mini|Felix Oberborbeck, um 1928 Felix Oberborbeck (* 1. März 1900 in Essen; † 13. August 1975 in Vechta) war ein deutscher Musikpädagoge, NS-Musikfunktionär, Dirigent und Chorleiter.Abschnitt nach: Wilibald Gurlitt: Felix Oberborbeck. In: Riemann Musiklexikon 1961.Abschnitt nach: Carl Dahlhaus: Felix Oberborbeck. In: Riemann Musiklexikon 1975.
Leben und Werk Felix Oberborbeck studierte nach seinem Abitur am Königlichen Gymnasium am Burgplatz zu Essen Musikgeschichte zunächst in Münster, dann bei Wilibald Gurlitt in Freiburg im Breisgau, bei Adolf Sandberger in München und Ludwig Schiedermair in Bonn. An letzterem Ort promovierte er 1923 mit einer Arbeit über Christoph Rheineck. Während des Studiums wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KStV Cimbria Münster, KStV Rheno-Palatia Freiburg, KStV Saxonia München und KStV Vandalia Bonn im Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine.Bernhard Grün: "Burschen heraus – traget die Fahne des Reichs voraus!" Musik als Waffe der politischen Erziehung der Reichsstudentenführung, in: Einst und Jetzt. Jahrbuch für corpsstudentische Geschichtsforschung 69 (2024), S. 242–243.
Von 1925 bis 1934 wirkte er als Musikdirektor in Remscheid und Lehrer an der Musikhochschule Köln. Von 1934 bis 1939 war er Direktor der Musikhochschule Weimar und von 1939 bis 1945 an der Hochschule für Musikerziehung Graz. Im Juni 1935 wurde Oberborbeck zum Kreisführer des Deutschen Sängerbundes ernannt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wirkte er als Dozent und Dirigent an der Pädagogischen Hochschule Vechta. 1962 wurde er dort emeritiert. Felix Oberborbeck leitete von 1952 bis 1959 die Kommission für Musikerziehung der Gesellschaft für Musikforschung.
Felix Oberborbeck veröffentlichte Die Musikpflege in Memmingen (ZfMw V, 1922/1923), Deutsch und Musikerziehung (Leipzig 1930), Neue Musikberufe (Festschrift P. Raabe, Leipzig 1942), Original und Bearbeitung (Festschrift M. Schneider, Leipzig 1955), Grundzüge rheinischer Musikerziehung (Studien zur Musikgeschichte des Rheinlands, Festschrift Ludwig Schiedermair, Köln 1956), Kleiner Chorleiterkurs (Mönchen-Gladbach 1957). Von 1948 bis 1955 gab Felix Oberborbeck die Zeitschrift für Spielmusik heraus. Seitdem wirkte er als Mitherausgeber dieses Organs. Mit Egon Kraus gab er Musik um Goethe (zwei Hefte, Köln 1949) und Musik in der Schule (sieben Bände und ein Beiheft, Wolfenbüttel 1951 bis 1956) heraus. Felix Oberborbeck verfasste zahlreiche Artikel zum deutschen Chormusikwesen.
Felix Oberborbeck wurde im Januar 1953 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Im niedersächsischen Vechta ist eine Straße nach Oberborbeck benannt.
Rolle im Nationalsozialismus Felix Oberborbeck trat zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 2.114.565).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/30951605Fred K. Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945, 2. Ed., (CD-Rom), S. 5329. Weitere Funktionen zwischen 1934 und 1938:Prieberg, S. 5329. Führer von Chorgau 9 Mitteldeutschland, dann Gau Halle-Merseburg; Musikberater der Reichsmusikerschaft, Reichsmusikkammer für Großthüringen (ab Herbst 1934); Vertrauensmann der Reichsmusikkammer Gau Thüringen (1935); ehrenamtlicher Landesleiter der Reichsmusikkammer Gau XXVI Thüringen; Fachreferent für Musikfragen beim Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Thüringen (1936–38). Zudem trat Oberborbeck wiederholt als Vortragender oder Dozent im Rahmen von Schulungslagern der Hitlerjugend oder der Reichsmusikkammer auf. Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens 1948 bestätigte Oberborbeck einige dieser Ämter und Funktionen (Mitgliedschaft Reichsmusikkammer) in einem Fragebogen des Military Government for Germany,Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Bestand NW 1003-48, Signatur 2296. etliche verschwieg er jedoch.
