. Sie sollen darauf hinweisen, dass Idia die Begabung besaß, fremde Kräfte zugunsten ihres Sohns zu lenken. Das Flechtbandmuster stellt ein Netz aus Korallenperlen dar. Die Korallenperlen symbolisieren den Reichtum und den Segen durch Olokun, den Meeresgott. Die Verwendung von Korallenperlen ist dem Oba vorbehalten.

+ Überblick über verwendete SchmuckmotiveSchmuckmotivMaske ehemals im Linden-MuseumMaske im British MuseumMaske im Metropolitan Art MuseumMaske im Seattle Art MuseumMaske in der Al Thani CollectionPortugiesenköpfe/im Kronreifim Kronreif und im Kragen//Schlammfischeim Kronreif/im Kronreif//Flechtbandmusterim Kragenim Kragen/am Oberkopf und im Kragenam Oberkopf und im KragenKorallenperlenim Stirnreif///stilisiert im Kronreif

mini|alt=Idia darstellender Elfenbeinanhänger. Das Gesicht ist länglich-oval und wird von einem Kronreif geziert. Kinn und Wangen sind von Korallenketten umfasst und von einem Kragen umrahmt. Die Augenlider sind hervorgehoben, was ihrem Blick einem abgewandten Eindruck gibt. Die Nasenflügel sind etwas vergrößert und die vollen Lippen leicht geöffnet.|Elfenbeinanhänger, 16. Jahrhundert, ehemals im Linden-Museum, übergeben an Nigeria Überblick über die fünf Anhänger

Anhänger ehemals im Linden-Museum in Stuttgart, jetzt im Besitz Nigerias Am Kronreif dieser Anhängermaske sind an einer Rosette an jedem Ende vier Korallenketten angebracht. Von den Rosetten hängt jeweils lose ein einzelner langer Strang von Korallenperlen herab. Der Schmuck aus Korallenperlen ist einmalig für diese Maske. Der Kronreif besteht aus einer Reihe stilisierter Schlammfische.

Dieser Anhänger ist stark abgenutzt und außerdem kleiner als die anderen. Daher wurde vermutet, dass er der älteste der fünf Anhänger ist.

Anhänger im British Museum in London