Wetherby (auch bekannt als Wetherby – Die Gewalt vergessener Träume) ist ein britisches Mysterydrama aus dem Jahr 1985 über eine Lehrerin, die durch den Selbstmord eines Studenten dazu gezwungen wird, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu beschäftigen. Das Drehbuch schrieb der Dramatiker David Hare, der auch Regie führte. Die Hauptrollen spielen Vanessa Redgrave, Joely Richardson, Ian Holm und Judi Dench. Der Film gehört zum New British Cinema.

Handlung

Die Lehrerin Jean Travers lebt als ältliche unverheiratete Frau in einem Cottage in der Stadt Wetherby in West Yorkshire. Eines Abends lädt sie Freunde, allesamt verheiratete Paare, zum Abendessen ein. Dazu erscheint auch der 25-jährige John Morgan, isst mit den anderen, nimmt an ihren Gesprächen teil und ist eine Zeitlang mit Jean allein. Er kam mit den anderen Gästen, die annahmen, er sei ein Bekannter von Jean, während Jean glaubte, ihre Freunde hätten ihn mitgebracht und er sei deren Bekannter. Der Besuch Morgans legt bei Jean verdrängte Traumata frei. Als er einen Moment mit Jean allein ist, am Küchentisch sitzt und sie Tee für ihn bereitet, steckt er sich unvermittelt den Lauf einer heimlich mitgeführten Waffe in den Mund und erschießt sich.

Von diesem Punkt an wird die Geschichte chronologisch in diskreten, ineinander greifenden Rückblenden aus der jüngeren und ferneren Vergangenheit erzählt, Handlungen und Ereignisse werden aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen. Morgans rätselhafter Selbstmord ist der Dreh- und Angelpunkt, um den sich die Erzählung dreht. Der narrative Aufbau des Films gleicht einem Puzzle, bei dem an vielen Stellen wichtige Teile zu fehlen scheinen. Es gibt weitere Szenen der Dinnerparty sowie Szenen der polizeilichen Ermittlungen, die auf den Suizid folgen. Erst jetzt erfahren wir, dass Morgan kein geladener Gast war, sondern lediglich mit anderen ins Haus kam. Dem Kommissar erscheint das alles genauso rätselhaft wie Jean.

Nach der Beerdigung Morgans tritt plötzlich eine zurückhaltende, seltsame junge Frau namens Karen Creasy in Jeans Leben. Sie ist eine frühere Bekannte Morgans, schleicht sich in ihr Leben und Zuhause ein und scheint sie nicht mehr verlassen zu wollen. Karen wirkt auf Jean mürrisch und egozentrisch. Sie scheint von Morgans Tod merkwürdig unberührt und ist sogar ablehnend gegenüber seinem Andenken. Später wird in Rückblenden gezeigt, dass Morgan besessen von ihr war, als sie beide noch Studenten an der University of Essex waren. Dort hatte sie seinen verzweifelten Versuch, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, heftig zurückgewiesen. Es wird impliziert, dass diese Ablehnung ein Faktor für seine Entscheidung gewesen sein könnte, Essex zu verlassen und mit Suizidgedanken nach Yorkshire zu gehen.

Als Jean gegenüber Karen andeutet, dass diese für Morgans Entscheidung, sich umzubringen, verantwortlich gewesen sein könnte, bestreitet die junge Frau wütend, es in irgendeiner Weise provoziert zu haben. Karen macht deutlich, dass sie emotionale Verstrickungen hasst – die sie schroff als Verstrickungen von „Menschen, die sich ineinander vergraben“, beschreibt – und ebenso Jeans Versuch ablehnt, sie in eine engere Beziehung zu verwickeln. In einem plötzlichen Wutanfall verlässt Karen Jeans Haus und Wetherby für immer. Aber bevor sie geht, verspottet sie Jean auf grausame Weise, denn sie deutet an, dass sie gerne wissen würde, welche Rolle sie als „alte Jungfer“ bei dem Selbstmord gespielt habe.