Im März 1936 richtet Oberborbeck zusammen u. a. mit Hans Pfitzner, Wilhelm Furtwängler, Fritz Stein, Wilhelm Backhaus und Hermann Blume eine Ergebenheitserklärung an Adolf Hitler.Fred K. Prieberg, Musik im NS-Staat, Frankfurt/Main 1982, S. 131. In der Zeitschrift Die Musik-Woche vom 27. März 1936 schrieb Oberborbeck, damals Direktor der Staatlichen Musikhochschule Weimar: „Hätten wir nicht diesen einzigen Führer, dem wir auf Tod und Leben verschworen sind, so wäre wohl das Ende der deutschen Kunst nicht mehr fern gewesen.“Joseph Wulff, Musik im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Frankfurt/Main 1983, S. 331.
Regelmäßig argumentierte Oberborbeck in Aufsätzen im Sinne der Kulturpolitik des NS-Regimes: Volkslied und Rasse (1936), Musikfahrten, eine musikpolitische Gegenwartsaufgabe (1942) oder Neue Musikerberufe (1942).Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker, S. 5329f. Diese Haltung versuchte Oberborbeck nach 1945 abzuschwächen und umzudeuten. So begründete er etwa das Ende seiner Direktionszeit in Weimar damit, dass er angeblich als politisch nicht einwandfrei eingestuft und sogar ab 1937 mit Presseverbot belegt wurde.Prieberg, S. 5336. Diese Behauptung ist angesichts der mehrfachen Überprüfungen der politischen Zuverlässigkeit als unglaubwürdig einzustufen: „Man sichert sich also gleich von mehreren Seiten her ab, wirklich nur ‚politisch zuverlässige‘ Lehrer an die Hochschulen zu berufen. Dies ist vor allem im Zusammenhang mit Oberborbeck von Interesse, da an mehreren Stellen immer wieder auf die quasi Dissidentenrolle Oberborbecks gegenüber dem Nationalsozialismus und den daraus resultierenden Schwierigkeiten hingewiesen wird. So soll er per 1. September 1939 aus seinem Weimarer Direktorat angeblich wegen politischer Unzuverlässigkeit entlassen worden sein, und schon seit 1937 soll er bereits Schreibverbot gehabt haben. Die diesbezüglichen Angaben beziehen sich jedoch – sofern sie nicht überhaupt autobiographisch sind – auf persönliche Aussagen Oberborbecks. Aus den entsprechenden Akten – auch jenen im Berlin Document Center – können diese Aussagen, da sich keinerlei Hinweise auf derlei Vorgänge finden, nicht verifiziert werden. Dagegen sprechen mehrere Dokumente, die im Zusammenhang mit Oberborbecks Berufung nach Graz, bzw. in den Prüfungsausschuß zum Inhalt haben, ausdrücklich von einer politischen Unbedenklichkeit des Genannten.“Helmut Brenner, Musik als Waffe? Theorie und Praxis der politischen Musikverwendung, dargestellt am Beispiel der Steiermark 1938-1945, Graz 1992, S. 172.
Nach dem Anschluss Österreichs übernahm Oberborbeck 1939 die Leitung der von den Nationalsozialisten gegründeten Hochschule für Musikerziehung in Graz-Eggenberg. Hier zeichnete er sich als Verfechter einer „Eindeutschung“ und „künstlerisch-musikalischen Germanisierung“ des slawischen Raumes aus. So erarbeitete er noch vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Nordjugoslawien im April 1941 bereits Pläne für musikalische Schulungslager in den zu besetzenden Gebieten.Brenner, S. 207. Im August und September 1941 organisierte Oberborbeck sogenannte „Grenzlandeinsätze“ von Studierenden der Grazer Musikhochschule in den besetzten slowenischen Gebieten der Untersteiermark. Auch führte er Studierende wiederholt zur Wehrbetreuung ins besetzte Frankreich und Belgien.Prieberg, S. 5329.
In Graz war Oberborbeck von 1941 bis 1945 zudem Chormeister der zur „Kameradschaft Narvik“ umbenannten Akademischen Sängerschaft Gothia, der er auch nach dem Zweiten Weltkrieg als Alter Herr verbunden blieb. Die konservativ-nationale Studentenverbindung führt ihn immer noch in der Liste der bedeutenden Mitglieder.Website Akademische Sängerschaft Gothia, abgerufen am 22. Oktober 2022. Zwischen 1940 und 1945 trat Oberborbeck fünfmal als Dirigent im Rahmen des Musikvereins für Steiermark in Erscheinung.Harald Kaufmann, Eine bürgerliche Musikgesellschaft. 150 Jahre Musikverein für Steiermark, Graz 1965, S. 121.
