mini|292px|Mosaik aus dem 4. Jahrhundert, Basilika von Soloi
Soloi (; ) war ein eisenzeitliches Stadtkönigtum und eine antike Polis an der Nordwestküste der Mittelmeerinsel Zypern, etwa einen Kilometer von der Ortschaft Karavostasi/Gemikonagi, im Gebiet des Unterbezirks von Lefgios/Lefke, Distrikt Güzelyurt, entfernt. Soloi lag an einem Fluss, dem heutigen Kambos, und besaß einen auch im Winter nutzbaren Hafen. __TOC__
Name Der griechische Biograph Plutarch berichtet in seiner Solon-Vita, dass der berühmte Gesetzgeber Athens und Archon von 594/93 v. Chr. nach dem Ende seines Archontats für zehn Jahre zu Studienzwecken ins Ausland reiste und unter anderen Ländern auch die Insel Zypern besuchte. Er habe den König Philokypros von Aipeia überredet, seine zu kleine und ungünstig gelegene Stadt in die Ebene zu verlegen und dort eine schönere und größere Stadt anzulegen. Dabei unterstützte er den König beim Synoikismos mit Rat und Tat. Zum Dank habe Philokypros die frühere, jetzt neugegründete Residenzstadt Aipeia nach Solon „Soloi“ genannt. Plutarch beglaubigt seinen Bericht als historisch zuverlässig, indem er als Beweis ein spätes Gedicht Solons zu diesem „Synoikismos“ zitiert.Solon, Fragment 19,1–6, bes. 5 (West) aus Plutarch, Solon 26,2–4. Zu den Versen 1–4 auch Vita Arati 7,14 (Jean Martin); zu Solons Elegie für Philokypros siehe auch: Theresa Miller: Die griechische Kolonisation im Spiegel literarischer Zeugnisse. Narr, Tübingen 1997, S. 199–203; Maria Noussia Fantuzzi: Solon the Athenian, the Poetic Fragments. Brill, Leiden 2010, S. 95. 301–306. Das Gedicht lautet:
νῦν δὲ σὺ μὲν Σολίοισι πολὺν χρόνον ἐνθάδ᾽ ἀνάσσων τήνδε πόλιν ναίοις καὶ γένος ὑμέτερον· αὐτὰρ ἐμὲ ξὺν νηῒ θοῇ κλεινῆς ἀπὸ νήσου ἀσκηθῆ πέμποι Κύπρις ἰοστέφανος· οἰκισμῷ δ᾽ ἐπὶ τῷδε χάριν καὶ κῦδος ὀπάζοι ἐσθλὸν καὶ νόστον πατρίδ᾽ ἐς ἡμετέρην. – , Fragment 19 (W) Mögest du lange Zeit noch, Herrscher der Männer von Soloi, wohnen in dieser Stadt, du und dann euer Geschlecht; mich aber möge geleiten im raschen Schiff von der stolzen Insel heil und gesund Kýpris, mit Veilchen bekränzt; und sie verleihe frohes Gedeihen und machtvolle Würde eurem Volk, und mir selbst Rückkehr zum heimischen Strand. – Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums. Dritte Auflage. München 1974, S. 261 mit Anm. 17; Kypris in Vers 4 heißt Aphrodite als Hauptgöttin der Insel Kypros (Zypern).
Der Vater der griechischen Geschichtsschreibung, Herodot von Halikarnassos (ca. 485–425 v. Chr.), ist der älteste Autor, der von dieser Reise Solons zu Philokypros berichtet und die Elegie kennt, die Solon dem gastfreundlichen König zum Abschied widmete.Herodot, Historien 5,113,2 = Solon: Testimonia selecta vitae atque artis 28 bei Bruno Gentili, Carlo Prato (Hrsg.): Poetae Elegiaci Testimonia et Fragmenta. Bd. 1, Leipzig 1988, 65 f.: „… der König von Soloi, Aristokypros, der Sohn jenes Philokypros, den der Athener Solon nach seiner Ankunft auf Kypern am meisten von allen Tyrannen in einem Gedicht rühmend besang.“ Zu weiteren Testimonia antiker Quellen, unter anderen Nr. 30 aus Diogenes Laertios 1,51 und Nr. 32 b aus Suda s. v. Solon, die den Gesetzgeber als Namengeber der neuen Stadtgründung benennen: ebenda: De urbis Solorum conditore S. 65–67. Zwar rühmte sich die Stadt, auf den Rat Solons von Athenern mitgegründet worden zu sein, sprach aber später durch Vermischung der wenigen athenischen Neubürger mit den Einheimischen ein so schlechtes Griechisch, dass der Begriff Soloikismos angeblich auf die Stadt zurückgeführt wurde.Diogenes Laertios 1,51; Excerpta Vaticana XXII (= Mythographi Graeci III 2,99 [Nicola Festa]); ; Eustathios, Kommentar zu Homers Ilias 23, 826 p. 1332,3; siehe aber Fritz Lochner von Hüttenbach: Soloi und Soloikismos. Ein Nachprüfen und Überdenken eines antiken Fachausdruckes. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 119, 1976, S. 336–345.
