Khirbet el-Qirana (arabisch: Khirbat, Chirba = Ruinenstätte) ist ein spätrömisches und byzantinisches Militärlager, dessen Besatzung zur Sicherung und Überwachung eines Abschnitts des Limes Arabicus hierher abgestellt war. Die rechteckige Fortifikation, die zum Typus der Quadriburgi gehört wurde in der spätantiken Provinz Arabia gegründete und befindet sich im westlichen ariden Randbereich der jordanischen Wüste. Die Garnison lag in vorderster Front des tiefgestaffelten römischen Grenzsicherungssystems. Trotz starken Verfalls kann das Kastell mit seinem umliegenden Lagerdorf (Vicus) am Südrand des Sheraʿa-Hochlands, rund fünf Kilometer ostsüdöstlich des modernen Dorfes Ras en-Naqb in der Bergregion des Gouvernements Maʿan im Süden Jordaniens besichtigt werden.David Kennedy: Two Nabataean and Roman Sites in Southern Jordan. Khirbet El-Qirana and Khirbet El-Khalde. In: Oikistes. Studies in Constitutions, Colonies, and Military Power in the Ancient World. (= Mnemosyne, Supplements 234), 2002, S. 361–386; hier: S. 363.
Lage Khirbet el-Qirana wurde im vorderen Drittel eines weit nach Norden ausgreifenden Bergrückens des südlichen Sheraʿa-Hochlandes errichtet. Die das Gelände dominierende Stellung des Kastells, das eine Schlüsselposition im offenen, nach Osten gerichteten Grenzschutzsystem einnahm,David F. Graf: Rome and the Arabian Frontier. From the Nabataeans to the Saracens (= Variorum Collected Studies Series CS594), Routledge Revivals, Abingdon-on-Thames/New York 2018, ISBN 978-0-429-78454-5, S. 34. wird durch seine Lage am höchsten Punkt einer sich an dieser Stelle erhebenden Kuppe unterstrichen. Von dort bietet sich auch eine weiter Blick auf die Hisma-Wüste im Süden. Insbesondere nach Südwesten fällt das Gelände von 1640 Höhenmetern nach rund einem Kilometer an einem Steilhang fast drei Kilometer auf rund 1135 Höhenmeter ab. Von Norden und Osten kommend, müssen immer noch rund 120 Meter überwunden werden, um auf die Höhe von Khirbet el-Qirana zu gelangen. Die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, Maʿan befindet sich nordöstlich und ist rund 40 Kilometer Fahrstrecke von dem Fundplatz entfernt.
Forschungsgeschichte Im Gegensatz zu den Verhältnissen in Zentral- und Nordjordanien fanden im Süden des Landes wesentlich weniger archäologische Forschungsreisen statt, so dass die Kenntnisse zu den dort liegenden Fundstätten oft wesentlich spärlicher und unzuverlässiger ausfallen. Zu diesen in der Vergangenheit problematischeren Fundorten gehört auch Khirbet el-Qirana,David Kennedy: Two Nabataean and Roman Sites in Southern Jordan. Khirbet El-Qirana and Khirbet El-Khalde. In: Oikistes. Studies in Constitutions, Colonies, and Military Power in the Ancient World. (= Mnemosyne, Supplements 234), 2002, S. 361–386; hier: S. 361. das in der Vergangenheit durch abweichende Berichte nur schwer zu lokalisieren war.David Kennedy: Two Nabataean and Roman Sites in Southern Jordan. Khirbet El-Qirana and Khirbet El-Khalde. In: Oikistes. Studies in Constitutions, Colonies, and Military Power in the Ancient World. (= Mnemosyne, Supplements 234), 2002, S. 361–386; hier: S. 362. Als bedeutendster früher Reisender besuchte der österreichisch-tschechische Orientalist Alois Musil (1868–1944) in den Jahren 1898, 1902 und 1910 den Ort. Im Jahre 1902 zeichnete er eine erste Planskizze der Anlage, die 1908 veröffentlicht wurde.David Kennedy: Two Nabataean and Roman Sites in Southern Jordan. Khirbet El-Qirana and Khirbet El-Khalde. In: Oikistes. Studies in Constitutions, Colonies, and Military Power in the Ancient World. (= Mnemosyne, Supplements 234), 2002, S. 361–386; hier: S. 364. 