Das Naturdenkmal Riesenstein befindet sich im Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, am Nordhang des Gaisbergs bei Heidelberg. Es handelt sich um eine Gruppe abgestürzter Felsblöcke am Hangfuß des aufgelassenen gleichnamigen Buntsandstein-Steinbruchs, der über mehrere Jahrhunderte oberhalb der Stadt Heidelberg betrieben und bereits durch Matthäus Merian 1620 in seinem Hauptwerk Topographia Germaniae dokumentiert wurde. Die wohl im 18. Jahrhundert spektakulär herabgestürzten Felsblöcke wurden 1939 durch das Reichsnaturschutzgesetz als Naturdenkmal unter Schutz gestellt.LUBW Sachdaten LUBW Datenbank, abgerufen am 25. September 2022.
Lage Das Naturdenkmal (ND) mit seinen eindrucksvoll gruppierten Felsen befindet sich am Fuß einer mächtigen Buntsandsteinwand des Sandstein-Odenwalds.Sandstein-Odenwald bei leobw, abgerufen am 5. August 2023 Freigelegt wurden die abgestürzten Steine um 1840 beim Bau des Johannes-Hoops-Wegs zwischen der Klingenteichstraße und dem Speyererhof. Im Zuge der Ausgestaltung des Stadtwalds zum attraktiven Naherholungsgebiet wurde die Straße 1846 oberhalb der abgestürzten Felsgruppe mit einer Aussichtskanzel, auch Riesensteinkanzel genannt, mit Blick ins Neckartal versehen.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg (Hrsg.): Stadtkreis Heidelberg Teilband I. Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Bd. II.5.1, 2013, Thorbecke Verlag. Im Jahr 1934 nahm die Stadt Heidelberg den lang geplanten Ausbau des Riesensteinwegs in Angriff. Friedrich-Franz Koehnemann: Wanderungen durch Heidelberger Wälder. Heidelberger Verlagsanstalt, 1990, S. 26. Mit einer verbreiterten Anbindung an den Johannes-Hoops-Weg sollte mit dem Riesensteinweg ein Pendant zum beliebten Heidelberger Philosophenweg entstehen. Schon 1935 kamen die Arbeiten am Riesensteinweg zu einem raschen Ende als erst 400 Meter des Wegs mit angrenzender Hangstützmauer fertiggestellt waren. Damit endet der Waldweg bis heute im Gelände. Der Grund für das Ende der Arbeiten sind unklar. Möglicherweise wurden die „Notstandsarbeiter“ für den Bau der Thingstätte abgezogen.Oliver Fink: Kleine Heidelberger Stadtgeschichte, Friedrich Pustet Verlag, Regensburg, 2005, S. 114.
Führte einst der Riesensteinweg Wanderer und Wissenschaftler unmittelbar zu den ungewöhnlichen Felsblöcken, treffen sich heutzutage dort vor allem Sportkletterer und Boulder. Die Stadt Heidelberg hat das Bouldern und Klettern am Naturdenkmal auf eigene Gefahr erlaubt, allerdings sind die Verwendung von Magnesiumcarbonat (MgCO₃) sowie die Befestigung von Kletterhaken an den Felswänden untersagt.
Historie mini|hochkant=1.4|alt=Merian-Stich von Heidelberg im Jahr 1620 mit Blick auf den Buntsandstein-Steinbruch Riesenstein am entwaldeten Gaisberg (1620)|Blick auf Heidelberg und den Steinbruch Riesenstein am entwaldeten Gaisberg (Matthäus Merian, 1620) Beim Betrachten des Merianstiches von 1620 gewinnt man einen Eindruck von den mächtigen Ausmaßen des Steinbruchs an dem völlig entwaldeten Nordhang des Gaisbergs. Auf der Abbildung ist eine Rutschbahn unterhalb des Steinbruchs erkennbar. Dort wurden die gebrochenen Felsblöcke ins Tal „geriest“. Schon während und nach dem Pleistozän löste sich dort ohne menschliches Zutun immer wieder Gesteinsmaterial durch Solifluktion und stürzte bis auf die heutige Altstadt Heidelbergs hinab.Peter Sinn: Das geologische Fundament Heidelbergs – Stadtbild und Siedlungsgeschichte. In: Heidelberger Geschichtsverein (Hrsg.): Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt. 1997. So befanden sich beispielsweise große Felsblöcke im Bodenaushub beim Bau der Tiefgarage Parkhaus am Theater (Friedrich-Ebert-Anlage 51).
Nachweislich wurde das Gestein vom Riesenstein ab 1430 für die Turm- und Prachtbauten am Heidelberger Schloß sowie für zahlreiche Bauten in der Heidelberger Altstadt verwendet,Hans Thürach: Erläuterungen zu Blatt Heidelberg. Geolog. Spezial-Karte Großherzogtum Baden. 3. Auflage, 149 S. Unveränderter Nachdruck als Geolog. Karte 1:25 000 Baden-Württemberg, Bl. 6518 Heidelberg-Nord, Stuttgart 1984. darunter auch zahlreiche historische Gebäude wie die Peterskirche, das Klingentor (Stadttor), das Karlstor und das Haus Zum Riesen sowie Teile der Alten Brücke.
