Der Begriff Entgrenzung bezeichnet in verschiedenen Zusammenhängen und auf globaler, gesellschaftlicher und individueller Ebene ein prozesshaftes Geschehen, das vormals gültige Grenzen verschwimmen lässt, sie für überholt erklärt, aufhebt oder gänzlich zum Verschwinden bringt. Zugleich wird mit diesem Begriff ein Zustand bezeichnet, der die Grenzen als bereits aufgehoben erklärt. Verwendet wird der Begriff in diversen wissenschaftlichen Disziplinen, bevorzugt in den Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, speziell in Psychologie und Sozialpsychologie, aber auch in Medizin und Kunst. Darüber hinaus fand der Begriff Eingang in die Umgangssprache. Sein Gegenpol ist die Begrenzung.

Definition Es gibt keine Definition, auf die sich die verschiedenen, mit dem Begriff der Entgrenzung befassten Disziplinen geeinigt hätten. Kaum ein Gegenstandsbereich wissenschaftlicher Betrachtung lässt den Begriff außen vor, wie eine Recherche auf Google Scholar mit über 30.000 Treffern zu erkennen gibt. Gelegentlich wird er in Verbindung mit dem Begriff der Deprofessionalisierung verwendet.

Astrid Ebner-Zarl, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Media Business an der Fachhochschule St. Pölten, schlägt in ihrem Buch Die Entgrenzung von Kindheit in der Mediengesellschaft als Definition vor:

Der Psychoanalytiker Rainer Funk machte auf den Unterschied zur Grenzüberschreitung aufmerksam:

Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) stellt vier Bedeutungen vor. Der Begriff bezeichne die „Auflösung von politischen oder geografischen Grenzen“, die Überschreitung oder Befreiung von moralischen, geistigen oder physischen Beschränkungen, ein Verschmelzen oder Verschwinden von Trennlinien und Unterschieden – darunter die „Auflösung von zeitlichen und räumlichen Strukturen der Erwerbsarbeit“ und infolgedessen ein „Eindringen der Arbeit in die Freizeit“ – und schließlich die „Überwindung von gegenständlichen Konturen in der Malerei“.

Begriffsgeschichte Über die Geschichte des Begriffs Entgrenzung und seiner Verwendung gibt es kaum Literatur. Laut Susann Fegter und der Pädagogin Sabine Andresen, die sich auf Günter Voß beziehen, stamme er aus der Industrie- und Arbeitssoziologie und sei dort „im Zusammenhang der Diagnose einer gegenwärtigen ‚Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft‘ […] geprägt“ worden. Allerdings werden andere als bildungswissenschaftliche Zusammenhänge der Begriffsverwendung nicht betrachtet.

Globale Entgrenzung Entgrenzung wird unter vielem anderen mit Globalisierung und Krieg in Verbindung gebracht. Jenseits dessen befassten sich die Politikwissenschaftler Lothar Brock und Mathias Albert in der Zeitschrift für Internationale Beziehungen mit globalen Entgrenzungsphänomenen. Veränderungen in der territorialen Aufteilung der Welt und in der Verbindung vormals „scharf abgegrenzter, wechselseitig exklusiver Territorien“ und Staaten verwiesen laut Brock und Albert „auf einen grundlegenden Wandel in den internationalen Beziehungen“, den sie unter dem Titel Entgrenzung der Staatenwelt analysierten. Der Staat verliere „an Steuerungsfähigkeit und sozialer Kompetenz“. Trotz aller „Konfliktträchtigkeit dieser Entwicklung“ könne sie „zur Herausbildung neuer Formen von Staatlichkeit führen“. Offen sei jedoch, „welche funktionalen Äquivalente für die integrative Kraft der Territorialstaatlichkeit sich in Zukunft herausbilden“ würden.

In diesen Zusammenhängen brachte der Soziologe Steffen Mau den Begriff der Entgrenzung mit den Begriffen der De- und Transnationalisierung in Verbindung und stellte sich in der Einleitung zu seinem Buch Transnationale Vergesellschaftung: Die Entgrenzung sozialer Lebenswelten die Frage, „ob die Entgrenzung des Nationalstaates und die Steigerung grenzüberschreitender Interaktionen die enge Bindung an die nationalstaatliche Form aufheben und wir im Zuge von Transnationalisierung auch eine Zunahme an transnationalen oder kosmopolitischen Orientierungen erwarten“ könnten. Dies würde, so Mau, „Identitätskonzepte vom Nationalstaat lösen“ und dazu führen, dass es zu „globalen Verantwortungszuschreibungen“ komme.