1910 beabsichtigte er einen neuen Plan der Fortifikation zu erstellen, doch musste er feststellen, dass in der Zwischenzeit Beduinen wichtige Mauerzüge abgebrochen hatten. Damit konnte er nach eigener Aussage seine Idee nicht mehr verwirklichen. Musil beschrieb die Anlage als ein „Viereck“, das mit 60 × 56 Schritten fast quadratisch angelegt gewesen sein soll. Die Ecktürme hätten eine Größe von 3,20 × 5,20 Meter gehabt. Der mit einem Maßstab abgebildete Aufriss des Kastells erlaubt es, eine Gesamtgröße von rund 75 × 47 Schritten oder Metern – das geht aus dem Plan nicht hervor – anzunehmen. Der Plan zeigt auch Zwischentürme, die mittig in den Mauerzügen zwischen den Ecktürmen bestanden.Alois Musil: Arabia Petraea, Hölder, Wien 1908, S. 229–230. Lediglich an der Nordostmauer fehlt bei Musil solch eine Zwischenturm, da seine Lage ohne nähere Untersuchungen nicht nachweisbar war.David Kennedy: Two Nabataean and Roman Sites in Southern Jordan. Khirbet El-Qirana and Khirbet El-Khalde. In: Oikistes. Studies in Constitutions, Colonies, and Military Power in the Ancient World. (= Mnemosyne, Supplements 234), 2002, S. 361–386; hier: S. 363. Leider bot Musil keine genaue Lagebeschreibung, wo Khirbet el-Qirana zu finden sei. Dieses Manko wiederholte sich auch in der Beschreibung des amerikanischen Biblischen Archäologen Nelson Glueck (1900–1971), der den Fundplatz 1934 besuchte und ähnlich während der Forschungen des amerikanischen Provinzialrömischen Archäologen Samuel Thomas Parker (1950–2021) von der North Carolina State University, der 1976 mit seinem Limes-Arabicus-Survey-Projekt vor Ort war. Parker lokalisierte den Platz 21 Kilometer südlich von Sadaqa, was mit der von ihm veröffentlichten Karte jedoch nicht übereinstimmt.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier (= American Schools of Oriental Research, Dissertation Series 6), Eisenbrauns, Winona Lake, Indiana 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 102–104. Auch die britische Klassische Archäologin Shelagh Gregory von der University of Sheffield verortete Khirbet el-Qirana rund 20 Kilometer südlich von Sadaqa und wieder stimmte diese Angabe nicht mit ihrem Plan überein.
Während so gut wie alle Wissenschaftler an diesem Platz ein spätrömisches Kastell erkennen, will Glueck in dem Bauwerk eine rund 50 × 50 Meter große Karawanserei mit quadratischen Ecktürmen gesehen haben, wobei er nur einen Zwischenturm in der Mitte der südlichen Umwehrung feststellen konnte. Zudem identifizierte er einen Wachturm „mehrere hundert Meter“ südwestlich. Einen Plan legte er seiner Beschreibung nicht bei.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine, II. (= The Annual of the American Schools of Oriental Research 15), 1934–1935, S. 62. Der amerikanische Archäologe James Lander veröffentlichte 1984 ohne jede weitere Erläuterung einen vollständig neuen Grundriss des Kastells, den er möglicherweise basierend auf einer Kombination von Musils Plan und den Messungen von Glueck erstellte.James Lander: Roman stone fortifications. Variation and change from the first century A.D. to the fourth. British archaeological reports, (= BAR international series 206), Archaeological Journal, Band 142, 1984, S. 18 (Abb.). Auch Parker (1986)Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier (= American Schools of Oriental Research, Dissertation Series 6), Eisenbrauns, Winona Lake, Indiana 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 106, Abb. 47. und Gregory (1996) folgten dem Lander-Plan, wobei Gregory Musils Plan als das Produkt eines völlig anderen Fundplatzes abtat.Shelagh Gregory: Roman Military Architecture on the Eastern Frontier. Band 2, Hakkert, Amsterdam 1996, ISBN 90-256-1048-X, S. 400–401. Der schottische Luftbildarchäologe David L. Kennedy von der University of Western Australia erklärte sich die unterschiedlichen Überlegungen und Angaben zum Aussehen des Kastells damit, dass die verschiedenen