Der Rio della Salute ()Deutsche und französische Bildtitel in Daniel Wildenstein: Monet, catalogue raisonné - Werkverzeichnis, Vol. IV Nos. 1596–1983 et les grandes décorations, 1996, S. 826–827. ist ein Sujet im Werk des Malers Claude Monet. Er schuf insgesamt drei in Öl auf Leinwand gemalte Versionen des Bildmotivs während seines Venedig-Aufenthaltes 1908. Sie zeigen in verschiedenen farblichen Ausführungen im Stil des Impressionismus jeweils den nahezu gleichen Blick auf einen kleinen Kanal im Stadtviertel Dorsoduro. Die Ansichten weisen typische venezianische Elementen auf, etwa eine Bogenbrücke im Zentrum, darunter eine Gondel sowie am Ufer verschiedene Pallazi und ein Kirchengebäude. Die Bildhöhe beträgt bei zwei Gemälden 81 cm, beim dritten Bild 100 cm. Die Breite wird bei allen Ausführungen mit 65 cm angegeben.Bildmaße in Daniel Wildenstein: Monet, catalogue raisonné - Werkverzeichnis, Vol. IV Nos. 1596–1983 et les grandes décorations, 1996, S. 826–827. Die Ansichten des Rio della Salute gehören zu den letzten Bildern, die Monet während seines mehr als zweimonatigen Aufenthaltes in Venedig begonnen hatte. Endgültig fertiggestellt wurden diese Werke etwa drei Jahre später in Frankreich. Eine Version des Gemäldes gehört zur Sammlung des Pola Museum of Art in Hakone, eine weitere Fassung ist Teil der Sammlung Hasso Plattner und wird im Museum Barberini in Potsdam ausgestellt. Das dritte Gemälde der Reihe befindet sich in Privatbesitz.

Bildbeschreibungen mini|hochkant|links|Foto des Rio della Salute von 2010, aufgenommen von der Ponte de l’Umiltà

Die drei Fassungen von Monets Der Rio della Salute zeigen eine nahezu identische Ansicht eines Kanals im Stadtviertel Dorsoduro in Venedig. Der Blick geht von Süden nach Norden in Richtung zum Canal Grande. Das Wasser des Rio della Salute reicht jeweils bis an den unteren Bildrand, wodurch der Standpunkt des Malers nicht exakt zu bestimmen ist. Er lässt sich jedoch in der Nähe der Ponte de l’Umiltà verorten. Der heutige Blick von dieser Brücke verdeutlicht, dass Monet sich an einem tiefer gelegenen Standpunkt und weiter in Kanal befunden haben muss, wie Vergleiche mit Fotografien von der Brücke zeigen. Vermutlich hat er die Ansicht auf den Kanal aus einer Gondel heraus skizziert.Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 172. Zwei Bilder diese Reihe sind im gleichen Bildformat ausgeführt, die dritte Version ist nach unten verlängert und zeigt im Vordergrund eine größere Wasserfläche.

In Monets Ansichten des Kanals beherrschen die vertikalen Strukturen der verschiedenen Architekturformen den Bildaufbau.Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 57. In jeder Version des Sujets reihen sich mehrere Palazzi vom linken Bildrand bis zur Bildmitte. Markant ist dabei der hochaufragende Bau mit der Loggia im Obergeschoss, der heute in dieser Form nicht mehr existiert. In den Gemälden weist dieses Gebäude die typischen venezianischen Architekturmerkmale wie Spitzbogenfenster, Fensterläden und weiße Balkone auf. Am Ende der Häuserreihe zeigt sich die Apsis der Kirche San Gregorio. Vor dem Kirchengebäude und dem nebenstehenden Palazzo wölbt sich die Ponte de la Salute über den Kanal. Diese Steinbrücke verbindet die Wohnbauten links mit der Kirche Santa Maria della Salute, die vom Bildausschnitt jedoch nicht erfasst wird. Unter der Brücke ist jeweils eine Gondel auszumachen. Den Vordergrund der rechten Seite dominiert eine hohe Mauer, hinter der sich das Gelände des Seminario Patriarcale befindet. Über diese Mauer ragt bis zur Bildmitte das üppige Grün einer Baumkrone.Daniel Wildenstein: Monet, catalogue raisonné - Werkverzeichnis, Vol. IV Nos. 1596–1983 et les grandes décorations, 1996, S. 826.

