Johann Heinrich Frommann (* 19. Oktober 1729 in Göppingen, Herzogtum Württemberg; † 15. Januar 1775 in Tübingen, Herzogtum Württemberg) war ein deutscher Philosoph, Theologe und Staatswissenschaftler und von 1766 bis zu seinem Tode 1775 Professor für Philosophie und Staatslehre an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Zuvor hatte er von 1756 bis 1765 den ersten Lehrstuhl für Logik, Metaphysik und Moral an der 1755 gegründeten Lomonossow-Universität in Moskau inne. Als einer der wenigen deutschen Gelehrten trat er nach seiner Lehrtätigkeit in Moskau die Heimreise an und begründete anschließend ab 1766 in Tübingen anhand seiner akademischen Vorlesungen und Schriften über Russland die universitäre Russlandkunde im deutschsprachigen Raum.
Kindheit und Jugend Familie
Johann Heinrich Frommann wurde am 19. Oktober 1729 in Göppingen geboren und stammte aus einer bekannten Tübinger Professorenfamilie. Sein Großvater Johann Ulrich Frommann (1669–1715) war seit 1711 ebenfalls Professor der Theologie gewesen.UAT (Universitätsarchiv Tübingen), Archivfund ohne Signatur. Kurzbiographie J.H. Frommann, zusammengestellt von Herrn Wandel, Assessor des Archivdienstes 1977, S. 1 Sein gleichnamiger Vater, Johann Ulrich Frommann (1705–1758) schlug hingegen die militärische Laufbahn ein – etwas eher Außergewöhnliches für einen Professorensohn in Altwürttemberg – und brachte es bis zum Oberstleutnant bei den Truppen des Schwäbischen Kreises.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis, Inauguralrede von J.H. Frommann, Tübingen 1766, S. 1. 1729 heiratete er Maria Susanna Offterdinger (1704–1766) aus Göppingen.WLB (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart), Stammbaum der Familie Offterdinger, Q 3/45 BÜ 376. J. H. Frommann gehörte von Geburt an jener altwürttembergischen Honoratiorenschicht an, die Schlüsselstellen im Beamtentum, der Kirche und der Lehre im Herzogtum Württemberg besaßen. Landeskinder solcher Herkunft im Württemberg des 18. Jahrhunderts genossen durch dieses soziale Kapital eine vornehmliche Ausbildung.S. Lorenz: Einleitung. In: Die Universität Tübingen zwischen Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung 2014, S. 11–33, S. 19.
Schulbildung in den württembergischen Klosterschulen Frommann besuchte zunächst die Schule in Göppingen, wo ihn der Göppinger Pfarrer Ernst Christian Duvernoy unterrichtete.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis: Inauguralrede von J. H. Frommann, Tübingen 1766, S. 1. Als angehender Theologe bezog er am 16. Oktober 1742 den Bestimmungen gemäß ab einem Mindestalter von 12 Jahren zunächst die niedere Klosterschule in Blaubeuren. Dort übte sich Frommann nach bestandenem Landesexamen an ersten wissenschaftlichen Ausarbeitungen und Exegesen.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis, 1766, S. 1.
Im Jahr 1744 rückte Frommann, wie üblich nach zweijähriger Unterrichtung, von der sogenannten secunda, der Klosterschule in Blaubeuren, an die sogenannte prima, der Klosterschule nach Bebenhausen. Nach vierjährigem Kurs hatte er die Universitätsreife erlangt. Die Klosterordnung von 1582 sah jedoch vor, dass das Bakkalaureat bereits von der Klosterschule aus erworben werden konnte. Das heißt, die Klosterschüler der Abgangsstufe wurden für gewöhnlich an der Universität eingeschrieben – um den akademischen Gepflogenheiten zu genügen – absolvierten das Bakkalaureat allerdings weiterhin in der Klosterschule.Vgl. Hermann Ehmer: Die evangelischen Klosterschulen und Seminare in Württemberg, S. 11–35. In: Die evangelischen Klosterschulen und Seminare in Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2006, S. 22.