Forscher und Wissenschaftler Khirbet el-Qirana über ein Centennium lang zu unterschiedlichen Zeiten besucht hatten und die Befestigung in diesen einhundert Jahren massiven Veränderungen und Zerstörungen, insbesondere dem bereits von Musil erwähnten Steinraub sowie Plünderungen, ausgesetzt war. Kennedy kam 2002 mit einem neuen Plan des Kastells heraus, den er anhand seiner Luftbilder und den Angaben von Musil und Glueck ausgearbeitet hatte.David Kennedy: Two Nabataean and Roman Sites in Southern Jordan. Khirbet El-Qirana and Khirbet El-Khalde. In: Oikistes. Studies in Constitutions, Colonies, and Military Power in the Ancient World. (= Mnemosyne, Supplements 234), 2002, S. 361–386; hier: S. 365. Die jordanische Archäologin Maysoun Al Khouri von der Universität La Sapienza in Rom definierte 2003 Khirbet el-Qirana als Kohortenkastell.Maysoun Al Khouri: Il limes arabicus. CISU, Roma 2003, ISBN 88-7975-306-1, S. 46. Während der von 2005 bis 2007 aktiven Ayl to Ras an-Naqab Archaeological Survey, Southern Jordan (ARNAS) unter der Leitung des kanadischen Biblischen Archäologen Burton MacDonald untersuchten Wissenschaftler im Auftrag der American Schools of Oriental Research auch Khirbet el-Qirana und bestätigten erneut den römischen Ursprung der Fortifikation.Burton MacDonald, Larry G. Herr, D. Scott Quaintance, Geoffrey A. Clark, Michael C. A. Macdonald: The Ayl to Ras an-Naqab Archaeological Survey, Southern Jordan 2005-2007 (= American Schools of Oriental Research Archaeological Reports 16), 2012, S. 144–145.
Im Jahre 1939 will auch der ungarische Archäologe Aurel Stein (1862–1943) den Ort besucht haben, doch seine Beschreibungen stimmen in keiner Weise mit den Angaben von Musil und Glueck überein, zumal er nicht einmal ein Kastell erwähnte. Seine Angaben passen besser auf Khirbet an-Nasara, etwa vier Kilometer südöstlich von el-Qirana, oder eine weitere Ruinenstätte, die sich rund 3,50 Kilometer südsüdwestlich befindet.
Die systematischen Plünderungen im archäologisch unerforschten nordöstlichen Gräberfeld von el-Qirana durch Grabräuber wurden kurz nach der Jahrtausendwende durch Kennedys Projekt „Aerial Photographic Archive for Archaeology in the Middle East“ (APAAME) dokumentiert.Aufnahme vom September 2003: Das geplünderte Gräberfeld im Nordosten des Kastells. Im Südwesten sind 2003 noch keine Veränderung sichtbar. Kurz nach 2003 fanden jedoch auch im Südwesten des Kastells schwere Zerstörungen statt,Aufnahme vom September 2016 denn MacDonald musste feststellen, dass dort Einheimische einen modernen Friedhof angelegt hatten.
Baugeschichte Während Musil die Befestigung von el-Qirana in seinen älteren Abhandlungen nicht datiert, definiert er das Kastell 1926 als römische Garnison. Auch die nachfolgenden Archäologengenerationen, mit Ausnahme von Glueck, sind sich in der Bewertung dieses Bauwerks als römische, konkreter spätrömische Gründung in Form eines Quadriburgus einig.Samuel Thomas Parker: The typology of Roman and Byzantine forts and fortresses in Jordan. In: Studies in the history and archaeology of Jordan 5 (1995), S. 251–260; hier S. 253.Ariel S. Lewin, Pietrina Pellegrini, Zbigniew T. Fiema, Sylvain Janniard: The Late Roman Army in the Near East from Diocletian to the Arab Conquest. Proceedings of a colloquium held at Potenza, Acerenza and Matera, Italy (= BAR International Series 1717), Archaeopress, Oxford 2005, ISBN 1-4073-0161-6, S. 149. Glueck hingegen nahm Khirbet el-Qirana als rein nabatäische Siedlung wahr und definierte, wie bereits erwähnt, in deren Zentrum eine zeitlich passende Karawanserei. Die Analyse der Luftbilder scheint Musils Plan am nächsten zu kommen, wenn dort der Nordpfeil um 90 Grad nach links gedreht wird. Fehler bei der Addition von Himmelsrichtungen waren damals nicht unüblich.
Umwehrung