In allen drei Versionen des Bildes herrscht das helle Licht des Nachmittags, das die oberen Gebäudepartien erstrahlen lässt und andere Bereiche der Szenerie in einen diffusen Dunstschleier hüllt. Hierzu trägt auch Monets für den Impressionismus typische Malweise bei, bei der er kurze Pinselstriche nebeneinander setzt und kreisförmige Farbaufstriche sichtbar bleiben. Er zeigt in den Ansichten des Rio della Salute eine breite Farbpalette aus „Primär-, Sekundär- und Tertiärfarben, die er mit Weiß mischte, um eine helle farbige Tonalität zu erzeugen, die das warme Licht adäquat erfasst.“Julia Knöschke: Leichtigkeit und Melancholie - Der Süden in Ortrud Westheider, Michael Philipp: Impressionismus: die Kunst der Landschaft, 2017, S. 226. Die drei Varianten des Sujets unterscheiden sich vor allem in der Auswahl der Farben, die von Grün-, Blau-, Gelb- und Orange- bis zu Lavendel- und Rosatönen variieren. Für den Kunsthistoriker John Walker löst sich in Monets Venedigansichten „das Licht so materiell und fühlbar“ „wie die Objekte auf die es fällt“. Dabei würden „Kirchen, Paläste und Brücken in Vorhänge aus farbigem Licht übertragen“.Originalzitate „light appears as material and palpable as the objects it falls upon“ und „churches, palaces, and bridges are transmitted into curtains of colored light“ in John Walker: National Gallery of Art Washington. Abradale Press, New York 1995, ISBN 0-8109-8148-3, S. 492. Alle drei Varianten sind unten links mit „Claude Monet 1908“ signiert und datiert.Daniel Wildenstein: Monet, catalogue raisonné - Werkverzeichnis, Vol. IV Nos. 1596–1983 et les grandes décorations, 1996, S. 826–827.

Monets letzte Bilder aus Venedig

Im Herbst 1908 reiste Monet erstmals nach Venedig. Er war bereits 68 Jahre alt und inzwischen ein sehr bekannter und wohlhabender Maler. In den Jahren zuvor hatte er im heimischen Giverny nahezu ausschließlich an seinen Seerosenmotiven gearbeitet. Dabei schuf er zahlreiche Bilder vom Gartenteich und seiner Vegetation sowie den Spiegelungen und Lichtreflexen auf der Wasseroberfläche. Für Monet waren diese Wasserlandschaften mit ihren Reflexionen zu einer Obsession geworden, wie er gegenüber dem Kunstkritiker Gustave Geffroy äußerte.Gustave Geffroy wird zietiert in Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 47. Ausgangspunkt der Reise nach Venedig war eine Einladung der Freundin Mary Hunter, die Monet und seiner Frau Alice für den Aufenthalt in Venedig Räume im Palazzo Barbaro-Curtis zur Verfügung stellte.Gottfried Boehm: Augenblicke – Monets Verwandlung der venezianische Vedute in Martin Schwander: Venedig, von Canaletto bis Monet, 2008, S. 193.

Von der Idee, in Venedig zu malen, war Monet anfangs wenig begeistert. In der Lagunenstadt hatten vor ihm neben den vielen namhaften einheimischen Malern auch zahlreiche ausländische Künstler charakteristische Ansichten geschaffen. Hierzu gehörten nicht zuletzt seine Zeitgenossen John Singer Sargent, James McNeill Whistler, Édouard Manet und Pierre-Auguste Renoir. Nach der Ankunft stellte Monet fest, die Stadt sei „zu schön, um gemalt zu werden“.Claude Monet wird zietiert in Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 49. Seine Meinung änderte Monet jedoch schnell und er begann mit einer umfangreichen Bildproduktion. Dabei griff er teilweise Bildthemen auf, die ihn schon bei früheren Reisen beschäftigt hatten. So finden sich Architekturmotive am Wasser beispielsweise in Gemälden wie Die Brücke in Amsterdam (Shelburne Museum) von 1874 oder Waterloo Bridge, Sonne (Denver Art Museum) von 1899–1901. Das helle Licht und die leuchtenden Farben des Mittelmeerraums hatte Monet bereits 1884 bei seinem Aufenthalt im italienischen Bordighera kennengelernt. Im Gemälde Die Villen in Bordighera (Musée d’Orsay) greift Monet bereits eine mediterrane helle Farbigkeit auf und zeigt bei der Loggia im Bild sein Interesse für architektonische Details, wie er sie auch in den Venedigansichten wiedererkennen lässt. Die alte Brücke über die Nervia in Dolceacqua (Sterling and Francine Clark Art Institute), ebenfalls beim Bordighera-Aufenthalt entstanden, weist Parallelen zum Brückenbogen in den Venedigansichten Der Rio della Salute auf.Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 172.