Studium im Tübinger Stift Im Jahr 1744 wurde Frommann an der Universität Tübingen immatrikuliert. Als ersten akademischen Grad erwarb er, vermutlich von Bebenhausen aus, den Bakkalaureus und fand wohl im gleichen Jahr die Aufnahme in das Stipendium Theologicum, das berühmte Evangelische Stift.UAT, Archivfund ohne Signatur. Kurzbiographie J. H. Frommann, zusammengestellt von Herrn Wandel, Assessor des Archivdienstes 1977, S. 2. In Tübingen existierten im 18. Jahrhundert drei hochrangige Bildungsinstitutionen: Das Herzogliche Stipendium, die eigentliche Universität Tübingen und das Collegium Illustre, eine Ritterakademie zur Erziehung des württembergischen Adels. Mit der Ausbildung im Tübinger Stift war für Frommann schließlich der Pfarrerstand vorgesehen.Vgl. Hermann Ehmer: Die evangelischen Klosterschulen und Seminare in Württemberg, S. 11–35. In: Die evangelischen Klosterschulen und Seminare in Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2006, S. 16.
Wie für die theologische Ausbildung jener Zeit zudem üblich, absolvierte Frommann nun das philosophische Grundstudium und besuchte unter anderem Vorlesungen von Georg Wolfgang Krafft, der durch die Vermittlung Georg Bernhard Bilfingers von 1727 bis 1744 als ordentliches Mitglied der Akademie in St. Petersburg dort Mathematik lehrte.G. Betsch: Die Petersburger Jahre (1725–1731) des Georg Bernhard Bilfinger aus Cannstatt. In: An den Ufern der Newa 2005, S. 28–40, S. 33. Im Jahre 1748 verteidigte Frommann erfolgreich seine Dissertation De phialis vitreis ab injecto Silice dissientibusJ. H. Frommann: De phialis vitreis ab injecto Silice dissientibus (Über das Zerspringen des Glases nach einem Steinwurf) Cotta Verlag, Tübingen 1748. unter dem Vorsitz von G. W. Krafft und schloss im selben Jahr mit dem Magister ab.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis 1766, S. 3. Sein Talent blieb auch am Stuttgarter Hof nicht unbemerkt und er wurde anlässlich des Geburtstages des Herzogs Carl Eugen von Württemberg 1748 nach Stuttgart eingeladen, um dort vor dem Herzog und der versammelten württembergischen Elite eine Lobrede zu halten. Dies geht aus dem Einladungsschreiben von Simon Friedrich Rueß, ebenfalls ehemaliger „Stiftler“ und ordentlicher Professor für Geschichte und Rhetorik in Tübingen, hervor.S. F. Rueß: Principum, de republika tum civili tum ecclesiastica. Tübingen 1748, S. 4.
Im Anschluss daran nahm Frommann im Jahr 1748 das theologische Studium an der Universität Tübingen auf und im Dezember 1751 wurde er schließlich vom hiesigen Konsistorium examiniert. Unter dem Vorsitz von Israel Gottlieb Canz konnte er seine Dissertation De humanae vitae termino neque casui neque fato obnoxio,J. H. Frommann: De humanae vitae termino neque casui neque fato obnoxio (Über das Ende des menschlichen Lebens weder abhängig durch Grund noch durch Schicksal. Anhand der Begebenheit des Hiob XIV. 5.) Dissertationsschrift von J. H. Frommann, Tübingen 1753. eine theologische Arbeit, die den Gottesglauben im Kapital Hiob im Rahmen einer Exegese untersuchte, verteidigen: „Ingenium bonum, quod graviter excolit; mores boni, disputavit nuper“, also „Gute Begabung, die er strebsam vervollkommnete; gute Sitten, er disputierte kürzlich“.UAT 21/3 Nr. 9a.
Studienreisen Aufgrund sehr guter Studienleistungen unternahm Frommann im nächsten Jahr Reisen durch Oberschwaben, Teile Bayerns und nach Tirol.A. F. Bök: Geschichte der herzoglich Würtenbergischen Eberhard Carls Universität zu Tübingen im Grundrisse. Cotta, Tübingen 1774, S. 374–375. Am 18. Mai 1753 wurde er zum Repetenten im Evangelischen Stift ernannt.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis, 1766. „[…] mihi collatam in illustri Stipendio theologico Repetentis stationem adivi.“ Dieses Amt übte er nur wenige Monate aus, da er bereits im September desselben Jahres vom herzoglich-württembergischen Kammerherrn Moritz Friedrich von Milkau auserwählt wurde, ihn auf eine Reise nach Italien zu begleiten.UAT 21/3 Nr. 9b. Am 27. September 1753 trat die württembergische Entourage zunächst über Ulm und Augsburg ihre Reise mit dem Ziel Rom an. Die Reise ging schließlich über Mailand im Jahre 1754 wieder zurück nach Tübingen. Dort wartete Frommanns Anstellung als Repetent im Evangelischen Stift.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis, 1766, S. 5.