Wie die extrem schweren Arbeitsabläufe im Steinbruch Riesenstein damals vonstattengingen, ist nicht näher überliefert. Als sicher gilt aber, dass zeitweise zahlreiche Strafgefangene und Fronarbeiter daran beteiligt waren.Friedrich-Franz Koehnemann: Der Heidelberger Stadtwald, seine Geschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Heidelberger Verlagsanstalt, 1987, S. 26. Steinscheren, auch Teufelskrallen genannt, dienten damals zum Anheben und Abtransport der gebrochenen Steinblöcke unter Zuhilfenahme von Seilen und Zugtieren. Ab dem 17. Jahrhundert wurden bereits im Steinbruch vorgefertigte Werksteine (z. B. Treppen, Tröge, Mühlsteine) ausgeliefert. Die Steinhauerei war in diesen Zeiten ein wichtiges und einträgliches Handwerk. Aus dieser Epoche stammt vermutlich der abgestürzte Treppenstein, der sich bis heute erhalten hat.
Wie der Buntsandstein-Steinbruch Kammerforst am Gaiberger WegSteinbruch Kammerforst 2023 war auch der Riesenstein über mehrere Jahrhunderte im Besitz der kurfürstlichen Hofkammer. Nach Verlegung der kurpfälzischen Residenz von Heidelberg nach München 1776/77 gingen beide Steinbrüche sowie deren angrenzende Flächen in das Eigentum der Stadt Heidelberg über, die weiterhin die Abbaustätten zur Gewinnung von Baumaterial intensiv nutzte.
Ab 1930 wurde der Steinbruch Riesenstein nach seiner Stilllegung ohne Rekultivierungs- und Sicherungsmaßnahmen der Natur überlassen. Rasch stellten sich Gehölze und Baumgruppen ein, die auf den Terrassen der Abbaustätte und an den Rändern Fuß fassten. Heute ist die Vegetation dort so weit fortgeschritten, dass man von den einst aufgeschlossenen Gesteinsflächen nur noch einen Bruchteil erkennt. Auch der Bau des Johannes-Hoops-Weges, der Fahrstraße vom Klingenteich zum Speyererhof, hat zu dieser Situation beigetragen.
Geologie Das Naturdenkmal sowie die oberhalb aufgelassene Steinbruchwand, zählen zur sogenannten Gaisbergverwerfung, die sich vom Gipfel des Gaisbergs () in nordöstliche Richtung bis zur Molkenkur erstreckt. An den steilen Hängen steht überwiegend die Formation des Mittleren Buntsandsteins (sm2/smc1) mit Übergangsformen zum Unteren Buntsandstein (su2) an. Die Gesteinsschicht verläuft östlich in Richtung Schloss-Wolfsbrunnenweg bis in das Neckartal hinab. Dort sind diese braunroten Sandsteine auch als sogenannter Neckartäler Sandstein bekannt. Die geologische Stratigraphie wird in nachstehender Tabelle näher erläutert. + Geologische Horizonte des Sandstein-OdenwaldsW. Hasemann: Erläuterungen zu Blatt Eberbach (Nr. 24) der Geologischen Spezialkarte von Baden.; Freiburg (Herder), 1928, 62 S. Geologischer Horizont geol. Kurzform lithostratigraphische Gruppe Röt-Formation so2 Oberer Buntsandstein Chirotherien-Sandstein Grenzschicht zwischen so2 und so1 Plattensandstein so1 Oberer Buntsandstein Oberer Geröllhorizont (Hauptkonglomerat) smc2 Mittlerer Buntsandstein Oberer Hauptbuntsandstein sm2 Mittlerer Buntsandstein Unterer Hauptbuntsandstein sm2 Mittlerer Buntsandstein Unterer Geröllhorizont (Ecksches Konglomerat) smc1 Mittlerer Buntsandstein Tigersandstein, Bausandstein, Pseudomorphosensandstein su2 Unterer Buntsandstein Bröckelschiefer su1 Unterer Buntsandstein Die Ansammlung der großen Felsblöcke im Bereich des Naturdenkmals Riesenstein gehört zu einer speziellen lithostratigraphischen Untergruppe des Unteren Buntsandsteins (su2), die in der Fachsprache auch als Pseudomorphosensandstein bezeichnet wird.Steckbriefe Geotope LGRB Datenbank, Freiburg i./Br., abgerufen am 20. Juli 2023. Insbesondere der Pseudomorphosensandstein beinhaltet klastische Sedimenten, aus feinen bis mittelkörnigen Komponenten. Die Körner weisen einen Überzug aus Eisenoxiden auf, die dem Gestein seine charakteristische rotbraune Farbe geben; der Name Pseudomorphosensandstein geht auf rotbraune Flecken aus Eisenmineralen im Gestein zurück, die früher als Pseudomorphosen nach Karbonatmineralen gedeutet wurden.Pseudomorphosensandstein im Odenwald und im nördlichen Kraichgau. LGRBwissen, geowissenschaftliches Portal für Baden-Württemberg. Typisch für den su2 sind in Hohlräumen eingelagerte Tongallen (Manganoxide, mit Azurit Cu3(CO3)2(OH)2, s. untenstehende Abbildung).T. Huth, B. Junker: Riesenstein (ND) TK 6518. Geotouristische Karte von Baden-Württemberg 1:200.000 - Nord. Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (Hrsg.), 2005, Freiburg i. Br., S. 405. In Deutschland ist das blaue Mineral unter anderem im Schwarzwald, im Spessart, im Harz sowie im Erzgebirge verbreitet. Die Verwendung von Azurit als Schminke lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Heute findet es Anwendung in der Kunstmalerei.Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. Otto Maier Verlag, Ravensburg 1967, ISBN 3-473-48359-1.