Der ursprünglich geplant kurze Aufenthalt in Venedig wurde immer wieder verlängert und die Monets blieben insgesamt zehn Wochen. Längst hatte das Paar den Palazzo Barbaro verlassen und war in das wenig entfernte Grand Hotel Britannia am Canal Grande umgezogen. Alice Monet schrieb in einem Brief an Geffroy über ihren Gatten „Venedig hat ihn ergriffen und lässt ihn nicht los“.Alice Monet wird zitiert in Daniel Wildenstein: Monet, catalogue raisonné - Werkverzeichnis, 1996, Vol I, S. 387. Insgesamt schuf Monet in Venedig 37 Gemälde. Von Alice Monet ist überliefert, dass die drei Ansichten des Rio della Salute, neben der Ansicht eines roten Hauses und der Skizze einer Gondel, zu den letzten in Venedig gemalten Bildern gehören.Alice Monet wird zitiert in Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 52. Als Monet am 7. Dezember 1908 aus Venedig abreiste, hatte seine Begeisterung für die Stadt einen Höhepunkt erreicht und er war betrübt, die Stadt zu verlassen.Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 53. An Geffroy schrieb er „Der einzige Trost, den ich habe, ist der Gedanke, nächstes Jahr hierher zurückzukehren“.Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 53. Monets Wunsch ging jedoch nicht in Erfüllung. Zurück in Frankreich war er zunächst mit einer Ausstellung seiner Seerosenbilder beschäftigt, dann hinderte ihn ein Augenleiden an der Arbeit, später erkrankt Alice Monet schwer und starb schließlich 1911.

Die aus Venedig mitgebrachten Leinwände betrachtete Monet zunächst als „nichts als Skizzen, Anfänge“.Joachim Pissarro: Monet and the Mediterranean, 1997, S. 53. Erst im Oktober 1911 nahm er sich dieser Gemälde wieder an, die für ihn zugleich eine Erinnerung an die letzte mit seiner Frau Alice unternommene Reise darstellten. Alle drei Bilder des Rio della Salute zeigte Monet zusammen mit dem Großteil seiner Venedigproduktion im Frühjahr 1912 in der Galerie Bernheim-Jeune. Die Venedig-Bilder wurden von der Kritik insgesamt positiv aufgenommen. Darunter war auch der Bericht von Gustave Geffroy in der Zeitung La Dépêche aus Toulouse, in dem er die Bildmotive Der Rio della Salute explizit erwähnt.Gustave Geffroy: "La Venise de Cl. Monet" in La Dépêche, 30. Mai 1912, S. 1. Im Pariser Figaro schrieb Arsène Alexandre über Monets Venedig-Ansichten: „Er hat also gezeigt, ... dass es keine Angelegenheit gibt, wie abgedroschen sie auch erscheinen mag, die durch Interpretation nicht erneuert und vergrößert werden kann.“Originalzitat: „Il a montré ainsi, démonstration qui est toujours à faire, qu’il n'est point de matière, si rebattue qu’elle paraisse, qui ne puisse être renouvelée et magnifiée par l’interprétation.“ in Arsène Alexandre: La vie artistique: Claude Monet et Venise in Le Figaro vom 29. Mai 1912, S. 4.

Provenienz Monet hat die drei im Werkverzeichnis von Daniel Wildenstein mit den Nummern 1761, 1762 und 1763 versehenen Ansichten des Rio della Salute im März 1912 zusammen mit anderen Venedigansichten gemeinschaftlich an die beiden Kunsthandlungen Bernheim-Jeune und Durand-Ruel verkauft. Vom 28. Mai bis 8. Juni 1912 waren die Venedig-Motive in den Pariser Galerieräumen von Bernheim-Jeune ausgestellt. Danach gelangten die Bilder in unterschiedliche Sammlungen.Daniel Wildenstein: Monet, catalogue raisonné - Werkverzeichnis, Vol. IV Nos. 1596–1983 et les grandes décorations, 1996, S. 826–827.