Netzwerke nach 1945 – Geschichtsfälschung durch Weglassungen Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm Oberborbeck Kontakt zu ehemaligen Dozenten und Studierenden der 1944 geschlossenen Hochschule für Musikerziehung Graz-Eggenberg auf. Dafür verschickte er mit Schreibmaschine geschriebene Rundbriefe, die sogenannten Eggenberger Chroniken. Der erste dieser Rundbriefe datiert vom Oktober 1945. 58 weitere folgen bis kurz vor Oberborbecks Tod. Den letzten, Nummer 60 (1. März 1976), verschickte Oberborbecks Sohn Klaus.Nachlass Oberborbeck, Archiv der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Signatur Oberborbeck 20. Bei den von Felix Oberborbeck anfangs in kurzen Abständen verfassten Rundschreiben, zwischen 1945 und 1948 meist zwei bis drei pro Jahr, handelt es sich um eine Mischung aus Informationen zu neuen Tätigkeitsfeldern von Ehemaligen der Grazer Hochschule für Musikerziehung, persönlichen Reflexionen, Berichten über Treffen und Konzerte, aber auch Klatsch und Tratsch. Der Tonfall ist immer wieder nostalgisch, rückblickend, die damalige Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden als „verschworen“ beschreibend: Von „Zauberwort Eggenberg“Eggenberger Chronik Nr. 11. ist ebenso die Rede wie vom „Eggenberger Geist“, für den man sich „nicht schämen müsse“.Eggenberger Chronik Nr. 3 und 14. Immer wieder finden sich Begriffe und Wendungen wie „Sehnsucht“, „Treue“ und „Heimweh nach Schloß Eggenberg“.Eggenberger Chronik Nr. 3. Nachrichten über Lebenszeichen von Vertriebenen oder Kriegsheimkehrern aus den Reihen ehemaliger Studierender und Dozenten werden eingeleitet mit den Worten: „Verlorene Schäflein finden zur Herde zurück.“Eggenberger Chronik Nr. 15. Reflexionen über den politischen Hintergrund der von den Nationalsozialisten als Elite-Anstalt gegründeten Hochschule für Musikerziehung Graz-Eggenberg fehlen. Die Rundbriefe sind ausdrücklich als Netzwerk gedacht und erinnern in ihrer Diktion klar an die Sprache des NS-Regimes: „… jeder Knotenpunkt (ist) wertvoll, macht es (Anm.: das Netz) haltbarer und grösser und verhaftet es in den lebendigen, gesunden Urgründen unseres Volkes, an die wir noch immer glauben.“Eggenberger Chronik Nr. 13.
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs bemühte sich Oberborbeck schnell um persönliche Kontaktaufnahme mit politisch Belasteten wie dem Musikwissenschaftler Walter Kolneder (NSDAP-Mitglied seit 1. Mai 1938)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/22230189 oder dem Dirigenten Hermann von Schmeidel (NSDAP-Mitglied vor 1938).Eggenberger Chronik Nr. 12. 1946 initiierte Oberborbeck anlässlich eines Treffens ehemaliger Dozenten und Studierender der Grazer Hochschule für Musikerziehung in Buchholz bei Hamburg eine Gedenkfeier für den verstorbenen Komponisten Reinhold Heyden (NSDAP-Mitglied seit 1. Mai 1937).Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, 2. Ed., S. 3169. Im Rahmen der Veranstaltung las auch der Schriftsteller Hermann Claudius, bekennender Nationalsozialist und Hitler-Verehrer, einige Gedichte.Eggenberger Chronik Nr. 6. 1947 nahm Oberborbeck an einer privaten Gedenkfeier für den im Krieg gefallenen Musikfunktionär Ludwig Kelbetz (NSDAP-Mitglied seit 1936) teil.Eggenberger Chronik Nr. 12. Die von Oberborbeck organisierten Treffen von Ehemaligen der 1944 geschlossenen Grazer Hochschule für Musikerziehung erinnern nicht nur von der Namensgebung her stark an die sogenannten Schulungslager während der NS-Zeit. So finden sich etwa im exakt strukturierten Tagesplan des sogenannten „5. Eggenberger musischen Lagers“ im Juni 1947 neben Arbeitsgemeinschaften und Vorträgen auch Elemente wie „musischer Frühsport“ oder „Aufklang (Morgenfeier)“.Eggenberger Chronik Nr. 11. Unten den Referenten und Kursleitern dieser Treffen waren vorwiegend ehemalige Lehrkräfte der Grazer Hochschule für Musikerziehung, etwa der für Sprecherziehung zuständige Bernd Poieß (NSDAP-Mitglied und Leiter der Kulturabteilung der HJ Mittelland in Halle).Eggenberger Chroniken Nr. 11 und 41.