Sowohl an den aufgeschlossenen Sandsteinwänden am Gaisberg als auch an dem abgestürzten Gesteinsmaterial erkennt man rote Schichten sowie entfärbte, horizontal verlaufende Schichtlagen. Hierbei handelt es sich um tonig-sandige Schlufflagen, als Zeugnisse eines ehemals wüstenhaften Klimas auf der Erdoberfläche.
Das anstehende Gestein um den Riesenstein ist zudem meist verkieselt und bildet infolge der erhöhten Resistenz gegen Verwitterung auch die bekannten Blockhalden und Felsenmeere an den Steilhängen des Odenwalds.LUBW Sachdaten, abgerufen am 15. Oktober 2023 Die Horizonte des Mittleren Buntsandsteins (sm) sowie der Pseudomorphosensandstein des Unteren Buntsandsteins (su2) liefern ideale Bau- und Werksteine, die sich gut verarbeiten lassen, sog. Badischer Bausandstein.
Mit dem umfänglichen Gesteinsabbau am Riesenstein haben Menschen über mehrere Jahrhunderte in die Morphologie des Gaisbergs erheblich eingegriffen. Die landschaftlichen Veränderungen sind nicht mehr reversibel. So erodieren die ca. 30 Meter hohen aufgeschlossenen Buntsandsteinflächen seit vielen Jahrzehnten gut sichtbar an ihren Verwerfungslinien. Die Absturzgefahr größerer Felsen ist nur eine Frage der Zeit. Tektonisch ist die Gaisbergscholle durch die fortschreitende Absenkung des Oberrheingrabens immer noch in Bewegung. Bislang waren nur Beben mit leichten Gebäudeschäden zu vermerken.Horst Eichler: Heidelberg – Lernlandschaft Südliche Gaisbergscholle. Verlag Regionalkultur (Ubstadt-Weiher) 2017, S. 23. So erschütterte beispielsweise am 22. Januar 1970 ein Erdbeben den gesamten südwestdeutschen Raum.Hermann Mälzer, Beitr. naturk. Forsch. SüdwDtl. 1970 pdf
Flora, Fauna mini|Tüpfelfarn (Polypodium vulgare) an den Felswänden des Naturdenkmals Die über fünf Meter hohe nordexponierte Buntsandsteinwand mit den vorgelagerten, abgestürzten Felsen ist klimatisch betrachtet ein sehr kühler und schattiger Lebensraum. Hier wachsen zahlreiche Moose, Flechten und Farne. So finden sich u. a. der Wald-Frauenfarn (Athyrium filix-femina), Gewöhnlicher Dornfarn (Dryopteris carthusiana), Schönes Frauenhaarmoos, Braunstieliger Streifenfarn (Asplenium trichomanes ssp. quadrivalens D.E. Mey) sowie die Schwefelflechte (Chrysothrix clorina). Als Besonderheit zeigt sich an den steilen Felswänden des Naturdenkmals ein dichter kolonieartiger Bestand des Tüpfelfarns (Polypodium vulgare) mit hunderten von Exemplaren.
Die dicht bewaldete Umgebung beherbergt meist Laubbäume, darunter Edelkastanie (Castanea sativa), Rotbuche (Fagus sylvatica), Hainbuche (Carpinus betulus), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Berg-Ulme (Ulmus glabra) und Trauben-Eiche (Quercus petraea).Erhebungsbogen Waldbiotopkartierung Baden-Württemberg (2017): END Riesenstein, Heidelberg. Biotopnummer: 2651822 14154, LUBW. Den Waldboden bedecken hohe Anteile von Totholz. Dazwischen wachsen Wald-Segge (Carex sylvatica) sowie Draht-Schmiele (Avenella flexuosa), Wald-Habichtskraut (Hieracium murorum) und Gewöhnliches Hexenkraut (Circaea lutetiana).