Kosmopolitische Orientierungen sind Mau ein Anliegen, insbesondere im Zuge nationalstaatlicher Entgrenzung. Auf der Basis einer eigenen Studie konnte er zeigen, dass mit einer zunehmenden „individuellen Einbindung in transnationale Zusammenhänge die Problemlösungskompetenz stärker den internationalen Organisationen zugeschrieben und eine größere Verantwortung der Weltgemeinschaft eingefordert“ werde. Probleme entstünden, wenn Transnationalisierung „in sich gebrochen und fragmentiert“ sei oder Diskrepanzen zwischen Regelungsbedarf und politischer Handlungskompetenz bestünden. Das könnte Ablehnung und Ressentiments heraufbeschwören. Zusammenfassend kommt Mau zu dem Schluss, der transnationalen Vergesellschaftung scheine „die Tendenz inhärent, auch die Anerkennung neuer Regelungsinstanzen mitzuproduzieren“.

Ganz anders setzte sich der Literaturwissenschaftler Bernd Kortländer in seiner Schrift Begrenzung – Entgrenzung mit dem Wissenschafts- und Kulturtransfer in Europa auseinander und erinnerte daran, dass beides, Be- und Entgrenzung, positive wie negative Seiten haben könne, unabhängig davon, ob es um geographische, kulturelle, sprachliche oder andere Grenzen gehe. Grenzen könnten Eigenständigkeit, Vielfalt und Individualität sichern, aber auch Austausch und Erweiterung der Erfahrungshorizonte behindern. Entgrenzung könne Identitäten verwischen und Mannigfaltigkeit zum Verschwinden bringen, aber auch erstarrte Strukturen aufbrechen und Entwicklung den Weg ebnen.

Evelyn Hanzig-Bätzing – Dozentin für Philosophie an der Universität Bamberg – und ihr Ehemann Werner Bätzing – Alpenforscher und bis 2014 Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg – widmeten sich dem Thema auf ungewöhnliche Weise. Im Jahr 2005 veröffentlichten sie unter dem Titel Entgrenzte Welten ein gemeinsames Buch, das Bettina Dyttrich von der Schweizer Wochenzeitung WOZ als ein „wichtiges Buch“ bezeichnete. Darin begründen die beiden Autoren, „dass mit dem Prozess der Entgrenzung die Zerstörung unserer Lebenswelt“ einhergehe und „die Menschlichkeit des Menschen nur noch als ihr eigenes Scheitern möglich“ sei. Der Germanist Florian Englert verfasste fast zehn Jahre nach Erscheinen des Buches im März 2014 unter dem Titel Der Mensch in einer grenzenlosen, leeren Welt eine Rezension und merkte an, der Titel wirke „auf den ersten Blick“ zwar etwas „bieder“, doch „wer sich vom ‚uncoolen‘ Titel abschrecken“ lasse, verpasse „einen ungewöhnlichen, kritischen Blick auf die heutige menschliche Existenz“. Nach einem Verweis auf die globalen, gesellschaftlichen und individuellen Ursachen von Entgrenzung wird als Folge eine Weltsicht abgeleitet, die darauf abziele, „eine Welt zu schaffen, die steril, sicher, ohne Leiden, ohne Schmerz ist, in der alles machbar und beherrschbar“ sei.

Das „auch haptisch ansprechende Buch“ werde, so Englert, „leider weder in politischen Bewegungen noch in wissenschaftlichen Kreisen ausreichend rezipiert“.

Weiterführend meldeten sich zu Phänomenen globaler Entgrenzung unter vielen anderen im Jahr 2018 Mitja Sienknecht mit seiner Dissertation über Entgrenzte Konflikte in der Weltgesellschaft und der Psychiater Hermes Andreas Kick zu Wort, der gemeinsam mit dem Theologen Manfred Oeming 2019 das Buch Grenzen und Entgrenzung – Ethische Orientierung in einer destabilisierten Welt herausgab.

Gesellschaftliche Entgrenzung Der Begriff der Entgrenzung in gesellschaftlichen Zusammenhängen wird in sehr unterschiedlichen Feldern aufgegriffen und beschrieben – von der Arbeitswelt über politische Entgrenzung bis zu religiösen Themen.