Lehrtätigkeit an der Universität Moskau
Ruf nach Moskau Seiner Anstellung als Repetent sollte Johann Heinrich Frommann nur für kurze Zeit nachgehen. Im November teilte er der Universität und dem Konsistorium in Stuttgart mit, er habe einen Ruf als Professor der Philosophie an die neugegründete Lomonossow-Universität Moskau erhalten.L. F. Fues (Hrsg.): Rector Universitatis Tuebingensis, 1766, S. 5. „Hujus invitatione humanissima per literas Petropoli ad me datas factum est […]“. Aus einem Brief vom November 1755, den Frommann an den Herzog Carl Eugen persönlich adressierte, geht hervor, dass „man zu der in Moscau auszurüstenden Universität die meisten Professores in Russland, und besonders in Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht Landen suchet, so wurde auch ich in dieu Moscua des großen und kaiserlich-russischen Kammerherren von Schouwallov erfragt, ob ich mich gebrauche, bey dieser Anstallt die Stelle eines Professoris moralium zu bekleiden, so erklärte ich mich hierauf, ohne Eure Höchstfürstliche Durchlaucht gnädigste Erlaubnis mich da nicht unterstehen dürfte, in der seinen Dienste zu gehen.“UAT 21/3 Nr. 9e. Als Theologen der Universität hatten sich Stipendiaten der Klosterschulen, wie Frommann, ebenfalls von Beginn ihrer Ausbildung an verpflichten müssen, ihre Dienste allein theologischen Studien sowie künftige Dienste allein der Kirche des Landes zu widmen. Zwar mussten Gelehrte, die diese Bestimmung nicht einhielten, einen (meist mäßigen) Kostenersatz leisten, doch wurde dies weniger als Einschränkung gesehen. Theologen, die sich in auswärtige Dienste begaben, baten in der Regel um regressus in patriam, also um das Recht auf Rückkehr in den württembergischen Kirchendienst.Hermann Ehmer: Die evangelischen Klosterschulen und Seminare in Württemberg 1556–1928. In: Evangelische Klosterschulen und Seminare in Württemberg, Theiss Verlag, Stuttgart 2006, S. 11–35, S. 25.
Auf Frommanns Gesuch meinte das Konsistorium, dies könne ihm erlaubt werden, doch mit der Auflage, die Theologie nicht hintenanzusetzen, damit er seinem Vaterlande „nicht nur auf einerley Weiße brauchbar seye“.UAT 21/3 Nr. 9f. Aus dem offiziellen Abgangszeugnis der Universität Tübingen, das im Jahr 1755 handschriftlich in Latein angefertigt wurde, geht hervor, dass „praenobilissimus atque amplissimus Dr. Johannes Henricus Frommann Philosophiae Doctor […] quod hic floret, Seminarii Repetens, ab Augustissima Russorum Imperatrice ad Professoris Philosophia munus in Universitate Moscuae erigenda […]“, also dass „der vortreffliche und bedeutsame Dr. J. H. Frommann, Repetent des Evangelischen Stifts, höchstes Ansehen genießt und von der russischen Zarin herbeigerufen worden ist, um im Dienst des Professors der Philosophie die Universität Moskau mit aufzubauen.“ Weiterhin ist zu entnehmen, dass Frommann acht Jahre die eigenen Bildungseinrichtungen besuchte, sich unter den Kommilitonen stets behauptete und durch seine Italienreise hervorstach. Er sei nicht nur von so leuchtender Begabung und vorbildhafter Erziehung, sondern auch durch gottesfürchtiges und ehrliches Verhalten von allen im Amte gutgeheißen worden. Ferner sprach der Dekan seine höchsten Empfehlungen in die entfernte Region mit dem Vermerk aus, dass Frommann stets mit Wohlwollen in Tübingen aufgenommen werde.UAT 21/3. Womöglich steckt hier ein Hinweis auf das regressus in patriam, das Frommann vom Konsistorium zugesprochen wurde.
Reise und Ankunft in Moskau