In römischer Zeit galt Soloi zwar als athenische Gründung, als Gründer werden aber nicht Solon, sondern die attischen Heroen Phaleros, Sohn des Erechtheus, und der Theseussohn Akamas genannt.Strabon, Geographica 14,6,3. Möglicherweise bezieht sich diese Gründungssage auf Aipeia, das von Plutarch auf den Bruder des Akamas, Demophon, zurückgeführt wird,Plutarch, Solon 26,3. wobei er die Brüder vermischte.
Gegen diesen als Aitiologie eingestuften Erklärungsansatz wurde angeführt, dass die Stadt bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. auf Neu-Assyrisch „Si-il-li/lu“ hieß.So nachdrücklich Johannes Sykutris: Solon und Soloi. In: Philologus. Band 83, 1928, S. 445–449; ablehnend auch Fritz Lochner von Hüttenbach: Soloi und Soloikismos. Ein Nachprüfen und Überdenken eines antiken Fachausdruckes. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 119, 1976, S. 336–345, bes. S. 338; Theresa Miller: Die griechische Kolonisation im Spiegel literarischer Zeugnisse. Narr, Tübingen 1997, S. 199. Von philologischer Seite wurde eine Herleitung aus dem Semitischen angenommen. Bereits Eduard Meyer sah es als wahrscheinlich an, dass im Namen Soloi das semitische Wort sela („Fels“) steckt. Dessen griechische Entsprechung sei der Name Aipeia gewesen, der sich von dem Adjektiv („hoch und steil“) herleitet.Eduard Meyer: Geschichte des Alterthums. Band 2. Cotta, Stuttgart 1893, S. 224 (Digitalisat). Der Name wäre demnach letztlich semitisch-phönikischen Ursprungs.Für das kyprische Soloi so auch Für das kilikische Soloi ebenfalls Da eine hohe, steile Lage für die Topographie des kilikischen Soloi nicht gegeben ist, wurde diese Herleitung angezweifelt.Fritz Lochner von Hüttenbach: Soloi und Soloikismos. Ein Nachprüfen und Überdenken eines antiken Fachausdruckes. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 119, 1976, S. 336–345, hier: S. 339 f. Auch wurden die Zeugnisse des Asarhaddon-Prisma und seiner Kopien für Si-il-li/luÜberblick bei Vassos Karageorghis: Cyprus. In: The Cambridge Ancient History. Band 3, Teil 2. Zweite Ausgabe. Cambridge University Press, Cambridge 1982, S. 57–59. als Konjektur der Herausgeber verworfen und an der Überlieferung Plutarchs festgehalten,Irad Malkin: What's in a Name? The Eponymous Founders of Greek Colonies. In: Athenaeum. Band 63, 1985, S. 115–130, hier: S. 119–121. was sich nicht durchsetzen konnte. Vielmehr wird außer auf die neu-assyrischen Zeugnisse darauf verwiesen, dass Herodot zu einer Beteiligung Solons an einem „(Syn-)Oikismos“ der Stadt Soloi trotz Kenntnis der solonischen Elegie schweigt.Italo Gallo: Solone a Soli. In: Quaderni urbinati di cultura classica. Band 21, 1976, S. 29–36, hier S. 33 mit Anm. 17; Maria Noussia Fantuzzi: Solon the Athenian, the Poetic Fragments. Brill, Leiden 2010, S. 301.