Zusätzlich zu den Ereignissen der Gegenwart gibt es Rückblenden mit Jean und ihrer lebenslangen Freundin Marcia aus dem Jahr 1953, als sie Teenager waren. Diese Szenen zeigen, dass Jean damals mit dem Flieger Jim Mortimer verlobt war und dieser seinem Dienst in Südostasien gegenüber einen Leben mit ihr den Vorrang gab. In einer brutalen Wendung des Schicksals wurde Jim während der Aufstände in British Malaya in einer Spielhölle ermordet, sodass Jean ihn nie wiedersah.

Während sich diese Episoden aus Vergangenheit und Gegenwart kreuzen und überschneiden, beginnt Jean den dumpfen Groll und die einsame Verzweiflung zu verstehen, die Morgan dazu getrieben haben, sich das Leben zu nehmen. Auch scheint sie einen Einblick in die Rastlosigkeit und die selbstzerstörerischen Impulse der jüngeren Generation zu bekommen. So versucht sie, eine ihrer Schülerinnen dazu zu bewegen, den Wert ihrer Ausbildung zu erkennen und sie fortzusetzen. Doch trotz Jeans Bemühungen bricht das Mädchen die Schule ab und geht mit einem Freund nach London.

Auch Jean ist betroffen von der Hoffnungslosigkeit ihrer Zeitgenossen, die den Zustand des Landes unter dem Thatcherismus beklagen. Sie bespricht die aktuellen Entwicklungen regelmäßig mit Stanley Pilborough, Marcias Ehemann, der Anwalt in der Stadt, doch oft betrunken ist. Sie beobachtet die unglücklichen Ehen ihrer Freunde mittleren Alters, insbesondere das endlose Gezänk zwischen Roger und Verity Braithwaite. Selbst der einsame Polizist Mike Langdon gesteht verzweifelt das Scheitern einer Beziehung; Chrissie, seine Geliebte, hat ihn verlassen, um zu ihrem Ehemann, einem Schafzüchter, zurückzukehren. Langdon äußert den Verdacht, dass Jean mit dem ihr eigentlich fremden Morgan eine einmalige sexuelle Begegnung gehabt hatte und auch darin ein Grund für dessen Selbstmord liegen kann. Die Rückblende bestätigt seine Vermutung zum Teil, denn in Erinnerung an ihren Verlobten Jim hatte sich Jean tatsächlich zu Intimitäten mit Morgan hinreißen lassen, die jedoch im Streit endeten. Auch mit Langdon, der sich bei Jean über seinen Liebeskummer ausspricht, spürt sie ein Gefühlt der Verbundenheit, was in einer innigen Umarmung und Liebkosung endet. Im Gegensatz zu Morgan erschießt er sich jedoch nicht, sondern quittiert den Polizeidienst, dessen er längst überdrüssig war.

Am Ende scheint es, dass Jean nicht länger um das Leben trauern muss, das sie hätte haben können, und die Person, die sie geworden wäre, wenn sie drei Jahrzehnte zuvor Jim nicht erlaubt hätte, seine fatale Abreise nach Malaya anzutreten. Sie wird das Beste aus dem machen, was sie hat – wie die Dinge sind, im Hier und Jetzt.

Hintergrund Trotz des Filmtitels wurde der größte Teil des Films nicht in der Stadt „Wetherby“ in Yorkshire gedreht. Lediglich die Szene, in der Jean Travers in einem Gemeindehaus zu sehen ist, entstand in den Wetherby St. Johns Church Halls.

Die Kinopremiere in Deutschland erfolgte am 21. November 1985. Weltweit erbrachte „Wetherby“ Einnahmen von $ 1.299.985.

Der Film war neben Das Hotel New Hampshire (1984) das Filmdebüt von Joely Richardson.

Die junge Jean Travers wurde von Vanessa Redgraves Tochter gespielt.

Kritik Der Film erhielt international überwiegend positive Kritiken. So erhielt er bei der IMDb eine Bewertung von 6,8 von 10 Punkten, basierend auf 1.405 Bewertungen. David Hare kritisiert in den Dialogen der Gäste den Zustand der englischen Gesellschaft unter der Regentschaft von Premierministerin Margaret Thatcher.