Im Jahr 1998 befasste sich der Soziologe Gerd-Günter Voß auf der Basis eines soziologischen Forschungsprojekts mit Prozessen von Entgrenzung der Arbeit und legte eine „subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit“ vor. Die Entgrenzung von Arbeitsprozessen führe zu erheblichen Eingriffen in das Leben Erwerbstätiger, weil sie „zu einer selbstverantwortlichen Strukturierung des Arbeitens und damit der gesamten Alltagsorganisation gezwungen“ würden, die neue Anforderungen mit sich bringe und eine „Restrukturierung des Verhältnisses von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘“ erfordere. Ein neuer „Typus von Arbeitskraft“ sei vonnöten, den Voß mit zahlreichen Fähigkeiten jenseits der engen fachlichen Kompetenzen in Verbindung bringt, wie beispielsweise der Fähigkeit zum eigenen Kompetenzmanagement, zur Selbstinszenierung, „Selbstrationalisierung“, der Fähigkeit zu „social networking“, zur „strategischen Persönlichkeitsentwicklung und -stabilisierung“ und zur „Mobilisierung und Kultivierung tiefliegender emotionaler und kreativer Ressourcen“. Als Schlüsselqualifikationen gefragt seien „basale Lebens- und Persönlichkeitskompetenzen“. Die relevanten Eigenschaften Erwerbstätiger seien „stark auf das Selbst bezogen“, erforderten „eine hohe personale Selbstreferenz und Reflexivität“, bezögen das ganze Leben ein und erfassten den Menschen als Ganzes.

Die Soziologin Vera King gab 2009 gemeinsam mit der Psychoanalytikerin Benigna Gerisch das Buch Zeitgewinn und Selbstverlust heraus, worin die beiden Herausgeberinnen der Entgrenzung unter der Überschrift Entgrenzte Arbeit – Entgrenzte Subjekte einen gesonderten Abschnitt mit zwei Artikeln widmeten, die das Thema in Verbindung mit Zeit und Prozessen von Be- und Entschleunigung bringen. Menschliche Entwicklung lasse sich nicht beliebig beschleunigen und Versuche in dieser Richtung ließen destruktive Folgen erwarten.

Im Jahr 2010 befasste sich der 48. Deutsche Historikertag mit Ent- und Begrenzung von Gewalt. Als Sonderform entgrenzter Gewalt wird Folter beschrieben, beispielsweise 2020 von Frithjof Nungesser, Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Universität Graz. Er schreibt, dass einer „radikalen Begrenzung auf Opferseite die Entgrenzung auf folternder Seite“ gegenüberstehe. Patrik Schwarz handelte das Folterthema in der taz unter der Überschrift Die Entgrenzung der Moral ab, als er Verteidiger von Folter, wie den Münchner Professor Michael Wolffsohn, für „gefährlich“ erklärte, der mit „seinem Anstoß, Folter für legitim zu erklären“, nicht allein, sondern beispielsweise neben „Folterrelativisten“ wie Joshua Muravchik oder Jeffrey Gedmin stehe. Sie alle unterwürfen das „Prinzip der Humanität dem Kalkül des Nutzens“. Dieses Denken kenne „keine Grenzen mehr im Kampf für die eigene Sache“.

Im Bereich der Medienpädagogik, gab es zwischen 2013 und 2015 unter Leitung von Rudolf Kammerl an der Universität Hamburg ein Forschungsprojekt, das Entgrenzungsphänomene durch Onlinespiele bei Jugendlichen untersuchte. Es trug den Titel Zur Bedeutung moralischer Argumentationsniveaus Jugendlicher im Umgang mit Entgrenzungen durch Online-Spiele. Solche Spiele können bekanntermaßen zu einer Sucht entgleisen, was allerdings nicht im Fokus des Projekts stand. Stattdessen wurde untersucht, wie sich Entgrenzungsphänomene in diesem Zusammenhang beschreiben lassen, wie sich Jugendliche dazu verhalten und wie sie ihr Verhalten begründen. Es galt herauszufinden, ob und ggf. wie moralische Autonomie das Geschehen beeinflusst, ob ein hohes moralisches Argumentationsniveau eigene Grenzziehung erleichtert und wie sich die verschiedenen Argumentationsniveaus auf wiederkehrende Aushandlungsprozesse in Familie, Peers und Schule auswirken. Veranlasst wurde das Forschungsprojekt durch die Allgegenwärtigkeit digitaler Medien und mobiler Endgeräte, womit die Fähigkeit, sich selbst Grenzen zu setzen, insbesondere für Jugendliche zunehmend an Bedeutung gewinne. Die Ergebnisse der Studie wurden 2015 publiziert.