Lage und Topographie mini|Topographie von Soloi Soloi war eine Hafenstadt,Pseudo-Skylax, Periplus 103; Strabon, Geographica 14,6,3. die an einem natürlichen, in der Spätantike verlandeten Seehafen gegründet wurde. Sie diente der Verschiffung von Rohstoffen, die in den Bergbaugebieten des Landesinneren gewonnen wurden. Eines der antiken Hauptabbaugebiete war Skouriotissa, etwa 8 Kilometer südöstlich von Soloi. Die Stadt lag ganz am Westrand der Mesaoria, einer fruchtbaren Schwemmlandebene, die sich nach Osten über die Insel erstreckt. Unmittelbar westlich von Soloi riegeln die bis ans Meer reichenden Ausläufer des Troodos-Gebirges jede einfache Überlandverbindung nach Westen ab. Über zwei Flusstäler, das Tal des Kambos im Westen und das des Xeros im Osten, konnten von Soloi aus die Kupferabbaugebiete des Troodos leicht erreicht und erschlossen werden.
Die Stadt erstreckte sich über eine Fläche von rund 30 Hektar und dehnte sich etwa 1 Kilometer von der Küste nach Süden aus. Sie war in eine bis zu 10 Metern über dem Meer liegende Unterstadt und eine sich über Terrassen bis zu 70 Metern erhebende Oberstadt mit einer Akropolis im Süden geteilt. Rund 250 Meter außerhalb des Westtores von Soloi befindet sich auf einem Cholades genannten Flurstück ein Hügel, auf dem der bedeutende und vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. betriebene Heiligtumkomplex der Stadt gefunden wurde.George R. H. Wright: Ancient Buildings in Cyprus (= Handbuch der Altorientalistik. VII. 1. 2. 8). Band 1. Brill, Leiden u. a. 1992, S. 162–164.
Geschichte
Späte Bronzezeit und zypro-geometrische Epoche Die Ausgrabungsbefunde lassen erkennen, dass die Anfänge von Soloi in die Zeit um 1100 v. Chr., den ungefähren Beginn der zypro-geometrischen Epoche, zurückreichen. Der älteste Fund aus Soloi lässt sich sogar noch der Phase Späthelladisch III B zuordnen und somit an den Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr. datieren, stammt allerdings aus einem jüngeren Grabzusammenhang. Gleiches gilt für die Funde sogenannter Proto-White-Painted-Keramik aus der Phase Spätzyprisch III B vom Beginn des 11. Jahrhunderts v. Chr.Zu den Funden früher Keramiken siehe Vassos Karageorghis: Contribution to the Early History of Soloi in Cyprus. In: Band 6, 1973, S. 145–149; derselbe: Chronique des fouilles et découvertes archéologiques à Chypre en 1972. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 97, 1973, S. 821–896, hier: S. 601–689, hier: S. 661–665 (online).
Grund für die Besiedlung am Ende der Bronzezeit waren die lukrativen Kupfervorkommen im nahen Hinterland. Die Legende, die Soloi von dem athenischen Heros Akamas, den Sohn des sagenhaften Königs Theseus von Athen, gegründet sein lässt, spiegelt als historischen Kern deutlich Ansprüche mykenischer Ionier aus Athen auf die Erstgründung Aipeia wider.Emily Kearns: The Heroes of Attica (= Bulletin of the Institute of Classical Studies. Supplement 57). University of London Institute of Classical Studies, London 1989, ISBN 978-09 00587603, S. 88 f.; dieselbe: Akamas. In: Der Neue Pauly. (DNP). Band 1, Metzler, Stuttgart 1996, Sp. 389. Allgemein zur Rolle der mykenischen Griechen und ihrer politischen und kulturellen Suprematie in den verschiedenen Königtümern (außer Kition/heute Larnaka) nach der Besiedlung durch die Achäer Vassos Karageorghis: Cyprus. In: The Cambridge Ancient History. Band 3, Teil 1. Zweite Ausgabe. Cambridge University Press, Cambridge 1982, S. 530 und 532; S. 529 speziell zu Salamis mit dem gleichen Befund wie Aipeia/Soloi. Die Ansiedlung lässt sich archäologisch in Gräbern dieser Epoche fassen, während Siedlungsspuren selbst bislang fehlen.
Zypro-archaische Zeit mini|Ebene von Soloi aus Nordwesten mit Blick auf die Akropolis