André Schneider schrieb in der Zeit: „‚Wetherby‘ markierte 1985 das beachtlich konstruierte Kinodebüt des bekannten englischen Dramatikers und Drehbuchautors David Hare, dem reichlich Kritikerlob und Preise — u. a. der Goldenen Bär in Berlin — zuteilwurde. Die Kinogänger jedoch mieden den Streifen weitestgehend. Der Film ist wenig erbaulich, trist und sperrig — und [dennoch] einer der besten Schauspielerfilme der Achtziger.“ „David Hare erklärte seinerzeit, er habe mit ‚Wetherby‘ ein Bild vom England der Thatcher-Ära zeichnen wollen; seine Jean Travers sei wie Margaret Thatcher ein typisches Produkt der englischen Geschichte. Die deutsche Kritik zeigte sich einmal mehr eher verhalten und attestierte: ‚Wetherby‘ besitzt eine komplizierte, zersplitterte Form, die Gefühlswelt soll als Scherbenwelt erscheinen. Außerdem ist der Film als kriminalistische Recherche inszeniert […] und dies betont den Glasperlenspiel-Charakter von ‚Wetherby‘.“André Schneider: Filmtipp #418: Wetherby in Vivàsvan Pictures 24.10.2016" bei vivasvanpictures.wordpress.com

Der deutsche Filmdienst urteilte: „Ein psychologisch stimmiges Psychogramm, dem es in einander kommentierenden Rückblenden gelingt, die individuellen Fälle als Symptome gesellschaftlicher Krankheiten zu diagnostizieren, die sich in Kommunikationsunfähigkeit und der Unfähigkeit offenbaren, zu lieben, zu trauern und zu leben. Zugleich ein Hinweis auf allgemeinen Werteverlust. In der Hauptrolle hervorragend interpretiert.“

Der Fischer Film Almanach 1986 meinte, die „überraschungsarme Psycho-Geschichte“ habe „den desolaten Zustand des dahinsiechenden Britannien und seiner in Konventionen erstarrten Mittelschicht, insbesondere der akademischen“, einfangen wollen. Dies würde aber nur „zeitweise eingelöst“.

In ihrer Rezension in der New York Times stellte Janet Maslin fest, dass der Film „mit dem Ohr eines Dramatikers für elegante Dialoge und dem unheilvollen Sinn für Symmetrie eines Dramatikers geschrieben wurde.“ „Die Dynamik des Films variiert unvorhersehbar, mit einem Rhythmus, der manchmal abrupt, manchmal träge ist. Ebenso uneinheitlich ist die Schärfe des Dialogs, wobei sich besonders pointierte Passagen mit bestenfalls indirekten Passagen abwechseln […] Mr. Hare hat jedoch eine hervorragende Besetzung zusammengestellt, und seine Ensemblearbeit ist sehr gut. […] Miss Redgraves warmherzige, glaubwürdige Darbietung ist das Herzstück des Films. Sie verleiht der Figur eine klare Intelligenz und ein sehr tiefes Mitgefühl, während sie es dennoch schafft, jede Bewegung zu einer Überraschung zu machen.“Kritik zum Film bei nytimes.com, abgerufen am 7. Mai 2023.

Roger Ebert von der Chicago Sun-Times nannte es „einen eindringlichen Film, weil er es wagt zu suggerieren, dass der Tod des Fremden für jeden wichtig ist, den er berührt - weil er sie dazu zwingt, zu entscheiden, wie lebendig sie wirklich sind.“Filmkritik bei rogerebert.com, abgerufen am 7. Mai 2023.

Auszeichnungen

Der Film gewann 1985 zusammen mit Die Frau und der Fremde (Regie: Rainer Simon) den renommierten Goldenen Bär für den besten Film bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin. David Hare gewann den Preis der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai und erhielt eine ehrenvolle Erwähnung beim Interfilm Preis.

Die Boston Society of Film Critics zeichnete Ian Holm für seine Rolle als besten Nebendarsteller aus.

Die National Society of Film Critics, USA, zeichnete Vanessa Redgrave als beste Schauspielerin aus, Ian Holm war hier als bester Nebendarsteller nominiert.

Weblinks

Wetherby bei vivasvanpictures.wordpress.com

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1985 Kategorie:Britischer Film Kategorie:Filmdrama